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Die Netzwerkanalyse

Ausarbeitung 2001 15 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.GESCHICHTE DER NETZWERKANALYSE
1.1 Die sozialpsychologische Entwicklungslinie
1.2 Die anthropologische Entwicklungslinie
1.2.1 Die britische Sozialanthropologie
1.2.2 Die amerikanische Gemeinde- und Industriesoziologie

2.MERKMALSTRÄGER, MERKMALE UND ANALYSEEBENEN
2.1 Merkmale von Individuen
2.2 Merkmale von Kollektiven
2.3 Netzwerke, Relationen und Analyseebenen

3. ERHEBUNG VON NETZWERKDATEN
3.1Gesamtnetzwerke
3.1.1 Methoden der Netzwerkabgrenzung
3.1.2 Methoden der Datenerhebung
3.2 Ego-zenrierte Netzwerke
3.2.1 Vor-und Nachteile des Forschungsansatzes
3.2.2 Methoden der Netzwerkabgrenzung und der Datenerhebung
3.3 Zuverlässigkeit und Gültigkeit
3.4 Stichprobentheorie

1.Geschichte der Netzwerkanalyse

Ein Vorläufer für das netzwerkanalytische Denken war Georg Simmel (1858-1918). Für ihn waren die relationalen Beziehungen zwischen Individuen und Gruppen der eigentliche Gegenstand der Soziologie. Seine Werke über diese formale Soziologie wurde den meisten Soziologen erst in den fünfziger Jahren bekannt.

Die Entstehungszeit der Netzwerkanalyse wird von einigen zu Beginn der 70er Jahre gesehen. Zu dieser Zeit wurde von den Harvard Strukturalisten ein Weg zur algebraischen Analyse von Rollen- und Positionsstrukturen gefunden. Dieser Durchbruch ist u.a. den vorausgegangenen Entwicklungen der Psychologie, Sozialpsychologie und der strukturfunktionalen Anthropologie zu verdanken.

1.1 Die sozialpsychologische Entwicklungslinie

In der sozialpsychologischen Entwicklungslinie ist der Blick aufs Ganze, der den einzelnen Elementen erst ihre Bedeutung zuweist, von großer Bedeutung. Einer der ersten Vertreter dieser Richtung war Kurt Lewin. Er gilt als Begründer der sogenannten Feldtheorie für die Sozialwissenschaften. Sie wurde in Anlehnung zur physikalischen Feldtheorie entwickelt. Nach dieser Theorie findet menschliches Handeln in Feldern statt und wird von ihnen mitgeprägt.

Jacob Moreno war der Erste, der Beziehungen zwischen Individuen in Kleingruppen graphisch in einem Soziogramm darstellte. Diese Methode wurde von ihm Soziometrie, was Messung von sozialen Beziehungen bedeutet, genannt. Die Soziometrie diente je- doch hauptsächlich als Instrument zur Darstellung von Strukturen und nicht zu deren Analyse. Darüber hinaus war sie nur zur Anwendung bei Kleingruppen geeignet.

Fritz Heider, ein anderer Soziologe aus der wahrnehmungspsychologischen Tradition, war daran interessiert, wie Personen ihre Einstellungen zu anderen Personen und Dingen in eine kognitive Balance bringen. Im Gegensatz zu Heider , beschäftigte sich Theodor Newcomb, ein weiterer Balancetheoretiker, mit der strukturellen Balance. Ein wesentlicher Baustein, von Cartwright und Harary für die Entwicklung der Netz- werkanalyse, ist die Anwendung der mathematischen Graphentheorie auf das Balance- problem gewesen. Heute gehört die Analyse mit graphentheoretischen Modellen zum Standard der Netzwerkanalyse.

Darüber hinaus wurden aber auch makrosoziologische Fragestellungen angegangen, v.a. Rapoport und Coleman beschäftigten sich hiermit. Ihnen ging es nicht um die strukturel- 1 le Balance sondern primär darum, wie die Struktur eines Netzwerkes sich auf die Aus- breitung von Informationen, Krankheiten und auf die Diffusion von Neuerungen aus- wirkte.

Da sich die traditionelle Methode des Soziogramms für die Analyse von großen Netz- werken weniger eignete, entwickelten Coleman und Rapoport statistische Methoden für deren Analyse. Diese sind in der heutigen wissenschaftlichen Arbeit noch von großer Bedeutung.

1.2 Die anthropologische Entwicklungslinie

1.2.1 Die britische Sozialanthropologie

Im Unterschied zur sozialpsychologischen Entwicklungslinie beschäftigt sich die anth- ropologische Entwicklungslinie mit dem Funktionieren von größeren Einheiten, wie Gemeinden, Dörfern oder Gesamtgesellschaften. In den 50er und 60er Jahren entwickel- te die sogenannte Manchester-Gruppe den Netzwerkansatz als Alternative zum vorherr- schenden Strukturfunktionalismus. Zu dieser Gruppe zählten u.a. auch die beiden Anth- ropologen John Barnes und Elizabeth Bott, die anthropologische Methoden der Feldfor- schung auf die Gemeinden Norwegens und Großbritanniens übertragen haben. Elizabeth Bott hat darüber hinaus als erste Konzepte zur Erhebung von sogenannten ego- zentrierten Netzwerken entwickelt.

Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wurde der Netzwerkbegriff weiter ausgebaut und es wurde mit Hilfe der Graphentheorie ein Instrumentarium zur Beschreibung von Netzwerkstrukturen entwickelt.

Ein anderes Mitglied der Manchester Gruppe, Siegfried Nadel, verfolgte hingegen eine andere Linie. Er kehrte zu den Ideen Simmels zurück und entwickelte daraufhin ein Konzept für eine strukturelle Soziologie. Darüber hinaus begann er an einer soziologi- schen Analyse mittels einer Matrixalgebra zu arbeiten, die er aber nicht beenden konnte.

1.2.2 Die amerikanische Gemeinde- und Industriesoziologie

In den 30er Jahren wurden die Methoden der empirischen Feldforschung von dem Anth- ropologen Lloyd Warner und dem Psychologen Elton Mayo auf die Analyse von Ge- meinden und Industriebetrieben übertragen. Ein anderer Forscher namens Homans ana- lysierte 1960 einen Datensatz der Old City Studie. Sein Ziel war es bestimmte Grup- penzugehörigkeiten anhand der Ereignisteilnahme festzustellen. Dazu verwendete er

eine Matrix-Anordnung. Aufgrund der fehlenden Rechnerkapazitäten zu dieser Zeit war das Ergebnis der Untersuchung nicht zufriedenstellend . Jedoch legte er mit seiner Analysemethode den Grundstein für die spätere Blockmodellanalyse, welche den Durchbruch für die Netzwerkanalyse darstellen sollte.

Diese Blockmodellanalyse wurde von den Harvard-Strukturalisten um Harrison C. Whi- te entwickelt. Mit ihrer Hilfe ist es möglich aus den Beziehungsdaten auf Ebene der Individuen auf Positions- und Rollenstrukturen der Gesamtgesellschaft zu schließen. Außerdem ließen sich mit der Blockmodellanalyse Daten über relativ große Netzwerke verarbeiten.

Heute gilt die Analyse von sozialen Netzwerken als eine der vielversprechendsten For- schungsrichtungen der Soziologie. In den USA und Kanada ist die Netzwerkanalyse sogar institutionell verankert. In Deutschland ist sie hingegen weniger etabliert. Die Netzwerkanalyse wird heute in sehr vielen Forschungsfeldern der Soziologie einge- setzt.

2.Merkmalsträger, Merkmale und Analyseebenen

Mittels der Netzwerkanalyse lassen sich zusammengesetzte und intern strukturierte Ein- heiten mit ihren Eigenschaften beschreiben. Dazu werden Daten aus verschiedenen Ana- lyseebenen benötigt. Es gibt deshalb nicht nur einen Merkmalsträger, sondern mehrere. Außerdem gibt es verschiedene Merkmalsarten. Dazu kommt, dass die Beziehungen, zwischen den Merkmalen von Merkmalsträgern, untersucht werden sollen. Um also die Funktion der Netzwerkanalyse zu verstehen und sie von anderen wissenschaftlichen Methoden abzugrenzen, werden im folgenden einige äußerst wichtige Begriffe erläutert.

2.1 Merkmale von Individuen

Auf der Ebene von Individuen lassen sich vier verschiedene Merkmale unterscheiden: absolute Merkmale, relationale Merkmale, komparative Merkmale und kontextuelle Merkmale.

Absolute Merkmale kann man erfassen, ohne Betrachtung des Kollektivs, d.h. sie bleiben konstant, unabhängig davon, welchem Kollektiv das Individuum angehört. Dazu gehören z.B. Alter und Geschlecht.

Relationale Merkmale kann man nur bei zwei oder mehr betrachteten Individuen fest- stellen. Sie beschreiben jeweils die Beziehung einer Person zu einer anderen, wie z.B. das Verhältnis von Schüler A zu Schüler B oder das Verhältnis von Vater zu Sohn.

Streng genommen sind sie kein Merkmal von Einzelnen sondern von Paaren.

Komparative Merkmale beschreiben ein Merkmal des einzelnen Elements im Vergleich zum Merkmal des Kollektivs. Man kann dazu entweder das absolute Merkmal des Individuums mit dem absoluten Merkmal des Kollektivs vergleichen oder das relationale Merkmal des Elements mit dem relationalen Merkmal des Kollektivs vergleichen. Dazu gehört z.B. das Vergleichen des Nettoeinkommens einer Person aus dem Kollektiv mit dem durchschnittlichen Nettoeinkommen des Kollektivs.

Damit man eine Aussage über kontextuelle Merkmale eines Individuums oder eines anderen Elements machen kann, muss dieses zu einem Kollektiv gehören. Ein kontextu- elles Merkmal beschreibt ein Individuum indem man ihm eine bestimmte Eigenschaft des Kollektivs zuordnet, z.B. kann Person A Bürger eines Landes sein, das sehr hohe Aussgaben für das Bildungssystem hat. Die Kennzeichnung eines Elements mit einem kontextuellen Merkmal ist nur sinnvoll, wenn wenigstens zwei verschiedene Kontexte untersucht werden z.B. zwei verschiedene Länder (Deutschland, Nigeria).

2.2 Merkmale von Kollektiven

Neben den Merkmalen von Individuen gibt es auch Merkmale von Kollektiven, die sich in drei Kategorien einteilen lassen. Es gibt analytische, strukturelle und globale Merkmale von Kollektiven.

Analytische Merkmale lassen sich aus den absoluten Merkmalen der Individuen errech- nen. Sie sind analytisch, weil sie sich aus einer Analyse der bereits vorhanden Daten ergeben. Es gibt zwei verschiedene Arten von analytischen Strukturmerkmalen. Solche, die es auch auf der Ebene von Individuen gibt. Dies ist immer bei Durchschnitten, Mit- telwerten oder Anteilen der Fall, z.B. kann ein Individuum ein hohes oder niedriges Einkommen aufweisen, sowie auch ein Kollektiv einen hohen oder niedrigen Einkom- mensschnitt haben kann.

Die andere Art der analytischen Strukturmerkmale sind solche, die nicht auf der Ebene der Individuen vorhanden sind. So kann z.B. ein Individuum keine Einkommensstreu- ung aufweisen, da sein Einkommen nur aus einem Wert besteht im Gegensatz zu dem des Individuums.

Neben den analytischen Merkmalen von Kollektiven gibt es auch die strukturellen Merkmale. Sie sind auch analytisch und ergeben sich aus Berechnungen der relationalen Daten der Kollektivelemente. So kann man z.B. die Dichte in einem Freundschafts- netzwerk einer Schulklasse bestimmen. Strukturell und qualitativ wird es eigentlich erst,

wenn auch indirekte Beziehungen betrachtet werden, mehrere Beziehungstypen parallel untersucht werden und Cliquen, Rollengefüge und Positionsstrukturen herausgefiltert werden. Somit sind die strukturellen Merkmale das eigentliche Ziel einer Netzwerkana- lyse und die relationalen Merkmale das dafür verwendete Rohmaterial. Das dritte Merkmal von Kollektiven sind die globalen Merkmale. Diese kann man nicht auf die Merkmale der einzelnen Mitglieder zurückführen. Dazu zählen z.B. die Gebiets- größe eines Kreises oder der Zugang eines Landes zu Meeren oder Rohstoffen.

2.3 Netzwerke, Relationen und Analyseebenen

Ein Netzwerk kann man als abgegrenzte Menge von Knoten oder Elementen und der zwischen ihnen verlaufenden sogenannten Kanten definieren. Diese Definition beruht auf der graphischen Darstellung im Soziogramm oder Graph. Die Knoten oder Elemente sollen die einzelnen Akteure des Netzwerkes repräsentieren. Dies können z.B. einzelne Personen, Ministerien oder Länder sein. Die Kanten stehen für die zwischen diesen Ak- teuren verlaufenden Relationen. Ein Netzwerk ist meist beziehungsspezifisch, da zwei verschiedene Netzwerke durchaus die gleiche Menge an Knoten besitzen können. Diese Relationen können aufgrund ihres Inhaltes, ihrer Intensität und ihrer Form unterschieden werden.

Es gibt verschiedene Arten von Relationsinhalten. Dazu gehören z.B. Gefühlsbeziehun- gen, Bewertungen von anderen hinsichtlich Freundschaft, Respekt, usw. oder auch Verwandtschaftsbeziehungen. Die Relationsintensitäten wiederum werden u.a. nach der Häufigkeit, ihrer Wichtigkeit für den Akteur oder dem Ausmaß des Ressourcentransfers (z.B. Geld) bestimmt.

Als dritte Unterscheidungsmöglichkeit gibt es noch die Form von Relationen. Sie legt fest, ob eine Beziehung gerichtet oder ungerichtet ist. Eine ungerichtete Relation wäre z.B. wenn sich mehrere Personen anlässlich eines Ereignisses treffen. Eine gerichtete Relation wäre z.B. wenn eine Person einer anderen hilft.

In der Netzwerkanalyse gibt es fünf verschiedene Analyseebenen. Diese gehen über die Ebene des Elements/Individuums hinaus.

Die unterste dieser Analyseebenen ist die Dyade. Sie ist zugleich die kleinste mögliche Einheit der Netzwerkanalyse. Sie besteht aus nur zwei Elementen und den Beziehungen zwischen ihnen. Man untersucht sie meist nicht isoliert, sondern das Gesamtnetzwerk

wird in Dyaden zerlegt und diese werden in Bezug zum Gesamtnetzwerk oder anderen

Dyaden untersucht. Es gibt vier verschiedene Dyadenkonstellationen:

- keine Beziehung zwischen A und B
- Beziehung von A nach B, die nicht erwidert wird.
- Beziehung von B nach A, die nicht erwidert wird.
- erwiderte Beziehungen zwischen A und B

Die nächstgrößere Einheit in einem Gesamtnetzwerk ist die Triade. Sie besteht aus drei Elementen und den Beziehungen zwischen diesen. Auch sie wird nur im Rahmen eines Gesamtnetzwerkes untersucht. In einer Triade gibt es drei Akteure, die jeweils zu zwei anderen Akteuren Beziehungen haben können. Diese Beziehungen können vorhanden sein oder nicht vorhanden sein.

Eine weitere Analyseebene ist das sogenannte ego-zentrierte Netzwerk. Es wird mittels Umfrageforschung erhoben. Dazu wird eine Person (Ego) aus dem Netzwerk aufgefor- dert, Personen zu nennen, zu denen sie eine Beziehung unterhält. Diese werden als „Al- teri“ bezeichnet. Zu diesen „Alteri“ werden noch zusätzliche Daten erfragt. Dazu gehö- ren Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und ihre Einstellungen. Das Problem bei dieser Umfragemethode ist, dass durch die Beschreibung des Netzwerkes aus Sicht des Egos eine Reihe von Gültigkeitsproblemen auftreten. Die mögliche Behauptung des Egos beispielsweise, dass A und B untereinander befreundet seien, muss ja nicht unbedingt stimmen.

Die vierte Analyseebene ist die Analyse von Gruppen innerhalb von Netzwerken. Dabei stellt sich die Frage welche Kriterien zur Abgrenzung von Gruppen innerhalb eines Netzwerkes angelegt werden sollen. Es werden hierfür vorrangig die relationalen Merkmale der Individuen verwendet. Man kann auf zwei Weisen versuchen das Prob- lem zu lösen. Die erste Möglichkeit ist, dass man Akteure/Elemente zusammengrup- piert, zwischen denen untereinander enge Beziehungen existieren. Die andere Möglich- keit ist, diejenigen Akteure der gleichen Gruppe zuzuteilen, die ähnliche Außenbezie- hungen zu allen anderen Akteuren im Netzwerk haben. Ein Beispiel hierfür könnten Nachrichtenredaktionen von verschiedenen Zeitungen sein, die alle zu einer oder mehre- ren Nachrichtenagenturen Beziehungen unterhalten. Die Nachrichtenredaktionen lassen sich zu einer Gruppe fassen, weil sie gleichartige Beziehungen zu den Agenturen haben.

Dabei müssen sie untereinander keine Informationen austauschen oder sonstige Bezie- hungen eingehen. Dieses Konzept hat eine sehr wichtige Bedeutung in der Blockmodellanalyse.

Für die abgegrenzten Gruppen kann man in weiteren Schritten netzwerkanalytische Maßzahlen (z.B. Dichte innerhalb der Gruppe, Hierarchisierungsgrad) erheben.

Die letzte Analyseebene ist die des Gesamtnetzwerkes. Auch hier lassen sich Maßzah- len, wie Netzwerkdichte oder komplexe Strukturmuster bestimmen. Vor der Analyse komplexer Strukturmuster muss man aber zuerst die Ebenen von Gruppen oder Blöcken analysieren.

3. Erhebung von Netzwerkdaten

Genau wie alle anderen Daten in der soziologischen Forschung müssen auch Netzwerk- daten erhoben werden. Dabei entstehen einige Besonderheiten, wie z.B. das Problem der Netzwerkabgrenzung. Dieses Problem entsteht immer dann, wenn keine klare Abgren- zung von vornherein gegeben ist. Es muss gewährleistet sein, dass alle Teile des Netz- werkes erfasst werden und dass keine Teile durch eine falsche Abgrenzung vergessen werden.

Hat man dieses Problem bewältigt muss das geeignete Erhebungsverfahren für die ent- sprechende Datenerhebung gefunden werden. Bei der Erhebung von relationalen Daten stehen mehrere Verfahren zur Auswahl. So eignet sich z.B. für die Untersuchung von Beziehungen das Verfahren der Beobachtung. Mit Hilfe einer Beobachtung lässt sich relativ gut feststellen, welche Akteure sich anlässlich verschiedener gesellschaftlicher Ereignisse treffen.

Als weitere Datenquelle können statistische Datensammlungen, Archive und Handbü- cher dienen. Man kann so z.B. Rückschlüsse von den Import- und Exportdaten auf die Handelsbeziehungen zwischen verschiedenen Ländern schließen. Als das wichtigste Erhebungsverfahren für die Gewinnung von Netzwerkdaten gilt die Befragung der Akteure zu ihren Beziehungsnetzen. Akteure können entweder einzelne Individuen oder auch korporative Akteure, wie z.B. Verbände oder Unternehmen sein. Natürlich müssen auch bei solchen korporativen Akteuren die einzelnen Individuen be- fragt werden.

Nach der Abgrenzung der Netzwerkakteure muss der Forscher überlegen, ob eine Total- erhebung des Netzwerks möglich ist, oder ob nur eine Auswahl des Netzwerkes untersucht wird. Im wesentlichen hängt dies von den zu erwartenden Kosten und des zu erwartenden Zeitaufwand ab.

Totalerhebungen mittels Befragung sind meist nur für relativ kleine Gesamtheiten, wie z.B. Kleingruppen möglich.

Falls nur eine Auswahl des Gesamtnetzwerkes untersucht werden kann, so muss man eine Stichprobe ziehen. Hieraus ergibt sich die Frage, inwieweit die dadurch gewonnenen Erkenntnisse repräsentativ für das Gesamtnetzwerk sind.

3.1 Gesamtnetzwerke

3.1.1 Methoden der Netzwerkabgrenzung

Ein zentrales Problem bei der Netzwerkanalyse ist das Problem der Netzwerkabgren-

zung. Zur Lösung dieses Problems wird als erstes versucht festzustellen, welche Akteure zu dem Netzwerk gehören. Dafür können verschiedene Kriterien angewandt werden, zu denen u.a. folgende gehören:

- Organisations- oder Gruppengrenzen
- geographische Grenzen
- Teilnahme an einem oder mehreren Ereignissen

Im zweiten Schritt soll dann festgelegt werden, welche Relationen oder Beziehungsty- pen für diese Akteure untersucht werden sollen. So kann man sich z.B. bei der Abgren- zung eines nicht formal organisierten Netzwerkes von Jugendlichen, an der gemeinsa- men Teilnahme einer Party orientieren. Statt Ereignissen kann man auch Orte (Bahn- hofsplätze, Kneipen) als Kriterium zur Netzwerkabgrenzung verwenden. Die Soziologen Laumann, Marsden und Prensky unterscheiden zwischen nominalisti- schen und realistischen Methoden der Abgrenzung von Netzwerkakteuren. Bei der no- minalistischen Methode werden die einzelnen Individuen zu dem gleichen Netzwerk gezählt, wenn diese das gleiche Merkmal besitzen. Die Festlegung des entscheidenden Merkmals ist abhängig von dem Forscherinteresse. So können z.B. diejenigen Wissen- schaftler zum gleichen Netzwerk gehören, die in den letzten fünf Jahren Artikel in den fünf angesehensten Zeitschriften publiziert haben.

Im Vergleich zu nominalistischen Methoden setzen realistische Methoden an der Wahr- nehmung und dem Verhalten der Akteure an, d.h. wer dazugehört oder als dazugehörig betrachtet wird, gehört auch zum Netzwerk. Die Zugehörigkeit lässt sich z.B. mittels Einladungslisten oder konkreten Teilnahmen an relevanten Ereignissen feststellen.

Eine besondere Form der realistischen Abgrenzung eines Netzwerkes ist das „Schnee- ballverfahren“. Das Schneeballverfahren ist eine besondere Methode der Stichprobenziehung. Mittels einer Stichprobe wird eine Person näher untersucht. Diese Person wird dann z.B. befragt, mit welchen Personen sie politische Informationen austauscht. Der von diesem Akteur genannte Personenkreis wird als „erste Zone der Stichprobenpersonen bezeichnet“. Auf die gleiche Art, wie man von der Stichprobe zur ersten Zone der Stichprobenpersonen kommt, kann man von der ersten Zone zur zweiten, von der zweiten Zone zur dritten usw. An welcher Stelle dieser Vorgang abgebrochen wird, ist vom Forscher und seiner Fragestellung abhängig. Dieser Prozess ist aber entscheidend für die Strukturerkennung des Netzwerks.

3.1.2 Methoden der Datenerhebung

Nach der Abgrenzung des Netzwerks muss man sich für eine Methode der Datenerhe- bung entscheiden. Zuerst muss man eine Liste von allen zu befragenden Akteuren erstel- len. Da Netzwerke relationsspezifisch sind, muss man sich danach entscheiden, welche Relationen man erheben will. Es gibt verschiedene Arten von Relationen, wie z.B. In- formationsaustausch, Ressourcenaustausch, Mitgliedschaftsbeziehungen usw. Anschließend sollte man sich für eine Skalierung der Relationsintensitäten entscheiden. Es gibt folgende drei Arten von Skalierungen: binäre Skalierung, ordinale Skalierung und metrische Skalierung.

Die binäre Skalierung unterscheidet nur, ob eine Beziehung vorhanden ist oder nicht. Ordinale Skalierungen setzen oft die Beziehunge in eine Rangliste, d.h. der Akteur soll entscheiden welche Beziehungen wichtig und welche weniger wichtig sind. Metrische Skalierungen sind nur dann sinnvoll, wenn man den Zeit- bzw. Ressourcenaufwand einer Beziehung festlegen kann. Oft wird hier aber die Erinnerungsfähigkeit des betreffenden Akteurs überfordert.

Neben der Skalierung muss auch die Form der Beziehung berücksichtigt werden. Dazu gehört z.B. ob eine Beziehung gerichtet oder ungerichtet ist. Eine gerichtete Relation ist z.B. die Abstammungsbeziehung (A ist der Vater von B. B kann aber nicht gleichzeitig der Vater von A sein). Eine ungerichtete Beziehung wäre z.B. die Verwandtschaftsbe- ziehung (A ist verwandt mit B. B ist auch verwandt mit A). Gerichtete Beziehungen sind Voraussetzung dafür, dass Asymmetrien und Hierarchien in Netzwerken untersucht werden können.

Bei der konkreten Formulierung von Netzwerkfragen sind drei Entscheidungen über die Art der Abfrage der Relationen zu treffen.

1. Vollständige Akteurliste oder freie Abfrage von Beziehungspersonen Die eine Möglichkeit ist den Befragten eine Liste mit allen Netzwerkakteuren vorzulegen. Anschließend werden die Befragten dazu aufgefordert, jeden Akteur anzukreuzen, zu denen sie die jeweilige Beziehung haben und welche Intensität diese Beziehung hat. Die andere Möglichkeit ist, die Akteure, zu denen die Befragten die jeweilige Beziehung unterhalten, frei nennen zu lassen,.

2. Free choice oder fixed choice

Der Forscher muss auch entscheiden, ob dem Akteur vorgegeben wird, wieviel Beziehungen er nennen darf (fixed choice) oder ob es dem Akteur selbst überlassen wird, die Anzahl der genannten Beziehungen festzulegen (free choice). Bei fixed choice ist die Zahl der Wahlen begrenzt. Bei free choice kann der Einzelne so viele Akteure (z.B. Freunde) nennen, wie ihm einfallen.

3. Bewertung der Relationsintensitäten

Als drittes muss der Forscher entscheiden, wie die Relationsintensität gemessen werden soll. Dabei ist der einfachste Fall die Unterscheidung zwischen vorhandener und nichtvorhandener Beziehung. Man kann aber auch mehr als zwei Antwortalternativen vorgeben, z.B. kann der Befragte angeben, ob er

(1) die Person kennt,

(2) die Person kennt, aber kein Kontakt zu ihr hat,

(3) seltenen Kontakt zu der Person hat oder

(4) häufigen Kontakt zu der Person hat.

3.2 Ego-zentrierte Netzwerke

3.2.1 Vor- und Nachteile des Forschungsansatzes

Da bei der ego-zentrierten Netzwerkanalyse nur Daten über einzelne Akteure erhoben werden, stellt sie einen minimalen netzwerkanalytischen Zugang zur Realität dar. Ihr wesentlicher Nachteil ist, dass deshalb keine Analyse von Positionen und Rollenverflechtungen möglich ist. Ihr Vorteil besteht darin, dass man sie im Rahmen konventioneller Auswahl- und Befragungsmethoden einsetzen kann.

3.2.2 Methoden der Netzwerkabgrenzung und der Datenerhebung

Unter einem ego-zentrierten Netzwerk versteht man, das um eine fokale Person, Ego, herum verankerte soziale Netzwerk. Zu diesem Netzwerk gehören auch die Alteri, die Beziehungen zwischen Ego und Alteri und die Beziehungen zwischen den Alteri. Zur Erhebung von ego-zentrierten Netzwerken werden sogenannte Namensgeneratoren und Namensinterpretatoren verwendet. Namensgeneratoren dienen zur Produktion einer Liste mit den Alteri, die zu Egos Netzwerk gehören. Darüber hinaus wird mit Hilfe des Namensgenerators das Netzwerk abgegrenzt. Die Namensinterpretatoren liefern dann weitere Informationen über:

- die Alteri
- die Beziehungen zwischen Ego und Alteri
- die Beziehungen zwischen den Alteri.

Es gibt verschiedene Namensgeneratoren. Die Verwendung des jeweiligen Namensgenerators ist abhängig von der Forschungsfrage und des zugrundeliegenden theoretischen Konzeptes des Forschers. Burt z.B. verwendete folgenden Namensgenerator: „From time to time, most people discuss important personal matters with other people. Looking back at the past six months - that would be back to last August - who are the people with whom you discuss an important personal matter?“

Die befragte Person kann so viele Personen nennen, wie sie möchte. Es werden aber

aufgrund des geringeren Aufwandes nur für die ersten fünf genannten weitere Information (z.B. Alter, Geschlecht, Beruf, Religion, Parteipräferenz, ethnische Zugehörigkeit, Bildung und Einkommen) über Namensinterpretatoren eingeholt.

Wellman verwendete einen anderen Namensgenerator. Bei ihm sollte Ego die Personen außerhalb des Haushaltes nennen, denen es sich sehr nahe fühlte. Das könnten Freunde, Nachbarn oder Verwandte sein.

Daneben gibt es noch weitere Namengeneratoren, wie z.B. das Fischer Instrument, das die Verwendung der folgenden zehn Namengeneratoren zur Auswahl stellte:

1. Wer kümmert sich um die Wohnung, wenn der Befragte abwesend ist?
2. Mit wem bespricht der Befragte Arbeitsangelegenheiten?
3. Wer hat in den letzten drei Monaten bei Arbeiten im und am Haus geholfen?
4. Mit wem hat der Befragte in den letzten drei Monaten gemeinsame Aktivitäten wie Ausgehen, Einladungen etc. unternommen?
5. Mit wem spricht der Befragte gewöhnlich über gemeinsame Hobbys oder Freizeitbe- schäftigungen?
6. Mit wem ist der (unverheiratete) Befragte liiert?
7. Mit wem bespricht der Befragte persönliche Dinge?
8. Wessen Ratschlag holt der Befragte bei für ihn wichtigen Entscheidungen ein?
9. Von wem würde sich der Befragte Geld leihen?
10. Wer lebt als erwachsene Person im Haushalt des Befragten?

3.3 Zuverlässigkeit und Gültigkeit

Um die Zuverlässigkeit und die Gültigkeit der Netzwerkanalyse zu gewährleisten ist es wichtig, dass die Befragten ihre Beziehungen zu anderen Netzwerkakteuren der Wirk- lichkeit entsprechend beschreiben. Va. bei der Methode des ego-zentrierten Netzwerkes ist dies äußerst wichtig, da hier die relevanten Daten nur von einer Person bezogen wer- den.

Diese Gültigkeit der Aussagen von Informanten wurde in einer Studie von Bernard untersucht. Für diese Studie wurden verschiedene Gruppen (u.a. Studenten, Manager und eine Blindengruppe) hinsichtlich ihrer Interaktionen beobachtet und auch befragt. Dabei stellte sich heraus, dass nur bei der Hälfte der Befragten die Angaben in Bezug zur beobachteten Wirklichkeit übereinstimmten.

Hierbei soll auch erwähnt sein, dass für die Netzwerkanalyse nicht die einzelnen De- tails der Beziehungen wichtig sind, sondern die tatsächlichen und langfristigen sozialen Strukturen.

Die Zuverlässigkeit der Netzwerkanalyse kann man u.a. durch Kontrollbefragungen der Alteri überprüfen. Dazu werden z.B. stichprobenartig die von Ego genannten Personen nach ihren Beziehungen zu anderen Alteri und der Beziehung zu Ego befragt. Hierbei ist es allerdings problematisch, dass man als Hinweis für die Zuverlässigkeit annimmt, dass die Angaben von Ego und Alter übereinstimmen. Das muss aber nicht der Fall sein. Es kann z.B. sein, dass ein eher zurückgezogener Akteur einen extrovertierten Akteur als Freund angibt und dass umgekehrt aber diese extrovertierte Person die zurückgezogene Person nicht als wichtigen Freund ansieht. Damit stellt sich auch die Frage, ob tatsächli- che soziale Beziehungen gemessen werden sollen oder subjektiv eingebildete soziale Beziehungen.

3.4 Stichprobentheorie

Seit den sechziger Jahren sind Stichproben ein leistungsfähiges Instrument in der konventionellen Sozialforschung. In der Umfrage- und Meinungsforschung ist dieses ein gängiges und bewährtes Instrument.

Das Problem der Anwendung der Stichprobentheorie auf die Netzwerkanalyse ist, dass nur zwischen den Stichprobenpersonen relationale Daten erhoben werden können. Alle Relationen der Stichproben-Personen zu Nicht-Stich-Probenpersonen werden nicht erhoben. So kann es z.B. vorkommen, dass bei einer über der Bundesrepublik verstreuten Repräsentativstichprobe die Netzwerkdichte Null ist, da keiner der Stichprobenpersonen eine andere Stichprobenperson kennt. Daraus zu schließen, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik keinerlei Bekanntschaftsnetze hat, wäre aber falsch.

Die Stichprobentheorie für die Netzwerkanalyse ist noch in den Anfängen. Es gibt nur für wenige Netzwerkparameter, die ausgehend von einem in der Stichprobe gefundenen Wert eine Schätzung des Wertes für die Grundgesamtheit erlauben. Jedoch gibt es verschiedene Vorschläge für die Anwendbarkeit der Stichprobentheorie in Bezug auf die Frage der Schätzung der Netzwerkdichte, die hier nicht näher erläutert werden.

Literatur:

D. Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse. Opladen 1999

Details

Seiten
15
Jahr
2001
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104501
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
Netzwerkanalyse Einführung Methodenlehre

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Titel: Die Netzwerkanalyse