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Die Entwicklung der Empathie

Ausarbeitung 2001 10 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Die Entwicklung der Empathie

1. Was ist Empathie ?

Unter Empathie versteht man die emotionale Anteilnahme einer Person an dem Erleben einer andern Person, bzw. die Nachempfindung einer erlebten Emotion der andern Person.

Empathie ist jedoch nicht mit Mitleid oder Gefühlsansteckung gleichzusetzen, denn hierbei erfolgt keine Identifikation mit der anderen Person. Bei Empathie ist aber gerade die Teilidentifikation mit der andern Person ein sehr zentraler Punkt, da sie emotionale Anteilnahme und das Nachempfinden einer Emotion ermöglicht.

Als Grundlage für das Empfinden von Sympathie ist sie ein zentrales Konstrukt, denn erst durch Empathie ist es uns möglich, eine emotionale Verbindung zu anderen herzustellen.

Sie wird deshalb manchmal zu recht als das Zentrum dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, beschrieben.

Zudem wird der Empathie eine wichtige Rolle bei dem Entstehen prosozialer Motivation und prosozialem Handeln, sowie bei der Entstehung von Moralkonzepten und Gerechtigkeitssinn beigemessen.

Früher war man der Überzeugung, dass Empathie erst ab dem Schulalter - also mit sechs bis sieben Jahren - auftreten würde, da bestimmte kognitive Fähigkeiten als Voraussetzung gesehen wurden, doch heute weiß man, dass empathische Reaktionen auch in Verbindung mit prosozialen Handlungen schon relativ früh - etwa ab dem zweiten Lebensjahr- auftreten. Die Vorstufen von Empathie so wie etwa das Reaktive Weinen lassen sich sogar schon wenige Tage nach der Geburt beobachten.

Daraus lässt sich schließen, dass die kognitive Entwicklung weniger entscheidend für die Entwicklung der Empathie ist, die zentrale Rolle in übernimmt die emotionale Komponente.

2. Die Entwicklung der Empathie

Face-to-Face-Spiele

Face-to-Face-Spiele sind eine weitere Entwicklungsstufe der Empathie und fallen auch unter der Überbegriff egozentrische Empathie, denn wie bei dem Reaktiven Weinen handelt es sich auch hier um eine Form der Gefühlsansteckung, wenn auch etwas differenzierter

Sie beginnen im Alter von zwei bis drei Monaten und haben ausschließlich sozialen Charakter, d.h. es handelt sich nicht um das befriedigen von Pflegebedürfnissen oder um Fürsorge sondern nur um die soziale Interaktion zwischen Mutter und Kind.

Im Vordergrund steht der Austausch expressiver Verhaltensweisen wie zum Beispiel Freude oder Wut zwischen Mutter und Kind, die die Mutter verdeutlicht, damit sich ein positiver emotionaler Gleichklang zwischen ihr und ihrem Kind einstellt.

Das Kind wendet sich in diesem Alter aktiv zur Umwelt zu, d.h. es zeigt auch von sich aus Freude, Neugier und Interesse, vor allem am Gesicht der Bezugsperson, da Mimik die wichtigste Informationsquelle für das Kind ist.

Durch Nachahmung von Gesichtsausdrücken (Mimicry) überträgt das Kind das emotionale Befinden seines Gegenüber auf sich selbst. Mit der Zeit stellt sich so ein emtionaler Gleichklang zwischen Mutter und Kind ein.

Die Mutter versucht ihrerseits die Verhaltensweisen bei ihrem Kind zu verstärken, die sie für gut, wichtig und wünschenswert befindet. Es findet eine Assoziationsbildung zwischen dem Lächeln der Mutter einer- seits, der sozialen Aktivität und der emotionalen Erregung des Kindes an- dererseits statt.

So wird der Ausdruck der Mutter für mit der Zeit im Sinne der klassischen Konditionierung zu einem starken Hinweisreiz für das Kind bezüglich der eigenen emotionalen Befindlichkeit.

Von einer empathischen Reaktion kann man hier jedoch noch nicht sprechen, weil das Kind die Situation oder die Erlebensweise der Mutter nicht in das Spiel miteinbezieht.

3. Kognitive und sprachliche Entwicklung

Verstehen der Gefühle anderer

Für ein „grobes“ Erkennen von Emotionen reichen einfache Lernmechanismen wie Nachahmung von Gesichtsausdrücken (Mimicry) oder klassische Konditionierung (Face-to-Face- Spiele) aus.

Das Verstehen der Emotionen anderer Personen, das mit kognitiven Ent- wicklungen (Denkvorgängen/Denkleistungen) einhergeht fördert empathi- sche Reaktionen und kann als eine Voraussetzung für Empathie gesehen werden.

Das erste globale Selbstkonzept und die Selbst-Andere Unterscheidung

Die Entwicklung des ersten Selbstkonzeptes und die Selbst-Andere Unterscheidung sind notwendige Entwicklungsschritte für das Auftreten von empathischen Reaktionen.

Diese beiden Phänomene sind etwa ab dem zweiten Lebensjahr zu beo- bachten, das erste Selbstkonzept liegt vor, wenn das Kind sich im Spiegel erkennt.

Obwohl sie fast zeitgleich auftreten, ist die Ausbildung des ersten globalen Selbstkonzepts Voraussetzung für die Selbst-Andere Unterscheidung. Ist dieser Entwicklungsschritt erst einmal vollzogen, ist das Kind auch in der Lage, sich in die Rolle anderer Personen hineinzuversetzen, d.h. es kann zu einer Teilidentifikation kommen.

Hier ist ein entscheidender Wendepunkt in der Emapthie-Entwicklung, denn erst wenn das Kind erkennt, dass die im Moment erlebte Emotion ihre Ursache in der Situation einer anderen Person hat, und nicht in der eigenen, dass es sich also um Nachleben handelt, erst dann kann es zu einer empathischen Reaktion kommen.

Empathisches Verhalten tritt übrigens vor allem auf, wenn es sich um eine Person handelt, die stark ins Selbstkonzept eingebunden ist, denn auch die Art der Beziehung scheint eine wichtige Rolle für das Auftreten von Empathie zu spielen.

Es sind also nicht nur reine Denkfähigkeiten sondern vor allem sozialkognitive Aspekte von Bedeutung.

Die Fähigkeit sich in andere Personen hineinzuversetzen wird auch im späteren Entwicklungsverlauf wichtig, wenn das Selbstkonzept spezifischer und fester wird, denn auch die Wirkung die man auf andere hat bzw. deren Gedanken haben einen Einfluss auf die Art, wie man sich selbst sieht, bewertet und definiert.

4. Emotionale Bedingungen

Wie schon angedeutet gibt es unterschiedliche emotionale Voraussetzungen für die Empathie, was auch erklärt, warum die Entwicklung der Empathie eng an die emotionale Entwicklung gebunden ist.

Kinder reagieren wie oben beschrieben von Geburt an emotional auf emotionale Zustände anderer Personen, wie etwa andere Kinder oder ihre Bezugspersonen.

Doch diese Reaktionen sind bis zum 2. Lebensjahr noch überwiegend selbstbezogen, vor allem, wenn es sich um negative Emotionen wie z.B. Schmerz oder Trauer handelt.

Diese werden vom Kind als Unlusterfahrung wahrgenommen, die es vermeiden oder so schnell wie möglich beenden möchte.

Etwa ab dem zweiten Lebensjahr wenn die Selbst-Andere-Unterscheidung einsetzt können die Kinder auch differenzierter auf die Emotionen und Bedürfnisse anderer eingehen.

5. Einfluss der Sozialisation auf die Entwicklung der Empathie

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass der Entwicklungsverlauf der Empathie durch die Sozialisation gehemmt aber auch gefördert und unterstützt werden kann.

In diesem Zusammenhang sind vor allem die ersten emotionalen Erfahrungen des Kindes sehr richtungsweisend, insbesondere das Verhalten der primären Bezugsperson ist hier von Bedeutung.

Entscheidend ist ob die Bezugsperson sensitiv und einfühlsam ist und die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes erkennt, und ob es gelingt, den positiven Gleichklang zwischen ihr und dem Kind herzustellen.

Der Einfluß der Sozialisation ist auch unter dem Aspekt der Entwicklung von prosozialem Handeln interessant, denn durch die Erziehung kann die emotionale Reaktion gestärkt, und zu prosozialer Motivation ausgebaut werden, oder aber sie wird nicht gestärkt und verblasst.

Leider gibt es nicht viele Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Sozialisation und der Entwicklung der Empathie beschäftigt haben und die, die es gibt, lassen keine eindeutigen Schlüsse darüber zu, welcher Zusammenhang besteht.

So haben etwa Zahn-Waxler & Smith (wird gedruckt, zitiert aus ) aber auch Eisenberg et al. (1989b, zitiert aus ) gezeigt, dass Kinder deren El- tern eher empathisch reagieren selbst auch häufiger empathische Reakti- onen zeigen, was jedoch nicht immer der Fall ist (e.g.,Strayer & Ro- berts,1989, zitiert aus ) und hauptsächlich für Mutter und Tochter Bezie- hungen gilt.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie, die Jugendliche nach ihrer frühen Bindung zur Mutter befragt.

Hoch empathische Jugendliche berichten, von ihren Müttern viel Zunei- gung erfahren zu haben, bei weniger empathischen Jugendlichen ist dies nicht der Fall. Natürlich sind subjektive Selbstberichte keine eindeutigen Belege, doch im Zusammenhang mit dem Bindungserleben sind sie sicherlich aussagekräf- tig.

Desweitern gibt es Studien die zu dem Schluss kommen, dass sich Kinder, denen klar und mit verständlicher Begründung erklärt wird, warum es wichtig ist, sich rücksichtsvoll zu verhalten, die Rechte der anderen zu achten und keinem zu schaden, meistens rücksichtsvoller, einfühlsamer und autonomer verhalten (Zahn-Waxler et al., 1979; Yarrow, Scott & Waxler, 1973, beide zitiert aus ).

Trotz allem ist nicht abzustreiten, dass die Liebe und Fürsorge die Eltern ihrem Kind zukommen lassen eine entscheidende Rolle für den Entwicklungsverlauf der Empathie einnehmen, denn die Familie bildet den Rahmen, in dem das Kind zum ersten Mal mit empathischen Reaktionen und prosozialem Verhalten in Berührung kommt und in dem es zum ersten Mal selbst empathisch reagiert.

Vor allem die Reaktionen der Bezugspersonen auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes wie Zuneigung und Zärtlichkeit können förderlich sein, wenn sie befriedigt werden, aber auch hemmend wirken, wenn nicht ausreichend auf sie eingegangen wird.

6. Modellrolle der Eltern

Man kann wohl davon ausgehen, dass Eltern für ihre Kinder eine Art Modellrolle einnehmen, d.h. sie leben ihnen ein Empathie-Verhaltensmuster vor, welches die Kinder dann übernehmen.

Hier sind Väter genauso wichtig wie Mütter, denn wenn Väter nicht empa- thisch reagieren, kann es dazu kommen, dass Empathie von Jungen als geschlechtsspezifische Eigenschaft, die nur für Frauen von Bedeutung ist, interpretiert wird, und somit die Empathie-Entwicklung von Jungen nega- tiv beeinflusst wird. Trotzdem sollte man auch bedenken, daß bei der Er- ziehung von Mädchen vielleicht besonderer Wert auf Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen gelegt wird.

7. Welche Aspekte fördern nun die Entwicklung der Empathie?

Wie schon erwähnt ist die Entwicklung des Selbstkonzeptes bei der Empathie-Entwicklung eine Art „Meilenstein“, denn erst durch das Selbstkonzept kann es ja zu empathischen Reaktionen kommen.

Und genau hier können Eltern im Rahmen der Erziehung eingreifen indem sie die Entwicklung des Selbstkonzeptes fördern und letzteres stärken. Ein erster Schritt in diese Richtung ist der Aufbau einer positiven ElternKind Beziehung, denn werden Eltern vom Kind als vertrauensvolle Quelle für die eigene Bedürfnisbefriedigung erlebt, wird das Kind bindungssicher und gewinnt auch an Selbstsicherheit.

Selbstsichere und bindungssichere Kinder sind nicht ständig mit sich selbst und ihrer eigenen Bedürfnisbefriedigung beschäftigt und können deshalb aufmerksamer auf die Bedürfnisse anderer reagieren.

(Interessant ist hier auch, daß Kinder die eher traurig wirken weniger empathisch reagieren als Kinder die mehr positive Emotionen zeigen.)

Hier ist ein weiterer wichtiger Punkt schon angeschnitten: die Wahrnehmung von anderen Personen.

Auch an dieser Stelle können Eltern durch die Erziehung Einfuß nehmen, indem sie ihr Kind auf die „Täter-Opfer“ Situation aufmerksam machen und besonders auf das Empfinden und Befinden des Opfers eingehen. So wird dem Kind die Möglichkeit gegeben, sich in die Lage des Opfers hineinzuversetzen und die prosozialen Aspekte werden verdeutlicht. Es ist auch sehr hilfreich, dem Kind zu erklären und verständlich zu be- gründen, warum es wichtig ist, ich hilfsbereit und freundlich zu Verhalten sowie die Rechte der anderen zu achten, denn dies führt dazu, daß die Kinder rücksichtsvoller, empathischer und autonomer handeln.

Diese Art der Erziehung beruht auf dem induktiven Erziehungsstil und kann sehr wohl Empathie fördern.

Entwicklungs hemmend hingegen wirken Liebesentzug und das Erzeugen von Angst vor Strafe.

8. Die Geschwisterbeziehung - Ein Übungsfeld für Empathie

Eine wichtiges Übungsfeld für empathische Reaktionen und prosoziales Handeln ist die Geschwisterbeziehung.

Dunn und Kendrick kamen in ihrer Studie 1982 zu dem Ergebnis, daß 24 bis 30 Monate alte Kinder zu 40% empathische Anteilnahme gegenüber ihren 8 Monate alten Geschwistern zeigen und diese Häufigkeit nur 6 Monate später sogar auf 65% ansteigt (zitiert aus .

Auch bei der Empathie-Entwicklung ist sie von großer Bedeutung, denn mit Geschwistern ist das Verstehen der kleinen gemeinsamen Beziehungswelt viel einfacher als mit fremden Personen.

9. Individuelle Unterschiede - Gibt es einen genetischen Faktor?

Zwar gibt es viele Möglichkeiten für die Eltern oder primäre Bezugspersonen in die Empathie-Entwicklung richtungsweisend einzugreifen, doch scheint es auch zeitstabile individuelle Unterschiede im EmpathieVerhalten zu geben, die sich schon relativ früh abzeichnen.

Könnte auch ein genetischer Faktor existieren ?

Es gibt einige Anzeichen dafür, daß wohl zumindest einige Merkmale der Empathie vererbt werden.

Unterstützt wird diese Hypothese durch Erkenntnisse aus diversen Zwi l- lingsstudien, in denen eineiige und zweieiige Zwillingspaare in Bezug auf ihre empathische Reaktion (Matthews, Batson, Horn,& Rosenman,1981, zitiert aus ) und Altruismus (Rushton, Fulker, Neale, Nias, & Eysenck,1986 zitiert aus ) verglichen wurden.

Obwohl in diesen Studien Erwachsenen untersucht wurden, ließ sich nachweisen, daß eineiige Zwillinge häufiger ähnlich reagierten als zweieiige Zwillingspärchen.

Aber auch neuere Studien mit jungen Zwillingspärchen wie z.B. die von Zahn-Waxler, Robinson und Emde (1991, zitiert aus) weisen auf angeborene Faktoren hin.

10. Die erste Empathie und die ersten prosozialen Handlungen

Im Alter von etwa zwei Jahren findet die wohl entscheidendste qualitative Veränderung in der Entwicklung der Empathie statt.

Denn durch die Entwicklung eines ersten Selbstkonzeptes und durch die Selbst-Andere Unterscheidung ist das Kind ist nun zum ersten Mal in der Lage, sich in eine andere Person hineinzuverstetzen und empathisch zu reagieren.

So kann es auch zu ersten prosozialen Handlungen kommen, die zu Be- ginn vor allem gegenüber der Bezugsperson und Familienmitgliedern, spä- ter aber auch gegenüber unbekannten beobachtbar sind. Die ersten prosozialen Handlungen sind meist physisch, d.h. sie äußern sich durch Tätscheln, Küssen, Umarmen, Streicheln usw. mit der Zeit wer- den sie jedoch differenzierter und den Bedürfnissen der anderen Person eher angepasst.

Zudem reagieren Kinder nicht nur auf die Gefühle anderer, sondern sie wollen auch verstehen, warum jemand z.B. traurig ist und fragen nach der Ursache des Kummers, vielleicht mit dem Hintergrund, diese zu beheben. Wenn Kinder dann versuchen zu trösten, dann werden sie zuerst zu den Mitteln greifen, die sie selbst trösten würden, z.B. zum Liblingsteddy oder der Schmusedecke, bleibt dies jedoch ohne Erfolg, suchen sie etwas, das der traurigen Person wichtig ist, und vondem das Kind denkt, dass es die trösten könnte.

Hier ist also der Prozess der Rollenübernahme beschrieben: Das Kind ver- setzt sich in die Lage des Anderen und überlegt was es trösten könnte, wenn es diese andere Person wäre. Man sieht also: Das Kind kann im Alter von etwa zwei Jahren schon sehr wohl zwischen sich selbst und anderen unterscheiden.

Natürlich treten prosoziale Verhaltensweisen häufiger auf, wenn das Kind älter wird, was auch damit zusammenhängt, daß das Kind schon mehr Erfahrungen mit Kummer hat.

Es war sicher selbst schon öfter traurig oder hat anderen Kummer zugefügt außerdem hat es sicher auch schon als „bystander“ Kummer bei anderen Personen miterlebt.

Mit der Zeit ändert sich natürlich nicht nur die Häufigkeit des Auftretens sondern auch die Qualität der prosozialen Handlungen da die hierfür notwendige kognitive Entwicklung voranschreitet.

Details

Seiten
10
Jahr
2001
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104027
Note
Schlagworte
Entwicklung Empathie

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