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Brecht, Bertolt - Mutter Courage und ihre Kinder - Die "stumme Kattrin" als Gegenfigur zur Mutter Courage

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 5 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Irmgard Fürst

Brecht, Bertolt - Mutter Courage und ihre Kinder

Die "stumme Kattrin" als Gegenfigur zur Mutter Courage

Aufgabe 1

Inwiefern ist die stumme Kattrin als Gegenfigur zur Mutter Courage anzusehen?

- Charakterzüge der stummen Kattrin

Sensibilität:

- Mitgefühl (Mutter Courage: " Koch, wie könnt sie allein mitn Wagen ziehn? Sie hat Furcht vorm Krieg. Sie verträgt nichts. Was die für Träum haben muß! Ich hör sie stöhnen nachts. Nach Schlachten besonders. Was die da sieht in ihre Träum, weißich nicht. Die leidet am Mitleid. Neulich hab ich bei ihr wieder einen Igel versteckt gefunden, wo wirüberfahren haben.") - (Szene 9/S. 93)

- Kinderliebe (Mutter Courage - "Mir ist ein historischer Augenblick, daßsie meiner Tochterübers Aug geschlagen haben. Die ist schon halb kaputt, einen Mann kriegt sie nicht mehr, und dabei so ein Kindernarr, stumm ist sie auch nur wegen dem Krieg, ein Soldat hat ihr als klein was in den Mund geschoppt. - (Szene 6/S.74)

- aber auch voller geheimer Sehnsüchte

(vgl. Episode mit den Schuhen Yvettes: Der Feldprediger und der Koch gehen mit Mutter Courage hinter den Wagen. Kattrin schaut ihnen nach und geht dann von der Wäsche weg, auf den Hut zu. Sie hebt ihn auf und setzt sich, die roten Schuhe anziehend...Kattrin hat begonnen, mit Yvettes Hut auf dem Kopf herumzustolzieren, Yvettes Gang kopierend. - Szene 3/S. 35 ff.,

Mutter Courage: "Die roten Stöckelschuh der Yvette! Sie hat sie kaltblütig gegrapscht. Weil Sie ihr eingeredet haben, daßsie eine einnehmende Person ist! - Szene 3/S. 42,

Mutter Courage, um die verunstaltete Kattrin zu trösten: "Du kriegst was, sei ruhig. Ich hab dir was aufgehoben, du wirst schauen." Sie kramt die roten Stöckelschuhe der Pottier heraus . "Was, da schaust du? Die hast du immer woll ´ n. Da hast du sie. Zieh sie schnell an, daßes mich nicht reut Wen sie nicht mögen, den lassen sie am Leben..." Kattrin läßt die Schuhe stehen und kriecht in den Wagen. - Szene 6/S. 73).

Kattrin als leidende Kreatur, als Opfer des Kriegs:

- Stummsein; später im Gesicht verunstaltet (6. Szene).
- Gewissheit, dadurch nie eine eigene Familie zu haben. "Die ist schon halb kaputt, einen Mann kriegt sie nicht mehr, und dabei so ein Kindernarr, stumm ist sie auch nur wegen dem Krieg, ein Soldat hat ihr als klein was in den Mund gesteckt." (Szene 6/S.74)

Brecht in seinen Anmerkungen zum Couragemodell 1949:

"Es ist notwendig, die stumme Kattrin von Anfang an als intelligent zu zeigen. (Ihr Gebrechen verführt Schauspieler dazu, sie als dumpf zu zeigen.) Sie ist am Anfang frisch und heiter, von ausgeglichener Gemütslage [..]. Die sprachliche Unbeholfenheit teilt sich wohl ihrem Körper mit, jedoch ist es der Krieg, der sie bricht, nicht ihr Gebrechen; technisch gesprochen: Der Krieg mußetwas zum Brechen vorfinden."

- Kattrin und die Mutterliebe der Courage
- Die tröstenden Worte der Courage an Kattrin: Stummheit sei ein Gottesgeschenk ("Sei froh, daßdu stumm bist, da widersprichst du dir nie oder willst dir nie die Zunge abbeißen, weil du die Wahrheit gesagt hast, das ist ein Gottesgeschenk, Stummsein." - (Szene 3/S. 33);
- die Angst der Courage um ihre Tochter beim Angriff der Katholischen ("Was machst denn du mit dem Hurenhut? Willst du gleich den Deckel abnehmen, du bist wohlübergeschnappt? Jetzt, wo der Feind kommt?... Sollen sie dich entdecken und zur Hur machen? Und die Schuh hat sie sich angezogen, diese Babylonische! Herunter mit die Schuh!... Jesus, hilf mir, Herr Feldprediger, daßsie den Schuh runterbringt!..." - (Szene 3/S. 37 f.);
- ihre Verzweiflung nach dem Überfall auf Kattrin ("Was ist, du bistüberfalln worden? Sie ist auf ´ n Rückwegüberfalln worden! Wenn das nicht der Reiter gewesen ist, der sich bei mir besoffen hat! Ich hätt dich nie gehen lassen solln Sie sind schlimmer als ein Tier ... Das kommt davon, daßdu eine anständige Person bist, da schern sie sich nicht drum...Wenn ich w üßt, wie es in ihrem Kopf ausschaut!... Das ist der Krieg! Eine schöne Einnahmequell! ... Der Krieg soll verflucht sein.") - (Szene 6 /S. 72 ff.);
- ihre Entscheidung, bei ihrer Tochter zu bleiben und nicht mit dem Koch nach Utrecht zu gehen ("Ich brauch nix zuüberlegen. Ich laßsie nicht hier... Ich hab ihm gesagt, daßnix wird aus Utrecht, seinem dreckigen Wirtshaus, was solln wir dort? Du und ich, wir passen in kein Wirtshaus. In dem Krieg ist noch allerhand für uns drin...") - (Szene 9 / S. 96f.);
- ihre Trauer um die tote Tochter (Wiegenlied: "Eia popeia, was raschelt im Stroh? ..." - (12. Szene).

Die Gegensätze zwischen Mutter und Tochter zeigen sich besonders in folgenden beiden Szenen:

5. Szene

- Kattrin kümmert sich aktiv um die verwundete Bauernfamilie; unter Einsatz ihres Lebens rettet sie einen Säugling aus einem zerschossenen Haus.
- Mutter Courage bleibt angesichts der Not passiv. Ihr Besitz darf unter der Not anderer nicht leiden.

Mutter Courage : "Ich kann nix geben. Mit all die Abgaben, Zöll und Bestechungsgelder! Kattrin hebt, Gurgellaute ausstoßend, eine Holzplanke auf und bedroht ihre Mutter damit.

Mutter Courage: "Bist duübergeschnappt? Leg das Brett weg, sonst schmier ich dir eine, Krampen! Ich gib nix, ich mag nicht, ich mußan mich selber denken."...

Aus dem Haus kommt eine schmerzliche Kinderstimme. Der Bauer: "Das Kleine ist noch drin!" Kattrin rennt hinein... Kattrin bringt einen Säugling aus der Trümmerstätte.

Mutter Courage: "Hast du glücklich wieder einen Säugling gefunden zum Herumschleppen? Auf der Stell gibst ihn der Mutter, sonst hab ich wieder einen stundenlangen Kampf, bis ich ihn die wieder herausgerissen hab, hörst du nicht? ... Da sitzt sie und ist glücklich in all dem Jammer, gleich gibst es weg..."

11. Szene

- Ihre Sprachlosigkeit hält Kattrin nicht vom Handeln ab: vgl. die Wendung "Der Stein beginnt zu reden" in der vorangestellten Inhaltsangabe (Januar 1636. Die kaiserlichen Truppen bedrohen die evangelische Stadt Halle. Der Stein beginnt zu reden.../ (S. 99). ( Die Bäuerin zu Kattrin: "Bet, armes Tier, bet! Wir können nix machen gegen das Blutvergießen. Wenn du schon nicht reden kannst, kannst doch beten. ER hört dich, wenn dich keiner hört Vater unser, der du bist im Himmel, hör unser Gebet, laßdie Stadt nicht umkommen mit alle, die drinnen sind und schlummern und ahnen nix. Erweck sie, daßsie aufstehn und gehen auf die Mauern und sehn, wie sie auf sie kommen mit Spießen und Kanonen in der Nachtüber die Wiesen, herunter vom Hang. Zu Kattrin: "Beschirm unsre Mutter und mach, daßder Wächter nicht schläft, sondern aufwacht, sonst ist es zu spät. Unserm Schwager steh auch bei, er ist drin mit seine vier Kinder, laßdie nicht umkommen, sie sind unschuldig und wissen von nix." Zu Kattrin, die stöhnt: " Eins ist unter zwei, dasälteste sieben." ... Kattrin beginnt, auf dem Dach sitzend die Trommel zu schlagen, die sie unter ihrer Schürze hervorgezogen hat.
- Kattrin weiß, daßihr Trommeln das eigene Todesurteil bedeutet, sie läßt sich nicht einmal durch die Verwüstung des Wagens davon abhalten, der Existenzgrundlage ihrer Mutter. (Kattrin stößt, verzweifelt nach ihrem Wagen starrend, jämmerliche Laute aus. Sie trommelt aber weiter... Der Fähnrich ... hinauf, während das Gewehr auf die Gabel gestellt wird: "Zum allerletzten Mal: Hör auf mit Schlagen!"... Kattrin trommelt weinend so laut sie kann Kattrin, getroffen, schlägt noch einige Schläge und sinkt dann langsam zusammen.)
- Mutter Courage hat es hingegen immer versäumt, ihrem Reden auch das konsequente Handeln folgen zu lassen: vgl. ihre Verfluchung des Kriegs am Ende der 6. Szene und Beginn der 7. Szene / S. 74: " Der Krieg soll verflucht sein." - Ich laßmir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leut besser."

Lösung:

Inwiefern ist die stumme Kattrin als Gegenfigur zur Mutter Courage anzusehen?

Die Gegensätze zwischen der stummen Kattrin und ihrer Mutter zeigen sich besonders gut in der 5. und in der 11. Szene. Die 5.Szene spielt in einem zerschossenen Dorf in Bayern, in dem Courages Planwagen steht. Zwei Soldaten fordern vergeblich Schnaps; sie können nicht dafür zahlen, weil der Feldhauptmann die Plünderungen zu früh abgebrochen und sie so um ihren "Sold" geprellt hat. Da kommt der Feldprediger aufgeregt herbei. Er hat eine verletzte Bauernfamilie im Hof entdeckt und fordert von Courage Leinen, um die Wunden zu verbinden. Diese lehnt entrüstet ab: "Ich hab keins. Meine Binden hab ich ausverkauft beim Regiment. Ich zerreißfür die nicht meine Offiziershemden." Sie hindert Kattrin, die in helle Aufregung geraten ist, daran, das nötige Material aus dem Wagen zu holen: "Ich gib nix. Die zahlen nicht, warum, die haben nix." Vom Feldprediger ungeduldig nach dem Leinen befragt, antwortet sie, obwohl sie den jämmerlichen Zustand der Verletzten sieht: "Ich kann nix geben. Mit all die Abgaben, Zöll, Zins und Bestechungsgelder!." Da greift Kattrin in ihrer stummen Verzweiflung nach einer Holzplanke und bedroht damit ihre Mutter. Anders weißsie sich nicht zu helfen. Die Courage reagiert darauf nur mit Wut und weiterem Starrsinn. Daßdie eigene Tochter sich auf solche Weise gegen sie wendet, erfüllt sie nur mit vorübergehendem Zorn ("Bist duübergeschnappt? Leg das Brett weg, sonst schmier ich dir eine , du Krampen!"), dann ist sie gleich wieder beim Thema, ihrem Thema: "Ich gib nix, ich mag nicht, ich mußan mich selber denken." In diesem Ausspruch zeigt sich der krasse Gegensatz zwischen den beiden Charakteren:

Selbstlosigkeit und Menschlichkeit stehen gegen eine Profitgier, die jedes Mitgefühl abtötet. (Die Courage selbst sagt in der 9. Szene von Kattrin: "Die leidet am Mitleid." Sie spricht von diesem Charakterzug ihrer Tochter wie von einer Krankheit.)

DaßKattrin in ihrem Mitgefühl für die Not anderer auch nicht davor zurückschreckt, ihr Leben einzusetzen, beweist sie gleich im anschließenden Geschehen. Als sie in dem vom unmittelbaren Einsturz gefährdeten Bauernhaus eine kläglich weinende Kinderstimme hört, zögert sie keinen Augenblick. Sie dringt in das Gebäude ein und rettet einen Säugling vor dem sicheren Tod. Die Mutter will ihr wohl nach, warnt sie vor der Gefahr, ruft die anderen um Hilfe an, aber gleichzeitig gilt ihre Aufmerksamkeit auch in dieser Situation dem "teuren Leinen", das sie gefährdet sieht. Die Erhaltung des Eigentums, das materielle Interesse hat Priorität vor Kinderliebe, vor Mutterinstinkt. (Ihren Sohn Schweizerkaas kostet dieses Verhalten das Leben.) Kattrin hingegen ist schon selig, wenn sie ein fremdes Kind in den Armen halten kann. Ihre Sehnsucht, Frau und Mutter zu sein, ihre starke Liebesfähigkeit bricht in solchen seltenen Augenblicken mit aller Macht hervor. Alles andere scheint dann rund um sie unwichtig geworden zu sein, Trümmerwerk, Kampfgeräusche, eben überstandene Lebensgefahr, Tote und Verletzte - das Kind in den Armen halten zu können, macht sie glücklich. Ihr Mutterinstinkt ist übermächtig. Der Courage ist dieses Verhalten eher lästig: "Hast du glücklich wieder einen Säugling gefunden zum Herumschleppen? Auf der Stell gibst ihn der Mutter, sonst hab ich wieder einen stundenlangen Kampf, bis ich ihn dir herausgerissen hab, hörst du nicht?" Sie nimmt sich keine Zeit, um ihrer Tochter, die so wenig Chancen auf eigene Mutterschaft hat, das kurze Glück zu gönnen, geschweige kann sie sich mit ihr freuen. "Da sitzt sie und ist glücklich in all dem Jammer, gleich gibst es weg, die Mutter kommt schon zu sich."

Schon richtet sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Möglichkeit, bestohlen zu werden. Sie entdeckt den ersten Soldaten, der sichüber die Getränke hergemacht hat und jetzt mit der Flasche wegwill "Du Vieh, willst du noch weitersiegen? Du zahlst." Zu Beginn der 5. Szene hatte der Soldat nach Schnaps verlangt, konnte aber nicht zahlen, weil der Feldhauptmann nach dem Sieg die Plünderei zu rasch abgebrochen und seine Leute damit um den erwarteten Profit gebracht hatte. In keinem Augenblick erinnert das Schicksal eines den Kriegswirren ausgelieferten Soldaten die Mutter an den eigenen Sohn, der als Soldat dient. Daßsie ihm stellvertretend etwas Gutes tun könnte, kommt ihr nicht in den Sinn. Wenn es um Hilfeleistung geht, bleibt sie passiv, ganz im Gegensatz zu Kattrin, die grundsätzlich spontan zugunsten derer aktiv wird, die in Not sind.

Besonders deutlich wird dies in der 11. Szene, als Kattrin sich opfert, um die gefährdeten Stadtbewohner zu warnen. Sie ist sich bewußt, daßihr Verhalten für sie tödliche Folgen haben muß. Doch die Vorstellung, daßMänner, Frauen und Kinder im Schlaf dahingemetzelt werden sollen, erträgt sie weniger als das Wissen um den eigenen Tod. Zu stark ist das grauenvolle Bild in ihr, das die Bauersfrau im Gebet von der nahen Zukunft der Stadt entstehen hat lassen (Erweck sie, daßsie aufstehn und gehen auf die Mauern und sehn, wie sie auf sie kommen mit Spießen und Kanonen in der Nachtüber die Wiesen, herunter vom Hang... unserm Schwager steh auch bei, er ist drin mit seine vier Kinder, laßdie nicht umkommen, sie sind unschuldig und wissen von nix..") . Den Aufruf des Gebetes bezieht Kattrin auf sich. Trotz ihrer Stummheit findet sie in ihrer Verzweiflung einen Weg, um die Städter zu warnen. Sie begnügt sich nicht mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, das die Bäuerin ihr vermittelte: Bet, armes Tier, bet! Wir können nix machen gegen das Blutvergießen.

Wenn du schon nicht reden kannst, kannst doch beten. Er hört dich, wenn dich keiner hört." Kattrin weiß, daßnur aktiver Widerstand etwas bewirken kann, und daßdieses aktive Eingreifen ins Kriegsgeschehen Priorität haben mußvor dem eigenen Leben. Damit wird sie zur Verkünderin von Brechts Anliegen: Menschlichkeit vor Profitsucht, aktiver Widerstand vor passivem Geschehenlassen - nur so können Kriege verhindert werden.

Die Courage verliert auch ihr letztes Kind - sie ist in Geschäften unterwegs. Nach kurzer Trauer zieht sie mit ihrem heruntergekommenen Wagen weiter. Sie hat nichts gelernt. Der Krieg hat keinerlei Veränderung in ihr bewirkt.

Kattrin, die trotz ihrer Schicksalsschläge - Stummheit infolge Mißbrauchs, Vergewaltigung und Verunstaltung - eine ungeheure Kraft entwickelte und diese in den Dienst der Menschlichkeit stellte, gilt schließlich als Wegweiserin für eine bessere Welt. Sie selbst konnte nichts von all dem genießen, wonach sie sich so sehr gesehnt hatte in ihren Mädchenträumen. Nur eines gelang ihr: Ihrer Vorstellung von Menschlichkeit gerecht zu werden!

Aufgabe 2

Beschreibe den Charakter der Mutter Courage!

Ausgangspunkt: Dialektische Anlage der Courage als Geschäftsfrau und Mutter - auf der einen Seite Hyäne des Schlachtfelds (8/S.82), auf der anderen Seite Verpflichtung gegenüber ihren Kindern, die Sorge um sie. Vgl. Kommentar Brechts: "Die C. ist Geschäftsfrau, weil sie Mutter ist. sie kann nicht Mutter sein, weil sie Geschäftsfrau ist."

Szenen, in denen der Geschäftssinn der Mutter Courage gezeigt wird - und wie er mit anderen Interessen kollidiert:

- Schnallenhandel, währenddessen sich Eilif als Soldat anwerben lässt (l. Szene).
- Das Feilschen um den Planwagen dauert zu lange, als dass Schweizerkas dadurch ausgelöst werden kann (3. Szene).
- Die Courage sieht ein, dass Aufbegehren schädlich fürs Geschäft sein könnte (4. Szene).
- Die Sorge um ihre Offiziershemden ist größer als ihre Anteilnahme am Schicksal der ausgeplünderten Bauernfamilie (5. Szene).
- Angst vor dem Frieden, der die Geschäfte ruiniert (6. Szene).
- Klage über den Frieden (8. Szene).

In der 9. Szene schlägt die Courage die materiell halbwegs gesicherte Zukunft an der Seite des Kochs aus. Sie will ihre Tochter nicht alleine lassen - ein Opfer, das sie kurzfristig dem Publikum menschlich etwas näher kommen lässt. Allerdings ist Mutterliebe für diesen Entschluss allein nicht maßgeblich: "In dem Krieg is noch allerhand für uns drin." (S. 96)

Aufgabe 1 + Lösung

Mutter Courage und ihr Einfluss auf die Kinder

"Ich kann nicht warten, bis der Krieg gefälligst nach Bamberg kommt."

Diese Worte, gleich im ersten Bild gesprochen, zeigen, wie fest entschlossen die Courage ist, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen. Der Feldprediger nennt sie zurecht "Hyäne des Schlachtfeldes": Die Courage lebt von dem, was der Krieg für sie "abwirft".

Sie ist sich sehr wohl der Gefahren, die der Krieg für ihre Kinder in sich birgt, bewußt, und bemüht, sie aus den Kriegshandlungen herauszuhalten, während sie gleichzeitig ihre Geschäfte abwickelt. Daßdiese Rechnung nicht aufgehen kann, wird schon am Schlußder ersten Szene deutlich, als der Feldwebel die ahnungsvollen Worte spricht:

"Will vom Krieg leben, wird ihm wohl müssen auch etwas geben."

An dem Widerspruch im Denken und Handeln der Courage gehen alle ihre Kinder zugrunde.

Eilif, ... er ist mein kühner und kluger Sohn..." (Szene 2), geht zugrunde, weil er sich mit dem Profitdenken der Mutter identifiziert hat. Er hat jedoch in seinem jungen Leben nur gelernt, was dem Soldaten nützlich ist: Plünderung und Vergewaltigung im feindlichen Lager. Die Gesetze des friedens blieben ihm fremd. Im Krieg gilt er als Held, weil er brutal handelt und wird für dieselben Taten ausgezeichnet, für die er im Frieden mit dem Tod bestraft wird "der Courage kühner Sohn vollbringt eine Heldentat zuviel und findet ein schimpfliches Ende" (Szene 8). Er hat nur gelernt, nach ökonomischen Gesichtspunkten zu handeln, nicht nach moralischen, deshalb mußer sterben. "Ich hab nix andres gemacht als vorher auch..."

Ihren Sohn Schweizerkas hat die Mutter als " redlich " eingestuft."Vergißnicht, daßsie dich zum Zahlmeister gemacht haben, weil du redlich bist und nicht etwa kühn wie dein Bruder, und vor allem, weil du so einfältig bist, daßdu sicher nicht auf den Gedanken kommst, damit wegzurennen, du nicht. Das beruhigt mich recht"(Szene 3). Er ist ihr nicht raffiniert genug, um durch Profitdenken seinen Weg zu gehen. Also hat er sich dem Prinzip der Redlichkeit unterzuordnen. Die Courage bedenkt dabei nicht, daßRedlichkeit mitunter auch sinnlos werden kann, wenn sie nichts anderem dient als dem Prinzip. Als ihr die verhängnisvollen Folgen ihrer Erziehung bewußt werden, ist es zu spät:"..deine Gewissenhaftigkeit macht mir fast Angst. Ich hab dir beigebracht, du sollst redlich sein, denn klug bist du nicht, aber es mußseine Grenzen haben..."(Szene 3). Schweizerkaas stirbt, weil er meint, unter allen Umständen eine Kasse verteidigen zu müssen, deren Inhalt die Weiterführung des Krieges nur unterstützen würde. Der Sinnlosigkeit dieses Prinzips opfert er sein Leben. Die Mutter, die ihn durch Bestechung retten könnte, feilscht, ihrem eigenen Prinzip gehorchend, zu lange um den Preis der Befreiung.

Die Tochter Kattrin wird von der Courage als die unschuldige, stumme, gequälte Kreatur angesehen, die im Verlauf der Handlung auch die letzte Chance auf Erfüllung ihrer Wünsche und Träume verliert. Die Mutter hat hier nichts als ein trostloses Leben zu hüten."...du bist selber ein Kreuz, du hast ein gutes Herz...halt dich immer recht still, das kann nicht schwer sein, wo du doch stumm bist.."(Szene 1). Sie weiß, daßdieses "gute Herz" Kattrin nichts "nützen" wird."Die leidet am Mitleid". (Szene 9) Die Courage spricht von diesem Wesenszug ihrer Tochter wie von einer Krankheit, auf die sie keinen Einflußhat. Die Prinzipien der Mutter werden von Kattrin trotz deren starker Kindesliebe verabscheut. Obwohl vergewaltigt und verunstaltet, zögert sie nicht, mit den geringen Mitteln, die ihr zuletzt noch zur Verfügung stehen, Widerstand zu leisten, indem sie sich dem Gesetz der Anpassung verweigert. Sie greift aktiv in das Geschehen des Krieges ein, indem sie uneigennützig ihr Leben dafür opfert, um das Leben vieler zu retten. Ihr Handeln wirkt revolutionär und als Signal (zumindest für den Bauernburschen, der ihr Unternehmen unterstützt.) - So ist die Figur der Kattrin als"Anti-Courage"zu verstehen, als die andere Möglichkeit : Sie akzeptiert den Krieg nicht als schicksalhaft gegeben, sie liefert sich der gesellschaftlichen Ordnung nicht aus, sondern zeigt die Möglichkeit einer opferbereiten, aktiven , kritischen Haltung auf.

Kattrin, die sich keiner der mütterlichen Lehren untergeordnet hat, sondern ihrer Menschlichkeit immer treu blieb, stirbt wohl auch wie die Geschwister, aber nicht ruhmlos wie Eilif und nicht sinnlos wie Schweizerkaas. Ihr Tod rettet das Leben vieler anderer Menschen. Er "nützt" den anderen. Mit der Erfüllung dieses Prinzips steht Kattrin vollkommen im Gegensatz zur Mutter.

Bei dieser brechen die Gefühle nur einmal durch, als Kattrin überfallen und verunstaltet wird, und sie verflucht den Krieg (Szene 6). Doch bereits in der nächsten Szene, als die Geschäftserfolge ihren Höhepunkt erreichen, ist die Courage wieder in ihrem Element:

"Ich laßmir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leute besser."

Die Courage lebt, sich dessen nicht bewußt, in einem fortwährenden Widerspruch: Einerseits glaubt sie, das beste für ihre Kinder zu wollen, andererseits verliert sie ein Kind nach dem anderen, weil sie ihr wirtschaftliches Interesse über alles andere gestellt hat.

Die Grundhaltung der Courage zu Krieg und Gesellschaft kann aus dem "Lied von der großen Kapitulation" erkannt werden: "Man mußsich stelln mit den Leuten, eine Hand wäscht die andre, mit dem Kopf kann man nicht durch die Wand...Und sie marschiern in der Kapell im Gleichschritt..." (Szene 4: Die Courage belehrt den jungen Soldaten, der noch an Gerechtigkeit glaubt, daßdie Wut nicht lange anhalte, weil man den Geschäften zuliebe ja doch irgendeinmal kapitulieren müsse). "Anpassung" also ist die Lehre, die die Courage dem jungen Soldaten auf den Weg gibt. Die veränderte Haltung des Soldaten, der, dem Rat der Mutter folgend seinen Idealismus und seine Menschlichkeit dem "Gleichschritt" opfert, hat jedoch zur Folge, daßer die Tochter Kattrin töten läßt (Szene 12).

Details

Seiten
5
Jahr
2001
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104146
Note
Schlagworte
Brecht Bertolt Mutter Courage Kinder Kattrin Gegenfigur

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Titel: Brecht, Bertolt - Mutter Courage und ihre Kinder - Die "stumme Kattrin" als Gegenfigur zur Mutter Courage