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Posttraumatische Belastungsstörung und Konzentrative Bewegungstherapie

Hausarbeit 2001 19 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zusammenfasung:

3. Zur Posttraumatischen Belastungsstörung

3. Zusammenfassung:

4. Anforderungen, Leitlinien und Gefahren in der Therapie von Posttraumata-Patienten:

5. Die Konzentrative Bewegungstherapie 9 Kurzer Exkurs zur Entstehung der KBT:

6. Die KBT in der Traumatherapie

7. Die Konzentrative Bewegungstherapie in Beziehung undAbgrenzung zu anderen Therapieverfahren:

1. Einleitung

Seit meinem ersten Praktikum, welches ich vor Aufnahme meines Studiums in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie absolvierte, beschäftige ich mich mit traumabedingten Störungen. Der Grund dafür liegt in meinen Zweifeln begründet. Zweifel, die mir auch in meinem letzten Praktikum erneut kamen: Ich traf auf Patienten, denen eine Persönlich- keitsstörung auf Borderlineniveau, eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formen- kreis oder eine Eßstörung diagnostiziert worden war, denen gegenüber ich aber das Ge- fühl bekam, sie in „diese Welt“ zurückholen zu wollen. Mir war, als würde ein bestimm- tes Ereignis, eine Erfahrung sie von mir und der Realität trennen, bzw. als würden sie von ihrem, wie Kohut es nennt „wahren Selbst“ getrennt leben. Die gestellten Diagno- sen schienen mir den Patienten und ihren Leiden nicht gerecht zu werden. Im Laufe des Studiums fand ich dann mehr und mehr Literatur zur Posttraumatischen Belas- tungsstörung (PTBS) und begann, mehr und mehr, zu verstehen.

2. Zusammenfasung:

In der vorliegenden Arbeit geht es um posttraumatische Bewältigung, bzw. die sich daraus entwickelnde Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und das therapeuti- sche Vorgehen eines körperorientierten Behandlungsansatzes in diesem Zusammen- hang. Soweit es der Umfang dieser Arbeit zuläßt, werde ich zunächst eine Einführung in die Vielseitigkeit posttraumatischer Bewältigungsstrategien geben. Anschließend stelle ich therapeutischen Leitlinien und Anforderungen an eine Traumatherapie vor. Um den Behandlungsansatz der Konzentrativen Bewegungstherapie, um die es hier geht, ver- ständlicher zu machen, gebe ich des weiteren einen Einblick in die Theorie und Entste- hungsgeschichte dieser Methode, um anschließend seine Anwendung und einen mögli- chen Therapieverlauf in der Traumatherapie zu schildern. Am Ende dieser Arbeit stelle ich den Ansatz der KBT in Beziehung und Abgrenzung zu anderen Methoden wie der bioenergetischen Analyse nach Alexander Lowen in einen Kontext.

3. Zur Posttraumatischen Belastungsstörung

Eines der Grundkonzepte des menschlichen Selbstbildes ist die Illusion der Unverletz- barkeit, das heißt, die meisten Menschen scheinen ein beträchtliches Ausmaß an Opti- mismus und Ignoranz von Wahrscheinlichkeiten bezüglich der eigenen Vulnerabilität zu nähren. Menschen, die mit traumatisierenden Ereignissen konfrontiert werden, erfah- ren, dass sie eben dieses Sicherheit gebende Selbstkonzept revidieren müssen. Sie ma- chen die Erfahrung von totaler Ohnmacht und absolutem Kontrollverlust. In einer Tä- ter-Opfer-Konstellation (in Unterscheidung zu beispielsweise Opfern von Naturkatast- rophen, Verkehrsunfällen, etc.) bleibt die Botschaft, die mit der Ausbeutung einhergeht, nicht ohne Konsequenzen für das Selbstbild und das Identitätsgefühl. Das Gefühl, ein vollwertiger Mensch zu sein, kann in einer derartigen Konstellation (zumal über einen längeren Zeitraum, z.B. im Falle von beständigem sexuellen Mißbrauchs, der nicht sel- ten von „Vertrauenspersonen“ ausgeübt wird) verloren gehen. Durch die Grenzüber- schreitung seitens des Täters, die systematische Abwertung und Vereinnahmung, wird der Selbstwert und das Gefühl einer eigenständigen, unabhängigen Identität untergra- ben. G. Gschwend drückt es 1999 wie folgt aus:“ Opfer von Gewalt erleben mit jeder Zelle ihres Körpers, wie ausgeliefert und schutzlos ein Mensch angesichts von über- mächtiger Gewalt tatsächlich ist“. Dies gilt beispielsweise auch im Zusammenhang mit unvorhersehbaren Verlustereignissen, wie dem Tod eines nahestehenden Menschen, Verlust der Heimat durch Kriege und Naturkatastrophen, Verlust der Kontrolle über ein Fahrzeug mit Folge eines Unfalls.

Die Art der traumaauslösenden Erlebnisse ist vielfältig und die Definition eines trauma- tischen Ereignisses subjektiv und wahrnehmungsabhängig. Im Kontext dieser Arbeit geht es mir um den Aspekt der erfahrenen Erschütterung des Selbstbildes, der eigenen Handlungsfähigkeit und der Kontrollüberzeugung. Auch möchte ich mich im Sinne der Eingrenzung im Folgenden auf die Opfer interpersonaler Gewalt beziehen, dass heißt Menschen, die die Erfahrung eines Ungleichgewichts von Macht erlebt haben. An dieser Stelle sei gesagt, dass längst nicht alle Menschen auf traumatische Ereignisse hin eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln und dass nicht alle Reaktionen, die Menschen auf derartige Ereignisse zeigen, pathologisch sind. W. Butollo, M.Hagl und M. Krüsmann sprechen 1999 „von der Normalität extremer Reaktionen auf abnor- me Ereignisse“. Stein et al. (1997) fanden in einer großen repräsentativen Stichprobe, dass 81% der Männer und 74% der Frauen mindestens ein traumatisches Erlebnis in ih- rem Leben gehabt hatten (in dieser Studie wurden die DSM-IV-Kriterien für traumati- sche Stressoren verwendet). Kessler et al. (1995) berichteten, dass das Risiko, eine PTSD nach einem traumatischen Ereignis zu entwickeln, bei Männern 8% und bei Frau- en 20% beträgt.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung wird erst diagnostiziert, wenn die Symptome länger als einen Monat anhalten. In der ICD-10 gibt es die Kategorie „andauernde Per- sönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“, die folgendes Symptommuster beinhaltet:

1.Eine feindliche und misstrauische Haltung der Welt gegenüber.
2. Sozialer Rückzug.
3. Gefühle der Leere und Hoffnungslosigkeit.
4. Ein chronisches Gefühl von Nervosität wie bei ständigem Bedrohtsein.
5. Entfremdung.

Im DSM-IV ist folgende Definition zu finden:

„... verminderte affektive Schwingungsfähigkeit; selbstschädigendes und impulsives

Verhalten; dissoziative Symptome; somatische Beschwerden; Gefühle der Insuffizienz, Scham, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit; sich dauerhaft geschädigt fühlen; Verlust zuvor bewahrter Überzeugungen; Feindseligkeit; sozialer Rückzug; ständiges Gefühl des Bedrohtseins; beeinträchtigte Beziehung zu anderen oder Veränderung der Persönlichkeit im Vergleich zu früher“. Körperliche Reaktionen können also sein: ein allgemeines erhöhtes Erregungsniveau, also Hypervigilanz und Schreckhafigkeit, Nervosität und Schlafstörungen.

Eine psychische Reaktion (also die Reaktion der Seele), die ausgesprochen häufig mit der Symptomatik der PTSD einhergeht, ist die Dissoziation, dass heißt also die struktu- relle Aufspaltung mentaler Prozesse („a structured seperation of mental processes“; Butler, Duran, Jasiukaitis, Koopmann &Spiegel, 1996), bei der es zu einer Abspaltung von Wahrnehmungen, Bedeutungen, Gefühlen, Erinnerungen oder gar Teilen der Iden- tität kommen kann. Bei Opfern körperlicher Gewalt kann es zu einer Art „Heraussteigen aus dem eigenen Körper“ kommen. In der Klinik, in der ich mein zweites Praktikum ab- solvierte, beschrieb eine Frau mit sexuellen Mißbrauchserfahrungen, sie habe das Ge- fühl, während des Ereignisses „aus ihrem Körper sich gelöst zu haben“ und sich die Szene „von oben“ zu betrachten. Solche oder ähnliche Beschreibungen findet man in der Literatur immer wieder und es macht mir die Überwältigung des Ereignisses deut- lich, aber auch die faszinierende Funktionsweise von Abwehrmechanismen, die einem Menschen zur Verfügung stehen.

In der Symtomdefinition des DSM-IV finden sich zum einen verminderte affektive Schwingungsfähigkeit, zum anderen Impulsivität, also verminderte Fähigkeit zur Affektregulierung. Wie schwer die Folgen dieser „Defizite“ sind, hängt davon ab, wann im Leben des Betroffenen das traumatische Ereignis zu finden ist. Wenn die Traumatisierung in der Kindheit festzumachen ist, muß die Fähigkeit zur Affektmodulation und Impulskontrolle möglicherweise „nachgelernt“ werden. Hat die Traumatisierung im Erwachsenenalter stattgefunden, kann die affektive Schwingungsunfähigkeit („emotional numbing“, Butollo, Hagl, Krüsmann,1999) Folge der Dissoziation sein und es ist möglich, in der Therapie auf die Ressourcen des Patienten zurückzugreifen.

Da ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf therapeutische Behandlungssettings ein- gehen möchte erscheint es mir an dieser Stelle wichtig, auf die Beziehungsfähigkeit von Opfern interpersonaler Gewalt einzugehen, bzw. auf mögliche Störungen in der Bin- dungsfähigkeit. Wie bereits erwähnt, ist ein Bestandteil dieser speziellen Traumatisie- rung das Erfahren eines Ungleichgewichts von Macht. Der Täter ist bestrebt (ob bewußt oder unbewußt), das Opfer zu kontrollieren, zu besiegen, es hilflos zu machen. Ist der Täter innerhalb der Familie zu finden, so ist nach Butollo et.al „sein Ziel erreicht, wenn er zur einzigen denkbaren Quelle an menschlicher Nähe wird, so, dass das Opfer in ab- surder Weise an ihn gebunden ist“. Durch diese entstehende Ambivalenz in der Bezie- hung zum Täter (Geliebter Mensch wird zum Aggressor), entwickeln die Opfer nicht un- üblicherweise immense Scham- und Schuldgefühle, die zum einen aus der Diskrepanz zwischen Selbstbild und Ideal-Selbst herrühren („...ich hätte mich wehren sollen, kön- nen...“) , zum anderen aus dem massiv bedrohten Selbstwert („...ich muß große Schuld auf mich geladen haben, weswegen mir so etwas widerfährt; ich muß ein schlechter Mensch sein...“). Man kann hier das Konzept der erlernten Hilflosigkeit heranziehen (Opfer machen die Erfahrung, dass es nicht in ihrer Macht steht, die Situation zu verän- dern), wenn man die möglicherweise patholgischen Beziehungskonzepte traumatisierter Menschen zu erklären sucht. Spätere Bindungen werden durch das Opfer im selben Licht wahrgenommen wie einst die Täter-Opfer-Bindung. „Viele Überlebende zwischen- menschlicher Ausbeutung schwanken zwischen Intimität und Rückzug, Idealisierung und Wut und haben große Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen“ (Butollo et.al, 1999). Dieser Aspekt sollte in einer therapeutischen Beziehung unbedingt berück- sichtigt werden, zumal, wenn es sich um die Arbeit mit dem Körper handelt, wie es in körperorientierten Ansätzen der Fall ist. (Anmerkung: Eben diese Tendenz der Aufspal- tung und Verleugnung, d.h. Beziehungspartner zu idealisieren oder abzuwerten, ähnelt dem Beziehungsmuster frühgestörter, ich-strukturell gestörter Patienten, weswegen die Gefahr der „falschen“ Indikationsstellung besteht, zumal, wenn das traumatische Ereig- nis vom Patienten nicht erinnert, bzw. nicht verbalisiert wird/ werden kann).

Als letzten Punkt möchte ich nun den der Reviktimisierung anführen. Es scheint ein Charakteristikum von Opfern interpersonaler Gewalt zu sein, eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber erneuter Viktimisierung aufzuweisen. Dies kann sich zum einen in der Ten- denz mancher Betroffener äußern, sich selbst Verletzungen zuzufügen (sog. autoag- gressives Verhalten) oder sich anderweitig selbst zu schädigen z.B. durch riskante Le- bensweise. Aber auch im zwischenmenschlichen Bereich finden sich derartige Tenden- zen, z.B., indem an mißbräuchlichen Partnerschaften festgehalten wird oder durch ris- kantes Sexualverhalten. Solche Handlungen können mit dem Konzept des Wiederho- lungszwanges erklärt werden, dies ist ein Konzept aus der Psychoanalyse, auf der die nachfolgend erläuterten Körperorientierten Verfahren basieren.

3. Zusammenfassung:

Zusammenfassend möchte ich die drei von G.Gschwend (1999) postulierten charakteris- tischen diagnostischen Oberkategorien der Kriterien der PTSD übernehmen, deren Be- rücksichtigung mir für den therapeutischen Umgang mit Posttraumata-Patienten wichtig erscheint: Zum einen nennt sie die Kategorie der sog. Intrusiven Symptome, was das unfreiwillige Wiedererleben der traumatischen Erfahrung bezeichnet (z.B. in Form von Flashbacks), als zweite nennt sie die Kategorie der Konstriktiven Symptome, dass heißt die psychische Erstarrung der Patienten, die zur Folge haben kann, dass Menschen be- trächtlich in ihrem Verhalten eingeschränkt leben, z.B. indem sie erinnerungsauslösende Reize meiden. Die letzte Kategorie ist die der nachhaltigen Erregung, dass heißt dass die Patienten auf einem ständig erhöhten Erregungsnivieau leben.

4. Anforderungen, Leitlinien und Gefahren in der Therapie von Posttraumata-Patienten:

„Heilung bedeutet nie Löschung, sondern Integration und ein Damit -Leben“. Nach Ehlers (1997) führen traumatische Erlebnisse häufig zu einer Übergeneralisierung, d.h. zu der Interpretation, die Welt sei grundsätzlich gefährlich, bzw. zu der Annahme, mit einem selbst sei etwas nicht in Ordnung.

Deshalb sollte der erste Schritt in der Traumatherapie sein, den Patienten zu stabilisie- ren, ihn bei der Herstellung einer äußeren und inneren Sicherheit zu unterstützen. Das kann zum einen bedeuten, Ressourcen und Stärken des Betroffenen heraus zuarbeiten und zugängig zu machen (ich-stützende Funktion des Therapeuten) (vergl.G.Gschwend, 1999 und Butollo et al.), „innere Helfer“ zu finden, so dass das Erleben der eigenen Kompetenz, der internen Kontrollüberzeugung und Autonomie erfahren werden kann.

Zum anderen setzt das Erlangen einer inneren Sicherheit voraus, dass die Eigen- und Fremdwahrnehmung geschult wird im Sinne der eigenen Abgrenzung. Das Erleben und Erspüren der eigenen Grenzen, setzt der Angst, vom Täter oder vom Schmerz „verschlungen“ zu werden, etwas entgegen.

Aber nicht nur das Erleben einer inneren Sicherheit, sondern auch der Aufbau einer Si- cherheit gebenden therapeutischen Beziehung sollte Bestandteil dieser ersten Phase der Therapie sein. Die Betroffenen machen oft eine völlig neue Erfahrung auf der Bezie- hungsebene: eine vertrauensvolle Basis wird geschaffen und es sollte klar vermittelt werden, dass der Therapeut (aus-)halten kann, andernfalls seine Grenzen aufzeigt. Dies setzt voraus, dass der Therapeut sich seiner eigenen Abwehrmechanismen (weitestge- hend) bewußt ist, so dass er weder im „Mitleid versinkt“ noch den Patienten abwertet, indem er ihn für unglaubwürdig erklärt.

Wie bereits erwähnt, ist eine Folge von Traumatisierungen häufig die Dissoziation, wes- halb es notwendig ist, dem Patienten Techniken beizubringen, mittels derer er seinen momentanen Realitätsbezug überprüfen und gegebenenfalls in die Realität zurückkeh- ren kann.

Dies macht deutlich, dass es nötig ist, die Abwehrmechanismen aufzudecken und transparent zu machen, auch, um sie zu stärken, damit sie abrufbar sind, um einer Retraumatisierung entgegenzuwirken.

Die Zweite Phase der Therapie sollte die Aktivierung früherer Erlebnisinhalte zum Ziel haben. Das bedeutet, sich auf eine Reise in die Vergangenheit einzulassen, unverarbeiteten Schmerz zuzulassen, möglicherweise Zorn spüren ob der unterbliebenen Unterstützung, genommenes Glück und Unbeschwertheit zu betrauern und Wut zu erleben. Auf der Basis des in der ersten Therapiephase erlernten, sollte der Patient erfahren, dass das Sich- Einlassen auf die Gefühle nicht (mehr) lebensbedrohlich ist (seitens des Therapeuten ist es hier wichtig, das vom Patienten vorgegeben Tempo der Bearbeitung zu berücksichtigen, ihn gegebenenfalls ins „Hier und Jetzt“ zurückzuholen und die innere Sicherheit des Betroffenen zu aktivieren).

Ziel dieser Therapiephase ist es auch, dass der Patient lernt, Gefühle differenzierter wahrzunehmen, emotional zu schwingen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich denke, es ist wichtig, zu beachten, dass der Patient hierbei nicht nur etwas gewinnt, nämlich ein facettenreicheres Gefühlsleben, mehr Flexibiltät und Freiheit, sondern dass er sich auch von etwas sehr vertrautem verabschieden muß, der „Opferrolle“ und von der Hoffnung, so etwas wie Wiedergutmachung zu erfahren.

Dies ist Inhalt der dritten Phase des therapeutischen Prozesses: Die Annahme des eige- nen Schicksals, die Integration des Traumas ins Lebenskonzept, so dass die Abspaltung der Erinnerung nicht mehr nötig ist. Die Therapie sollte der Entwicklung von Eigensteu- erungsmechanismen dienen, so daß die als Flashback getarnten Erinnerungsbruchstü- cke und Affektkorrelate so zu begrenzen und zu steuern sind, daß sie langfristig in ein lebensbiografisches Konzept zu integrieren sind. Ich möchte diese Phase vergleichen mit dem Bild, dass der Patient lernt, das vielleicht zunächst noch dünne Eis zu betreten, dass er merkt, dass es ihn trägt, auch wenn das Wasser darunter noch zu sehen ist.

Der Patient erfährt, dass er stärker ist, als die Erinnerung, so dass er nun die Verantwortung für sein Leben übernehmen darf und muß.

5. Behandlungsansätze in der Traumatherapie:

Unter klinisch arbeitenden Psychtherapeuten hat sich in den letzten Jahren die Meinung verfestigt, daß es für die Arbeit mit realtraumatisierten Patienten vor allem einer Neu- gier und Offenheit bedarf, sich mit Denkhaltungen anderer therapeutischer Schulrich- tungen vorurteilsfrei auseinanderzusetzen. Das zu behandelnde Leiden und die seeli- schen Probleme der Patienten erzwingen ein multimodales Therapieangebot und inte- grative Therapieansätze (s. dazu auch Peichl 1997). Die Verbindung von verbal- orientierten Therapieverfahren und averbalen Interventionstechniken wird mittlerweile in der Traumatherapie gewinnbringend eingesetzt. Die Arbeit mit dem Körper erweitert die Möglichkeit von Übertragungen und Gegenübertragungen, Nähe und Distanzregulie- rungen und vertieft die Erlebnisfähigkeit, da nicht nur mit den verbal gespeicherten Er- innerungen gearbeitet wird, sondern auch das Körpergedächtnis reaktiviert wird. Dies führt dazu, daß gleichermaßen präverbale und averbale Erinnerungen in den Therapie- prozess mit einfließen können.

6. Die Konzentrative Bewegungstherapie

Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine psychotherapeutische Methode für Gruppen- und Einzelpsychotherapie auf der Basis entwicklungspsychologischer (z.B. Pi- aget) und tiefenpsychologischer Denkmodelle. Es geht in der KBT um die bewußte Kör- perwahrnehmung im „Hier und Jetzt“ (insbesondere Arbeit am Körperbild). In der the- rapeutischen Praxis ist die Akzentuierung von sensorischer Wahrnehmung und moto- risch- emotionaler Bewegung Angelpunkt für Erfahren, Handeln und Erinnern. Die KBT geht davon aus, dass die Geschichte eines Menschen Ausdruck findet in der Körperhal- tung, -bewegung und im Verhalten. Es ist Ziel der KBT, mittels konzentrativer Beschäf- tigung mit frühen Erfahrungsebenen (fühlend und handelnd), Erinnerungen zu beleben, die bis in die präverbale Zeit zurück reichen können. Das Erlebte wird durch Versprach- lichung begrifflich erfaßt und somit den Ebenen des Denkens, der Assoziation, der Re- flexion und der Kommunikation zugeführt. Der Therapeut kann auf zwei Ebenen beim Patienten Differenzierungs- und Nachreifungsschritte anregen: Zum einen durch Pro- zesse von Wahrnehmen und Bewegen (sensumotorischer Kreislauf) und im direkten Körperdialog, zum anderen im verbalen Dialog (begrifflicher Kreislauf: Denken und Sprechen): spiegelnd, erklärend, stützend, konfrontierend im Sinne einer korrigierenden Beziehungserfahrung.

Der Therapeut erhält sich die gleichsam frei im Raum schweifende Aufmerksamkeit, nutzt die eigene Körperresonanz im Sinne der Gegenübertragung und versucht aus dem „Szenischen Verstehen“ das Erfahrungsangebot und die verbale Kommunikation mit dem Patienten so abzustimmen, daß Wesentliches in der therapeutischen Beziehung deutlich werden kann. Die Konzentration auf sensorische und motorische Vorgänge in der jeweiligen Bewegungsszene erfolgt dabei in einem Zeitmaß, das ein Nachspüren auch geringfügiger Veränderungen zuläßt.

Im Gespräch auftauchende Problembereiche werden über ein Bewegungsangebot ins Körperliche „übersetzt“, um ein Begreifen im umfassenderen Sinne möglich zu machen. Dieses Angebot ist aber nicht im Sinne einer Übung vorgefertigt.

Dem Verwörtern der bei den Übungen gemachten Erfahrungen fällt große Bedeutung zu. Eine Vielzahl von Interventionen kann Zwischenschritte im Symbolisierungsprozeß anregen, wenn zunächst kein sprachlicher Ausdruck für die Erfahrung zur Verfügung steht.

Dadurch werden unter Beachtung der Abstinenz, Übertragung und Gegenübertragung eine verbesserte Integration der sinnlich- emotionalen und der sprachlich- kognitiven Ebenen und Korrekturen pathologischer Objektbeziehungen möglich.

Kurzer Exkurs zur Entstehung der KBT:

Der somatopsychische und psychosomatische Therapieansatz der Konzentrativen Be- wegungstherapie kommt ursprünglich von der Gymnastik. Aus dem anfänglichen Erler- nen und Üben bestimmter mechanischer Körperbewegungen, entwickelte sich die sog. „freie Körperassoziation“ (Elsa Gindler,1926), die Patienten keine Übungen vorschrieb, sondern jeden individuell seine Übungen selbst finden ließ. Hinzu kamen die Arbeit mit Entspannung und Konzentration mit besonderer Berücksichtigung unter anderem der Funktion der Atmung. Gertrud Heller, eine Schülerin Elsa Gindlers, führte diesen Thera- pieaspekt erstmals in die Psychotherapie ein und arbeitet mit diesem integrativen An- satz mit neurotischen und psychotischen Patienten. Helmuth Stolze führte 1959 im Rahmen der Lindauer Psychotherapie-Wochen erstmals die Bezeichnung der Methode als Konzentrative Bewegungstherapie ein seitdem wird die Methode unter diesem Na- men in Theorie und Praxis weitervermittelt. Seit 1975 besteht ein Deutscher Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT) mit einem festen Ausbildungsrahmen. Wohl aufgrund der Entstehungsgeschichte kommen KBT-Therapeuten aus den ver- schiedensten Berufsbereichen, es sind Ärzte, Psychiater, Psychologen, Ergotherapeuten, Krankengymnasten.

7. Die KBT in der Traumatherapie

Nach dieser kurzen Einführung in Theorie und Entstehungsgeschichte der KBT, möchte ich nun anhand der unter Abschnitt 4 postulierten Therapiephasen der Traumatherapie das therapeutische Vorgehen in der KBT näher erläutern und greifbarer machen. Vorab sei gesagt, dass sich die nachfolgenden Praxisbezüge gleichermaßen auf das Geschehen in der Gruppentherapie wie in der Einzeltherapie beziehen können.

Der erste Schritt in der Therapie von Postraumatapatienten sollte, wie bereits erwähnt, die Stabilisierung des Patienten beinhalten, das Feststellen der inneren und äußeren Si- cherheit und Abgrenzung. Um dies zu erreichen, stehen der KBT verschiedene Mittel zur Verfügung. Zentral ist zunächst die Funktion der Konzentration, das heißt, der Patient wird angewiesen, in sich eine Spannung entstehen zu lassen (gemeint ist hier nicht Verkrampfung), die es dann wieder zu entspannen gilt (im Sinne einer adäquaten Akti- vitiätsbereitstellung, Hemmung und Beseitigung von Hemmung). Mit dem Anspüren des eigenen Körpers gewinnt der Übende die Fähigkeit, mit seinem Körper und seinen Funk- tionen vertraut zu werden, sich in seinem Körper zuhause zu fühlen, den Körper, wie er ist, zu akzeptieren, anstatt ihm sorgenvoll, misstrauisch oder ablehnend gegenüberzu- stehen.

Entspannung bedeutet nicht Passivität. Den willentlichen Aktionen fehlt aber das Merk- mal einer sich gegen körperliches Beharrungsvermögen, Trägheit oder Müdigkeit durch- setzende Befehlsausführung. Dies beruht auf der Tatsache, dass schon Zuwendung al- lein (ohne motorische Intention) zu einer messbaren Tonisierung der Muskulatur führt. Das Anspüren allein bewirkt also bereits eine gesteigerte Aktionsbereitschaft und damit einen intensiveren Kontakt zu einzelnen Körperteilen und -funktionen. Der Körper wird damit zum einen vertrauter und sicherer (verständiger), zum anderen auch als etwas eigenes und von der Umwelt abgetrenntes erlebt. Das Erreichen dieses Ziels ist ent- scheidend, denn bei traumabedingten Störungen spielen immer Phänomene des Kör- perschemas im Sinne von verzerrten Körpergrenzen (mangelnde Abgrenzung, fließende Ichgrenzen oder autistischer Rückzug, Dissoziation) und Körperentfremdung (vom subjekthaften zum objekthaften Körpererleben) eine zentrale Rolle.

Zusätzlich zum konzentrativen Anspüren des eigenen Körpers gibt es in der KBT andere Mittel, die Abgrenzung des eigenen Körpers von der Umwelt zu verdeutlichen. So kann eine Therapiesitzung beginnen mit der Aufforderung des Therapeuten an den Patienten, sich auf den Boden zu legen und die wahrgenommene Konsistenz, Nachgiebigkeit oder beispielweise die Temperatur des Bodens zu beschreiben. Bei Posttraumatapatienten kann es möglicherweise zu einer Verzerrung der Realität kommen (der Boden wird als besonders nachgiebig oder extrem kalt...wahrgenommen). Es ist dann Aufgabe des Therapeuten, den besseren Bezug zur Realität beim Patienten wiederherzustellen um ihn ins Hier und Jetzt zu holen und Schutz zu bieten. Empfindungen werden also dabei verbalisiert.

Gleiches gilt für den Umgang mit dem Schließen oder Öffnen der Augen. Grundsätzlich ist dies ein Mittel des Patienten, sich von der Umwelt und vom Therapeuten abzugren- zen. Es ist Teil der KBT, dieses Mittel einzusetzen, dem Patienten den Rückzug zu ge- währen, gleichzeitig aber auch die Funktion des situativen Augenschließens zu verbalisieren und zum Gegenstand des Therapieverlaufs zu machen.

Innerhalb einer Gruppensitzung könnte diese erste Therapiephase auch beinhalten, dass räumliche Abstände zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern ausgehandelt und ausgelotet werden. Das ist zum einen relativ banal umsetzbar, indem sich jedes Mitglied einen Platz im Raum aussucht, an dem es eine frei gewählte Körperhaltung einnimmt. Es ist ebenfalls Bestandteil der KBT, mit Gegenständen wie Seilen, Stäben, Kissen etc. zu arbeiten, um zwar zum einen Abstände darzustellen, zum anderen dennoch eine Verbindung zu ermöglichen (z.B. wenn das Seil an den Enden festgehalten wird). Der Stab ist ein therapeutisches Mittel, um anzuzeigen, dass ein Abstand eingehalten wer- den muß. Wählt ein Patient den Stab zum darstellen seines Bedürfnisses nach Abstand, so zeigt er damit deutlich die empfundenen Unveränderbarkeit des Abstandes.

Die tiefenpsychologischen Hintergründe dieser eben dargestellten Arbeitsweise der KBT sind die Konzepte des Selbst, der Objektwelt und der Kommunikation (Körpererleben, Raumerleben und Umweltbeziehungen).

Nachdem in der ersten Phase der Therapie nun eine Vertrauensbasis im Sinne einer äußeren Sicherheit geschaffen wurde und der Patient Methoden „erlernt“ hat, die es ihm ermöglichen, sich zurückzuziehen, sich abzugrenzen und die ihm eine innere Sicherheit ermöglichen, ist es nun Bestandteil der Therapie, auf die Suche zu gehen, nach dem Persönlichkeitsanteil, den Erinnerungen, den Emotionen, die dem traumatisierten Patienten unzugänglich, bzw. abgespalten sind (wobei es dabei nicht um ein unbedingtes Wiedererleben der traumatischen Situation geht !).

In der KBT gibt es den Begriff des Agierens, der im erweiterten Sinne oft für alle Reak- tionsweisen im sprachlichen, aber auch vor allem im Handlungsbereich, die therapeu- tisch „unerwünscht“ scheinen, gebraucht wird. Freud umschreibt den Begriff des Agie- rens folgendermaßen:“ Der Analysierte erinnerte überhaupt nichts von dem Vergesse- nen und Verdrängten, sondern er agiert es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, dass er es wiederholt.“

Das Agieren selbst steht also im Dienste des Wiederholungszwanges. Nach Becker (1981) erinnern sich viele Patienten erst über und in der Handlung, dementsprechend es falsch wäre, die Handlung zu unterbinden. Er sieht das Agieren im Sinne des aktuellen Vollzugs (Tat) nicht als Ersatz für das Erinnern sondern als ersten Schritt zur Erinnerungsarbeit. (Becker relativiert hiermit die Bedeutung der Übertragung in der klassi- schen orthodoxen Analyse).

In der Praxis nun geht es darum, das Agieren des Patienten verbal zu deuten. Wie be- reits eingangs erwähnt, ist es im Rahmen von körpertherapeutischen bzw. integrativen Verfahren möglich, mit dem Patienten auf zwei Ebenen zu arbeiten. Zum einen im di- rekten Körperdialog, zum anderen auf der Ebene des verbalen Dialogs. Konkret kann dies bedeuten, dass der Patient während des intensiven Wiedererlebens bestimmter Ge- fühle oder Erinnerungen im Therapiesetting zum einen verbal das Erleben äußert und mitteilt, zum anderen mittels bestimmter Gesten, der Mimik, durch Verhaltensweisen oder durch die Auswahl bestimmter symbolisierender Gegenstände Botschaften vermit- telt, die der ausgebildete Therapeut erkennen, aufgreifen und dem begrifflichen Kreis- lauf zugängig machen kann. Hier kommen dann weitere therapeutische Mittel zum Tra- gen wie das Spiegeln, Deuten und Konfrontieren.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal anführen, dass die KBT ein therapeutisches Verfahren ist, das häufig im Rahmen einer Gruppentherapie stattfindet. Wenn es nun in der zweiten Therapiephase der Posttraumatapatienten um das Aufarbeiten der „verlo- renen“ Gefühlswelt geht, so kann das Gruppensetting durchaus von Vorteil sein, da es die Regel der Abstinenz, die dem Therapeuten auferlegt ist, umgehen kann. Ich selbst habe während meiner Praktikumszeit miterlebt, wie viel an Bewegung in einer solchen Gruppe zu beobachten ist. Es ist zum einen ja so, dass durch die Verschiedenartigkeit der Gruppenmitglieder die Übertragungen des Einzelnen viel differenzierter zu beobach- ten sind, zum anderen entstand aber auch innerhalb der Gruppen oft eine erstaunliche Körperlichkeit. Speziell im Rahmen von Trauerarbeit und in der Behandlung von Posttraumatapatienten kam es zu verschiedensten Interaktionen. Es ging um Festhalten und Loslassen, um Ergreifen, Ablehnen, Sich-zur-Wehrsetzen; Anklammern an Grup- penmitglieder, Geborgenheitsgefühl und vieles mehr. Dieser Aspekt wird als sogenann- tes Probehandeln bezeichnet. Allerdings ist es eine wichtige Aufgabe des Therapeuten, die Tendenzen der Übertragungen wahrzunehmen und aufzuzeigen, um zu vermeiden, dass die einzelnen Mitglieder nicht in bestimmten Rollen verharren, bzw. in der Regres- sion verharren und/oder erneut dissoziieren.

Nachdem die verdrängten Persönlichkeitsanteile wieder erfahrbar und erlebbar gewor- den sind, geht es Rahmen der Therapie mit Posttraumatapatienten um die Annahme des eigenen Schicksals. Es geht darum, mit der eigenen Geschichte friedvoll zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen. Diese umgangssprachliche Beschreibung für Selb- ständigkeit habe ich bewusst gewählt, um zu verdeutlichen, wie symbolhaft und doch zugleich beinahe banal die Übungen der KBT zu sein scheinen. In der letzten Phase der Therapie geht es nun um Übungen wie das feste Stehen auf dem Boden und auf den eigenen Beinen. Aber auch das Wiederentdecken der körperlichen Funtionslust ist Be- standteil dieser letzten Therapiephase. Freie assoziative Körperübungen und dabei das Spüren der eigenen Beweglichkeit und Spontaneität geben der Zurückeroberung des Lebens Ausdruck. Über Partnerübungen (ebenfalls assoziativ und nicht vorgegeben) kann nun auch die eigene Konfliktfähigkeit und wiederum die Abgrenzung geschult werden. Auch bietet der Rahmen der Gruppentherapie die Möglichkeit, Affektabstimmung und -regulierung zu erproben.

8. Die Konzentrative Bewegungstherapie in Beziehung und Abgrenzung zu anderen Therapieverfahren:

Der Versuch, die Methode der KBT von anderen ihr verwandten Therapieverfahren ab- zugrenzen, stößt auf eine Fülle von Schwierigkeiten. Eine Ursache dafür ist, dass die KBT selbst im Schwerpunkt zwei verschiedene Ausrichtungen hat, die vorwiegend von der Ausrichtung und Vorbildung des Therapeuten bestimmt sind. Einmal die Fortführung der von Elsa Gindler geprägten Form, wo von der Gymnastik ausgehend schon im Sinne der freien Körperassoziation Körper, Raum und Umwelt in Bewegungswahrnehmung und passivem Aufnehmen eine individuelle Einstellungsänderung zum (Körper-) Selbst und zur Umwelt angestrebt wird. Die mehr psychoanalytisch orientierte KBT, der sich meine Ausführungen vorwiegend gewidmet haben, nutzt, basierend auf den gleichen Grundprinzipien, das situative Geschehen und das Körper-, Raum- und Kommunikati- onserleben als Einstieg oder Ergänzung zu einer analytischen Therapie, um aufzeigend, deutend und durcharbeitend mit der individuellen Lebensgeschichte des Patienten um- zugehen.

Alle Methoden, die sich im Bereich der Körperdynamik, Wahrnehmung und Kommunika- tion bewegen, sind in der westlichen Welt in der Zeit des Höhepunktes und, wie ich meine, als Folge der Industrialisierung entstanden, als Gegengewicht zur Entfremdung und Isolation. In einem engeren Rahmen, nämlich innerhalb der Psychoanalyse, wurden vor allem durch Pioniere wir Ferenczi und Reich Ergänzungen und Gegengewichte zur körper- und handlungsabstinenten Ausrichtung in der Praxis der klassischen Psychoana- lyse erarbeitet.

Basierend auf Wilhelm Reich kommen vor allem im theoretischen Ansatz die bioenerge- tischen Gruppen der KBT sehr nahe. Die von Reich und später von Lowen beschriebene therapeutische Technik im Umgang mit dem Charakterwiderstand ist ebenfalls Grund- element der KBT. Auch die Möglichkeit und Notwendigkeit des verbalen Durcharbeitens wird in bioenergetischen Gruppen zumindest nach Lowen ähnlich der KBT betont. Grundsätzliche Unterschiede zeigen sich jedoch im Bereich des sozialen Bezuges und im Umgang mit Aggressivität, Bereiche, die eng ineinandergreifen. In der KBT wird die Gruppe vor allem in den sozialen Bezügen des Geschehens in ihr als Mikrokosmos gese- hen, d.h. als ein Abbild des Makrokosmos der Außenwelt. Dies bedeutet unweigerlich, dass ein besonderer Akzent auf der sozialen Bezogenheit liegt, wohingegen in der bio- energetischen Gruppe der Schwerpunkt auf der Einzelarbeit in der Gruppe liegt. Darü- berhinaus und in Bezug dazu bleibt das therapeutische Geschehen in den bioenergeti- schen Gruppen in dem Bemühen vorwiegend des Annehmens stehen, Aggressivität, Ri- valität, Abgrenzung erscheint als zu überwindendes. Lowen beschreibt das Ziel über Annehmen, Anerkennen mit Freiheit, Lust, Freude und dem Gefühl der Einheit. Dies entspricht in vielen Fällen in seinen Grundelementen der ersten Phase des therapeuti- schen Prozesses in der KBT, jedoch im Gegensatz zur bioenergetischen Gruppe im Sin- ne der notwendigen Basis, wobei die KBT jedoch darüber hinausgehend gerade den ex- pansiven, aggressiven Antriebsbereichen als notwendige Voraussetzung zur Individuati- on freien Raum gibt. Die Gefahr in bioenergetischen Gruppen besteht daher meiner Meinung nach darin, dass das Übertragungsgeschehen und die Bindung an die Gruppe einschließlich des Therapeuten so nicht aufgearbeitet werden kann und gleichzeitig ein Übertragen des Gruppengeschehens in die äußere Realität, die soziale Bezogenheit er- schwert ist. Sie negiert die Produktivität und Kreativität aggressiver Antriebsberiche.

9. Literatur

American Psychiatric Association (1996) Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen.DSM-IV. In: Saß H, Wittchen HU, Zaudig M(Hrsg). Hogrefe, Göttingen

Becker H (1981) Konzentrative Bewegungstherapie (KBT). Integrationsversuch von Körperlich- keit und Handeln in den Psychoanalytischen Prozeß. Thieme, Stuttgart New York

Buttollo W, Hagl M, Krüsmann M (1999) Kreativität und Destruktion posttraumatischer Bewältigung. Pfeiffer bei Clett-Cotta, Stuttgart

Butollo W (1995). Selbstunterstützung, Kontakt und Dialog als Komponenten in der integrativen Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen. Hypnose und Kognition, 13 (1-2), 5-22

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Details

Seiten
19
Jahr
2001
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104232
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
Schlagworte
Posttraumatische Belastungsstörung Konzentrative Bewegungstherapie

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Titel: Posttraumatische Belastungsstörung und Konzentrative Bewegungstherapie