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James Bond 007 "Goldeneye" zwischen Neukonzeptionierung und Reminiszenz

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Das Erfolgsrezept
2.1. Sean Connery als „Ur-Bond”

3. “Goldfinger” - Bester “James Bond”-Film aller Zeiten?
3.1. „In 1964 Connery and the Aston were cultural icons”
3.2. Zur Bedeutung des Titelsongs „Goldfinger“

4. „Goldeneye“ - Neukonzeptionierung der „Bond“-Serie

5. Parallelen zu „Goldfinger“

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die Kinoleinwand färbt sich schwarz, pulsierende, abgehackte Klänge erfüllen das Lichttheater. Gepaart mit der rhythmischen Musik erscheint eine Serie weißer Flecken... der letzte wird größer und größer, und wir blicken in die Tiefe eines ineinandergeschachtelten Pistolenlaufes. Ein Mann erscheint am Ende des Laufes, dieser folgt seinen Schritten. Der Mann dreht sich augenblicklich herum, lässt sich auf ein Knie fallen und feuert einen Schuss genau in unsere Richtung. Langsam bedeckt ein roter Schleier das Bild, der Pistolenlauf beginnt zu flimmern, senkt sich hinab, schrumpft in sich zusammen, bis er wieder nur noch einen weißen Flecken darstellt...

Die oben beschriebene Szene ist Kinogängern/Innen und Filmbegeisterten weltweit vertraut. Dieser Filmvorspann verspricht eine actiongeladene Fantasiewelt, in der ein mit allen wünschenswerten Eigenschaften ausgestatteter Held Unglaubliches wahr werden lässt und stets den Kampf gegen das Böse gewinnt: James Bond. James Bond ist Agent 007, der Mann mit der Lizenz zum Töten, Ian Flemings Supermann, der sich schon längst in die Reihe der Folkshelden zwischen König Artus, Robin Hood, Sherlock Holmes und Tarzan eingegliedert hat.

Wie lautet das Erfolgsrezept des zum Mythos avancierten Superhelden namens James Bond, der seit des ersten offiziellen1James Bond- Filmes „ James Bond 007 jagt Dr. No “ von 1963 immer bekannter zu werden scheint und die Kinokassen von Film zu Film lauter klingeln l ä sst?

Diese Fragestellung liegt dieser Arbeit u. a. zugrunde. Anhand der Filme „James Bond 007: Goldfinger“ (1964) und „James Bond 007: Goldeneye“ (1995) soll gezeigt werden, ob und wie sich die traditionelle „James Bond-Formel“ über dreißig Jahre hinweg durchsetzt und welche eventuellen Neuinszenierungen dennoch später nötig sind.

Darüber hinaus soll folgende Fragestellung überprüft werden:

Inwieweit stellt „ Goldeneye “ eine Reminiszenz an „ Goldfinger “ dar?

Um diese Frage beantworte n zu können, werden zunächst folgende Gesichtspunkte des Filmes „Goldfinger“ untersucht werden: Die Tatsache, dass „Goldfinger“ als bester Bond-Film gilt, Sean Connery als Ur-Bond, der Aston Martin DB5 als Bond-Ikone und zuletzt Basseys erfolgreicher „Gold finger“-Titelsong. Im Anschluss soll versucht werden, hinsichtlich dieser Punkte Parallelen zu „Goldeneye“ herauszustellen, aber auch zu untersuchen, wie 1995 die „Bond-Formel“ neu verpackt wird und abermals das Erfolgsrezept der Serie bestätigt.

Der Recherche dieser Hausarbeit liegen theoretische Texte, hauptsächlich aber das Internet zugrunde. Beschriebene Filmbeispiele aus „Goldeneye“ werden die theoretischen Erkenntnisse über eventuelle Parallelen der beiden Filme veranschaulichen.

2. Das Erfolgsrezept

Einer der Hauptgründe, warum sich die James Bond-Filme weltweit eines so großen Publikums erfreuen, ist die Tatsache, dass sie hochwertigevisuelle Filme sind. Nicht enden wollende Action und rasend schnelle Schnitte fesseln Auge und Geist dermaßen, dass dem Betrachtenden kaum die Zeit bleibt, über die Handlung nachzudenken. Das Auge des Zuschauers wird durch eine extrem hohe Schnittfrequenz und darüber hinaus durch eine deutliche Action- Dominanz in überwiegend dialoglosen Einstellungen gebannt2. James Bond-Filme erlangten internationales Ansehen auf gleiche Art und Weise wie Walt Disneys Zeichentrickfilme, ebenfalls eine hochwertigevisuelle Form von Unterhaltung, die sich eben auch dieser FilmGeschwindigkeit bedient3.

Ein weiterer Grund für den Erfolg der James Bond-Serie ist die simple Plot-Struktur. In den „Westerns dresses up in modern clothes“4kämpft James Bond gleich einem Western-Helden mit Colt und seinen Fäusten gegen das Böse und verlässt stets als smarter Sieger das Gefecht. James Bond verfüge über alle „Wunschvorstellungsgehalte“, die in unserer Gesellschaft vorhandene Wunschvorstellungen erkennen lassen5: Die zündende Mixtur aus u. a. Action, Sex und Luxus wirkt auf das weibliche Geschlecht auf betörende Art und Weise mit einschlagendem Erfolg...

James Bond bleibt sich treu. Beinahe alle James Bond-Filme stammen von ein und demselben Produzenten-Team, was man bei Tarzan oder Sherlock Holmes nicht feststellen kann. Letzterer wurde häufiger von unterschiedlichen Produzenten interpretiert als Hamlet. Bond bleibt konsequent Bond, er ist 2000 immer noch der gleiche Mann wie 1962. Bond überzeugt als Archetyp dermaßen, dass es frevelhaft wäre, seinen Charakter oder die Figur an sich zu ändern6.

Der James Bond-Film kann auch als Märchen verstanden werden: Ein typisches Element des Märchens ist der böse Gegenspieler, der nicht nur einen gewöhnlichen Feind darstellt, sondern über mysteriöse und unmenschliche Fähigkeiten verfügt. So stellt sich auch der typische James Bond-Gegenspieler dar: Dr. No, Ernst Stavro Blofeld etc. gleichen weniger Al Capone als eher einem modernen Dracula. In diesem Zusammenhang lässt sich also behaupten, dass James Bond- Filme Jahrhunderte alte Volks-Epen wieder aufleben lassen, nur mit dem Unterschied, dass nicht mehr der Heilige St. Georg gegen die Inkarnation und den Satan, sondern James Bond gegen die neuen Dämonen des heutigen Zeitalters, wie Maschinerie und nukleare Bedrohung kämpft7.

2. 1. Sean Connery als „Ur-Bond”

Sean Connery hauchte dem 007-Agenten James Bond als erster und vor allem als erfolgreichster Darsteller Leben ein. Der erste James Bond-Film „James Bond 007: Dr. No“ verhalf dem damaligen Männermodel zu weltweitem Ruhm. Connery wird das „gewisse Etwas“ nachgesagt, er verkörpere den Gentleman und eiskalten Superhelden zugleich wie kein anderer8. Er spielte in den ersten fünf Bond-Filmen, kehrte 1971 in „James Bond 007: Diamonds Are Forever“ nach der George Lazenby-Pleite in „James Bond 007: On Her Majesty´s Secret Service“ (1969) zurück und feierte 1982/83 noch einmal in „James Bond 007: Never Say Never Again“ sein Comeback (da er für diesen Film die Rechte erworben hatte). Sean Connery kreierte sozusagen die „Bond- Formel“, auf der einen Seite dadurch, dass er als erster Bond in Serie erschien, andererseits durch den Erfolg des dritten James Bond-Filmes „James Bond 007: Goldfinger“ von 1964.

3. „Goldfinger“ - Bester James Bond-Film aller Zeiten?

Von H. Saltzman und A. R. Broccoli produziert, begann im Frühjahr 1964 unter der Regie Guy Hamiltons das Projekt „James Bond 007: Goldfinger“. Das Drehbuch stammte aus den Federn Richard Maibaums und Paul Dehns, Kamera führte Ted Moore, die Musik schrieb John Barry. Der Titelsong wurde von Shirley Bassey gesungen, das Budget lag über dem des vorhergegangenen Filmes bei $3.500.000, was 1964 rund 14 Millionen DM entsprach. Sean Connery und Gert Fröbe in den Hauptrollen kämpfen als James Bond und Auric Goldfinger gegeneinander. Die Geschichte handelt davon, dass sich der skrupellose Gauner Goldfinger durch einen genialen Kniff des gesamten amerikanischen Goldvorrats in Fort Knox bemächtigen möchte und dabei auch nicht vor Mord zurückschreckt. Bond verhindert das und gewinnt dabei - wie immer - sämtliche Damenherzen.

„Goldfinger“ gilt als bester Bond-Film und steht stellvertretend für all die nachfolgenden Filme9. Darüber hinaus gilt er als Verbindungsglied zwischen den ersten beiden und allen darauffolgenden, immer teurer werdenden Bond-Produktionen. Nach „Goldfinger“ konnten sich die Produzenten Broccoli und Saltzman sicher sein, dass die „Bond- Formel“ durchschlagenden Erfolg beim Publikum bringen würde - und zwar immer und immer wieder. Mit 111 Minuten ist „Goldfinger“ mit „Dr. No“ der kürzeste Bond-Film, und er ist wahrscheinlich der unglaubwürdigste Film dieser Serie: Ein junges Mädchen stirbt durch einen kompletten Goldüberzug auf der Haut, die hühnenhafte Kraft des Liliputaners Odd Job, der trickreich mit Raketen und Schleudersitz ausgestattete Aston-Martin, Bonds Karate-Kampf mit Pussy Galore (Honor Blackman), der Gegenspieler Goldfinger mit seinem komplett vergoldeten Rolls -Royce, aber vor allem die Szene, in der ein Laser- Strahl kurz vor Bonds Unterleib Halt macht, da er sich gerade noch so aus der Affäre „redet“10. In „Goldfinger“ findet die „Bond-Formel“ ihre Vollendung, die in allen darauffolgenden Filmen ihre Anwendung in abgewandelter Form wiederfinden wird: Schon in der Anfangssequenz jedes Bond-Filmes wird 007 als unwiderstehlicher Casanova dargestellt, der dem Tod mit Bravour entkommt, anschließend gelten die Vorladung bei M, dem Leiter/der Leiterin des British Secret Service, der/die den Einsatzbefehl gibt, den von dem Gedanken an die Weltherrschaft besessenen Bösewicht zu stellen, das Flirten mit Miss Moneypenny, die Waffendemonstration durch den Erfinder Q, die Einführung des bizarren Gegenspielers samt seiner (zumeist weiblichen) Gefolgschaft, Bonds Aufdecken der gegenspielerischen Pläne, Bonds Gefangenschaft und sicherer Tod, sein Freikommen durch Mithilfe der ehemals verfeindeten Gegenspielerin als in jedem Film wiederkehrende „Bond -Formel“, die stets in einem action- geladenen Show-Down endet.

„Goldfinger“ gilt als visuell attraktivster Bond-Film, dadurch, dass sich Gold als zentrales Thema durch den gesamten Film zieht und beinahe jede einzelne Szene surreal erscheinen lässt. „Goldfinger“ verfüge über die besten Gegenspieler, über die attraktivsten Frauen, über den besten Titelsong und über ein außergewöhnlich cleveres Drehbuch11. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass „Goldfinger“ der erste Bond-Film war, der für einen Oscar nominiert wurde.

3. 1. „In 1964 Connery and the Aston were cultural icons”

Sean Connerys silbergrauer Aston Martin DB5, den er das erste Mal in “Goldfinger“ fuhr, ist eines der weltbekanntesten Autos überhaupt.12 Ausgestattet mit rotierendem Nummernschild, Maschinengewehren hinter den Vorderlampen, einem Schleudersitz, Nebelwerfern, messerscharfen Klingen an den Felgen, Navigationssystem im Handschuhfach und einem kugelsicheren Schutzschild erlang dieses Bond-Auto Kult-Status: „in 1964 Connery and the Aston were cultural icons up there with the Beatles“13. Der Aston Martin DB5 war das erste Merchandising-Produkt überhaupt; er ist immer noch in Produktion. Der DB5 erschien im darauffolgenden Bond-Film „Thunderball“ (1965), in „On Her Majesty´s Secret Service“ (1969) und in „Goldeneye“ (1995).

Der Bezug zu „Goldeneye“ wird im folgenden Teil dieser Arbeit noch näher erläutert werden.

3. 2. Zur Bedeutung des Titelsongs “Goldfinger“

Mit schmetternden Trompeten, hohen Violine n und einer widerhallenden Stimme Shirley Basseys gilt der „Goldfinger“-Titelsong, komponiert von John Barry, als der berühmteste unter den Bond- Filmen. Shirley Bassey ist unbestritten eine der schillerndsten Figuren im internationalen Showgeschäft. Ihre beeindruckend mondäne Erscheinung, ihre phänomenale Stimmgewalt und ihre dramatische Interpretation der Songs verhelfen ihr seit vier Jahrzehnten zu weltweitem Erfolg. Diese Tatsache mag ebenfalls zu dem Erfolg von „Goldfinger“ beigetragen haben. Bassey vermittelt den „007-Stil“, ihre Musik erinnert an die coole Atmosphäre, die für das Phänomen James Bond steht14. Die produktivste Bond-Sängerin leihte neben „Goldfinger“ auch den Filmen „Diamonds Are Forever“ und „Moonraker“ ihre Stimme. Ihre grelle und machtvolle Stimme verleihen diesen Titelsongs eine Art inspirierende Energie. Dies macht sich besonders in den letzten Worten bemerkbar, welche sie erstaunlich lange hält: „he loves only GOLD...“ oder „this heart is COLD!“. Als Hommage an Shirley Bassey macht Tina Turner, die den Titelsong von „Goldeneye“ singt, von demselben Stil, in dem Bassey die Endworte lang zieht, Gebrauch15. Nicht grundlos entstand also im Jahre 2000 Basseys neuestes Album „Diamonds Are Forever - The Remixes“, welches ebenfalls eine Hommage an eine der aufregendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts darstellt16.

4. „Goldeneye“ - Neukonzeptionierung der Bond-Serie

Nach 35 Jahren zählt die James Bond-Serie zu den erfolgreichsten Filmserien aller Zeiten17. Sie ist so beliebt, dass sich die Hauptfigur des Agenten 007 als typentolerant erwies und fünf Darsteller ganz unterschiedlicher Prägung verkraftete. Die Serie ertrug auch die sechsjährige Pause zwischen „Licence to Kill“ von 1988/89 mit Timothy Dalton und „Goldeneye“ mit Pierce Brosnan, der schon 1988 als Roger Moore-Nachfolger vorgesehen, aber durch den TV-Vertrag der Serie „Remington Steele“ verhindert gewesen war, als neuer 007 und einem umgestalteten Konzept. Die lange Pause hatte neben juristischen und finanzpolitischen vor allem kreative Gründe, wobei hier lediglich letztere behandelt werden sollen. „Wir müssen die Bond-Film-Struktur neu überdenken und sie in die Machart der 90er Jahre bringen“, so Michael G. Wilson18, neben Barbara Broccoli und Tom Pevsner Produnzent von „Goldeneye“. Andere US-Action-Thriller wie die „Indiana Jones“-Reihe, die beiden Teile von “Stirb langsam“ oder „Alarmstufe rot“ hatten die letzten Bond-Filme mit technischem Aufwand und spektakulären Einfällen weit überholt. Darüber hinaus kam hinzu, dass der letzte Film „Licence to Kill“ die weitaus schwächsten Besucherzahlen aufwies. Ian Flemings Romane und Kurzgeschichten, welche bisher als Vorlage etlicher Bond-Filme dienten, waren endgültig ausgeschöpft19. Also versprach Wilson „neue, überraschende Einfälle“20.

Zunächst einmal war abzusehen, dass nach sechsjähriger Pause, Änderung im Publikumsgeschmack und rasanter Weiterentwicklung der Filmtechnik die Neugestaltung des James-Bond-Images nicht einfach sein würde. Deshalb plante man, dem Publikum erstmals den Hintergrund des Agenten in „Goldeneye“ zu erläutern, weil man sich nicht mehr sicher sein konnte, dass die nachfolgenden und vor allem Bond-entwöhnten Kinogänger noch über alles informiert waren21. Ebenso neu in dem Film ist die Idee der privatwirtschaftlichen russische n Schurkenverbindung „JANUS“, welche die zuvor oft verwendete Terrororganisation „SPECTRE“ ersetzt22. Vor allem gewinnt aber die Frauenrolle zusehends an Bedeutung: dargestellt von Dame Judi Dench, ist Geheimdienstchef M erstmals weiblich und trinkt im Gegensatz zu ihrem männlichen Vorgänger Bourbone statt Kognak23. Sie schimpft 007 allen Feministen/Innen zur Freude einen „sexistischen, frauenfeindlichen Dinosaurier“, ein „Relikt des Kalten Krieges“ mit „aufgesetztem Charme“ und gibt offen zu, dass sie „keine Skrupel hat, Bond in den Tod zu schicken“24. Auch die Figur der russischen Mafia-Killerin Xenia Onatopp (Famke Janssen), die der russischen Computerspezialistin Natalija (Izabella Scorupo) und sogar die der neuen Miss Moneypenny (Samantha Bond) sind längst keine Bond-hinterher-schmachtenden Bikini-Girlies mehr, sondern zeichnen sich den 90er Jahren zeitgemäß durch Individualität und selbstbewusste Weiblichkeit aus. Dies gibt sogar Pierce Brosnan selbst zu: „The heroines are different. They have more substance. The women have voices”25. Dies zeigt auch die für jeden Bond-Film obligatorische Szene mit Miss Moneypenny, in der diese Bond gegenüber das erste Mal überhaupt erwähnt, dass sie eben nicht ihr Leben lang auf ihn warten würde, sondern schon längst nach anderen Männern Ausschau gehalten habe. Zudem droht sie ihm an, eines Tages herausfinden zu wollen, was hinter den ganzen Anspielungen und Macho-Sprüchen seinerseits steckt26.

Zum ersten Mal wird ein Bond-Film in der ehemaligen Sowjet-Union gedreht, außerdem geht es nicht - so wie in unzähligen Filmen zuvor - um den Kalten Krieg.

Es ist das erste Mal, dass der Gegenspieler etwa das gleiche Alter hat und sogar aus denselben Reihen wie Bond stammt.

4. 1. Brosnan als würdiger Bond-Darsteller

Was neben der veränderten Frauenrolle wohl am interessantesten ist, ist die Frage, wie sich James Bond den 90er Jahren anpasst. Pierce Brosnan gilt als bester Connery-Nachfolger27, sogar Sean Connery selbst ist von ihm begeistert: „I thought Pierce Brosnan was a good choice. I liked GoldenEye“28. Brosnan lenkt die Bond-Figur, wie alle seiner Vorgänger, ein Stück weit in eine neue Richtung: Er tauscht einen Teil des Machohaften gegen eine große Portion Gefühl. Während der Dreharbeiten zu „Goldeneye“ kündigte er an, er wolle Bond vermenschlichen29. In der Szene, in der 006 erschossen wird30, zeigt Bond wesentlich mehr Emotion, als die letzten beiden Bonds zusammen jemals zeigten31.

„Sowohl Bond wie auch Brosnan müssen wachsen“32, sie müssen zueinander finden. Connery und Moore anden ihre Bond-Vollendung jeweils in ihrem dritten Film, das erwartete man auch von Brosnan, der sich für drei oder vier Filme verpflichten ließ - heute weiß man, dass er nach seinem dritten - „James Bond 007 - The World Is Not Enough“ - keinen vierten mehr drehen möchte. Während der Dreharbeiten zum 18. Bond-Film „Tomorrow Never Dies“ behauptete Brosnan von sich, er sei mittlerweile perfekt in die Rolle des Geheimagenten geschlüpft, konnte ihm dies zu „Goldeneye“ gar nicht gelingen, da damals immenser Druck auf ihm, aber auch auf dem Film selber lag33. Interessant ist abschließende Tatsache: mit elf Jahren sah Brosnan mit „Goldfinger“ seinen ersten Bond-Film. Seitdem ist Connery sein Idol: „Sean Connery war für mich immer Bond“. Zudem ist Brosnan der Ansicht, „Goldeneye“ sei in seiner Anlage den frühen Bond-Filmen mit Connery am ähnlichsten34.

4. 2. Europaorientierte Produkte und mächtigste Werbekampagne

Der neue Bond ist vornehmlich von europäischen oder multinationalen Produkten durchsetzt, z. B. einer speziellen Omega-Armbanduhr mit High-Tech-Kunststücken, IBM-Computer, Perrier-Mineralwasser, das nicht getrunken, sondern in einer Actionszene verwendet wurde, französischer Bollinger-Champagner usw. Besonders erwähnenswert ist das Erscheinen des BMW-Roadster Z3, das erste Mal, dass Bond ein deutsches - und kein britischen - Auto fährt.

Für die Bond-Filme wurde schon immer weltweit stark und wirksam geworben. Doch „Goldeneye“ erhielt die bis 1995 kräftigste Werbekampagne. Bereits ein halbes Jahr vor Kinostart ließ MGM/UA Trailer in den Kinos laufen. „Es ist eine neue Welt mit neuen Feinden und neuen Bedrohungen, aber du kannst dich immer noch auf einen Mann verlassen“, so beginnt der Trailer, bevor Pierce Brosnan aus dem 007-Logo mit einer automatischen Waffe dem Zuschauer entgegen feuert und sogleich das unverwechselbare musikalische Hauptthema erklingt. Nach einigen schnellen, aufregenden zusammengeschnittenen Szenen ertönen die Urworte: „The name is Bond. James Bond“35. Dass für „Goldeneye“ so immens geworben wurde, findet folgende Erklärung: mit dem Erfolg des neuen 007 stand oder fiel das Studio von MGM/UA. Nach den erfolgreichen Filmen „Thelma und Louise“ und „Stargate“ 1991 floppten alle weiteren fünf Filme, darunter „Rob Roy“ und „Cutthroat Island“, katastrophal. „Goldeneye“ musste somit als Erfolg überzeugen, was glücklicherweise auch gelang: „Goldeneye“ darf sich bis 1995 den erfolgreichsten Film der Serie nennen36.

5. Parallelen zu „Goldfinger“

Was macht „Goldeneye“ zur Reminiszenz an „Goldfinger“? Als die Bond-Serie mit den Dalton-Filmen immer schwächer zu werden schien und MGM/UA nach „Licence to kill“ die sechsjährige Zwangspause einlegen musste, verlangte das 007-Publikum nach einem guten, außergewöhnlichem Film. Es hatte schließlich lange genug warten müssen, und das 247-Millionen-Dollar-Einspiel zeigt den derzeitigen Hunger nach Bond-Action. Mit „Goldeneye“ wollte man an eine über drei Jahrzehnte lange Tradition anknüpfen, dennoch musste die alte „Bond-Formel“ mit einem neuen Konzept angereichert werden. Da „Goldfinger“ als der Vorzeige-Film der Serie gilt37, übernahm man einige Elemente dieses beliebtesten Filmes, um „Goldeneye“ zum Erfolg avancieren zu lassen; dieser stellt sogleich nach folgendem Prinzip eine Hommage an den Klassiker dar: „So it goes: something old, something new“38:

- Auf der einen Seite bleibt Bonds Waffenausstattung durch Q (immer noch von Desmond Llewelyn gespielt) erhalten, während M das erste Mal mit einer weiblichen Rolle besetzt wird.
- Auf der einen Seite bewahrt sich Bond etliche seiner Manieren: z. B. der Martini oder die typische Art, sich vorzustellen („The name is Bond. James Bond“), während er neuerdings eine beachtliche Portion an Gefühl in der Szene aufweist, in der 006 erschossen wird.
- Auf der einen Seite geht es wie immer um ausgefeilteste

Technologie, in diesem Falle um das Raketensystem „Goldeneye“, während - man glaubt es kaum - zum ersten Mal das Internet, e -mail und Computerhacker eine Rolle spielen. · Auf der einen Seite trägt Bond immer noch die Bezeichnung des Geheimagenten 007, arbeitet auch noch im selben System, nämlich für den MI6, während dem Zuschauer das erste Mal sein familiärer Hintergrund erläutert wird.

Des weiteren ähneln sich die beiden Titel der angesprochenen Filme: Gold als zentrales Thema, welches „Goldfinger“ zum visuell attraktivsten Bond-Film macht39, sollte das Publikum bereits durch den Titel „Goldeneye“ unterbewusst an den Klassiker „Goldfinger“ erinnern und neugierig machen.

Die auffälligste Parallele überhaupt stellt der Aston Martin DB5 dar: Wie oben bereits erwähnt, galten Connery und der Aston Martin 1964 als kulturelle Ikonen. Um daran anzuknüpfen, setzte man für den „neuen Bond“ neben dem neuen BMW Roadster Z3 das erste Mal auch wieder den silbergrauen Aston ein40.

Nicht nur als Hommage an die Sängerin des Titelsongs Shirley Bassey, ebenso an „Goldfinger“ selbst, gilt Tina Turners „Goldeneye“-Titelsong. Wie Bassey einst hält auch Tina Turner die Endworte, wie z. B. „GoldenEYE“, „You´ll never KNOW“, „Who´s left BEHIND“ oder „Time is not on your SIDE” usw. auffallend lange41.

6. Schlussfolgerung

6. 1. „The old Bond movie model emerges stirred, not shaken“

Obwohl „Goldeneye“ ein so hohes Einspielergebnis aufweist,42 gilt er als schlechtester Bond -Film aller Zeiten43. Er weise u. a. „mangelnde Spannung“ (epd film) und ein „schwachbrüstiges Drehbuch“ (F. A. Z.) auf, lebe nur vom „Mythos Bond“44.

Dies kann man dem Film durchaus verzeihen, versteht man ihn als Art vorsichtig errichtete Brücke, die den Hauptdarsteller ins neue Millennium trägt45. „Goldeneye“ gelingt es dennoch sicherlich, Bond wieder ins Geschäft zu bringen. Diesen lässt der Film so erscheinen, dass er sowohl von alteingesessene Fans wie auch von Newcomern gleichermaßen gehasst oder geliebt werden kann.

6. 2. Ist „James Bond“ reif für die Zukunft?

Gleichgültig, ob uns Bond als Flugsaurier oder als Spiderman angeboten wird, er ist einfach nicht mehr umzubringen. Die Formel der 007-Magie ist ausgesprochen und unlöschbar. Sogar der ehemalige US-Präsident Bill Clinton reihte sich unter die Bond-Anhänger ein: bei einem Abendessen mit dem britischen Premierminister John Major im November 1995 bat Clinton bei seinem Toast, „einen meiner Lieblingsbriten, 007“ zitieren zu dürfen. „An unserer Verbindung kann niemals gerührt oder geschüttelt (stirred nor shaken) werden“46.

Trotz alledem enttäuscht „Goldeneye“. Letztendlich mangelt es in der „Bond-Schmiede“ an Ideen; ob dies daran liegt, dass Ian Flemings Romane und Kurzgeschichten restlos erschöpft sind? Wie bereits erwähnt, lebt der Film von seinem „Mythos“; er besteht lediglich aus dem alten Bond-Gerüst, welches mit viel Krach und Action aufgepeppt wurde47. Der Film ist allgemein keine schlechte Unterhaltung, „aber für den Bond-Film-Liebhaber enttäuschend“48 und schon gar nicht mit seinem Vorbild „Goldfinger“ messbar. Aber die Zeiten ändern sich, und so ist auch „der neue Bond als Comic-Figur leider ganz in der Zeit, ein Zeitgeist-Mitflieger, Superjames, Batbond und Spider-007“49.

Literaturverzeichnis

- Brosnan, John: James Bond in the Cinema. London 1972.

- Faulstich, Werner / Strobel, Ricarda: Innovation und

Schema. Medienästhetische Untersuchungen.

Wiesbaden 1987.

- Kocian, Erich: Die James Bond Filme. Heyne Filmbibliothek. München 1982 (9. Auflage 1998).

- Lünnemann, Ole: Vom Kalten Krieg bis Perestroika. James Bond - Ein Filmagent zwischen Entspannung und Konfrontation. Münster / Hamburg 1993.

- www.jamesbond.com

- www.james-bond007.de

- www.nuvs.com

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1„Casino Royale“ zähle ich nicht zu den offiziellen James Bond Filmen.

2Faulstich, Werner / Strobel, Ricarda: Innovation und Schema. Medienästhetische Untersuchungen zu den Bestsellern „James Bond“, „Airport“, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“, „Love Story“ und „Der Pate“. Wiesbaden 1987, S. 39.

3Brosnan, John: James Bond In The Cinema. London 1972, S. 11.

4Brosnan, John: James Bond In The Cinema. S. 11.

5Lünnemann, Ole: Vom Kalten Krieg bis Perestroika. James Bond - Ein Filmagent zwischen Entspannung und Konfrontation. Eine inhaltsanalytische Studie zur Reflex- und Kontrollhypothese. Münster / Hamburg 1993, S. 55.

6www.james-bond007.de

7Brosnan, John: James Bond In The Cinema. S. 11.

8www.james-bond007.de

9www.james-bond007.de

10www.james-bond007.de

11Brosnan, John: James Bond In The Cinema. S.55.

12www.nuvs.com

13www.nuvs.com

14www.james-bond007.de

15www.jamesbond.com

16www.james-bond007.de

17Kocian, Erich: Die James Bond Filme. München 1998 (9. Ausgabe), S. 326.

18Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 332.

19Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 332.

20Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 332.

21Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 337.

22Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 340.

23„James Bond 007 - Goldeneye“: Szene 00:43:45.

24„James Bond 007 - Goldeneye“: Szene 00:44:39-00:45:07.

25www.jamesbond.com: Artikel aus „San Francisco Chronicle” vom 25. Januar 1995, verfasst von Paul Majendie.

26„James Bond 007 - Goldeneye”: Szene 00:34:45-00:35:32.

27Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 348.

28www.jamesbond.com: Artikel aus „Chicago Sun Times” vom 2. Juni 1996, verfasst von Cindy Pearlman.

29Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 354.

30„James Bond 007 - Goldeneye“: Szene 00:05:45-00:06:37.

31www.nuvs.com

32www.nuvs.com

33www.jamesbond.com

34Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 354.

35Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 343.

36Er spielte weltweit 247 Millionen Dollar ein.

37www.james-bond007.de.

38www.jamesbond.com: Artikel „Bond ambition“, verfasst von Stark, Susan am 17. November 1995.

39siehe S. 7.

40www.jamesbond.com.

41www.jamesbond.com.

42www.jamesbond.com: Artikel „Bond ambition“, verfasst von Stark, Susan am 17. November 1995.

43Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 377.

44Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 378.

45www.jamesbond.com: Artikel „Bond ambition“, verfasst von Stark, Susan am 17. November 1995.

46Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 351.

47Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 349.

48Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 349.

49Kocian, Erich: Die James Bond Filme. S. 349.

Details

Seiten
19
Jahr
2001
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104101
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
sehr gut
Schlagworte
James Bond Goldeneye Neukonzeptionierung Reminiszenz Musikfilm-Filmmusik

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Titel: James Bond 007 "Goldeneye" zwischen Neukonzeptionierung und Reminiszenz