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Reflexion des Fremdseins anhand der literarischen Figur K. aus Franz Kafka`s ,,Das Schloß"

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung des Inhalts:

1. Einleitung
1.1 Zusammenfassung des Inhalts von Kafka‘s Roman „Das Schloß“

2. Exkurs zum Begriff „Fremd“

3. Die Theorie von Alfred Schütz

4. K. als Fremder im Schütz’schen Sinne
4.1 Die Dorfgemeinschaft
4.2 Der Protagonist K.

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung:

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen die Überlegungen von Alfred Schütz aus seinem Aufsatz „Der Fremde“ exemplarisch auf den Roman „Das Schloß“ von Franz Kafka anzuwenden. Dies wird den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen, wobei zu zeigen ist, daß der Ansatz von Schütz geeignet ist allgemeine Prozesse, die im Zuge der Annäherung eines Fremden an eine soziale Gruppe ablaufen, zu erklären Um darzulegen, wie facettenreich man mit dem Thema umgehen kann, stelle ich zunächst verschiedene Überlegungen diverser Autoren vor.

Nach diesem Exkurs über den Begriff der Fremdheit in der gängigen Literatur und wie ich ihn hier verwenden möchte, soll, nach Schütz, die Frage beleuchtet werden, welche sozialen Mechanismen und Situationen das Fremdsein in einem anderen sozialen System hervorrufen kann, sowohl aus der Perspektive des Fremden , als auch aus der der Nicht-Fremden. Allgemeine Abhandlungen zu dem sehr umfangreichen Thema sind jedoch anderen Arbeiten vorbehalten. Ich werde mich hier hauptsächlich auf das Beispiel des Protagonisten K. aus Kafka’s Schloßroman beziehen. Zunächst soll ein kurzer inhaltlicher Abriß der Handlung des Romans erfolgen, um Hintergrundinformationen zu liefern.

1.1 Zusammenfassung des Inhalts „Das Schloß“ von Franz Kafka

Die Handlung des Romans ereignet sich in den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Dorf, das unterhalb eines Schloßberges liegt.

Protagonist ist der Landvermesser K., der vom Schloßgrafen in das Dorf berufen wurde, um dort zu arbeiten. Bereits in der Nacht seiner Ankunft sieht sich K. mit seltsamen Begebenheiten konfrontiert, die sich später als Auswirkungen eines in sich verschachtelten und undurchsichtigen Bürokratieapparats entpuppen. K. bemüht sich am nächsten Tag zum Schloß zu gelangen, scheint sich aber von diesem Ziel immer weiter zu entfernen, je mehr er danach strebt.

„Die Straße nämlich, die Hauptstraße des Dorfes, führte nicht zum Schloßberg, sie führte nur nahe heran, dann aber, wie absichtlich, bog sie ab, und wenn sie sich auch vom Schloß nicht entfernte, so kam sie ihm auch nicht näher.“( Kafka S.17)

Im Folgenden versucht K. gegen das Schloß zu kämpfen und sich einen Platz in der Dorfgesellschaft zu erarbeiten. So geht er eine Beziehung mit einer Dorfbewohnerin ein und nimmt eine Stelle als Schuldiener an, dies jedoch auch ohne bleibenden Erfolg. Die Regeln, die das Leben der Dörfler bestimmen, bilden für K. immer wieder unerwartete Hindernisse und machen ihm eine Anpassung unmöglich.

2. Exkurs zum Begriff „Fremd“ „People are strange when you’re a stranger...“

- Jim Morrison -

Bei meiner Recherche über das Thema stellte sich schnell heraus, dass es zahlreiche Arbeiten über Fremdheit, Fremde, Fremdenhass etc. gibt. Dabei fiel mir auf, dass durchaus verschiedene Definitionen in der Literatur vorhanden sind. Ich werde hier nur einige von ihnen kurz darstellen, um dann die klassische Theorie von A. Schütz näher vorzustellen.

Betrachtet man den Begriff „fremd“ zunächst einmal genauer, so zeigt sich, dass dieser etymologisch wertend besetzt ist. „Fremd“ als Adjektiv leitet sich von dem nicht mehr gebräuchlichen Adverb „fram“ ab, was den Bedeutungen „vorwärts, weiter; von-weg“ und ursprünglich „entfernt“, dann „unbekannt, unvertraut“ entspricht ( vgl. Duden Etymologie 1963, S .184 )

Geht man von dieser Entstehung des Begriffes aus, dann stehen dem „framen“ die bekannten vertrauten oder nahen Dinge gegenüber, es ist ihm eine gewisse Bedrohung inne.

Sich fremd fühlen, das kann man überall. Dieses Gefühl des „Ich gehöre nicht hierher“ hatte sicherlich jeder schon einmal. Dabei reicht die Spannweite dieser Erfahrung zum einen von dem Fremdheitsgefühl, das man durch die Begegnung mit einer anderen Kultur erfährt, bis zu dem Gefühl ein Fremder in seinem eigenem Körper zu sein bzw. sich selbst fremd zu sein. Auch die Intensität dieser Empfindung scheint ebenso facettenreich wie subjektiv zu sein. Es wäre denkbar, dass die Konfrontation mit einer fernen Kultur dem einen eher als angenehm und interessant erscheint, aber ein anderer Heimweh und Unglück empfindet. Im Gegensatz dazu stehen Geborgenheit und Vertrautheit, hervorgerufen z.B. durch bekannte Muster und Abläufe im Alltag.

Es deutet sich hier schon an, dass es wohl unmöglich ist, das Fremde mit objektiven Kriterien zu erfassen und dass man es nur im Verhältnis zum Eigenen beschreiben kann. Kristeva ( 1990, S. 11 ) geht sogar soweit zu sagen, dass selbst das Eigene nicht das an sich Eigene ist, sondern zu einem Teil immer auch fremd. Das Fremde ist ihrer Meinung nach „die verborgene Seite unserer Identität“.

Um beurteilen zu können, was fremd ist bedarf es also immer eines subjektiven Bezugs. Hier scheinen sich die Autoren zu treffen:

Schäfftler (1991, S. 12 ) schreibt: “Fremdheit ist ein relationaler Begriff, dessen Bedeutung sich nur dann voll erschließt, wenn man seine eigenen Anteile in diesem Beziehungsverhältnis mit zu berücksichtigen vermag. Es geht dabei um die Fähigkeit, seine eigene Position und Sichtweise als eine Möglichkeit u.a. zu erkennen und dabei zu sehen, dass das, was ich und wie ich es als fremd erlebe, sehr wesentlich von meiner eigenen Geschichte abhängt. Fremdheit ist somit ein historisch gebundenes Phänomen. Es ist die jeweilige personale und soziale Identität, die erst die Fremdartigkeit es Anderen hervorruft.“

Ursachen für Fremdheit, z.B. im Sinne von Einsamkeit und Isoliertheit, können, wie Watzlawick zeigt, auch in einer eigenen Annahme über die Reaktionen anderer liegen, im Sinne einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. „Wer zum Beispiel - aus welchen Gründen auch immer - annimmt, man mißachte ihn, wird sich eben deswegen in einer überempfindlichen, unverträglichen, mißtrauischen Weise verhalten, die in den anderen genau jene Geringschätzung hervorruft, die seine schon immer gehegte Überzeugung erneut >beweist<.“(Watzlawick 1981).

Es gibt also biographische, psychische und soziale Faktoren, die das eigene Gefühl von Fremdheit beeinflussen, egal, ob ich es bin, der „fremd“ ist, oder ob ich etwas als mir fremd wahrnehme.

Simmel unterscheidet ebenfalls in diesem Zusammenhang zwischen einzelnen Personen und Personengruppen, die als Fremde bezeichnet werden, da sie verschieden wahrgenommen werden. Der „ferne“ Einzelne kann uns nur „fremd“ sein, wenn wir ihm nahe sind ( vgl. Simmel, 1992 ) , dass heisst, wenn er für uns „sichtbar“ ist. Zur Verdeutlichung dessen führt Simmel an, dass „die Bewohner des Sirius (...) uns nicht eigentlich fremd“ sind, denn „sie existieren überhaupt nicht für uns“. Dies gilt nicht für Personengruppen, über die wir glauben, dass sie uns bekannt und damit, auch wenn nicht greifbar vorhanden, uns nahe sind. Das hängt damit zusammen, dass man Personen, die vermeintlich Mitglied eines oft lediglich konstruierten Kollektivs ( Rasse, Religion, Herkunft etc. ) sind, aufgrund von Vorurteilen anders, jedenfalls nicht neutral, gegenüber tritt als einem völlig Unbekannten.

Simmels klassische Sicht des Fremden, „als der Wandernde, (...), der heute kommt und morgen bleibt“ definiert den Fremden über sein Handeln bezogen auf eine soziale Gruppe. Eine besondere Eigenschaft des Fremden ist, so Simmel, seine „Objektivität“. Gemeint ist damit, dass der Fremde eben, aufgrund seiner Situation - außerhalb der Gruppe, aber ihr gleichzeitig dennoch nahe - eine neutrale Position ihr gegenüber inne hat. Mit diesem Ansatz sieht Simmel den Fremden immer in Relation mit den sozialen Gruppen, an denen er partizipiert.

Bei der vorliegenden Arbeit bietet es sich an, die Definition des Fremden von Alfred Schütz (1972) zu verwenden. Mit seinem Ansatz versucht er allgemeine, soziale Muster und Prozesse des Phänomens Fremdheit zu erklären. Dabei geht er aus von einer „typischen Situation (...) in der sich ein Fremder befindet, der versucht, sein Verhältnis zu Zivilisation und Kultur einer sozialen Gruppe zu bestimmen und sich in ihr zurechtzufinden. Für diesen Zweck soll der Begriff Fremder „einen Erwachsenen (...) bedeuten, der von der Gruppe, welcher er sich nähert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden möchte.“ (Schütz S.53)

In Kafak’s Roman „Das Schloß“ kann der Protagonist K. als ein solcher Immigrant verstanden werden, der sich einer soziale Gruppe nähert, in der er für längere Zeit verweilen möchte.

3. Die Theorie von Alfred Schütz

Im Fokus steht bei Schütz ein Individuum, dass sich aus seiner alten Heimat aufmacht und sich einer neuen Heimat nähert. Eine vollständige Anpassung lässt er zunächst außerhalb des Blickwinkels liegen und engt diesen auf die Prozesse ein, die im Zuge dieser Annäherung ablaufen.

Ausgangspunkt seiner Abhandlung ist die Untersuchung, wie ein Mitglied eines bestimmten sozialen Systems ( In-group ) die dort herrschenden „Zivilisationsmuster des Gruppenlebens“ alltäglich wahrnimmt. Also die „common sense“- Wahrnehmung der Institutionen und Regelmäßigkeiten, die seinen Alltag bestimmen und der Reproduktion der Gruppe dienen. An dem Beispiel eines Soziologen macht er klar, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen der selben sozialen Gruppe, aufgrund von anderen Relevanzsystemen gibt. Während der Wissenschaftler meist ein im Sinne Simmels „objektiver Fremder“ ist, der die soziale Welt vor dem Hintergrund seiner Wissenschaftlichen Interessen reflektiert, erlebt der in ihr handelnde Mensch diese als „Feld seiner potentiellen Handlungen“. Sein Agieren innerhalb dieses Feldes hat direkte Konsequenzen auf seine Lebenssituation, er ist befangen.

Man könnte auch sagen, es fehlt ihm die Distanz zum System. Er kann sich in ihm auf sein alltägliches Denken und Wissen verlassen, somit bietet sich eine (wissenschaftliche) Überprüfung des Erlebten gar nicht an, es funktioniert alles so, wie gewohnt. Dabei fokussiert er sein Interesse auf die Teile seiner Alltagsumwelt, die für ihn zur gegebenen Zeit beeinflußbar und ihm zur Erreichung seiner Ziele dienlich sind.

Diese Alltagswelt ist für den Einzelnen, laut Schütz, in bestimmte Relevanzschichten sortiert, die von ihm als unterschiedlich wichtig und interessant wahrgenommen werden und er daher über verschiedene Schichten und deren Elemente verschiedene Grade an Wissen hat. Schütz differenziert hier vier Grade des Alltagswissens. So unterscheidet er Explizites Wissen, genügendes Wissen, ungesichertes Wissen und vollständiges Nichtwissen. Diese Wissensgrade beziehen sich immer auf Elemente der Alltagswelt des Handelnden, die dieser, nach seiner spezifischen Relevanz, mit unterschiedlich starkem Interesse belegt. Als verbildlichendes Beispiel zieht Schütz kartographisch abgebildete Gebirge heran. Die höchsten Ebenen dieser vergleicht er mit dem expliziten Wissen, die Ebene darunter mit dem genügenden - und die unterste mit dem ungesichertem Wissensgrad. Das die Berge umgebende Flachland stellt die „Zonen des vollständigen Nichtwissen“ dar. Angenommen es wären wirklich Wissensberge so wäre man nach erklimmen der ersten Stufe dazu fähig ungesicherte Behauptungen und Annahmen zu treffen, wagt man sich weiter hoch, erlangte man die Stufe des „Wissens über“ etwas und auf dem Gipfel vollständiges Wissen, da es dort die „Zentren expliziten Wissens von dem gibt, worauf man abzielt“. (Schütz S.56) Mit diesem Beispiel will Schütz zeigen, dass Alltagswissens nicht homogen ist, was sich in der Konsequenz darin manifestiert, dass es nicht kohärent, nur partiell klar und nicht konsistent ist.

Die beschriebenen Relevanzsysteme und erstrebten Wissensgrade orientierten sich nicht an einem determinierten Rahmen, sondern schwanken und verändern sich mit der Gemütslage, Lebenssituation und Absichten eines Menschen. „Es ändern sich nicht nur die Gegenstände der Neugierde, sondern auch der Grad des bezweckten Wissens“, dies führt zur Inkohärenz des Wissens. Mit Klarheit des Wissens meint Schütz die vollkommene Information über das wie und warum etwas funktioniert im Alltagsleben unter Berücksichtigung aller Einflüsse.

Dass diese Klarheit nur sehr selten angestrebt wird zeigt er am Beispiel des täglichen Einkaufs. Die Hinterfragung der Prozesse, die hinter der Herstellung der Waren stehen oder was Geld wirklich ist, ist für den Menschen im Alltag obsolet. Es genügt ihm die Sicherheit, dass alles seinen gewohnten Gang geht, was dahinter steckt ist uninteressant, weil irrelevant. Die Inkonsistenz des Wissens liegt in der Fähigkeit zwei sich widersprechende Aussagen gleichzeitig als wahr hinzunehmen. Das liegt begründet in den unterschiedlichen Rollen, die ein Mensch innerhalb der Gesellschaft einnimmt. So ist es möglich verschiedene Ansichten über Politik, Moral oder Religion zu haben, je nachdem ob man in seiner Rolle z.B. als Vater, Lehrer oder Gemeindevorstand gefragt wird. Bezogen auf Schütz‘s Relevanzebenen ist dieser Rollenwechsel der „Übergang von einer Ebene zur anderen“, der bestimmte Modifikationen nötig macht.

Diese Inkohärenz, Unklarheit und Inkonsistenz des Alltagswissen genügt dem Alltagsmenschen jedoch vollkommen. Die unreflektierte Akzeptanz dieser von Geburt an anerzogenen Standardschemata der kulturellen und gesellschaftlichen Muster, ist sogar die Basis dafür, dass soziale Interaktion und soziales Handeln innerhalb des Systems reibungslos funktioniert.

Der dahinterstehende Zweck ist es „die besten Resultate in jeder Situation mit einem Minimum von Anstrengung und bei Vermeidung unerwünschter Konsequenzen...“ zu erlangen. Schütz spricht in diesem Zusammenhang von dem Wissen über Rezepte, auf die in Standardsituationen immer wieder mit großer Erfolgswahrscheinlichkeit zurückgegriffen wird. Diesen Rezepte bieten Anweisungen wie man sich in sozialen Situationen zu verhalten hat und wie diese auszulegen, also zu deuten sind. Es gibt vier grundlegende Annahmen, mit denen das Rezeptsystem steht und fällt.

Nur wenn,

1) die selben Rezepte auf die selben Standardsituationen den erwünschten Effekt haben werden wie früher,
2) sich die Grundannahmen, die die Elterngeneration vermittelte sich als zuverlässig bewähren,
3) es ausreicht „genügendes Wissen“ über Begebenheiten in der Alltagserfahrung zu haben, um sie meistern und beherrschen zu können und
4) das ganze System auf dieser gleichen Basis fußt und alle Mitglieder der In-group die selben Verhaltensweisen teilen, d.h. das „Denken-wie-üblich“ von jedermann angewendet und gelebt wird, dann bleibt die Selbstverständlichkeit des Wissenssystems erhalten. Schütz vergleicht dies mit Max Scheelers „relativ-natürlicher Weltanschauung“, die allerdings sobald eine der vier Grundannahmen unzuverlässig wird, stürzt. Nachdem Schütz nun beschrieben hat, wie sich eine sog. In-group konstituiert und wie die Mitglieder in ihr ihren Alltag erleben, fügt er den Fremden in diese Strukturen ein.

Der Fremde steht hier im absoluten Gegensatz zu den Mitgliedern der Gruppe. Er teilt die vier Grundannahmen, die das soziale System durch Rezeptlösungen stützt, nicht, noch wird ihm bewußt sein, dass es sie überhaupt gibt. Diese Eigenart des Fremden bezeichnet Schütz als „persönliche Krisis“. Die Geschichte und Traditionen, die das Zivilisationsmuster der Gruppe bilden, sind ihm fremd und selbst wenn er sich diese aneignen würde, wären sie nicht Teil seiner eigenen Biographie, er bleibt von der Vergangenheit der Gruppe ausgeschlossen. Außerdem kommt der Fremde selber aus einem Heimatlichem Bezugsystem, welches sein eigenes Denken-wie-üblich strukturiert. So wird er die Selbstverständlichkeiten des ihm fremden Systems hinterfragen, aber an seinen idealisierten Alltagsvorstellungen ( vorerst ) festhalten und es auf die neuen Situationen anwenden. Während es dem Fremden in seiner „Objektivität“ also möglich ist, die Gegebenheiten kritisch zu sehen, wird er im Gegensatz zum wissenschaftlichen Beobachter, selber Teil der Gruppe werden wollen. Das heisst, die Strukturen der In-group sind nicht mehr länger nur Gegenstand seines Denkens, sonder haben direkten Einfluß auf sein Alltagshandeln.

Dadurch gerät er in Interaktion mit den Etablierten, über die er, aufgrund seines ungesicherten Wissens über Selbige, nur Annahmen und Typologien entwickelt hat. Diese vorgefertigten Typologien, so Schütz, fallen jedoch durch das notwendige erreichen des nächsten Wissensgrades und müssen daher neu formuliert werden. Die In-group, die mit diesem in der Ferne geformten, realitätsfernen Wissen konfrontiert wird, deutet dieses als vorurteilsbeladen, also negativ. Er muss sich von seiner früheren Vorstellungen über die fremde Gruppe, die in seiner Heimatwelt geformt wurden, trennen, da diese keinesfalls genügend Informationen liefern, um in dem neuen Rezeptsystem erfolgreich zu interagieren.

Durch die Einsicht, dass seine mitgebrachtes „Denken-wie-üblich“ in einer fremden Gruppe nicht anwendbar ist, da hier alles anders abläuft als angenommen, gerät der Fremde in eine Art Dilemma.

Sein geläufiges Verständnis sozialer Situationen ist nicht auf die neuen Erfahrungen anwendbar und muss daher verworfen werden, genau wie sein vorgefertigten Bild über die fremde Gruppe, das sich zum Zwecke der Orientierung als ungeeignet herausstellte. Da wo seine gewohnten Kultur- und Zivilisationsmuster ihm Schutz und Sicherheit boten, sind die neuen Verhältnisse eine Quelle steter Verunsicherungen. Daraus folgert Schütz zwei Grundeinstellungen des Neuankömmlings der fremden In-group gegenüber.

Einerseits sei dies seine „Objektivität“ , die jedoch nicht nur durch seine kritische Haltung heraus zu erklären sei, sondern auch aus seiner neuen Erfahrung durch die Konfrontation mit der Gruppe, dass seine eigene Vorstellungen über sich selbst fallen können, sobald seine eigene Person in einem anderen sozialen System funktionieren muss. Andererseits ist es seine „zweifelhafte Loyalität“, die von der Gruppe wahrgenommen, aber mißbilligt wird. Dies ist besonders der Fall, so Schütz, wenn der Fremde die Zivilisationsmuster der Gruppe nicht annimmt. Er wird zu einer Randfigur und trifft auf Unverständnis seitens der Mitglieder der In-group, für die ihr System natürlich im strahlendem Glanze der Perfektion leuchtet. „Der Fremde wird undankbar genannt, da er sich weigert anzuerkennen, dass die ihm angebotenen Kultur- und Zivilisationsmuster ihm Obdach und Schutz garantieren:“ (Schütz S. 69)

Dies ist jedoch besonders auf die Situation des Neuankömmlings während seiner Annäherung an die ungewohnten Verhältnisse in der neuen Heimat bezogen.

Am Ende seiner Ausführungen geht Schütz auf den Prozeß der sozialen Anpassung ein. Er schildert, dass sich durch den kontinuierlichen Prozeß der Angleichung, der später mit der Assimilation einhergeht, im Idealfall eine Anpassung an die Zivilisations- und Kulturmuster der fremden Gruppe vollzieht, die sich durch ein neues Selbstverständnis und durch Gewöhnung an die ehemals fremden Strukturen ausdrückt. „Aber dann ist der Fremde kein Fremder mehr, und seine besonderen Probleme wurden gelöst.“ (Schütz S.69)

4. K. als Fremder im Schütz’schen Sinne

Inwiefern passen diese Überlegungen nun auf die Figur K. aus Kafka’s Roman. Die ganze Handlung des Romans dreht sich darum, wie K. versucht sich der Dorfgemeinschaft anzunähern. Er kommt aus der Ferne, als Fremder dorthin und will sich in dieser Gesellschaft zurechtfinden, sich dauerhaft anpassen. „Der sich annähernde Fremde ist jedoch danach bestrebt, sich selbst vom unbetroffenen Zuschauer zu einem Möchtegernmitglied der Gruppe, welcher er sich nähert, zu wandeln.“ (Schütz S. 60) Kafka’s Roman berichtet jedoch lediglich über die Annäherung des Protagonisten an die neue Welt, der weitere Verlauf der Anpassung liegt, wohl aufgrund der Tatsache, das der Roman nicht beendet wurde, im Dunkeln.1

Diese Tatsache kommt der Analyse dieser Arbeit also eher gelegen, denn die Überlegungen von Schütz beschränken sich ja auch nur auf den Prozess der Annäherung. Hier ist anzumerken, dass die gesamte Handlung, auch wenn sie sehr umfangreich und Ereignisreich erscheint, innerhalb von lediglich sieben Tagen stattfindet und daher auch der zeitliche Rahmen für den Gebrauch von Schütz’s Theorie spricht.

Ich will hier nun zuerst auf die Dorfgemeinschaft eingehen und näher erklären, wie sie sich im Sinne von Schütz konstituiert. Danach widme ich mich ausführlich der Situation K.‘s, seiner Konfrontation mit der Gruppe und seine Annäherungsversuche an diese.

4.1 Die Dorfgemeinschaft

Die erste Begegnung der Mitglieder der Dorfgemeinschaft mit K. am Abend seiner Ankunft macht deutlich, dass es unterschiedliche Erwartungen über bestimmte Verhaltensweisen gibt. So ist es für K. selbstverständlich sich ein Lager im Wirtshaus zu suchen und seine Ankunft erst am nächsten Tag anzukündigen. Für die anwesenden Bauern kommt dies jedoch „Landstreichermanieren“ gleich und man gibt ihm zu verstehen, dass er ohne Erlaubnis vom Grafen nicht im Dorf sein dürfe. Man kann hier schon sehen, es liegen verschiedene Bezugsebenen vor, die bei beiden Parteien automatisch auf aktuelle Handlungen Einfluß haben und es so zu dem ersten Konflikt aufgrund von andersartigen Vorstellungen von dem, was normal ist, kommt. Bereits auf der zweiten Seite wird deutlich, dass die „gräfliche Behörde“ offenbar großen Einfluß auf die im Dorf geltenden Kultur- und Zivilisationsmuster zu haben scheint. Vor ihr verlangt man Respekt und erst nachdem K.‘s Anwesenheit telefonisch berechtigt wurde, geben sich die Leute zufrieden.

Da K. kein Wissen über die Behörde hat und natürlich auch nicht unter dem zivilisatorischen Einfluß dieser stand, kann er nicht auf die selben Erfahrungen wie die Etablierten zurückgreifen. Man ist im Dorf den Umgang mit Fremden offensichtlich nicht gewohnt und wünscht diesen auch nicht. Ein Dorfbewohner äußert sich K. gegenüber diesbezüglich unzweideutig in dem er sagt: „Ihr wundert euch wahrscheinlich über die geringe Gastfreundlichkeit“,..., „aber Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht Sitte, wir brauchen keine Gäste:“(S. 19). Hier wird auch deutlich, dass der Dorfbewohner K. eine andere Erwartungshaltung unterstellt, weil er ein Fremder ist und schließt ihn so aus dem Dorfkreis, den er für sich beansprucht und dessen Werte (Sitten) er vertritt, aus.

Das soziale System, das Kafka hier beschreibt, ist eine kalte, bösartige und autoritätsfürchtige Dorfgemeinschaft. Das beste Beispiel liefert das Schicksal der Familie Barnabas, deren Tochter Amalia sich einem ihr zugeneigten Schloßbeamten entzog und von dem Tage an vom ganzen Dorf kollektiv geächtet wurde. Dieses ausgrenzende Verhalten wurde jedoch von allen für richtig gehalten. Die geschäftlichen und privaten Beziehungen zu der ehemals angesehenen Familie wurden abgebrochen und die Folge ist der soziale und wirtschaftliche Abstieg was u.a. zur Prostitution der ältesten Tochter Olga führt und zur täglichen Selbsterniedrigung des Vaters, die durch diese Opfer versuchen, die „Schuld“ der Familie wieder gutzumachen. Dieses Verhalten zeigt eine extreme Ausprägung der eingeschränkten Befolgung von Mechanismen einer etablierten Gesellschaft, so wie sie Schütz postuliert hat: „Jedes Mitglied das in der Gruppe geboren oder erzogen wurde, akzeptiert dieses fix-fertige standardisierte Schema kultureller und zivilisatorischer Muster, das ihm seine Vorfahren, Lehrer und Autoritäten als eine unbefragte und unbefragbare Anleitung für alle Situationen übermittelt haben, die normalerweise in der sozialen Welt vorkommen.“(Schütz S.57). Selbst die betroffene Familie hinterfragt nicht, sondern versucht wie selbstverständlich und verzweifelt wieder ein normaler Teil der Gemeinschaft zu werden. Ein Leben neben den Regeln der Dorfwelt ist inakzeptabel und da diese gleichzeitig auch das einzige Orientierungsschema bieten, bleibt der Familie Barnabas nur der Weg innerhalb ihres Verständnisses dieser Regeln zu versuchen wieder dazu zu gehören, denn ein Handlungsrezept für diese Situation, die in der Gemeinschaft einmalig ist, gibt es nicht.

Es gibt kein einziges Mitglied der Dorf In-group, das sich an den Verhältnissen stört, diese kritisch sieht oder es gar für möglich hält sie ändern zu können. Der Respekt und die Furcht vor dem Behördensystem des Schlosses ist allgegenwärtig und bestimmt Handlungen und Denken der Dörfler.

4.2 Der Protagonist K.

Als K. in das Dorf kommt weiß er nichts über die Gepflogenheiten seiner Bewohner. Er hat ungenaue Vorstellungen von dem Schloß und dem Grafen und seine Erwartungen an die Fremde baut er aus seinen eigenen Erfahrungen und Wünschen auf. Er unternimmt „diese endlose Reise“ „so weit von Frau und Kind“(S.11), um sich aus seiner „vollständigen Vermögenslosigkeit“(S.87) zu befreien. Er erhofft sich also feste Arbeit und da er ja per Brief dorthin berufen wurde, gibt es auch keinen Grund mit größeren Komplikationen zu rechnen. Doch stellt sich schon am Anfang heraus, dass K. „keinerlei Status als Mitglied der sozialen Gruppe besitzt“ (vgl. Schütz S.62), was schon allein darin begründet liegt, dass er keine Arbeitserlaubnis und keine Aufenthalts-genehmigung hat. Er nimmt das Verhalten der Dorfbewohner, die seine „Erlaubnis zum Übernachten“(Kafka S.8) sehen wollen, als unpassend wahr und sieht sich im Recht. Zitat: „Genug der Komödie“,..., „Sie gehen, junger Mann, ein wenig zu weit, ...“ (Kafka S.8)

Als K. schließlich merkt, dass seine Vorstellungen auf die vorherrschenden Begebenheiten nicht passen, macht er es zu seinem vorrangigem Ziel, Kontakt mit den Behörden und dem Schloß zu bekommen, um seinen Status definieren bzw. festigen zu können. Er ist nun „Handelnder in der sozialen Welt“ des Dorfes geworden und ist an „Kenntnis seiner sozialen Welt interessiert“(vgl. Schütz S. 55).

In erster Linie heisst das für ihn, sich mit seinem Auftraggeber Klamm in Verbindung zu setzten, was jedoch, wie ihm von verschiedener Seite mitgeteilt wird, nicht geht und allein die Idee mit Klamm zu sprechen, scheint absurd.

Ich zitiere einen Auszug von einem Dialog zwischen K. und Frieda. K.: „Übrigens habe auch ich noch vor der Hochzeit unbedingt etwas zu erledigen. Ich muss Klamm sprechen.“, Friada: „Das ist unmöglich“,.., „Was für ein Gedanke!“(Kafka S. 57). Die Gastwirtin macht es ihm noch deutlicher: „Wie soll er denn sonst verstehen, was uns selbstverständlich ist, dass Herr Klamm niemals mit ihm sprechen wird, (...) , Sie sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider aber sind sie doch etwas, ein Fremder, einer der überzählig und überall im Weg ist, ...“ (Kafka S.58f).

K. wird hier eindeutig etikettiert und über die Selbstverständlichkeiten im Dorfe belehrt. Außerdem kommt hier auch das von Schütz angesprochene fehlende Verständnis der Etablierten für das nicht-akzeptieren der geltenden Zivilisationsmuster zu Tage , die in der zweifelhaften Loyalität des Fremden begründet liegen. Mit seinen ewigen Fragen und seiner Unzufriedenheit über seine Situation, stößt er offenbar an. Da K. aber aufgrund seiner Fremdheit in der Lage ist zu tun , was für die In-group allein Gedanklich „unmöglich“ erscheint, kommt er zu folgender Einstellung : „Wenn es, ..., für mich unmöglich ist, mit Klamm zu sprechen, so werde ich es eben nicht erreichen, ..., Wenn es aber doch möglich sein sollte, warum soll ich es dann nicht tun, (...) ; aber es hat doch auch den Vorteil, dass der Unwissende mehr wagt, ...“(Kafka S. 66f) Das ist es auch was Schütz als Eigenart des Fremden ansieht, nämlich, dass er das was „den Mitgliedern der Gruppe, der er sich nähert, unfraglich erscheint, in Frage stellt“(Schütz S.59). Der „Unwissende“ ist der sich nähernde Fremde, der „sich jedesmal von neuem vergewissern muss, ob auch die vom neuen Schema vorgeschlagenen Lösungen die gewünschte Wirkung für ihn und seine spezifische Position als Außenseiter und Neuankömmling bewirken werden, der das ganze System der Zivilisationsmuster noch nicht in seinen Griff bekommen hat, sondern vielmehr von deren Inkonsistenz, Inkohärenz und deren mangelnder Klarheit verwirrt wird.“ (Schütz S. 66). Während die Dorfbewohner unkritisch akzeptiert haben, dass ein Handlungsmuster undenkbar ist, ist dies für den Fremden K. gerade ein Grund zu fragen und zu versuchen neue Lösungen zu finden, da ihm die Rezeptlösungen der In-group nicht weiter bringen können und er aufgrund seines „Denkens-wie-üblich“ immer noch der Ansicht ist, man könne auch einen anderen Weg gehen.

Seine Absicht Frieda, die Geliebte seines Vorgesetzten Klamm, zu heiraten ist also nur ein Vorwand um eine Situation heraufzubeschwören, in der er endlich mit diesem reden kann.

Frieda äußert sich später dazu wie folgt: „...mein einziger Wert für dich ist, dass ich Klamms Geliebte war,...“(Kafka S.177)

Im Sinne von Schütz’s Überlegungen zu Relevanzschichten, wäre also das Schloßsystem der Ausschnitt seines Interesses über den er einen höheren „Wissensgrad“ erlangen will. Der Hintergedanke seiner Heiratsabsicht wäre ein Mittel das ihm „für sein >Nutzen und Frommen< dienen“(vgl. Schütz S.55) könnte.

Aber es stellt sich immer wieder heraus, dass K.‘s Denken wie üblich nicht funktioniert. Weder durch Frieda, noch durch beharrliches Warten bei Klamm’s Kutsche, wo er ihn in ein Gespräch verwickeln will, kommt er diesem näher.

Am Beispiel eines im fünften Kapitel des Romans stattfindenden Gesprächs zwischen K. und dem Gemeindevorsteher wird deutlich, wie sich die Grundannahmen der Dorfbewohner und die K.‘s unterscheiden. Zu diesem Zeitpunkt ist K. schon klar, dass er es mit einer völlig neuen Gesellschaftsstruktur zu tun hat. Seine Situation erscheint ihm als „außeramtliches, völlig unübersichtliches, trübes, fremdartiges Leben“ (S.69). Was „außeramtlich“ hier beinhaltet wird kurz darauf klarer: „Nirgends noch hatte K. Amt und Leben so verflochten gesehen wie hier, so verflochten, dass es manchmal scheinen konnte, Amt und Leben hätten ihre Plätze gewechselt.“(S.69). Nicht nur die absolute Isoliertheit K’s sondern auch die für ihn unbekannte Struktur des sozialen Systems, die „ihm unbekannte öffentliche Ordnung“, die ihm immer wieder den Weg versperrt, ist sein Problem auf dem Weg in dieser Gesellschaft sowohl offiziell, als auch sozial anerkannt zu werden

Im dem sich anschließenden Gespräch zeigt sich, dass K. und der Vorsteher ein völlig anderes Verständnis der Abläufe im Schloß-Dorf Komplex haben. Auf K.‘s Frage nach der Existenz einer Kontrollinstanz bekommt er z.B. die Antwort: „Nur ein völlig Fremder kann ihre Frage stellen. Ob es Kontrollbehörden gibt? Es gibt nur Kontrollbehörden.“(S.76). Für den Vorsteher ist die Frage K’s ein Beweis für seine Fremdheit. Wäre er ein Mitglied des Dorfes, würde er diese Frage gar nicht stellen. An späterer Stelle weist der Vorsteher K. erneut in die Rolle des Fremden, als es um das Verständnis des Briefes geht, der K. im Namen Klamms in Dorf berufen hatte. „Daß sie, ein Fremder, das nicht erkennen, wundert mich nicht.“(S.83). Die Erklärung liefert er wenig später: „Sie sind eben noch niemals mit unseren Behörden in Berührung gekommen. Alle diese Berührungen sind nur scheinbar, Sie aber halten sie infolge ihrer Unkenntnis der Verhältnisse für wirklich:“(S.84) So wie K. den Brief an ihn verstand, aufgrund seines mitgebrachten Relevanzsystems, war dieser eindeutig eine offizielle Berufung als Landvermesser für den Grafen. Der Vorsteher jedoch teilt, wie er auch impliziert, dieses Verständnis nicht. Für ihn ist aus den Formulierungen des Briefes sofort klar, dass dieser von rein privatem Charakter ist. Er hat sein eigenes Relevanzsystem und „Denken wie üblich“ hier im Dorf gelernt und für ihn ist es das einzig gültige. Und obwohl er vorher immer K.‘s Unverständnis mit seiner Fremdheit korrelierte, gibt es auch Bereiche, die er offenbar als universell geltend betrachtet, wie z.B. das Telefonsystem innerhalb der Behörden. „Ich begreife auch nicht, wie selbst ein Fremder glauben kann, daß, wenn er zum Beispiel Sordini anruft, es auch wirklich Sordini ist, der ihm antwortet.“(S.85). Es zeigt sich hier, dass er offenbar unfähig ist, sich vorzustellen, dass andere Menschen seine Erfahrungswelt nicht teilen, er begreift es nicht, fragt aber auch nicht nach dem Warum .

Die aktuellen Relevanzsysteme K.‘s werden umgestürzt. Er befindet sich aufgrund seiner Krisis, die Schütz in seiner Theorie anspricht, in einer Situation in der das „Denken-wie- üblich“ sich in Bezug auf die neuen Anforderungen als unbrauchbar erweist. Ihm wird eine Randposition inne und es wird klar, welche Schwierigkeiten vor ihm liegen, wenn er die Orientierungsmuster der dörflichen In-group übernehmen will. Und das will er schließlich indem er sagt „die Opfer, die ich brachte, um von zu Hause fortzukommen, die lange, schwere Reise, die begründeten Hoffnungen, die ich mir wegen der Aufnahme hier machte, meine vollständige Vermögenslosigkeit, die Unmöglichkeit, jetzt wieder eine entsprchende Arbeit zu finden, und endlich, nicht zum wenigsten, meine Braut, die eine Hiesige ist.“(Kafka S.87), macht er dem Vorsteher verständlich, dass es seine Absicht ist, im Dorfe zu bleiben. Ein anderes Motiv für K.‘s verbleiben im Dorf kann man über Schütz’s Theorie erklären: K.‘s Drang das Schloßsystem zu durchschauen steht im Einklang mit Schütz Überlegung , dass der Fremde explizites Wissen von und nicht nur über die Elemente des neuen Zivilisationsmuster braucht, um seine Situation definieren zu können (Schütz S.66 f). Die Absicht, nicht abzureisen drückt er später Frieda gegenüber noch einmal so aus: „Auswandern kann ich nicht“,..., „ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben (S.157). Die groteske, realitätsfremde Struktur des Systems, das in sich so verworren und von den Dorfbewohnern voll und ganz übernommen wurde, sowie K.‘s Unwille sich mit dem abzufinden, was er vorgefunden hat, aber auch die Unmöglichkeit das System zu begreifen, sind die Hauptfaktoren, die für seine isolierte und von der Gesellschaft unverstandene Situation verantwortlich sind.

5. Fazit

Mit dieser Arbeit sollte untersucht werden, inwiefern Schütz’s Abhandlung über den Fremden auf ein literarisches Beispiel anwendbar ist. Franz Kafka’s Roman „Das Schloß“ diente hierbei als solches, da dieser die Thematik des Fremdseins zum Gegenstand hat. Es wurde gezeigt, dass der Protagonist K. ein Fremder ist, so wie ihn Schütz versteht, anhand dessen man die Schwierigkeiten und Prozesse festmachen kann, die Schütz theoretisch aufgestellt hat.

Natürlich ist die geschilderte Gesellschaft fiktiv und die einzelnen Charaktere eine Kreation Kafkas, dennoch hat er hier, die Aspekte, die das Fremdsein angehen, treffend erzählt. Und es sind, meiner Meinung nach, gerade die Unmöglichkeiten des Schloß-Dorf Komplexes, die diese Aspekte am deutlichsten zeigen. Die Geschichte sehe ich in diesem Zusammenhang als eine gelungene, überspitzte Metapher für das Gefühl, das man in der Fremde hat, in der nichts so ist, wie man es erwartet hat. So abwegig die Gesellschaft des Dorfes auch erscheinen mag, die Prozesse die zwischen K. und der Gruppe ablaufen sind durchaus wissenschaftlich auswertbar und entbehren nicht einer gewissen Übertragbarkeit auf reale Situationen.

Fremd sein, das kann man überall. Aber man kann sich nicht unbedingt vorstellen fremd zu sein, weil man das Fremde nicht kennt.

Literatur:

Duden Etymologie 1963

Kafka, Franz, 1996: Das Schloß, Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Königs Erläuterungen und Materialien Band 209, 1981: Franz Kafka: Amerika; Der Prozeß; Das Schloß, Hollfeld: C.Bange Verlag

Kristeva, Julia, 1990: Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt/Main: Suhrkamp

Schäffter, Ortfried 1991: Modi des Fremderlebens In: Schäffter, Ortfried: Das Fremde, Opladen

Schütz, Alfred, 1972: Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch, In: Schütz, Alfred Gesammelte Aufsätze II. : Studien zur soziologischen Theorie, Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 53-69

Simmel, Georg, 1992: Exkurs über den Fremden, In: Simmel Georg, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. Main: Suhrkamp

Watzlawick, Paul (Hrsg.), 1981: Die erfundene Wirklichkeit, München: Pieper

[...]


1 *Max Brod berichtet im Nachwort, Kafka plante das Ende wie folgt: K. liegt entkräftet durch seinen Kampf im sterben, als vom Schloß die Nachricht kommt, dass man ihm mit Rücksicht auf gewisse Nebenumstände nun doch erlaube hier zu leben und zu arbeiten (Kafka S.411)

Details

Seiten
17
Jahr
2001
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103796
Note
Schlagworte
Reflexion Fremdseins Figur Franz Kafka`s Schloß

Autor

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Titel: Reflexion des Fremdseins anhand der literarischen Figur K. aus Franz Kafka`s ,,Das Schloß"