Lade Inhalt...

Klientschaft, Klientel und Klientelsystem in einer sizilianischen Agro-Stadt

Hausarbeit 1998 9 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Begriffsbestimmung

2. Deskriptive Dimension
(a) Beziehung zwischen Patron und Klient
(b) Kommunikationsstruktur innerhalb der Klientel

3. Diskurs
(a) 60er Jahre
(b) Kritik

1. Begriffsbestimmung

Der Zeichenlehrer Calogero hat sich nie in seinem Leben für Politik interessiert. Dennoch wird er zum Hauptkandidaten der sozialdemokratischen Partei für die Kommunalwahlen des Jahres 1966 im sizilianischen Campopace. Durch persönliche Beziehungen mobilisiert er außerdem zusätzliche Wählerschaft für die Partei. Diese ihm auferlegte Verpflichtung ist Gegenleistung für die Begünstigung bei einer Abiturprüfung, die der Verlobten Calogeros auf dessen Bitten durch eine Studienrätin zuteil wird, die ihrerseits mit einem sozialdemokratischen Parteisekretär vermählt ist...[1]

Behörden bearbeiten Anträge, Akten und andere Dokumente bevorzugt, wenn sie von Personen kommen, die Macht besitzen oder durch solche geschützt werden. Bei der Vergabe von Bauprojekten und der Besetzung von Angestellten- oder Beamtenstellen entscheiden nicht Sachgesichtspunkte, sondern die persönliche Beziehungskette zwischen Bewerber und Prüfer. Private Firmen werden zu defizitären Verwaltungsapparaten aufgebläht und in staatliche Abhängigkeit getrieben, weil Banken Kredite nur im Gegenzug zur Stellenvermittlung vergeben...

Solcherlei „Futterkrippenwirtschaft“ („spoils system“/ M. Weber[2]), die Mühlmann und Llaryora Mitte der 60er Jahre bei ihren sozialanthropologischen Untersuchungen in Campopace antreffen, fällt genauso wie das zuerst genannte lavoro capillare (Werben um Wählerstimmen bei Freunden und Verwandten) soziopolitisch unter den Begriff der Patronage, ein Phänomen, das, so J. Boissevain[3],. „den Staat schwächt, Vetternwirtschaft, Korruption und influence - peddling ermöglicht und die Autorität der Gesetze untergräbt.“

Es handelt sich um ein System von Leistungen, die zwischen einer Patron (P) benannten Machtperson und ihren Klienten (C) ausgetauscht werden. Der Patron ist im Besitz eines Patronates, einer permanenten und institutionalisierten Position, die ihm bestimmte „Chancen“ (M. Weber[4]) an Macht, Prestige, Einfluss und Reichtum ermöglicht, kraft derer er niedriger gestellte Personen durch Dienstleistungen begünstigen kann. Hierfür erwartet P Gegenleistungen von C[5].

Bei der interpersonalen Beziehung (Dyade) zwischen C und P handelt es sich um eine Klientschaft mit reziproken Rechten und Pflichten. Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen C und P ist asymmetrisch, ihre Beziehung vertikal (von unterschiedlichem Status): C ist abhängiger von P als umgekehrt. P hat in der Regel viele C´s, während C nur einen P hat. Das Potential an Prestige, Macht, Reichtum und Beziehungen, insbesondere zu einflussreichen Personen, ist ungleich verteilt. Es wird unterschieden zwischen einfacher Klientel, der Gefolgschaft von P, und komplexer Klientel, bei der neben den Interaktionen zwischen Patronen und Klienten auch die (ritual-) verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen auf horizontaler Ebene berücksichtigt werden.[6]

Freilich handelt es sich auch bei der einfachen Klientel keinesfalls um eine bloße Ansammlung vertikaler Dyaden (P/C-Beziehungen), ist doch die Kommunikation der einzelnen C´s untereinander entscheidender Faktor für die Reputation P´s, die den Grad seiner Dominanz ausmacht[7] (s.u.).

Bei der extendierten Klientel wird die Vertikalbeziehung auf der unteren Ebene horizontal erweitert durch die Stiftung einer Kette von Verwandten und Freunden. Ein Klient C kann aber nicht nur horizontale „action sets“ in Bewegung setzen, er kann auch unter Rollenwechsel zu einem P seinerseits vertikale Beziehungen aktivieren zu Sub-C`s, die dann ihrerseits wieder horizontale Beziehungen flüssig machen. Das Konstrukt als Ganzes nennt sich extendierte Patronage.[8]

Die Klientel stützt sich auf Beziehungen, die schon vor ihrer Bildung existierten. Dieses „underlying network“ („zugrundeliegendes Beziehungsgeflecht“/ A.C. Mayer) ist Voraussetzung und schafft die „objektive Möglichkeit“ (M. Weber) einer Klientel, ist aber noch nicht diese selbst. Bei der Entfesselung einer einmaligen Handlungsserie („action set“/A.C. Mayer) durch Ego (den Patron) zu einem bestimmten Zweck (z.B. Wahlhilfe) handelt es sich lediglich um den experimentellen Ansatz zu einer Klientel, die erst durch eine analoge spätere Situation (Iteration) auf dem gleichen basalen Beziehungsgeflecht manifestiert wird. Bei diesem Vorgang kommt es zum Entstehen einer Vereinigung ohne formelle Mitgliedschaft mit einem gemeinsamen Ziel, einer sogenannten „Quasi-Gruppe“. Daneben kommt es zur Bildung von „Cliquen“, informellen Gebilden, die aus Mitgliedern der Quasi-Gruppe mit direkter Verbindung zu Ego bestehen und unter sich „a high rate of interaction“ (A.C. Mayer) aufweisen.[9]

[...]


[1] Mühlmann/Llaryora, S. 21

[2] Mühlmann/Llaryora, S. 37

[3] Mühlmann/Llaryora, S. 36

[4] Mühlmann/Llaryora, S. 13f.

[5] Mühlmann/Llaryora, S. 1

[6] Mühlmann/Llaryora, S. 3f.

[7] Mühlmann/Llaryora, S. 13

[8] Mühlmann/Llaryora, S. 6f.

[9] Mühlmann/Llaryora, S. 9f.

Details

Seiten
9
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638168250
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10385
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Lientelismus Patronage Sizilien Mafia Mühlmann

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Klientschaft, Klientel und Klientelsystem in einer sizilianischen Agro-Stadt