Lade Inhalt...

Büchner, Georg - Sozialrevolutionär

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 11 Seiten

Biographien

Leseprobe

Gliederung

I. Biografische Angaben

II. Politisches Umfeld seiner Jugendzeit

III. Studium in Straßburg
1. Einflußder Bewegungen in Frankreich auf Büchners politisches Verständnis

IV. Studium in Gießen
1. Büchner entscheidet sich zur aktiven politischen Arbeit
2. 'Der Hessische Landbote'
3. Gründung der 'Gesellschaft der Menschenrechte'
4. Verrat der Verschwörung und damit Einschränkung der politischen Arbeit
5. Die Flucht nach Straßburg

V. Straßburg - Das Ende des politischen Engagements Büchners

VI. Beweggründe für sein sozial-revolutionäres Engagement

Georg Büchner - Sozialrevolutionär

Georg Büchner wurde am 17.Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren. Er starb am 19.Februar 1837 an einer Typhuserkrankung in Zürich. Sein schmales literarisches Werk umfaßt die revolutionäre Flugschrift "Der Hessische Landbote", die vollständig erhaltenen Dramen "Dantons Tod" und "Leonce und Lena", die "Woyzeck"- Fragmente sowie die Erzählung "Lenz". Sein Schaffen wird heute der literarischen Epoche des Vormärz, ca. 1830 bis 1848, zugeordnet. Diese Epoche war geprägt von einer engagierten Literaturproduktion, die wiederum den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch dieser Jahre spiegelte.1

Büchner wuchs in seinem Elternhaus in Darmstadt auf, das zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehörte. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung des Großherzogtum Hessen-Darmstadt, das in dieser Form seit 1806 existierte, bestand aus Bauern, Handwerkern und kleineren Gewerbetreibenden. Es besaßallerdings erst seit 1820 eine Verfassung, die die Repräsentation der Bürger in der Zweiten Kammer des Landtags vorsah. Tatsächlich aber waren die Bauern, Handwerker und kleineren Gewerbetreibenden in der gesetzgebenden Versammlung kaum vertreten. Die der Regierung unbequeme Zweite Kammer , die vornehmlich aus Vertretern des besitzenden Bürgertums bestand, gelang es auch nicht, politische Reformen wirksam zu betreiben und wurde später schließlich durch die Landtagsauflösung im Oktober 1834 unschädlich gemacht. Soziale Mißstände, die vor allem die Landbevölkerung und unter dieser die Bauern im dünn besiedelten Oberhessen betrafen, führten in den 20er und 30er Jahren zur zunehmenden Verarmung des Landes. In dieser Gesellschaft wurde bereits früh Büchners politisches Interesse geweckt, wie einige seiner überlieferten Schriften aus der Gymnasialzeit beweisen. So z.B. sein Aufsatz "Helden-Tod der vierhundert Pforzheimer", indem er sowohl sein literarisches und rhetorisches Können unter Beweis stellte als auch zum ersten Mal seine Sympathie für die Französische Revolution bekundete.

Nachdem er am 1.11.1831 seine Heimatstadt verließ, um sein Studium auf Wunsch des Vaters hin in Straßburg zu beginnen, bekam er Gelegenheit seine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen zu vertiefen. Denn Straßburg präsentierte sich als intellektuelles und politisches Zentrum von europäischem Format, dessen politisches System weit fortgeschrittener war als in seiner Heimat. Während seines zweijährigen Aufenthaltes erlebte er die wachsende Macht der Geldaristokratie, die Verschmelzung von politischer und wirtschaftlicher Macht und die Etablierung des Juli-Königtums, d.h. die Beseitigung der feudalen Vorherrschaft sowie die Eindämmung revolutionärer Ideen durch den Abbau republikanischer Organisationen. Was Büchner aber wahrscheinlich am meisten beeindruckte war das Engagement einiger Bürger, die sich weiterhin für ihre Belange einsetzten, indem sie legale und konspirative, z.T. kampfbereite Organisationen auf regionaler und nationaler Ebene gründeten, da Bauern und Arbeiter weiterhin von einer politischen Mitbestimmung ausgeschlossen blieben. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass Büchner neben seinem Studium Kontakt mit der politischen Studentenschaft aufnahm und daraufhin häufiger Gast in der Theologenverbindung Eugenia wurde, in der sich philosophisch, theologisch und literarisch interessierte Studenten austauschten. Die soziale Frage war in den Diskussionen der Eugenia, in der er um Pfingsten 1832 zum Dauergast ernannt wurde, auch schon vor Büchners Hinzukommen behandelt worden, aber die Debatten gewannen mit ihm an Schärfe.

Laut Sitzungsprotokoll vom 5.Juli 1832 "schleuderte" B, "dieser so feurige und so streng republikanisch gesinnte deutsche Patriot...wieder einmal alle möglichen Blitze und Donnerkeule, gegen alles was sich Fürst und König nennt".2 Aufgrund der geografischen Lage sowie der liberalen Asylpraxis machten viele deutsche Flüchtlinge, denen in der Heimat jede publizistische Tätigkeit untersagt worden war, gegen die eine Strafanzeige vorlag oder nach denen wegen hochverräterischer Triebe gefahndet wurde, Straßburg zu ihrer Exilheimat. Somit befand sich in Straßburg eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von republikanisch gesinnten Deutschen, die dort während ihres Aufenthaltes eng mit den ihnen gleichgesinnten französischen Revolutionären zusammenarbeiteten. Höhepunkt dieser Kooperation war das Hambacher Fest vom 27.Mai 1832 bei Neustadt an der Weinstraße, bei dem etwa 30000 Leute wirtschaftliche Veränderungen forderten und für bürgerliche Freiheit sowie nationale Einheit demonstrierten. Allerdings hatte das Hambacher Fest bundesweite Sanktionen gegen die Opposition zur Folge, wodurch jede politische Veranstaltung verboten wurde. Damit war die außerparlamentarische Arbeit nur noch illegal möglich und das zersplitterte Deutschland noch weiter von einer Republik entfernt als zuvor. Dies veranlaßte die Opposition, überwiegend aus Studenten und Intellektuellen bestehend, zur Vorbereitung eines Aufstandes, der jedoch kläglich scheiterte: Der Sturmangriff auf die Frankfurter Polizeiwachen und die geplante Besetzung der Delegiertenversammlung glückte nicht und schadete ihnen letztendlich sogar mehr als er ihnen nützte. Der Aufstand wurde zum einen durch den Bürger Johann Konrad Kuhl verraten und zum anderen wurde die politische Gesamtsituation falsch eingeschätzt, denn 1833 war die politische Situation zu stabil und die materiellen Verhältnisse nicht unerträglich genug, um einen Sturz des ganzen Systems herbeizuführen. Georg Büchner, der die Geschehnisse von Straßburg aus verfolgte, hielt den Zeitpunkt des Aufstandes für falsch, da er sich der Problematik bewußt war. Dies belegt ein Brief an seine Familie vom April 1833, in dem er schreibt: "Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen und an dem was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung, noch aus Furcht, sondern nur weil ich im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen."3 Prinzipiell stellte er sich trotzdem auf die Seite der Attentäter, da er ihre Ziele für ehrbar hielt und die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt erkannte, was er in dem eben genannten Brief deutlich zum Ausdruck brachte: "Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll so ist es Gewalt."4

Inspiriert wurde Büchner in Straßburg von verschiedenen Organisationen der französischen Linksopposition, die republikanische, soziale und demokratische Ziele verfolgte. Die 'Volksfreunde', die später verboten wurde, waren eine von diesen Organisationen. Sie engagierten sich für die soziale Reform, die vage als "gleiche Verteilung von Lasten und Gewinn und vollkommene Herrschaft der Gleichheit" definiert wurde.5 Eine weitere war die 'Société des Droits de l'homme et du citoyen', in der er nach Aussage eines Darmstädter Mitverschworenen auch Mitglied gewesen sein soll6, was sich allerdings nicht nachweisen läßt, da konspirative Gruppen verständlicherweise wenig Spuren hinterließen. Diese 'Gesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte' war weitaus straffer und konspirativer organisiert und schärfer sozial geprägt als die 'Volksfreunde'. Eine radikale Kraft bildete die dritte Gruppe, die sich an den Lehren von Francois Noel Babeuf orientierte, der die Aufhebung des Privateigentums und "die große nationale Gütergemeinschaft" propagierte7. Büchner übernahm wesentliche Positionen des konspirativen frühkommunistischen Neobabouvismus8, der u.a. von diesen Gruppierungen vertreten wurde. Die Beobachtungen, die er in Straßburg machte, prägten auch sein späteres revolutionäres Wirken in Deutschland, wohin er im Sommer 1833 zurückkehrte.

Als er im September sein Studium in Gießen aufnahm waren viele seiner ehemaligen Freunde und Mitschüler, die am Frankfurter Wachensturm teilnahmen, flüchtig oder saßen im Gefängnis. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb entschloßer sich aktiv in das politische Geschehen einzugreifen. Das persönliche Engagement schien ihm der sinnvollste Weg zu sein, etwas an den verhassten politischen Verhältnissen in Oberhessen, wo die bürgerlichen Freiheitsrechte aufgehoben und politische Gegner inhaftiert wurden, zu verändern. Diese These unterstützt die Beschreibung Büchners durch Wilhelm Schulz 1837 : "Der so reich begabte junge Mann war mit zu viel Tatkraft ausgerüstet, als dass er bei der jüngsten Bewegung im Völkerleben...in selbstsüchtiger Ruhe hätte verharren sollen...Ein Feind jeder töricht unbesonnen Handlung... haßte er doch jenen tatenlosen Liberalismus... und war zu jedem Schritte bereit, den ihm die Rücksicht auf das Wohle seines Volkes zu gebieten schien."9 Der erste Schritt in die politische Konspiration war ein Meineid, den er leistete um einen ehemaligen Mitschüler zu entlasten und der später auch zu dessen Freilassung beitrug. Eine Veränderung der gegebenen Verhältnisse zeichnete sich nicht ab; die Regierung war nicht willens, die Landtagsopposition zu schwach und nach Büchners Meinung an tiefgreifenden sozialen Reformen auch nicht interessiert, obwohl die sozialen Mißstände offensichtlich waren: In Oberhessen waren viele Bauern der Doppelbelastung durch traditionelle Abgaben an die feudalen Großgrundbesitzer und durch neue Landessteuern der Regierung ausgesetzt, was die Hauptursache der stetigen Verarmung der Landbevölkerung war. Für 40 bis 45% der Erwerbstätigen, Kinder ab 12 und Greise eingerechnet, galt ein Arbeitstag von 12 bis 18 Stunden. Büchner war sich bewußt, dass eine Veränderung nur durch Unterstützung eben dieser unterdrückten großen Masse war, die kein politisches Mitspracherecht besaßund zudem von gleich zwei Seiten ausgebeutet wurden. In einem Brief aus seiner Zeit in Straßburg schreibt er: "Ich...habe in neuerer Zeit gelernt, dass nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, dass alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist."10 Auch beim Studium der Geschichte fand er kein Konzept die Mißstände zu beseitigen, doch er begriff, dass sich Kämpfe zwischen ausbeutenden und ausgebeuteten Klassen immer wiederholen und dass eine bis dahin unterdrückte Klasse das alte Regime nur durch Gewalt stürzen und darauf ihre eigene Herrschaft ebenfalls nur durch Gewalt etablieren konnte. Durch den Entschlußsich politisch zu engagieren, machte er sich nicht viele Freunde während seines Studiums in Gießen, da sich viele Studenten nicht mit seinen revolutionären Äußerungen anfreunden konnten. Hinzu kam noch, dass er sich selten mit anderen Studenten abgab, weshalb er als hochmütig und arrogant angesehen wurde. Sein Freundeskreis beschränkte sich wahrscheinlich auf drei Leute: Theodor Sartorius, über den wenig in Erfahrung zu bringen ist, August Becker und Hermann Trapp. Trapp , ehemaliger Mitschüler Büchners, war politisch sehr engagiert und arbeitete aktiv für die oberhessischen Republikaner. August Becker gehörte wie Trapp der radikalen Burschenschaft an und half auch bei der Verbreitung republikanischer Schriften. Er war häufig im politischen Auftrag Friedrich Ludwig Weidigs, dem Kopf der revolutionären Bewegung in den dreißiger Jahren, unterwegs und machte Weidig vermutlich auch mit Büchner bekannt.

Der protestantische Pfarrer Dr. Friedrich Ludwig Weidig (1791-1837) war Rektor in Butzbach, dem Zentrum der liberalen wie republikanischen Opposition in Oberhessen und Mitbegründer mehrerer deutsch-patriotischer Gesellschaften, die die Herstellung des deutschen Einheitsstaates zum Ziel hatten. Wie Büchner war Weidig, der seit 1814 an der Spitze der Oppositionellen stand, entschiedener Befürworter des gewaltsamen Umsturzes und von dessen Notwendigkeit überzeugt. Seiner Überzeugung nach war die Verbindung von aufklärerischer Volksagitation und unmittelbarer Gewaltanwendung der beste Weg einen Sturz der Regierung herbeizuführen. Als Mitorganisator des gescheiterten Wachensturms vertrat er die Meinung, man müsse das "Landvolk" "belehren, in welchem Zustand es lebe und in welchem es leben könnte, um es zum Aufstand "gegen seine Regierungen"11 zu bewegen. Weidigs politisches Ziel bestand nach wie vor in der Beseitigung der feudalen Zersplitterung, wobei sich er sich aus taktischen Gründen weder auf die Republik noch auf die konstitutionelle Monarchie festlegen ließ, die er wohl favorisiert hat. Gemeinsam beschlossen Büchner und Weidig die Anfertigung einer Flugschrift, was Büchner bereits als Student in Straßburg in Erwägung gezogen hatte. Da ein Umsturz nur durch die Unterstützung der großen Masse zu vollbringen war, lautete das primäre Ziel, das Volk durch Kampfschriften für sich zu gewinnen. Büchner wusste, dass die Bedingungen für eine Revolution erst einmal geschaffen werden musste. Die Revolution sollte eine organisierte Unternehmung werden, die, vorbereitet durch Flugschriften, die materiellen Interessen des Volkes mit den politischen Zielen der bürgerlichen Revolutionäre vereinigte. Frühere Flugschriften konnten die große Masse nicht überzeugen, weil sie sich nicht mit politischen Ideen auseinander setzte, sondern mit ihrem eigenen materiellen Elend zu schaffen hatte.

Aus diesem Grund mussten die Flugschriften direkt zur Sache kommen und den Ausbeutungscharakter des Staates aufzeigen. Wahrscheinlich von Weidig erhielt Büchner eine Statistik auf deren Grundlage er die revolutionäre Flugschrift im März 1834 entwarf, denn in der Polarisierung zwischen Arm und Reich ließsich dies anschaulich darstellen. Büchners Flugschrift, die später durch die Parole "Friede den Hütten! Kampf den Palästen!" charakterisiert wurde, zielte insbesondere auf die grundbesitzenden, steuerzahlenden Bauern. Aber auch wenn er sich nicht direkt an das eigentumslose Agrarproletariat und die sozial deklassierten im Handwerk und Gewerbe wandte, war diese Bevölkerungsgruppe mit eingeschlossen. Wenn er sie nicht direkt ansprach, dann vermutlich, weil er nicht hoffen konnte, sie zu mobilisieren. Analog zu seinem Programm, man müsse den Steuerzahlern vor Augen führen, dass und auf welche Weise sie vom Feudalstaat und seinen Institutionen ausgebeutet wurden, zitierte und kommentierte Büchner in seinem Flugschriftenentwurf die Staats-Ausgaben und Staats-Einnahmen an ausgewählten Einzelposten, von denen der Steuerzahler am stärksten betroffen oder über die er am heftigsten erbittert war . In seiner radikalen Schrift bezeichnet er Soldaten als "gesetzliche Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen". Den Staat vergleicht er mit einer "Machine" zur "Auspressung und Unterdrückung der Bauern und Bürger", diese "werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden." Mit besonders extremen Bildern wollte Büchner dem Volk den Spiegel vorhalten: "Die Töchter des Volks sind ihre Mägde und Huren, die Söhne des Volkes ihre Lakaien und Soldaten. Geht einmal nach Darmstadt und seht, wie die Herren sich für euer Geld dort lustig machen, und erzählt dann euern Weibern und Kindern, dass ihr Brot an fremden Bäuchen herrlich angeschlagen sei."12 Büchners Vorstellungen sollen über das politisches Ziel einer Republik hinausgegangen sein, die er für die einfachste und dem Naturgesetz angemessenste Staaten- und Regierungsform hielt. Doch wollte er mit seiner Flugschrift keine Revolution auslösen, sondern lediglich die Stimmung im Volk erforschen, d.h. erfahren ob das Volk bereit sei an einer Revolution teilzunehmen. Nachdem er die Flugschrift fertiggestellt hatte, ließer sie durch Becker und Clemm zu Weidig bringen, während Büchner ohne das Wissen seiner Eltern nach Straßburg reiste. Von dort aus schrieb er einen Brief an seine Eltern, in dem er seine Frustration über die politischen Zustände in Gießen zum Ausdruck bringt: "Ich war im Äußeren ruhig, doch war ich in tiefe Schwermut verfallen; dabei engten mich die politischen Verhältnisse ein, ich schämte mich, ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu Gefallen"13 Weidigs Reaktion bei der ersten Lektüre beschrieb Becker später folgendermaßen: "Als er es gelesen hatte, erklärte er, dass die konstitutionellen Revolutionäre sich von uns trennen würden, wenn sie die heftigen Invektiven gegen die Reichen läsen, und dass daher diese, sowie auch die Ausfälle gegen die landständische Opposition ausgelassen und durch Anderes ersetzt werden müssten."14 Doch insgesamt war auch er von Büchners rhetorischer Leistung beeindruckt und von der Wirkung der Kampfschrift überzeugt. Die Veränderungen, die er für nötig hielt, nahm Weidig selbst und ohne Rücksprache mit Büchner vor. Sie bestanden in Hinzufügungen, Streichungen und Einzelkorrekturen. Den Gegensatz zwischen Arm und Reich verwandelte Weidig in einen Streit zwischen Volk und Feudaladel, indem er u.a. statt der Reichen die Bezeichnung die Vornehmen gebrauchte. Er verfaßte den Vorbericht, setzte den Schlußhinzu, modifizierte einzelne Äußerungen und Sätze und fügte meist die Bibelstellen bei, denen eine wichtige Bedeutung zu kam: Durch sie sollte das Volk gewonnen werden, denn nach Büchners Meinung gab es für die große Klasse nur zwei Hebel: materielles Elend und religiösen Fanatismus, d.h. auch Büchner war die außerordentliche Triebkraft religiöser Ideen bewusst. Allerdings war Büchner ganz und gar nicht mit den Änderungen Weidigs einverstanden. Er war außerordentlich aufgebracht und wollte das Manuskript nicht mehr als das seinige anerkennen. Die überarbeitete Fassung der Flugschrift ging jedoch noch nicht in Druck, da hierfür noch einige Hebel in Bewegung gesetzt werden mussten.

Ausschlaggebend für Druck und Verbreitung der Flugschrift, war die Entwicklung der oppositionellen Gruppen im Großherzogtum, an der Georg Büchner maßgeblich beteiligt war. Im April 1834 vereinten sich Becker und Büchner mit einigen freigelassenen Revolutionären in Gießen zu einem losen Zirkel, der seine Arbeit aber erst nach den Semesterferien aufnahm, da nicht alle Mitglieder in Gießen weilten. So auch Büchner, der seine Ferien in Darmstadt und Straßburg zubrachte, wo er die Krise der Juli-Monarchie miterlebte. In Darmstadt gründete er eine Sektion der 'Gesellschaft der Menschenrechte', die sich dem Namen nach am französischen Vorbild orientierte. Unklar ist allerdings, ob Büchner auch Programmpunkte der Straßburger Republikaner übernahm. Das Programm der Gesellschaft verfasste Büchner und deckte sich wahrscheinlich mit dem, wie Adam Koch Büchners Ansichten beschrieb: "Er betrachtete eine republikanische Verfassung als das einzige, der Würde des Menschen angemessenen", "die Herstellung einer Republik" sei daher Fernziel der Verbindung gewesen. "Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes bezeichnete er die Verbreitung von in diesem Sinne verfaßten Flugschriften und die durch diese zu erreichende Einwirkung auf die niederen Volksklassen, indem er der Ansicht war, das materielle Elend des Volks sei es, wo man den revolutionären Hebel der geheimen Presse ansetzen müsse"15. Jedes Mitglied der Gesellschaft verpflichtete sich einer Erklärung der Menschenrechte, deren "Tendenz" auf die "Herbeiführung einer völligen Gleichstellung aller gerichtet gewesen"16 sei. Man diskutierte in den Versammlungen auch über frühkommunistische Gesellschaftstheorien, die die Gütergemeinschaft forderten. "Wie Karl Emil Franzos in Erfahrung gebracht haben wollte, wurde in einem verfallenen Kornspeicher...das Säbel- und Bajonettfechten geübt und mit der Pistole nach der Scheibe geschossen, außerdem hatten die Sektionäre bedeutende Schießvorräte verborgen"17, was man auf die Handwerker zurückführt, die wahrscheinlich Mitglieder eines bewaffneten Zirkels gewesen sind. Nach Büchners Rückkehr entstand auch in Gießen aus dem losen Zirkel eine Sektion der 'Gesellschaft für Menschenrechte', auch sie sollen durch die Handwerker im Besitz von Waffen und Munition gewesen sein. Jakob Friedrich Schütz und Ludwig Becker leiteten die Organisation, in der sich Büchner mit dem aus Darmstadt überlieferten Modell offenbar nicht durchsetzen konnte. Durch die Gründung zweier Konkurrenzorganisationen fiel die Gießener Sektion der 'Gesellschaft der Menschenrechte' auseinander, da bis auf August Becker, Trapp, Clemm und Büchner alle den beiden neuen Vereinigungen beitraten. Eine dieser beiden Organisationen entstand unter Billigung Weidigs, der damit die Arbeit der 'Gesellschaft der Menschenrechte' beendete. Weidig setzte auf lose Bündnisse statt auf konspirative Organisationen. Büchners Vorstellungen der Organisationsstruktur geheimer Verbindungen, wie er sie in Frankreich kennengelernt hat, waren in dieser Zeit in Deutschland kaum verbreitet und wenig populär. Zwischen der Gesellschaft der Menschenrechte und Weidig gab es seit langem erhebliche Differenzen, die jedoch eine Zusammenarbeit nicht ausschlossen, da man dieselben revolutionären Ziele verfolgte. Auf einer Zusammenkunft von hessischen Republikanern, die Weidig für den 3.Juli 1834 auf der Ruine Badenburg einberief, sollten einige dieser Differenzen verhandelt werden. Bereits vorher hatte Weidig sich mit drei führenden Oppositionellen auf die Errichtung eines Preßvereins geeinigt, der dann bei der Zusammenkunft am 3.Juli gegründet werden sollte und "dessen Zweck" es sein sollte, "die Patrioten Kurhessens, Hessen-Darmstadts und einiger angrenzender Ländchen in bleibender Verbindung zu erhalten und zugleich das Volk, das wie man sehe, noch zu wenig unterrichtet sei, über das, was not tue, gründlich zu belehren"18. An der Gründungsversammlung dieses Preßvereins, an der auch Büchner teilnahm, beschloss man eine Zeitschrift für die bürgerlichen Oppositionellen herauszubringen sowie den Druck einer Serie populärer Flugschriften. Bei der Versammlung führte Büchner seinen Streit mit Weidig fort, indem er weiterhin für die Errichtung geheimer Gesellschaften plädierte, da er Wert auf übereinstimmendes Handeln legte. Dagegen tendierte Weidig wie auch der Großteil der anwesenden Oppositionellen für lose Bündnisse. Ein weiterer Streitpunkt war die überarbeitete Fassung von Büchners Kampfschrift, der Weidig den Titel "Der Hessische Landbote" gegeben hatte. Sowohl Druck und Verbreitung des 'Landboten' als auch die Anfertigung weiterer Flugschriften wurde diskutiert. Da man sich aber übereinstimmend auf die bearbeitete Fassung einigte, zog Büchner auch in dieser Frage den Kürzeren, nachdem bereits seine 'Gesellschaft der Menschenrechte' ihre Funktion verloren hatte. Wie in der Diskussion um den Hessischen Landboten, musste Büchner sich in der Zukunft den Entscheidungen Weidigs beugen.

Knapp vier Wochen später war die Juli-Fassung des Hessischen Landboten in einer Auflage von 1200-150019 Stück fertig gedruckt. Die drei zur Abholung bestimmten Jakob Friedrich Schütz, Karl Minnigerode und Karl Zeuner sollten unterwegs an mehreren Orten Exemplare deponieren, die dann möglichst zum selben Zeitpunkt verbreitet werden sollten. Die Umsetzung von Weidigs Plan scheiterte allerdings an der Denunziation des Verräters Johann Konrad Kuhls am 30.Juli 1834, dem Abend an dem die Exemplare in der Druckerei abgeholt wurden. Zwei Tage später wurde Minnigerode mit 139 Exemplaren des Landboten verhaftet, was heftige Studentenproteste vor der Wohnung des Uni-Richters zur Folge hatte. Büchner schaffte es noch am selben Abend seine Verbündeten in Butzbach und Offenbach rechtzeitig zu warnen, da er glücklicherweise über einen nachweisbaren Vorwand für eine Reise in diese Richtung verfügte, ohne den er der Justiz ausgeliefert gewesen wäre. Büchners Verhaftung wurde dennoch vom Ministerium angeordnet, nachdem Kuhl ihn bereits als Verfasser des Hessischen Landboten denunziert hatte. Von dieser Anordnung erfuhr Büchner aber nie, weil der Richter aus taktischen Gründen von seiner Verhaftung absah. Obwohl die Ermittlungen die Arbeit der Opposition erschwerten, blieb man aktiv, indem man Schütz zur Flucht verhalf und die restlichen Exemplare des Landboten unters Volk brachte. Zur Herstellung weiterer Flugschriften fand sich ein Marburger Drucker durch den zukünftige Publikationen sichergestellt waren. In der zweiten Novemberhälfte wurde die von Weidig überarbeitete Druckvorlage nach Marburg gebracht, was den größer gewordenen Einflußder Marburger Republikaner dokumentiert. Die von Leopold Eichelberg mit weiteren Zusätzen versehene Novemberfassung wurde mit einer Auflage von 400 Exemplaren gedruckt. Büchner selbst kehrte nach Abschlußdes Semesters Mitte September in sein Elternhaus nach Darmstadt zurück, wo er auch auf Wunsch des Vaters während des Wintersemesters blieb. Der Vater versuchte die Konzentration seines Sohnes wieder auf das Studium zu lenken, was ihm jedoch nicht gelang. Denn er setzte sich entschlossen für die Gefangenenbefreiung ein und war, wie er Clemm mitteilte, bereit jede beliebige Summe aus den Geldsammlungen des Preßvereins hierfür einzusetzen.

Als dann ab Ende Oktober die Ermittlungen immer engmaschiger wurden, beschloßer vom aktiven politischen Leben Abstand zu nehmen und sich der Demonstration des Geschichtsdramas zuzuwenden. Die gerichtlichen Vorladungen häuften sich und die Situation wurde für Büchner immer gefährlicher. An welchen Verhandlungen Büchner anwesend war und welchen Vorladungen er auswich, ist nicht exakt festzumachen, da sich die Aussagen seiner Brüder Ludwig und Wilhelm widersprechen. Allgemein sind die überlieferten Dokumente über die oppositionellen Gruppen relativ rar, da man als geheime und illegale Gesellschaft sehr vorsichtig vorgehen musste, wie auch Büchner in einem Brief an seine Familie aus dem August 1834 andeutet: "unter meinen Papieren befindet sich keine Zeile, die mich kompromittieren könnte. Ihr könnt über die Sache ganz unbesorgt sein." Vor seiner Flucht war angeblich sogar "die Straße, in der er wohnte... täglich an beiden Enden durch Polizisten bewacht." Auslöser seiner Flucht war aber eine weitere Vorladung im Februar, welcher er ausweichen wollte. Die Angst vor einer Verhaftung veranlaßte ihn dazu, Anfang März über Weißenburg zu fliehen. Erst von dort aus benachrichtigte er seine Familie am 9.März 1935 mit einem Brief, in dem seine Angst deutlich wird: "...hatte ich nichts zu befürchten, aber Alles von der Untersuchung selbst körperlich und geistig zerrüttet wäre ich dann entlassen worden Der beständigen geheimen Angst vor Verhaftung und sonstigen Verfolgungen, die mich in Darmstadt beständig peinigte, enthoben zu sein, ist eine große Wohltat"20. Die Anfang April einsetzende Verhaftungswelle gab ihm mit seinem Fluchtplan Recht. Auslöser der Verhaftungen war Gustav Clemm, der zuvor als besonders leidenschaftlicher und fanatischer Revolutionär galt. Sein Arrangement mit dem Universitätsrichter Georgi Sartorius brachte an die 50 Personen ins Gefängnis und Weidig den Tod.

In Straßburg angekommen, hielt sich Büchner allen Gesellschaften mit politischen Bestrebungen fern, da er davon überzeugt war, dass zu diesem Zeitpunkt nichts zu erreichen sei. Dies belegt ein Brief an die Eltern vom 17.August 1835: "Ich und meine Freunde sind sämtlich der Meinung, dass man für jetzt Alles der Zeit überlassen muss"21. Vielleicht ließer sich aber auch vom Gerücht verleiten, dass die meisten Bauern die Flugschriften den Behörden übergeben hätten, was heute nicht mehr nachzuweisen ist. Wie August Becker später sagte, habe er auf dieses Gerücht hin die Hoffnung aufgegeben22, was man allerdings relativieren muss, da Becker im Prozess die Wirkung der revolutionären Arbeit herunterspielen wollte. Im Herbst wurde bereits öffentlich nach ihm gefahndet, was ihn aber im sicheren Straßburg unberührt ließ.

Auch später in Zürich, wo er vom Oktober 1836 bis zu seinem Tode am 19.Februar 1837 lebte, hielt er sich dem Kreis aktiver Flüchtlinge fern. Er schwärmte aber von der "rein republikanischen Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhält"23, was zeigt, dass er immer noch von einer politischen Idee begeistert war. Es war auch die Begeisterung durch eine Idee, die ihm die Kraft für sein sozial-revolutionäres Engagement gab, wie August Becker vor Gericht über ihn aussagte: "Die Grundlage seines Patriotismus war wirklich das reinste Mitleid und ein edler Sinn für alles Schöne und Große. Wenn er sprach und seine Stimme sich erhob, dann glänzte sein Auge, -ich glaube es sonst nicht anders, -wie die Wahrheit."24 Georg Büchner kämpfte nicht nur für bürgerliche Freiheit, sondern auch für die Beseitigung des Gegensatzes zwischen Arm und Reich, was Ludwig Büchner im Jahre 1850 bestätigte: "Was seinen politischen Charakter anlangt, so war Büchner noch mehr Sozialist, als Republikaner"25 Es war das "unbegrenzte Mitleiden mit den niederen Volksklassen und ihrer Not", worauf sein politisches Engagement beruhte26 und vielleicht auch der Grund, warum er seiner Generatoin um einiges voraus war.

Quellenverzeichnis:

1) Hauschild, Jan-Christoph: Georg Büchner. Monographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg. Oktober ³1997

2) Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchener Ausgabe. Hg. von Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler. München (dtv). 71999

3) Knapp, Gerhard P.: Georg Büchner: Dantons Tod. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Diesterweg, Frankfurt a.M. ³1990

4) Kindlers Neues Literatur Lexikon. Kindler. (Hg.)v.Walter Jens. München. 1989

[...]


1 nach: Knapp: Georg Büchner: Dantons Tod. S.7

2 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.33

3 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.278

4 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.278

5 nach: Hauschild: GB. Monographie. S.38

6 nach: Hauschild: GB. Monographie. (Aussage von Adam Koch. In: Ilse 1860, S.427)

7 nach: Hauschild: GB. Monographie. S.38

8 nach: Kindler. S.311

9 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.395

10 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.280

11 aus: Kindler S.312

12 nach: Kindler. S.313

13 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.291

14 nach: Hauschild: GB. Monographie. (aus: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Georg Büchner I/II.München ²1982. S.163)

15 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.60 (Aussage von Adam Koch. In: Ilse, Leopold Friedrich: Geschichte der politischen Untersuchungen...Frankfurt a.M. 1860, S.428f)

16 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.60 (Aussage von Adam Koch. In: Ilse, Leopold Friedrich: Geschichte der politischen Untersuchungen...Frankfurt a.M. 1860, S.429)

17 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.60

18 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.62

19 nach: Hauschild: GB. Monographie. S.57

20 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.298

21 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.308

22 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.377

23 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.324

24 aus: GB: Werke und Briefe. MA. S.377

25 aus: Hauschild: GB. Monographie. S.51

26 aus Hauschild: GB. Monographie. S.51

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104144
Note
Schlagworte
Büchner Georg Sozialrevolutionär Deutsch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Büchner, Georg - Sozialrevolutionär