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Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Die Szene II/5

Referat / Aufsatz (Schule) 1999 4 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

A. Gliederung

1 Einleitung: Die Szene II/5 als eine der drei Versöhnungsszenen

2 Hauptteil: Die Szene II/5 aus „Nathan der Weise“
2.1 Der Inhalt der Szene
2.2 Die Aufgabe der Szene
2.2.1 Ihre inhaltliche Funktion
2.2.2 Ihre thematische Funktion
2.3 Zur Gestaltung
2.3.1 Versregie
2.3.2 Verhältnis von Vers- und Satzbau
2.3.3 Syntax

3 Schluss: Zusammenfassende Wertung

B. Ausführung

1 Lessings „Nathan der Weise“ ist der repräsentative Text der deutschen Aufklärung. Er vermittelt insbesondere an der zentralen Stelle, der Ringparabel, die Botschaft von Toleranz und Versöhnung. Lessing versteht es, diese in jeder einzelnen Szene aufzunehmen und somit zu erläutern. Besonders klar kommt sie in den drei Versöhnungsszenen, in denen jeweils zwei der Weltreligionen - Christentum, Judentum und Islam - sich miteinander aussöhnen, hervor. Dies geschieht immer symbolisch durch einen Vertreter - Tempelherr, Nathan und Sultan Saladin - der jeweiligen Religion. Eine dieser Szenen ist der 5. Auftritt im 2. Akt, in dem Nathan und der Tempelherr aufeinander treffen.

2 In dieser Szene sucht Nathan den Tempelherrn auf, um sich bei ihm für die Rettung seiner 2.1 Tochter Recha zu bedanken. Anfangs verachtet der Tempelherr Nathan und will keinen Dank annehmen. Er will sich nicht auf ein Gespräch mit einem Juden einlassen. Doch im Fortgang der Unterhaltung merkt der Tempelherr, dass er vorschnell geurteilt hat, und auch Nathan sieht den „Kern“ des Tempelherrn, der nach außen so abweisend ist. Beide erkennen, dass sie trotz ihrer unterschiedlichen Konfessionen doch zwei „Menschen“ sind, die eingesehen haben: Religionen sollten sich gegenseitig tolerieren statt sich zu bekämpfen. Aufgrund dieser Erkenntnis schließen sie am Ende der Szene Freundschaft und Nathan lädt den Tempelherrn ein, Recha kennenzulernen.

2.2 Zunächst hat die Szene eine inhaltliche Funktion: Weil Daja auf die Frage Nathans, ob 2.2.1 sie den Retter Rechas mit Reichtümern und Dank überschüttet habe, diesem in I/1 erklärt, der Tempelherr habe nicht auf sie gehört und sie verspottet, muss Nathan selbst etwas unternehmen. Denn auch seine Tochter Recha, die ihren Retter vergöttert, will ihn noch einmal sehen. In dieser Szene II/5 hat Nathan nun die Aufgabe, den Tempelherrn zu überzeugen, dass er sich ihm verbunden fühlt. Dies gelingt ihm auch, indem er die anfängliche Verachtung durch den Tempelherrn ignoriert und ihn dadurch zum Nachdenken bewegt. Nathan vermutet nämlich gleich zu Beginn der Szene hinter der „bitteren Schale“ einen guten „Kern“. Bald findet Nathan heraus, dass sich der Tempelherr nur verstellt hat, um Recha „ganz Gefühl“ und Daja „ganz Dienstfertigkeit“ zu schützen. Dieses Verständnis bewegt den Tempelherrn sehr und Nathan geht noch einen Schritt weiter: Er bezeichnet den Tempelherrn als „guten Menschen“, der keinen Unterschied zwischen den Menschen macht. Als der Tempelherr zusätzlich auf den Unsinn des derze itigen Kampfes der unterschiedlichen Religionen hinweist, sind für beide die letzten Zweifel beseitigt und es entsteht eine Verbindung von Tempelherr und Nathan, ohne die die spätere Feststellung des Verwandtschaftsverhältnisses von Recha und dem Tempelherrn nicht möglich wäre. Insgesamt lässt sich sagen: Die Szene II/5 besitzt eine versöhnende Aufgabe.

2.2.2 Wenn man nun die thematische Funktion der Szene betrachtet, fällt auf, dass die Botschaften von Toleranz und Versöhnung aus der Ringparabel verdeutlicht werden. Gleich zu Beginn des Auftritts zeigt Lessing eine Quelle der Intoleranz auf: Der Tempelherr bezeichnet Nathan als Juden. Später dagegen (V. 1259) spricht er ihn mit seinem Namen an, da er seinen wahren „Kern“ erahnt. Die Notwendigkeit der Nächstenliebe hebt Nathan hervor, als er darauf hinweist, dass die heldenhafte Tat des Tempelherrn nicht auf seinen Orden, sondern auf seine Menschlichkeit zurückzuführen ist (V. 1270 ff.). In Nathans Vergleich der Menschen bzw. Religionen mit nebeneinander gepflanzten Bäumen (V.1279 ff.) wird klar, dass Religionen, die zu stolz und übermütig werden, sich gegenseitig zerstören. Solche aber, die sich tolerieren und sich der Tatsache bewusst sind, dass sie nicht nur durch sich allein gewachsen sind, haben eine Überlebenschance und „finden sich überall in Menge“. Auch der Tempelherr denkt so. Aufgrund der derzeitigen Lage müssten jedem „die Schuppen von den Augen fallen“ und jeder müsste erkennen, in welcher fatalen Situation sich die drei Weltreligionen befinden. Diese Toleranz drückt Nathan aus, indem er sagt: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude / Als Mensch? (...)“ (V.1310 f.). Er freut sich, in dem Tempelherrn einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Allein deswegen ist eine auch nicht zu vernachlässigende thematische Funktion dieser Szene die der praktizierten Versöhnung zwischen Nathan und dem Tempelherrn, zwischen Judentum und Christentum.

2.3 Die sprachliche Gestaltung dieser Szene verdient besondere Beachtung. Zum Einen die 2.3.1 Versregie: Lessing schreibt das gesamte Drama im Blankvers. Dabei ist es interessant, zu verfolgen, wo er hyperkatalektische Verse setzt. Natürlich treten sie desöfteren am Versende auf, um Sprechpausen, z.B. zwischen Haupt- und Nebensatz, zu verdeutlichen (V. 1285 f.: „Nur mußein Gipfelchen sich nicht vermessen, / Daßes allein der Erde nicht entschossen.“). Doch an anderen Stellen unterbricht er bewusst das Metrum, um auf die Erregtheit des Sprechers aufmerksam zu machen: „(...), / Es für ein andres Leben in die Schanze / Zu schlagen: (...)“ (V. 1218) oder „Und das bekam er, als ich Eure Tochter / Durchs Feuer trug. (...)“ (V. 1245). Bei der Aufteilung der Verse auf die Dialogpartner verwendet der Autor das Stilmittel der Antilabe. Sie drückt die ablehnende Haltung des Tempelherrn besonders gut aus, wenn er Nathan ins Wort fällt und ihn somit unterbricht (V. 1199 - 1202 und V. 1230 -1232). Die Antilabe kann aber auch eine völlig andere Funktion haben. Wenn es heißt „N.: (...) Ah! wenn ich einen mehr in Euch / Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch / Zu heißen! - T.: Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!“ (V. 1311 ff.), dann zeigt dies die Zustimmung des Tempelherrn besonders gut. Im Vers 1317 wird dem Leser bewusst, wie verbunden die beiden Sprecher nun miteinander sind ( „N.: (...) Nur das Gemeine / Verkennt man selten. - T.: Und das Seltene / Vergißt man schwerlich. (...)“). Sie sprechen wie aus einem Munde und Christ und Jude haben eine Gemeinsamkeit gefunden, die sich in der Einheit des Metrums widerspiegelt. Bei ruhigen Gesprächsabschnitten dagegen redet jeder Dialogpartner durchgehend von der ersten Senkung bis zur letzten Hebung.

2.3.2 Beim Verhältnis von Vers- und Satzbau ist auffallend, dass nur selten der Zeilenstil auftaucht. Dies geschieht nur an einigen wichtigen Stellen: „Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.“ (V. 1278). Nathan betont hier, es gebe überall gute Menschen, die sich nicht viel voneinander unterscheiden, selbst wenn sie verschiedene Religionen oder Gestalten haben. Auch bei seiner darauf folgenden Erklärung des toleranten Nebeneinander lässt Lessing ihn im Zeilenstil sprechen (V. 1283 f.). Häufiger tritt das Enjambement auf. Entweder hat der Satz am Versende sowieso einen syntaktischen Einschnitt (V. 1202 - 1204), so dass es nicht als störend empfunden wird, oder aber der Satz wird völlig aus jedem Rahmen herausgenommen und gewaltsam über das Vers- und Zeilenende hinausgeführt: „Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten / Dem besten beizuspringen, dessen Not / Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem / In diesem Augenblicke lästig. (...)“ (V.1213 ff.). Hier durchlebt der Tempelherr beim Erzählen noch einmal seine Heldentat. Ihm wird klar, dass er durch seine Hilfsbereitschaft sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Dieses Aufwühlen der Gefühle soll dem Leser durch den störend wirkenden Zeilensprung verdeutlicht werden.

2.3.3 Zuletzt sollte man noch den Satzbau genauer betrachten. Im Dialog verwendet der Dichter viele Ausrufe, wie im Vers 1194: „(...) Ha! er kömmt. - Bei Gott!“ und im Vers 1220 f.: „(...) Groß! / Großund abscheulich! (...)“, oder kurze Fragen (V. 1199 ff.: „(...) Was? Erlaubt... / Was, Jude? was? (...)“). Wegen der schon erwähnten Unterbrechungen Nathans durch den Tempelherrn stehen oftmals unvollständige Sätze (V. 1199, V. 1208, V. 1269). Ansonsten lässt Lessing seine Figuren im hypotaktischen Stil (V. 1246 ff.) sprechen, worin die zahlreichen Enjambements begründet liegen. Trotzdem werden seine Sätze nicht all zu lang und kompliziert. Auffällig sind auch die unbeantworteten rhetorischen Fragen: „(...) Sind / Wir unser Volk? Was heißt denn Volk? / Sind Christ und Jude eher Christ und Jude / Als Mensch? (...)“ (V. 1308 ff.), ebenso Vers 1297 ff. Bemerkenswert ist noch, dass Nathan und der Tempelherr am Ende des Auftritts, nämlich in den Versen 1306 und 1319, fast den gleichen Satz verwenden: N.: „Wir müssen, müssen Freunde sein! (...)“ vgl. T.: „Wir müssen, müssen Freunde werden. (...)“. Wie als Bestätigung nimmt der Tempelherr den Satz Nathans wieder auf. Ihre Übereinstimmung in der Aussage des Satzes wird durch die gleiche Satzstruktur hervorgehoben.

3 Am Ende der Untersuchung der Szene II/5 kann man durchaus behaupten, dass dieser Szene am Anfang des Dramas eine große Bedeutung zukommt. Sie ist eine erste Andeutung der in der Ringparabel vermittelten Toleranzbotschaft, und ohne das Zusammentreffen Nathans mit dem Tempelherrn wäre die Feststellung der Verwandtschaft Rechas am Dramenende nicht möglich. Einen beträchtlichen Anteil an der Großartigkeit des Werkes Lessings hat seine Sprache, die durch ihre Feinheiten den Inhalt des Dramas unterstreicht.

Details

Seiten
4
Jahr
1999
Dateigröße
330 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104149
Note
Schlagworte
Lessing Nathan Weise Szene II/5

Autor

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Titel: Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Die Szene II/5