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Der Film "Münchhausen": subversiv oder staatskonform?

Seminararbeit 1994 17 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fehlende Problematisierung des Politischen Bezugs

3. Ist der Film "Münchhausen" harmlos?

4. Subversivität?

5. Der Film "Münchhausen" als Politikum

6. Der Film als Träger konservativer und nationalsozialistischer Ideologie

7. Vermittlung zwischen faschistischer Deutung und subversiver Lesart

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 4. März 1943 wurde im Ufa-Palast am Zoo anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums der Ufa bei einem Betriebsappell mit Funktionären aus Politik und Filmindustrie sowie vor Filmschaffenden der vierte deutsche Farb-Film "Münchhausen" uraufgeführt, der frei nach der literarischen Vorlage von Gotthilf August Bürger entstanden war. Das Drehbuch stammt von dem im Dritten Reich politisch unerwünschten Schriftsteller Erich Kästner, der aufgrund seiner Kontakte zu dem Ufa-Herstellungsleiter Eberhard Schmidt unter Pseudonym engagiert wurde und für den sich Fritz Hippler bei Goebbels einsetzte.

Dieser Aufsatz ist weniger eine Darstellung des Filmes "Münchhausen", als eine Analyse der Diskussion, die in Texten über diesen Film seitdem geführt wurde. Die Literaturlage zu dem Film "Münchhausen" ist schlecht. Es finden sich zwar zahlreiche Rezensionen, davon auch mehrere in Filmfachzeitschriften, Erwähnungen in allgemeineren Darstellungen, meistens in Filmgeschichtsbüchern, einige Lexikaeinträge, immerhin ein eigenes Kapitel in dem Ufa- Buch von Bock und Töteberg, aber nur zwei wissenschaftliche Einzeldarstellungen, nämlich von Rentschler und Klapdor, sowie eine ausführliche Erwähnung in der Dissertation über die Karriere von Hans Albers von Krützen und ein Kapitel in der Dissertation über "Erich Kästner im nationalsozialistischen Deutschland" von Dieter Mank.

Dabei sind mir fünf verschiedene Interpretationsweisen aufgefallen:

1.) In einigen Texten wird der Film einfach nur enthusiastisch gelobt, ohne überhaupt auf die Bedingungen einzugehen, unter denen der Film entstanden ist, und ohne zu fragen, ob der Film auch eine politische Bedeutung habe.
2.) Selten wird die politische Fragestellung mit dem Verweis auf die Harmlosigkeit des Sujets beantwortet.
3.) Einige Kritiker irren sich, wenn sie den Film als subversiv einstufen, nur weil ein zeitweise verbotener Autor das Drehbuch schrieb. Diese Autoren führen davon ausgehend zahlreiche Beweise an, um die Oppositionalität des Films nachzuweisen.
4.) Von vielen Autoren wird der Film immerhin als ein Politikum angesehen. Er sei zwar nicht inhaltlich politisch, hätte aber eine politische Funktion erfüllt. Als Exempel für diese Betrachtungsweise führe ich Dieter Mank an.
5.) Einige Autoren sehen in dem Film konservative bis nationalsozialistische Ideologie enthalten.
6.) In einer Darstellung wird zwischen der faschistischen Deutung und der subversiven Lesart vermittelt.

Ich habe die Argumente geordnet wiedergegeben, kritisch analysiert und bin zu dem Schluß gekommen, daß der Film "Münchhausen" nicht nur ein Politikum ist, sondern auch konservative bis nationalsozialistische Inhalte transportiert und daß die wenigen schüchternen, fast harmlosen subversiven Anspielungen in keinem Verhältnis zu dem sonst so linientreuen Werk stehen, welches angstgeschürte Allmachtsphantasien zur Darstellung bringt.

2. Fehlende Problematisierung des Politischen Bezugs

In den zeitgenössischen Zeitungen findet sich nicht die Fragestellung, wie politisch der Film "Münchhausen" sei. Dennoch wurde auf die Funktion verwiesen, die der Film "Münchhausen" hatte, denn der Film sollte von der Wirklichkeit ablenken und dem kulturellen Prestige des Deutschen Reiches dienen.

Dr. Richard Biedrzynski beschreibt im Völkischen Beobachter vom 6. März 1943 wie die Illusion des Filmes funktioniert und dem Publikum vermittelt wird:

"Dann aber folgt dem gesellschaftlichen Vorspiel, dem Rahmenbericht, der die Distanz der wunderlosen Gegenwart zur ertr ä umten Vergangenheit schafft, die entfesselte Phantasie der Kamera."

Werner Fiedler erklärt die Wirkung des Münchhausenfilms mit exakt den Worten, mit denen Goebbels gut funktionierende Propaganda definiert. Er ist der Ansicht, daß der Zuschauer ordentlich betrogen werden möchte, da eine versteckte Lüge viel eher als solche enttarnt werde, als die offene Lüge. Daher schreibt er in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 5. März 1943:"Dieser Jubil ä umsfilm der UFA schl ä gt beherzt ein Loch in die Fassade der Wirklichkeit, eine Bresche f ü r die Phantasie. Die Leute lassen sich lieber zum Besten halten, als zum matten Guten und freuen sich, wenn jemand mit vergn ü gten Augenzwinkern offen schwindelt, statt mit wahrheitsstrenger Miene versteckt zu l ü gen. [...] So ist er nicht abh ä ngig von der Schwerkraft und all dem andern Ballast mit dem sich gew ö hnliche Sterbliche sonst placken m ü ssen."

Bereits am 4. März 1943 schreibt Robert Volz im Völkischen Beobachter zum 25-jährigen Bestehen der UFA:"Das Jahr des 25. Geburtstages der UFA bringt ihr und dem deutschen Film nach langw ä hrenden Versuchen auch den Triumph des dritten gro ß en Farbfilms M ü nchhausen".Selbstverständlich war der Film auch ein patriotisches Prestigeobjekt.

Die Rezensionen, die während des Dritten Reiches geschrieben wurden, sind ausnahmslos enthusiastisch. Auch in der Gegenwart findet man einige lobende und unreflektierte Stimmen über "Münchhausen". Manfred Hobsch freut sich im Filmbeobachter über den "schwungvoll inszenierten Film", der das Publikum "bestimmt wieder hervorragend"unterhält, ein "Feuerwerk von Gags und Einf ä llen" liefert, die "M ü nchhausen zu einem der wenigen deutschen Phantasie-Filme machen", der "heute noch faszinierend und witzig- unterhaltsam"sei.

In der Zeitung "Abend" deutet sich durch eine kontrastierende Formulierung immerhin eine politische Problematisierung des Films an, denn es ist zu lesen:

"Denn "M ü nchhausen" - das ist ein St ü ckchen gute Erinnerung an schlechte Zeiten."

3. Ist der Film "Münchhausen" harmlos?

Wendtland stellt zwar die politische Frage, behauptet aber, daß das Sujet harmlos sei:"In der Reihe unvergessener Filme ohne ü berhaupt sp ü rbaren damaligen Geist finden sich solche Filme wie M ü nchhausen(). Geradezu

erstaunlich, da ß mitten im Kriege noch soviele unbelastete Filme voll k ü nstlerischer Intensit ä t geschaffen werden konnten."

4. Subversivität?

Die Autoren Michael Marek und Michael Wildt führen unter der Überschrift "Glaubt nicht alles, was ihr seht" eine erstaunliche Fülle von subversiven Anspielungen an, die sie im Film ausfindig gemacht haben.

Der Überraschungseffekt zu Beginn bewirke, daß das Publikum den Film als Illusion erkenne. Denn der Rokkokoball zu Beginn des Films entlarvt sich als Kostümfest in der modernen Zeit."Es scheint, als wolle der Film demonstrativ seine Unwirklichkeit zur Schau stellen. Wer 1943 noch an die Traumfabrik glaubte, sah hier mit eigenen Augen das Pappmache." Sie nennen die Anspielungen auf die Geheimpolizei und auf die tausend Arme und Augen der Staatsinquisition. Die Figur der Isabelle d`Este habe ein reales Vorbild, die emanzipierte Renaissancefürstin gleichen Namens, die von 1474-1539 gelebt hat. Ich glaube nicht, daß Kästner diese Frau meinte, da doch Isabelle d`Este im Münchhausenfilm gar nicht emanzipiert ist, sondern erst zwangsweise in einem Harem lebt, dann aber von ihrer Familie in ein Kloster gesteckt wird.

In einer weiteren Szene philosophiert Münchhausen über eine Billardkugel. Sie werde gestoßen und wisse gar nicht, wie es mit ihr geschieht. Dies sei die gleiche Einstellung wie diejenige der Menschen, die fatalistisch und ohnmächtig einfach nur noch versucht haben, im nationalsozialistischen Deutschland durchzukommen.

Als Kuchenreutter nach einer langen Reise wieder nach Hause zurückkehrt, erkennt er gar nicht den jüngsten Sproß seiner Familie. Das sei eine kritische Reminiszenz an die Fronturlaube von Soldaten.

Ein Jahr dauert auf dem Mond nur ein Tag. Somit wäre auf dem Mond ein tausendjähriges Reich schon nach knapp drei Jahren beendet. Dadurch zeige der Film, das auch das Dritte Reich irgendwann vorübergehen würde. Dieses Argument ist besonders halbherzig, denn Kästner hat nichts dafür getan, daß das Dritte Reich schnell zu Ende geht.

Die Rezensenten fahren fort, daß der Film die Botschaft enthalte, daß man nicht alles glauben solle, was man sehe, aber auch, daß die Zeit kaputt sei. Der Begriff der Zeit zöge sich leitmotivisch durch den Film. Es fiele heutzutage erst die Subversivität des Films auf, weil man den Nationalsozialismus mit anderen Augen sähe und"unser Blick auf den Alltag von Verweigern und Durchkommen, Distanzieren und Mitmachen f ä llt."Kästner habe nicht mehr für die Schublade schreiben, sich aber auch nicht an der Nazipropaganda beteiligen wollen und daher bei diesem Film mitgearbeitet.

Wilfried Wiegand wehrt sich gegen die Überinterpretation der jüngeren Zuschauer, die nicht wissen könnten, daß die subversiven Bemerkungen im Drehbuch auch so verstanden wurden. Dem ist zu widersprechen, denn die jungen Zuschauer sehen die Szenen der Vergangenheit unbefangen und ihnen fallen aus der historischen Perspektive Dinge auf, die man als Zeitgenosse gar nicht so wahrnehmen konnte. Wiegand ist erstaunt, weil der Film "mitten in einer Zeit realer deutscher Expansion das friedliche, individuelle Abenteurertum eines Mannes propagiert, der fremde L ä nder nur betreten will, um dort Frauen zu erobern."Eine programmatische Absage an das offizielle Menschenbild der Nazis sei die Absage Münchhausens an Cagliostros Machtofferte. Eine Szene auf dem Mond zu verlegen wäre wie in der literarischen Vorlage ein Versuch, sich von dem Geschehen auf der Erde in kritische Distanz zu begeben. Die Anspielung, daß die Zeit kaputt sei, wäre auch Kästner wohlmöglich zu harmlos erschienen, daher habe er, um deutlich zu werden, sich am Ende des Filmes von der Hauptfigur und dessen Eroberungslust distanziert, indem Münchhausen sein Außenseitertum aufgebe und zu einem normalsterblichen Menschen werde. Diese Argumentation von Wiegand ist widersprüchlich, da zunächst das Abenteurertum Münchhausens als friedlich dargestellt wird, dann aber doch auch als Eroberungslust, von der man sich distanzierte, um ein antifaschistisches Zeichen zu setzen. Auch kann ich nicht finden, daß die Aufgabe des Außenseitertums antifaschistisch sein soll. Ganz im Gegenteil ist doch Totalität, Gleichschaltung und Einspannung des Individuums in den Staat, fast von der Geburt bis zum Tod, ein Merkmal eines faschistischen Staates, der gar keine oder nur wenige Außenseiter und Originalität zuläßt.

Dennoch empfindet Wiegand den Film als Ausdruck listenreicher Dialektik. Hier werde aus"immer neuen Schein so viel an Wahrheit herausdestilliert, wie in einer Welt der L ü ge eben m ö glich war."

Eckhart Schmidt liefert eine gemäßigte Variante der subversiven Lesart, daß heißt, er sieht einige subversive Elemente, möchte aber nicht den Versuch unternehmen, "einen NS-Film zum heimlichen Widerstandsfilm umzu- funktionieren."Er betont"die fatalistische Grundhaltung des Films, der nicht, wie sonstige NS-Unterhaltungsware- auf das Autorit ä ts- und F ü hrerprinzip baut, sondern das innere und ä u ß ere Abenteuer eines Menschen reflektiert, der seine ewige Jugend (ein Synonym f ü r das "1000j ä hrige Reich") bereitwillig f ü r Liebe opfert." Er meint, daß der Film nicht in den"Strukturen der NS- Unterhaltung"verlaufe. Als Beweis führt er an, daß Münchhausen den bösen Cagliostro vor der Verhaftung warnt und Isabelle d`Este aus dem Harem befreit.

Ich sehe nicht, ob bei der Darstellung des Gegenteils Naziideologie transportiert worden wäre.

Ein weiteres Argument, welches Schmidt für die Subversivität anführt, ist die distanzierte Spielweise von Albers, der beim Spielen neben sich stehen würde und daher gar nicht so ungebrochen den strahlenden Helden spielen würde.

Gegen die These der Subversivität wendet sich Matthias Krauß in der Berliner Zeitung, denn es sei unwahrscheinlich, "da ß Hitlers Filmzensur gerade hier l ü ckenhaft gearbeitet haben soll".Es gebe keinen Beweis dafür, daß der Film"antifaschistisch verstanden wurde". Denn die"Arroganz der M ä chtigen"war über solche kleinen Bemerkungen erhaben. Die Problematik der sogenannten"Inneren Emigration"werde hier deutlich. Die Nazis seien auf eine"umfassende Schuldgemeinschaft"aus gewesen. Es sei für Kästner schlichtweg unmöglich gewesen, "lebensnotwendige Arbeit, Bewahrung des Gewissens und pers ö nliches Unbehelligtsein"gleichzeitig zu erreichen.

5. Der Film "Münchhausen" als Politikum

Schon bei Dieter Manks detaillierter Untersuchung klingt an, wie subversive Kommentare des Drehbuches zu bewerten sind. Er zitiert Ulrich Gregor und Enno Patalas, die dem Film in ihrer "Geschichte des deutschen Films" "gelegentliche Kühnheiten" attestieren, daß jedoch die Form von der Platitüde beherscht werde. Mank ist erstaunt über die Auswahl Kästners als Drehbuchautor, da er keine Erfahrungen auf diesem Gebiet gehabt habe und direkt für so einen wichtigen Prestigefilm engagiert wurde. Das stimmt nicht ganz, denn Erich Kästner hatte bereits an den Filmen "Dann schon lieber Lebertran" (D 1931), "Emil und die Detektive" (D 1930), "Die Koffer des Herrn O.F." (D 1931) und "Das Ekel" (D 1931) mitgewirkt.

Mank konstatiert, daß sich Kästner"wieder der Bearbeitung eines weithin bekannten Volkbuches zuwandte, in dem sich - zumindestens in der Figur des Titelhelden ein historischer Stoff niedergeschlagen hatte."(Erich Kästner hatte bereits 1938 Till Eulenspiegel für Kinder nacherzählt. Münchhausen erzählte er 1951 für Kinder nach.) Er schreibt, daß der Film keine besonders bedeutende Aussagen enthalten solle und das wäre auch nicht erwartet worden. Der Rahmen hätte es gar nicht zugelassen, da Goebbels aufgetragen hatte, den Film an der englischen Produktion "Der Dieb von Bagdad" zu orientieren. Mank bemängelt, daß sich die beiden französischen Kritiker Francis Courtade und Pierre Cadars zu hymnischen Begeisterungsausbrüchen hingezogen gefühlt hätten. Zu einseitig formal und filmästhetisch würde von ihnen M ü nchhausen bewertet. Die politischen und sozialen Bedingungen, unter denen dieser Film entstanden sei, habe man nicht berücksichtigt. Mank wehrt sich gegen das Vorurteil, daß die Filme im Dritten Reich als harmlos bezeichnet werden. Man könne sie nicht mit Filmen gleichsetzen, die in einem demokratischen Staat produziert werden."Der Unterhaltungscharakter seiner Drehbuchvorlage und des darauf basierenden Films entl äß t ihn nicht aus dem Zusammenhang, sich mit den Bedingungen nationalsozialistischer Filmproduktion in einer Weise eingelassen zu haben, die sich mit dem Hinweis auf die heitere Harmlosigkeit des Sujets nicht exkulpieren l äß t." Schließlich sei der Film gedreht worden, um die besondere Leistungsfähigkeit der nationalsozialistisch gele nkten Filmindustrie zu demonstrieren. Mank bezeichnet Münchhausen als Ablenkungsproduktion. Kästner habe mit seinem Münchhausendrehbuch einen Beitrag zur prinzipiellen Ufa-Verlogenheit geleistet und sich dadurch auf eine geistige Kollaboration eingelassen. Das Kapitel über "Münchhausen" in Manks Darstellung endet mit der Konklusio:"Ohne Zweifel geh ö rt K ä stner nicht zu jenen Philosophen und Schrifstellern, die sich () zu intellektuellen Steigb ü gelhaltern erniedrigt haben. Sein Defizit an Theorie, sein Mangel an Einsicht in die objektive Struktur und Funktionsweise politischer und ö konomischer Machtkonzentration mag Zweifel aufkommen lassen, bis zu welchem Grad er in der Lage war, den eigentlichen Charakter und Stellenwert seiner zeitweiligen Mitarbeit an nationalsozialistischen Filmproduktionen einzusch ä tzen. () der `Geist in der Despotie´ vermochte dem Druck der ä u ß eren Verh ä ltnisse () nicht zu widerstehen. "

Obschon Mank den Film Münchhausen als ein Politikum einstuft, welches aus Prestigegründen und zur Ablenkung entstanden ist, so sagt er doch:"An dieser Stelle braucht nicht eigens betont zu werden, da ß in den Dialogen des K ä stner`schen Filmtext an keiner Stelle nationalsozialistische Ideologie transportiert oder unterst ü tzt wird."

6. Der Film als Träger konservativer und nationalsozialistischer Ideologie

Der satirische Gehalt der Münchhausenerzählung des der Aufklärung verpflichteten Bildungsbürgers Gotthilf August Bürger, den Aufschneider Münchhausen, der nur noch mit Lügen um Anerkennung werben kann, als Beispiel für den im Niedergang befindlichen Adel der Lächerlichkeit Preis zu geben, findet sich in dieser Verfilmung nicht wieder, so daß auch der Münchhausenkenner Schweizer feststellt, daß "Hans Albers trotz aller Trickphantastik den Baron etwas zu b ü rgerlich spielte und das Ü berm ü tige des Volksbuches zu sehr d ä mpfte."

Karsten Witte fallen nationale Stereotype auf wie "die deutsche Treue, italienische Verschlagenheit, russische Trinksucht und orientalische Despotie".

Ausgerechnet Ferdinand Marian, der den Juden Süß gespielt hatte, spielte im Münchhausenfilm die negative Figur Cagliostro. Er kritisiert die Szene mit der geteilten Mondfrau als schlechten Witz und eine ökonomische Phantastik. Die Phantastik in diesem Film sei eine Domäne der Mechanik. Die literarische Vorlage sei nicht adäquat umgesetzt worden:"Dann zeigt sich, wie der urspr ü ngliche Zusammenhang von Reisen und Aufkl ä ren, von Phantastik und Erfahrungskritik in diesem Ufa -Film von akuten Eroberungsphantasien, vom Stillstand und Verkl ä rung ü berzogen wird."

Nichts sei im Film des Dritten Reiches ohne Goebbels geschehen, also war auch das Engagment von Kästner und dessen subversiven Kommentare, die man nicht überschätzen dürfe, eingeplant, so daß "auch jener Hauch eines wohltemperierten "innersten" Widerstands listig einkalkuliert war bei einem Film, der dem Image des angeschlagenen Reichs dienen sollte."

Ein Kritiker schreibt im katholischen "film-dienst" über den phantastischen Gehalt des Filmes, und zitiert das Drehbuch:"Der Mensch mit der st ä rkeren Einbildungskraft erzwingt sich eine reichere Welt"Dazu meint er:"Das k ö nnte einerseits auf die Entfesselung der Phantasie verweisen, andererseits aber auch untergr ü ndig gewisse utopische Sieges- und Herrschaftsw ü nsche des vierten Kriegsjahres propagieren wollen, wobei das Gewaltt ä tigkeit suggerierende Wort "erzwungen" verr ä terisch wirkt."

Der Film habe nationale Inhalte: "M ü nchhausens Filmwort, wer aus Bodenwerder stamme, k ö nne kein T ü rke werden, klingt jedoch etwas verd ä chtig nach „ Schollenverbundenheit “ ; im damals genehmen Sinne und pa ß t nicht so recht zu K ä stner. Auff ä llig ist zudem, wie negativ karikiert die Nichtdeutschen im Film sind, selbst noch die aus dem damaligen Achsenpartnerland Italien, die entweder verschlagen (Der Doge von Venedig), grausam (Inquisitor) oder als prahlerisch-l ä ppische K ä mpfer (Isabella d`Estes Bruder) dargestellt sein m ü ssen."

Zu dem freiwillligen Ende Münchhausens und seiner Aufgabe des ewigen Lebens sagt der Autor:"Es ist wohl eher ein (damals schon!) existentialistisches als ein christliches Finale, und man k ö nnte sich fragen, ob damit nicht vielleicht im Kriegsjahr 1943 der "Heldentod" schmackhafter gemacht werden sollte."

Dieser Kritik ist ein Gutachten der Katholischen Filmkommission angehängt. Der Film sei"nicht frei von unterschwelliger nationalsozialistischer Ideologie". Etwas problematisch finde ich die Darstellung von Heike Klapdor "Münchhausen und Stalingrad", obschon ich mit der Tendenz, den Film als Medium nationalsozialistischer Propaganda einzuordnen, übereinstimme. Die Autorin montiert den Kriegsverlauf des Zweiten Weltkrieges mit der Produktion und dem Inhalt des Münchhausenfilms, was manchmal etwas konstruiert und assoziativ wirkt.

Die Hauptthese des Textes ist, daß Münchhausen eine posit ive Projektion sei, welche die Wünsche deutlich macht, die Menschen in Anbetracht der negativen Kriegssituation hatten. So heißt es: "Der Tod auf dem Schlachtfeld weckt die Sehnsucht nach dem ewigen Leben; in der Melancholie lebt verborgen die Erinnerung an die Heiterkeit; die Monotonie der schwarzen und n ä chtlichen, dreckigen Winterlandschaft weckt Erinnerungen an farbenpr ä chtige G ä rten, Feste: Wirklichkeit und Erinnerung verhalten sich wie schwarz-wei ß und Farbe zueinander, Wirklichkeit und Wunsch geh ö ren wie n ü chterne Abbildung und phantastische Ü berh ö hung zusammen." Münchhausen sei eine besondere Erscheinungsform der Ereignisse von Stalingrad, nämlich das"Positiv des Negativs."Der Film sei in Anbetracht der Katastrophe von Stalingrad ein schamloser und obszöner Film.

Münchhausen gelinge alles, jedoch dem General Paulus der sechsten Armee, ist bei dem Versuch, Stalingrad zu erobern, nur ein Mißerfolg beschieden. Zynisch ist Klapdors Frage, die sie in Anbetracht des auf einer Kanonenkugel fliegenden Münchhausen stellt:"Warum hatte niemand General Paulus auf diese Idee gebracht?"Da ist schon die folgende Feststellung plausibler: "Der Ritt auf der Kanonenkugel ist das () Zeichen einer grandiosen Ü berlegenheit, die der oberste Kriegsherr von jedem Soldaten erwartet."Es ist schon zu vermuten, das Siegertypen in Filme eine Vorbildfunktion hatten. Auch kann es sein, daß Filme irrationale Wunschbilder enthielten. Doch scheint es mir übertrieben, daß irgendjemand im Publikum die Meinung hatte, es sei"M ü nchhausen wom ö glich geeigneter gewesen f ü r die Eroberung Stalingrads als General Paulus."

Genauso wie die Opfer des Magiers Cagliostros hätten Hitler und Göring an das Unglaubhafte, an ihre abstruse Phantasievorstellungen geglaubt; Hitler habe mehr der Lüge Görings, er sei in der Lage, die sechste Armee per Luftwaffe adäquat zu versorgen, geglaubt, als den Zweifeln Zeitzlers. Münchhausen und Göring seien verwandte Lügner und Phantasten.

In Wirklichkeit klappte die Versorgung nicht und die schlecht ausgestatteten Soldaten litten enorm unter den winterlichen Bedingungen, in Anbetracht der sibirischen Kälte vor Stalingrad nur notdürftig bekleid et, während Münchhausen nie auch nur eine Schramme an seinen Kostümen davonträgt. Es werden noch einige weitere Beziehungen zwischen dem Drehbuch und den Kriegsvorgängen gezogen. Während Münchhausen mit seiner Montgolfiere uneinholbar entschwindet, versagt die deutsche Luftwaffe bei der Nachschublieferung für die sechste Armee. Die Wochenschau, die Bilder von Flugtransporten inszeniert, verliert an Glaubwürdigkeit, wie der Sicherheitsdienst der SS festgestellt habe, so Klapdor. Sie resümiert :"M ü nchhausen ist der kollektive Held, die Projektion der Allmachtsphantasien, und seine abenteurlichen Geniestreiche und Tricks werden zum Standard des Machbaren."Doch das Programm, ein positives Leitbild zu schaffen, daß zu gleich aber auch alles Negative der Realität kompensiert, geht nicht in Erfüllung. Das ist im Jahre 1943 nicht mehr gefragt, denn die Bevölkerung wolle schonungslos aufgeklärt werden."Im Film gelingt alles, in der Realit ä t von Stalingrad scheitert alles." Klapdor stellt zum Abschluß die Frage"Wer wollte das nach der Katastrophe von Stalingrad sehen."Dieser Text ist vor allen Dingen wegen der Datierung problematisch, weil das Drehbuch 1941 entstand, die Katastrophe von Stalingrad sich aber erst im Winter 1942/43 ereignete, insofern man eigentlich keine Verbindung ziehen kann.

Helma Sanders-Brahms zieht in ihrem 1978 in epd-Kirche und Film erschienen Artikel "Münchhausen oder Lügen haben lange Beine" eine Verbindung zwischen der Wiederaufführung des restaurierten Films "Münchhausen" zu dem damals aktuellen Filbinger-Skandal. Im Jahr 1978 wurde publik, daß Filbinger im Dritten Reich als Richter Todesurteile unterschrieben hatte, die aber nicht mehr ausgeführt wurden. Er sei nicht über das Ausmaß der Naziverbrechen informiert gewesen und eigentlich ein Nazigegner, verteidigte er sich hilflos. Dieser Skandal ist der Rahmen der bitteren und teilweise polemischen Argumentation gegen den Film "Münchhausen" von Sanders-Brahms. Sie konfrontiert das Engagement der politisch unerwünschten Künstler Josef von Baky und Erich Kästner mit der Funktion, die der Film hatte, nämlich die Bevölkerung zu täuschen; man sollte die Judenverfolgung, den Krieg, Stalingrad und die Gefallenen in der eigenen Familie vergessen. Sie kritisiert, daß unter anderem wegen solcher Filme wie "Münchhausen" Leute wie Filbinger nichts gewußt hätten. "Wenn man diesen Film sieht und sich vorstellt, daß unsere Eltern damals vielleicht nur im Kino die Augen und die Ohren aufgemacht haben, könnte man ihnen fast glauben, daß auch sie nichts wußten."

Der Film zeige eine heile Welt, die man nirgendwo in der Wirklichkeit finden könne. Allerdings sage der Film viel über das Land und die Zeit aus, in der er entstanden sei.

Die Amerikaner hätten zur gleichen Zeit den Film "Casablanca" gedreht, der authentische Menschen zeigte, die auch zuweilen von Schiksalschlägen ereilt werden. Ein Land, in dem solche ehrlichen Filme wie "Casablanca" gedreht wurden, sei auch dazu in der Lage gewesen, den Krieg zu gewinnen; dagegen ließ sich mit solchen Lügen wie dem Film "Münchhausen" kein Krieg gewinnen.

Da der Film Münchhausen die Wahrheit verschweige, zeige er nur Oberfläche, die deswegen noch nichtmals schön sei. Für Sanders-Brahms bestätigt sich durch den Film, was sie schon immer an Kästner unbehaglich empfunden habe.

Münchhausen spricht, als wenn er sich in einem Offizierskasino unterhält. Sie beklagt die Doppelmoral von Kästner, denn er lasse Münchhausen zur Louise La Tour sagen:"Wo eine andere ihr Herz hat, hat sie ein Dekollet é ", obschon er selber freizügig die Partner wechselt. Er habe auch schon viele Sprößlinge, von denen allerdings keines seinen Namen trage. Auch bemängelt sie das"Offiziers- Burschen-Verh ä ltnis"zwischen Münchhausen und Kuchenreutter, denn erst auf dem Mond traut sich der für seinen Dienst aufopfernde Kuchenreutter, Münchhausen das "Du" anzubieten. Kuchenreutter vollziehe bei seinen seltenen und kurzen Besuchen seine Ehepflichten, überlasse aber ansonsten alleine seiner Ehefrau die Sorge für die zahlreichen Kinder, beklagt Sanders-Brahms.

Durch seine Gutherzigkeit bringt Münchhausen seine Gegner dazu, ihm Vorteile zu verschaffen; letztendlich aber seien sie"im Grunde Ungeziefer, das sich der gro ß e Blonde aus dem Pelz klaubt."

Sie kritisiert an dem Film das Preußische, die Männerfreundchaft des Offiziers zum Burschen, den Hackenschlag, die Doppelmoral und das Genußleben als einen gesellschaftlichen Zwang. Der Film sei nicht der Rede wert, wenn er nicht fast als Widerstandsfilm angedient werden würde, denn das"() ist er in gleichem Ma ß e, wie Filbinger ein Widerstandsk ä mpfer war."

Klaus Kordon wird dennoch 14 Jahre später die subversiven Momemte des Films betonen."Das gr öß te Kunstst ü ck aber gelingt dem "Zersetzenden" Autor K ä stner, indem er es fertigbringt, direkt unter den Augen der Zensurbeh ö rde tats ä chlich "zersetzende Bemerkungen" in den Film einzubauen."

Die Kinderbücher von Erich Kästner las Sanders-Brahms mit Vergnügen, die Erwachsenenliteratur schon mit dumpfen Unbehagen und durch den Film Münchhausen wurde ihr bewußt, was sie an der Literatur von Erich Kästner stört:"Jetzt wei ß ich warum. Es ist dieser Ton, der mir nicht pa ß t. Jawohl, meine Herren. Zu ihrer Verf ü gung. Das Leiden an der Unmoral der sogenannten Damen. Diese kumpelhafte Freundschaft zum Untergebenen, der den Herren und Meister dann im Tode einmal duzen darf."Ein oberflächlicher, unmoralischer Film, der nur noch eine Lüge sei und in einer Zeit entstand, in denen die Juden verfolgt und vernichtet wurden, könne keine Kunst, sondern nur Schmalz sein. Da diese Filmlügen lange und nicht kurze Beine hätten, da man sie immer noch ansehen und restaurieren würde, fragt Sanders-Brahms in Bezug auf die Lügen zum Abschluß"Wer h ä lt sie auf in diesem Land?"

Obschon die Verbindung zwischen dem Münchhausenfilm und dem Filbingerskandal konstruiert ist und vom Thema abweicht, so stimme ich der Tendenz dieses Aufatzes zu.

Für eine kritische Bewertung des Münchhausenfilm ist es doch wenigstens erforderlich, die Gegenargumente zur eigenen Linie zu erwähnen, ihr Zustandekommen zu erklären oder gar sie zu widerlegen. Die bisher erfolgte Debatte über den Münchhausenfilm ist ziemlich unkommunikativ verlaufen. Es wird meist nur die eigene Position dargestellt, so als ob es andere Publikationen und Positionen zu dem Thema gar nicht geben würde. Krützen und Rentschler allerdings stellen bei diesem Thema als erste Autoren eine Verbindung zwischen faschistischer Deutung und subversiver Lesart her.

Eric Rentschler schrieb den bisher ultimativsten Münchhausen-Aufsatz. Er orientiert sich an der bisher erschienen Sekundärliteratur und verfolgt konsequent sein Thema.

Eric Rentschler sieht in dem Film ein typisches Zeugnis, wie der nationalsozialistische Staat die Filmproduktion vereinnahmte und im Film faschistische Inhalte transportierte:"M ü nchhausen enacts a male fantasy of control and likewise exhibits the fearful psyche that needs and produces this fantasy; it celebrates the triumph of male will while intimating the traivail of male anxiety. An ideological product dressed up as a scintillating diversion, M ü nchhausen represents the sophisticated creation of a state apparatus, modern fantasy ware implemented in the wider frameworks of public persuasion and world war."

Er fragt, wie die sehr unterschiedlichen Deutungen des Films entstehen können. Er führt vier Argumente an, die er in Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Büchern gefunden hat und den subversiven Charakter des Münchhausenfilms unterstreichen.

1. Es sei ein oppositioneller Schriftsteller ausgerechnet für dieses Prestigewerk engagiert worden; die Anspielung auf die Methoden der Gestapo und der Verweis auf die kaputte Zeit werden als Beispiel für die bitteren Kommentare im Drehbuch angeführt.

2. Der Film sei selbstreflexiv, was völlig untypisch gewesen sei. Propaganda funktioniere versteckt, sei die Ansicht der Nazis gewesen; sobald man die Propaganda durchschaue, verliere sie an Wirkung. Jedoch werde mehrmals in dem Film hingewiesen, daß er nur eine Illusion sei, wenn man zum Beispiel zu Beginn überrascht wird, daß das Fest nicht in der Zeit des Rokoko, sondern in der Modernen spielt. Auch zwinkert Münchhausen dem Publikum zu, was bedeutet, daß der Protagonist weiß, daß es ein Filmpublikum gibt.

3. Die Figuren bekennen sich offen zur Sexualität. Es gibt sogar eine erotisch aktive Frau, nämlich Katharina die Große, die sich ihre Liebhaber selber aussucht.

4. Münchhausen ist eines der wenigen phantastischen Filme, die im Dritten Reich gedreht wurden. Die Nazis hätten das subversive Potential gefürchtet, was in der Darstellung alternativer Welten und rauschhafter Zustände enthalten sei.

Diese vier Punkte widerlegt Rentschler.

zu 1.) Kästner als Drehbuchautor einzuspannen, ist Bestandteil eines größeren Plans, in dem es darum ging, einen Prestigefilm zur Ablenkung zu schaffen. Der Film zeigt Szenen, in denen symbolisch die Verbindung von Krieg und Kino deutlich wird. Der Film sei eine Waffe im Krieg. Da sei zum Beispiel das Gewehr, mit dem man nicht nur weit sehen, sondern auch schießen kann.

Die männlichen Phantasien hätten nicht vor Parteigrenzen halt gemacht, wie Münchhausens Sammlung von Frauenbildern beweist, die auch Goebbels hätte anlegen können. Ebenso hält Münchhausen nichts von sexuell aktiven Frauen, so wie es Fabian, der Titelheld des Romanes von Kästner aus dem Jahr 1929, auch nicht mochte.

zu 2.) Das Augenzwinkern von Münchhausen zu Beginn des Films ist weniger selbstreflexiv als eine Einladung an den Zuschauer, an einer scheinbar harmlosen Unterhaltung teilzunehmen, die gar nicht so unschuldig ist. Münchhausens Gegenspieler Cagliostro wird nur zu Beginn negativ dargestellt und von Münchhausen abgegrenzt. Münchhausen tadelt, daß Cagliostro zu herrschen beabsic htige. Er setzt dem entgegen, daß er selber lieber leben wolle. Doch später entdecken sie ihre Gemeinsamkeit, ihr Leben selbst bestimmen zu wollen und vor Fremdherrschaft zu fliehen. Münchhausen und Caglistro gehen einen männlichen Bund ein. Caglistro schenkt dabei Münchhausen die Unsterblichkeit und die Befähigung, sich eine Stunde lang unsichtbar zu machen, also die Macht über An- und Abwesenheit. Diese Fähigkeiten zeugen von männlichen Machtphantasien.

zu 3.) Der sexuell freizügige Film enthält eine moralische Lehre in der Rahmenhandlung, als nämlich Sophie von Riedesel zu ihrem Verlobten zurückkehrt, den sie zuvor fast verlassen hat."The entire narrative, in essence, tames a shrew and trains a patriarch, foreshortening illicit sexuality and empowering an uncertain suitor to take his cue from the voice of experience - which indeed echoes M ü nchhausens first words in the film, ones addressed to the young man:"Emulate my shining example."Münchhausen und Cagliostro freunden sich nach einer ersten Meinungsverschiedenheit dennoch an und betrachten genießerisch einen nackten Frauenakt. Die Frau auf dem Bild läßt sich durch Cagliostros magische Hand bewegen. Diese Szene zeigt eine Männerphantasie von der Beherschung einer Frau, die wie eine Phantasiefigur behandelt wird. Die Unsterblichkeit und die Möglichkeit, sich eine Stunde lang unsichtbar zu machen, macht das Bedürfnis deutlich, Macht über sich selbst haben zu wollen. Nach dem Treffen mit Cagliostro begegnet Münchhausen keiner solch dominanten Frau wie Katharina mehr, sondern Frauen, die entweder im Harem oder im Kloster eingesperrt sind. Die Mondfrau mit ihrem geteilten Körper ist von ihrem Mann abhängig, da er ihren Kopf trägt, und nimmt nicht am Reproduktionsprozeß teil, da die Menschen an den Bäumen wachsen.

zu 4.) Obschon der Münchhausenfilm eines der wenigen phantastischen Filme im Dritten Reich ist, so heißt das noch lange nicht, daß der Film auch antifaschistisch ist. Denn die phantastischen Ideen beweisen, wie die eben erwähnte Mondfrau, das Gegenteil. Mit dem Kopf kann sie Konversation betreiben, während sie mit dem Körper die Hausarbeit verrichtet. Münchhausen quittiert diese Einrichtung mit Worten, die mit dem reaktionären und sexistischen Weltbild der Nazis übereinstimmen:"Das k ö nnte etwas f ü r unsere Hausfrauen sein."Der Film offenbart den Wunsch des Mannes, die Frau zu beherschen, weil sie symbolisch für unkontrollierbare und chaotische Energien steht. Dadurch zeigt er auch die Angst der Menschen, die solche Phantasien produziert. Am Ende des Films verabschiedet man sich von dem Phantastischen und die Handlung kehrt zu einem mütterlichen Schutzgebiet und einer häuslichen Sphäre zurück, in der man keine Angst zu haben braucht.

Dieser Darstellung Rentschler ist nichts mehr hinzuzufügen.

7. Vermittlung zwischen faschistischer Deutung und subversiver Lesart

Michaela Krützen stellt zwei Lesarten des Filmes Münchhausen gegenüber. Heike Klapdors Aufsatz wird als Beispiel für eine faschistische Lesart angeführt, Rentschlers Aufsatz für eine subversive Deutung. Krützen versucht, die beiden sehr unterschiedlichen Meinungen zusammenzuführen, denn es könnten "die subversive und die nationalsozialistische Lesart () parallel zueinander bestehen". Hans Albers sei ein Nazigegner gewesen, der aber als Idealtyp des nationalsozialistischen Menschenbildes galt und daher von den Nazis gefördert wurde. Daher habe er auch in vielen Filmen mitgespielt, mit denen nationalsozialistische Propaganda betrieben wurde."Die Verkn ü pfung dieser subversiven Lesart mit der nationalsozialistischen Deutung ist f ü r den Erfolg von Albers entscheidend. Die beiden, einander widersprechenden Auffassungen ü ber den Star garantieren, da ß sein Image nicht eindimensional wird."Hans Albers ist also ein Opportunist im Dienste seines Erfolges, ein Liebling von jedermann und jederfrau, der allen Menschen nach dem Mund redet, so unterschiedlich auch die Meinungen sind, die er alle gleichzeitig zu vertreten scheint. Das bedeutet, daß das Subversive ein einkalkulierter Funktionsträger ist, um die Popularität zu vergrößern.

Michaela Krützen hat insoweit Recht, daß es in der Tat eine subversive und eine faschistische Lesart des Filmes gibt. Allerdings ist Rentschler kein Beispiel für eine subversive Lesart, denn im dritten Kapitel seines Aufsatzes zählt er die Argumente auf, die er in Rezensionen von Vertretern einer subversiven Lesart vorgefunden hat, um sie dann im folgenden Kapitel schrittweise zu widerlegen.

8. Resümee

Trotz einiger argumentativer Mängel auf Seiten jener, die in dem Film einen nationalsozialistischen oder konservativen Gehalt erkennen, so überzeugen doch ihre Argumente am stärksten. Die Kinoindustrie des Dritten Reiches, die organisatorisch zunehmend gleichgeschaltet wurde, lieferte nicht nur harmlos Brot und Spiele, sondern auch subtile Propaganda oder zeugte, vielleicht manchmal ohne es zu wollen, von einem bestimmten Zeitgeist. Jedenfalls verhinderten die Zensur und auch Goebbels, der sich in die Filmproduktion fortwährend einschaltete, daß etwas im deutschen Film gezeigt wurde, was nicht der nationalsozialistischen Denkweise entsprach. Sicherlich gab es auch mal kleine Details, die nicht in den Mainstream passten, entweder, weil man nicht ahnte, daß sie subversiv gemeint waren oder weil man großzügig erscheinen wollte und somit den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen trachtete; doch sie waren so subtil, daß man wirklich schon sehr genau hinhören mußte, um sie mitzukriegen. Diese Spitzen waren so stumpf, so daß sie an keiner Stelle das Fortbestehen des Dritten Reiches nur ansatzweise gefährden hätte können; da war keine bittere Anklage, keine empörende Darstellung der Nazi- Greueltaten, keine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit der Realität. Derjenige, der Münchhausen sagen hörte, wie kaputt doch die Zeit sei, fühlte sich entweder in seiner Gefühlswelt bestätigt oder empört, wurde dadurch aber bestimmt nicht dazu veranlaßt, in den politischen Untergrund zu gehen, um gegen die Nazis zu kämpfen. Das Subversive an dem Film "Münchhausen" ist so halbherzig und umgeben von nationalistischen und konservativen Ansichten, so daß er nicht als Film des Widerstandes interpretiert werden darf.

9. Literaturverzeichnis

Das Literaturverzeichnis enthält alle Literatur zu dem Thema, die in der vorliegenden Arbeit auch erwähnt und/oder zitiert wurde.

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Details

Seiten
17
Jahr
1994
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104103
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1
Schlagworte
Film Münchhausen Seminar Welt Spiegel Filmproduktion

Autor

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Titel: Der Film "Münchhausen": subversiv oder staatskonform?