Lade Inhalt...

Interkulturelle Hermeneutik

Hausarbeit 2001 17 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL

1. INTERKULTURELLE HERMENEUTIK - EINE EINFÜHRUNG

2. INTERKULTURELLE FREMDERFAHRUNG

3. BEDINGUNGEN UND MÖGLICHKEITEN DES FREMDVERSTEHENS
3.1. Allgemeine Bedingungen des Verstehens
3.2. Begegnung, Wahrnehmung und Auseinandersetzung

4. PROBLEMFELDER DER INTERKULTURELLEN KOMMUNIKATION
4.1. Interkulturelle Kommunikation und kulturalistische Fehldeutungen
4.2. Vorurteilsbildung im Zuge der interkulturellen Kommunikation

III. SCHLUß

IV. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

In Zeiten, in denen der Begriff Globalisierung mehr und mehr an Bedeutung gewinnt und es damit leichter oder gar zwingend wird, mit anderen Kulturen in Kontakt zu treten, wird “Interkulturelle Handlungskompetenz” zu einer Schlüsselqualifikation des 21.Jahrhunderts, eine Neuheit, die der Mensch erst lernen und akzeptieren muß.

So sieht sich das Individuum plötzlich neuen Situationen ausgeliefert, konfrontiert mit neuen Handlungs- und/oder Denkweisen, denen man entgegenkommen muß. Dies wiederum führt leicht zu Mißverständnissen oder Fehlinterpretationen, ein Fakt, der es nicht ausläßt, sich mit der Wissenschaft, die sich mit solchen Phänomenen beschäftigt, auseinanderzusetzen.

Gilt die Hermeneutik als die Kunst des Auslegens, kann sie auch in diesem Bereich angewandt werden, in dem es ja darum geht, andere Personen oder Kulturen zu erfassen und sie oder ihr Verhalten richtig zu interpretieren und zu verstehen.

Die interkulturelle Hermeneutik soll im folgenden kurz vorgestellt werden und einige Schwierigkeiten, die sich ergeben können, erläutert werden.

II. Hauptteil

1. Interkulturelle Hermeneutik - eine Einführung

Wenn man von hermeneutischen Vorgehensweisen spricht, geschieht dies meist im Zusammenhang mit Texten, denn Hermeneutik als Kunst des Auslegens wird oft als Textinterpretation gesehen.

Doch sind es nicht nur Texte, die verstanden und ausgelegt werden müssen. Auch Phänomene des Zusammenlebens und -treffens sind zu ergründen, ein Gebiet, das nicht nur in der Soziologie als Betrachtungsgegenstand dient, sondern auch in anderen Wissenschaften eine Rolle spielt. Das dtv-Lexikon unterstützt diese These wie folgt:

„Die hermeneutische (‘verstehende’) Methode, die in Gegensatz zur erklärenden der Naturwissenschaft gesetzt wird, will Äüßerungen und Werke des menschlichen Geistes , Texte , Kunstwerke oder überhaupt das menschliche Verhalten und geschichtliche Ereignisse aus sich und in ihrem Zusammenhang verstehen und ihren Sinn erschließen.“ (dtv-Lexikon, 1990, Bd. 8).

Im heutigen Leben ergeben sich durch immer neue Wege der Kommunikation und des Zusammenlebens neue Situationen für das Individuum, es macht neue Erfahrungen und muß sich diesen stellen. Im Hinblick auf das Zusammentreffen mit anderen Kulturen kommt es zu einer stetigen Interkulturalität, zu Situationen, in denen zwei oder mehrere Personen aus verschiedenen Kulturkreisen aufeinanderprallen und zumindest im folgenden Moment gegenseitig füreinander von Bedeutung sind. Hier gilt es, das Verhalten und/oder die Reaktionen richtig zu erkennen und wiederum darauf zu reagieren, d.h. das Fremde also nicht abzuwehren, sondern zu erfahren. Diese Erfahrung mit dem Neuen, dem Fremden, ergibt also eine Situation, die es zu untersuchen gilt. Es trügt der Schein, daß man schon alleine durch die gelebte Teilhabe am Sprach- und Kulturzusammenhang verstehe; jenes bedarf einem kreativen und selbstverantwortlichen Akt, der stets auf Weiterverstehen angewiesen bleibt. Verstehen wird als Interpretation von komplexen Gegebenheiten gesehen, man will Zusammenhänge herstellen und aus diesen verstehen. Um letztere unverfälscht bilden zu können, gehört auch immer dazu, die Geschichte ebenso wie den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zu beachten.

Die interkulturelle Hermeneutik untersucht diesen Bereich, sie versucht im Falle des Zusammentreffens verschiedener Kulturen die individuellen Reaktionen und Situationen zu verstehen und zu interpretieren:

Verstehen, das deutet sich hierin an, ist nicht nur ein Wiedererkennen bereits bekannter Typen oder intersubjektiv prädeterminierter Intentionen, sondern zugleich eine Interpretationsleistung des Verstehenden.” (Hammerschmidt, 1997, S. 154)

Anzumerken bleibt, daß bei dem Pädagogen, sei es als Praktiker oder Wissenschaftler, den Kern seines Verstehens Erziehung und Bildung ausmacht, d.h. diese Begriffe bestimmen für ihn auch den Weg des Auslegens in der Hermeneutik. In folgendem soll jedoch auf die interkulturelle Hermeneutik im allgemeinen hingeführt werden, lediglich einige Beispiele am Rande dienen der pädagogischen Aufarbeitung.

2. Interkulturelle Fremderfahrung

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Fremderfahrung: Zum einen die Primärerfahrung, die mittelbar stattfindet, also bei einer direkten Begegnung vorliegt. Hier ist vor allem die (Fremd-)Sprache wichtig, scheint diese doch prädestiniert als Beitrag zur “Völkerverständigung”. So wird mit der fremden Sprache der Sprechende zugleich mit einer fremden Kultur, Lebens- und Denkweise konfrontiert. Besonders diese direkte Begegnung, wo das Fremde in Form des Fremdlings in den eigenen Kulturraum eindringt, wird oft als Bedrohung erfahren und gerät sobald es der Fremdlinge zuviel sind zur “Überfremdung” (vgl. Hammerschmidt, 1997, S.55). Hierbei gibt eine Etikettierung des Fremden - im Volksmund als Vorurteil bekannt - Orientierung und ein Gefühl der Überlegenheit. Dazu jedoch mehr in Punkt 4.2.

In seiner Denkweise neigt der Mensch von seinem Kulturraum als “drinnen” zu sprechen, so führt jeglicher Einfluß des Fremden - von “außen” also - zu Bedrohung, zu Konflikten, die einer durch den Fremden verursachten Heterogenität zuzuschreiben sind, schließlich sei der eigene Kulturraum homogen, d.h. für das Individuum in sich stimmig und geordnet. Man sieht die andere Lebensweise als Angriff auf die eigene Wirklichkeit, das Sicherheitsempfinden scheint gestört, das geregelte Weltbild durcheinander. Dieses Empfinden einer möglichen Gefahr ausgehend vom Fremden ruft oftmals Abwehrverhalten hervor, so kannten früher einfache Gesellschaften hauptsächlich drei Varianten des Umgangs mit Fremden: Adoption, also die Aufnahme des Fremden in den eigenen Kulturkreis, Tötung - meist ausgelöst durch die mit dem Abwehrverhalten stark verbundene Angst vor dem Fremden - und Neutralisierung, d.h. man sah das Fremde als neutrales Objekt, im heutigen, übertragenen Sinne als Gast.

Hinzuzufügen sei, daß dennoch unterschieden wird, so fällt nicht jeder, der fremd ist, als Fremder oder als “Ausländer” auf, beispielsweise nimmt man oft Engländer, weiße US- Amerikaner oder Schweden gar nicht als “Ausländer” wahr, obgleich die kulturellen Unterschiede, die man “objektiv” erfährt, nicht geringer sind als z.B. bei Spaniern, Griechen oder Kroaten. Anette C. Hammerschmidt versucht dieses Phänomen folgendermaßen zu erklären:

“Kulturelle Distanz bemißt sich nach der subjektiven Wahrnehmung von Unterschieden, in der sichtbare Merkmale, kollektive Fremdheitsvorstellungen und gesellschaftlich institutionalisierte Vorurteile oft eine so große Rolle spielen, daß sie selbst auffälligste Gemeinsamkeiten überwiegen.” (Hammerschmidt, 1997, S.55)

3. Bedingungen und Möglichkeiten des Fremdverstehens

3.1. Allgemeine Bedingungen des Verstehens

Zunächst sei es daran, sich bewußtzumachen, daß das Verstehen fremder Kulturen viel weiter geht und anderes bedeutet als das bloße Verstehen von Fremdäußerungen. So muß man sich klarwerden, was man überhaupt verstehen will, wer als Gegenstand des Verstehens fungieren soll und besonders welchen Konditionen das Verstehen als solches unterliegt.

Will sich eine Hermeneutik des Fremdverstehens etablieren, bedarf es stets die Geschichte mitzubetrachten, d.h. das Verstehen in seiner historischen Einbettung zu akzeptieren. Mit dieser Betrachtungsweise will man in Erfahrung bringen “..unter welchen historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden formuliert und nicht mehr als ein Verhältnis zwischen bloßer Abgrenzung begriffen, sondern als ein Prozeß wechselseitiger Befruchtung bei Anerkennung der Grenze bestimmt wurde.” (Brenner, 1989, S.37).

Diesen Gedanken über die Jahrhunderte hinweg zu verfolgen und hier darzulegen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, bleibt jedoch zusammenfassend festzustellen, daß egal wie der Umgang mit dem Fremden ausgesehen hat und aussieht, als Basis immer ein Wertsystem gilt, das in seinen Grundlagen in der eigenen Tradition und Kultur verwurzelt bleibt. Hinter dieses System zu treten und fremde Individualität voraussetzungslos begreifen und erkennen zu wollen, stellt einen unerfüllbaren Wunsch dar. Auch vorurteilsfreies “..Verstehen des Fremden läßt sich nicht erreichen; und wo es versucht wird, führt das nur dazu, daß Vorurteile sich unreflektiert hinter dem Rücken der Subjekte durchsetzen.” (Brenner, 1989, S. 51).

Dennoch kann ein Verstehen stattfinden, dieses bedarf einem vorausliegenden Konsens, es sei verknüpft mit konkreten “..Vorverständigungen, die letztlich auf Sozialisation, auf die Einübung in gemeinsame Traditionszusammenhänge..” (Habermas, 1917, S.152) zurückgehen. Diese hergestellte Vertrautheit, die Gewißheit, daß das Fremde stets im Horizont des Eigenen Bestandteil ist - eine Interdependenz, die die Emanzipation des Eigenen erst ermöglicht - dient also als Grundlage jeden Verstehens von Fremdheit. Das Verstehen dreht sich um die „..Polarität von Vertrautheit und Fremdheit..“ (Gadamer, 1972, S. 279), d.h. das Fremde will verstanden werden, was wiederum die Vertrautheit erst ermöglicht. Interkulturelles Lernen kann so als lebenslanges Reifen der Bewußtwerdung von Eigenständigkeit in Abhängigkeit und Angewiesensein vom jeweils Anderen (Fremden) gesehen werden.

Um diese Bedingungen des Fremdverstehens auf ihren Aussagekern zu reduzieren, scheint Wierlachers Versuch, die interkulturelle Hermeneutik einzukreisen, gelungen. Hier erscheint das Verstehen als das “Vertrautwerden in der Distanz, die das Andere als Anderes und Fremdes zugleich sehen und gelten läßt..” (Wierlacher, 1983, S.11) Weiter sieht er als Ziel das “..Besserverstehen..”, das “..Selbstverstehen einschließt, weil es eine wechselseitige Fremdstellung des je Eigenen impliziert.” (Wierlacher, 1983, S.11). Gadamer prägt den Begriff der “..Horizontverschmelzung..”, der nicht als “..Einfühlung..” und auch nicht als “..Unterwerfung des anderen unter die eigenen Maßstäbe..” gesehen wird, sondern als “..Erhebung zu einer höheren Allgemeinheit, die nicht nur die eigene Partikularität, sondern auch die des anderen überwindet..” (Gadamer, 1972, S. 288).

3.2. Begegnung, Wahrnehmung und Auseinandersetzung

Wiederum kann man von verschiedenen Phasen bei der Fremdbegegnung und der anschließenden Auseinandersetzung mit dem Fremden sprechen. Hier geht man zunächst vom allgemeinen Wahrnehmungsprozess aus, der sich in drei Phasen unterteilen läßt: Zum einen die der sensorischen Empfindung, hier wird die physikalische Energie, wie Licht oder Schallwellen, vom Nervensystem zur weiteren Informationsbearbeitung umgewandelt. Bereits in dieser Zustandsform werden erste Selektionen getroffen, Informationen über räumliche Verteilungen und Merkmale werden dem Input entnommen. Hierbei handelt es sich um die begriffliche und bildliche Wahrnehmung, man registriert und akzeptiert die Begegnung. Die Situation wird dennoch in einer gewissen Gleichgültigkeit erlebt, es liegt noch keine bewußte Auseinandersetzung vor.

Die zweite Phase, die der Wahrnehmung im engeren Sinn, läßt den Betrachter eine innere Abbildung des Erlebten bilden. Man spricht von der Sekundärerfahrung; es besteht nun eine kognitive und affektive Auseinandersetzung.

Schließlich kommt es zur Klassifikation, hier werden die betrachteten Objekte bestimmten Kategorien zugeordnet, menschliche Gestalten als Feind oder Freund, als befremdlich oder angenehm, etc. eingestuft. Hier liegt eine bewußte Auseinandersetzung vor, diese kann sowohl außerhalb wie innerhalb eines/des fremden Kulturbereichs stattfinden.

Jene letzte Phase gilt nun als Grundvoraussetzung für das allmähliche Verstehen fremder Kulturen. Das Subjekt des Verstehens wird definiert, der Wille zum Verständnis geäußert.

Dieser dreistufige Wahrnehmungsprozess läßt sich bei jedem Menschen erkennen, dessen “Ergebnisse” sind allerdings vom Betrachter abhängig zu machen und oftmals sehr individuell und verschieden. Zwar bestätigen andere Menschen “..die eigene Interpretation, man selbst bestätigt die ihre, und so wird das Vertrauen in die jeweilige Sicht der Welt verstärkt. Diese Übereinstimmung nennt man konsensuale Validierung..” (Zimbardo, 1995, S. 224). Doch besonders groß ist dieser Konsens nur bei Menschen aus demselben Kulturkreis, wird ein fremdes Objekt betrachtet, fallen divergente Erfahrungen und (kulturelle) Sichtweisen schwer ins Gewicht. Die Menschen müssen kulturelle Normen (Regeln) befolgen, um als normales und anerkanntes Mitglied der Gemeinschaft erkannt zu werden - ist dies nicht der Fall, kann es zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen, ein Thema, das im Anschluß behandelt werden soll.

4. Problemfelder der interkulturellen Kommunikation

4.1. Interkulturelle Kommunikation und kulturalistische Fehldeutungen

Im Zuge der stetigen interkulturellen Kommunikation der modernen Gesellschaft kommt es nicht immer zum fehlerfreien Austausch, sondern oft zu Fehldeutungen und Fehlannahmen seitens der einzelnen Kommunikationspartner. Dies hat mehrere Gründe, so spielen beispielsweise neben den kulturspezifischen Arten der Kontaktaufnahme, des Sendens und des Empfangs sowie der Auslegung von verbalen wie nonverbalen Mitteilungen auch die verschiedenen Erfahrungen aufgrund der religiösen, sprachlichen, historischen, kulturellen wie biologischen Unterschiede eine große Rolle. Nimmt man die Kultur als Repertoire von Kommunikations- und Repräsentationsmitteln, gilt es wegen ihrer Orientierungsfunktion die daraus resultierende Lage- und Gruppenspezifik herauszustellen. Eine Rolle spielen Gesten und Körperhaltung, auch Berührungen sind Ausdruck der Person, als sie doch auf die Intentionen, Absichten und Motive des Gesprächspartners rückschließen lassen. Des Weiteren kommt es auf den situativen Kontext an, er impliziert eine zeitliche und soziale Dimension, die über die unmittelbare Situation hinausweist. So sind z. B. kulturelle Eigenheiten, soziale Parameter, gesellschaftliche Stellung, Ansehen und soziale Nähe sowie Ereignisse, die sich zwischen den Kommunikationspartnern einst abgespielt haben, von Bedeutung..

Ein weiteres Problem der interkulturellen Kommunikation stellt die Kulturspezifik der Sprechakte dar, ein relativ jung erforschtes Problem, das erst “..seit die Sprachwissenschaft nicht mehr nur die semantische, sondern auch die pragmatische Dimension der Sprache untersucht,..” (Auernheimer, 1990, S.130) näher betrachtet wird. Mit der Sprechakttheorie wird eine sprachliche Äußerung zur Handlung, “..die gleich anderen Handlungen durch die Intention des Handelnden - hier des Sprechers - durch die verfügbaren Mittel und durch den Handlungskontext bestimmt..” (Auernheimer, 1990, S.131) wird. Verschiedene Intentionen können mit einer Sprechhandlung verfolgt werden, man will Informationen erhalten oder geben, behaupten, überzeugen oder zu einer Handlung auffordern. Da nun für jede Intention “..eine relativ breite Skala von sprachlichen Mitteln zur Verfügung..” steht, “..wobei das Repertoire kulturgebunden sein dürfte..” (Auernheimer, 1990, S. 132), ergibt sich für den Kulturfremden die Schwierigkeit der Auslegung, er erkennt z.B. die Funktion von Interrogativsätzen in bestimmten Handlungszusammenhängen der fremden Kultur nicht. Auch die “ .. ” Skripts ” oder Handlungsmuster, die einem bestimmten Gesprächstyp in einer Kultur stillschweigend zugrunde gelegt werden,..” (Auernheimer, 1990, S.136) werfen Verständnisschwierigkeiten auf, weniger die üblichen Höflichkeitsformen eines Landes, die durch ihre stärkere Bewußtseinsrolle eher erkannt und dadurch behoben werden können.

All diese Komponenten erschweren den reibungslosen Kommunikationsprozeß, so zu erklären das folgende, selbsterlebte Beispiel: Eine Austauschschülerin fragt ihre Gastmutter, ob sie schon einmal Krabben versucht hätte, woraufhin letztere der Schülerin während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes täglich eine Portion Krabben zum Abendessen serviert. Hier wurde die Frage des Gastes wohl als Ausdruck eines versteckten Wunsches gedeutet und in einer Gesellschaft, in der es die Aufgabe des Gastgebers ist, dem Gast jeden Wunsch von den Augen abzulesen, wird diese Reaktion als selbstverständlich angesehen.

Mag der Gast auch keine Krabben, wird das Mißverständnis aus Höflichkeit nicht aufgelöst, eine gutgemeinte Handlung, die allerdings eine Distanz schafft, welche erst zu einer Verfestigung von gegenseitigen Vorurteilen führen kann.

4.2. Vorurteilsbildung im Zuge der interkulturellen Kommunikation

Im dauernden Austausch der Kulturen bestimmen verschieden Faktoren den Verlauf des Austausches und der Kommunikation, darunter einer der wohl geläufigsten Gesichtspunkte das Vorurteil. Werden diese grundsätzlich als Urteile, “..die man fällt, ohne sie anhand der Tatsachen auf ihre Gültigkeit zu überprüfen..” (Auernheimer, 1990, S.142) verstanden, implizieren sie auch eine negative oder ablehnende Einstellung gegenüber dem Fremden, die mit Feindseligkeit und Aggressivität (Diskriminierung) meist einhergeht. „Beim sozialen Vorurteil wird aufgrund äußerer Merkmale (z. B. Hautfarbe, Sprechweise, Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen, Kleidung) auf damit zusammenhängende Charaktereigenschaften geschlossen...“ (dtv-Lexikon, 1990). Man weist der fremden Kultur bestimmte Eigenheiten und Grundstrukturen zu, wobei ein stark vereinfachtes und vereinheitlichtes Bild verwendet wird, man bildet Stereotypen, um das Fremde zu beschreiben: “Vorurteile haben die Struktur von Stereotypen - also von stark vereinfachten, generalisierten, klischeehaften Vorstellungen.” (Nicklas/Ostermann, 1980, S.535).

Zwar dienen Stereotypenbildungen der “..Kategorisierung, zu der Menschen in jedem Fall durch die Reizfülle ihrer Umwelt genötigt sind, sie..” dienen “.. der Reduktion von Komplexität..” (Auernheimer, 1990, S.143), dennoch können sie in ihrer starren, unabänderlichen Form zur Bildung von Vorurteilen führen, die wiederum durch ihre fehlerhafte, kaum korrigierbare Gestalt bestimmt sind. Nicklas und Ostermann (1980) versuchen die Motive, die einer solchen Übergeneralisierung zu Grunde liegen, zu erklären:

“Der für den Einzelnen immer schwer zu durchdringende gesellschaftliche Zusammenhang, die Isolierung und die Unfähigkeit, durch eigene Handlung Sicherheit zu gewinnen, läßt die Menschen zu illusionären Mitteln greifen, die daraus erwachsende Angst zu beschwichtigen.” (Nicklas/ Ostermann, 1980, S.536).

Vorurteilsbildung wird hier als Abwehrmechanismus erkannt, bestimmte im Lebenslauf gemachte Erfahrungen können diesen Mechanismus sogar noch intensivieren.

Im alltäglich Leben und dem damit verbundenen alltäglichen Lernen können sogenannte Verstärker zur Verfestigung von Vorurteilen führen. Steiner (1988) erklärt dies lerntheoretisch:

“Ein Erlebnis hat zum Aufbau des Vorurteils geführt. Lange gute oder neutrale Erfahrungen mit Vertretern derselben Bevölkerungsgruppe genügen nicht, wenn aufgrund gelegentlicher, eben in variablen Intervallen auftretender, negativer Erlebnisse das ursprüngliche Urteil wieder bekräftigt wird.” (Steiner, 1988, S.61).

Diesem Problem gilt es nun entgegenzuwirken, wie in Punkt 1 bereits ausgeführt thematisiert die interkulturelle Hermeutik das Verstehen und das Interpretieren fremder Kulturen, ein unerläßlicher Akt, um den Mangel an Fremdinformation aufzuheben und damit einer Vorurteilsbildung entgegenzuwirken: “Die transparent gemachte Vorurteilsstruktur kann nicht mehr als Vorurteil fungieren.” (Habermas, 1971a, S.284).

III. Schluß

Trotz aller Versuche der Wissenschaft, die Kommunikation zwischen den Kulturen zu analysieren und zu perfektionieren, darf man jedoch nicht vergessen, daß schon die Vielfalt des sprachlich und kulturell Fremden Grenzen des Verstehens setzt. Brenner (1989) beschreibt dieses Phänomen in wissenschaftlicher Hinsicht:

“Auch eine interkulturelle Hermeneutik kann die gesetzten ... Grenzen nicht aufheben, aber sie kann sie durch Reflexion verschieben und damit die Rahmenbedingungen für das Verstehen kultureller Fremde sukzessive verändern.” (Brenner, 1989, S.52).

Deshalb sollte man Anderssein auch da akzeptieren, wo es vom jeweils anderen (noch) nicht verstanden wird. Es hängt an jedem einzelnen Individuum, dem Wunsch der idealen Völkerverständigung näherzukommen; der Mensch selbst muß sein eigenes Milieu mit anderen Augen betrachten lassen, um es zu verstehen. Er muß sich ständig anderen Kulturen ausliefern, es bedarf einem stetigen Willen zur Kommunikation - einer Dialogbereitschaft mit dem Fremden - und einer tiefgehenden Akzeptanz des Fremden.

Hier macht die Wissenschaft auch der Pädagogik eine Hauptaufgabe deutlich, nämlich den Aufbau und die ständige Förderung der genannten Kompetenzen im Prozeß des Erziehens. Interkulturelles Lernen steht als selbstverständliche Reaktion auf eine offenkundige gesellschaftliche Diskrepanz, interkulturelle Erziehung soll dabei zum Umgang mit der Normalität des Fremden führen, Selbst- und Fremdreflexion unterstützen sowie den kritischen Umgang mit Stereotypen forcieren.

IV. Literaturverzeichnis

- Auernheimer, Georg (1990): Einführung in die interkulturelle Erziehung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

- Brenner, Peter J. (1989): Interkulturelle Hermeneutik. Probleme einer Theorie kulturellen Fremdverstehens . In: Peter Zimmermann (Hrsg): Interkulturelle Germanistik - Dialog der Kulturen auf deutsch? Frankfurt am Main: Be Lang-Verlag.

- Gadamer, Hans-Georg (1967): Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik. In: Ders.: Kleine Schriften. Bd. I: Philosophie - Hermeneutik. Tübingen: Mohr- Verlag.

- Gadamer, hans-Georg (1972): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr-Verlag, erweiterte Auflage. n Habermas, Jürgen (1971a): Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik. In: Hermeneutik und Ideologiekritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1971.

- Habermas, Jürgen (1971b): Zur Logik der Sozialwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, Materialien, 2.Auflage.

- Hammerschmidt, Anette C. (1997): Fremdverstehen - Interkulturelle Hermeneutik zwischen Eigenem und Fremdem. München: Iudicium-Verlag GmbH.

- Nicklas, H./Ostermann, Ä. (1980): Vorurteil. In: R. Assanger (Hrsg.): Handwörterbuch der Psychologie. Basel: Weinheim-Verlag.

- Steiner, gerhard (1988): Lernen. 20 Szenarien aus dem Alltag. Bern: Verlag Hans Huber.

- Wierlacher, Alois (1983): Mit fremden Augen. Vorbereitende Bemerkungen zu einer interkulturellen Hermeneutik deutscher Literatur. In: Wierlacher, Alois (Hrsg.): Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Bd. 9. München: Hueber- Verlag.

- Wierlacher, Alois (Hrsg., 1993): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder Kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München: Iudicium-Verlag.

- Zimbardo, Philip G. (1995): Psychologie. Berlin: Springer-Verlag.

- dtv-Lexikon in 20 Bänden (1990). Mannheim: F. A. Brockhaus GmbH und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH&Co. KG, München.

Details

Seiten
17
Jahr
2001
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103950
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1
Schlagworte
Interkulturelle Hermeneutik Qualitative Methoden Erziehungswissenschaft

Autor

Zurück

Titel: Interkulturelle Hermeneutik