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Márquez, Gabriel García - Hundert Jahre Einsamkeit - Literaturkritik

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 4 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Literaturkritik: „ Hundert Jahre Einsamkeit “ von Gabriel García Márquez

Gabriel Garcia Márquez ist einer der bedeutendsten Vertreter der lateinamerikanischen Literatur der Gegenwart. Der Kolumbianer wurde 1927 als eines von 16 Kindern eines Telegraphisten geboren. Nach 1946, das bedeutet mit 19 Jahren, war er als Journalist zunächst Herausgeber und Reporter verschiedener Zeitungen. Gleichzeitig vollendete er ein bereits begonnenes Jurastudium. Einen Großteil der sechziger und siebziger Jahre musste García Marquez im Exil zuerst in Mexiko (bis 1967) und später dann in Spanien verbringen, um der Verfolgung der von ihm kritisierten Diktatoren Laureano Gómez und Gustavo Rojas Pinilla zu entgehen. Im kolumbianischen Bürgerkrieg, zu Beginn der achtziger Jahre, konnte er erfolgreich zwischen den linken Rebellen und der Regierung vermitteln. Heute lebt er wieder in Mexiko. Gabriel García Márquez gilt als einer der besten und raffiniertesten Erzähler der zeitgenössischen Literatur, wobei er, wie zum Beispiel auch Salman Rushdie, sehr stark vom magischen Realismus beeinflusst ist. Für sein Werk erhielt er 1982 den Literaturnobelpreis, auch oder vor allem wegen seines Familienepos “Cien anos de soledad“, auf Deutsch „Hundert Jahre Einsamkeit“, dass seinen Weltruhm begründete und mittlerweile eine weltweite Auflage von weit über zehn Millionen Exemplare erreicht hat. Weitere bedeutende Werke sind der 1981 erschienene Roman “Chronik eines angekündigten Todes“, in dem er die tödlichen Konsequenzen beschreibt, die sich aus einem Ehrenkodex ergeben können, oder das erzähltechnisch raffinierte Werk “Der Herbst der Patriarchen“, welches 1975 veröffentlicht wurde.

Wie viele seiner anderen Werke, spielt “Hundert Jahre Einsamkeit“ in einem kleinen Dorf an der kolumbianischen Karibikküste, genannt Macondo. Nach einem Mord, den man als biblischen Sündenfall interpretieren könnte, und nachdem der Geist des Ermordeten ihn und seine Frau nicht mehr in Ruhe gelassen hatte, flüchten José Arcadio Buendía, seine Frau Ursula und einige andere aus ihrem Heimatdorf, und gründen ein neues Dorf: Macondo.

Von diesem Moment an erzählt Márquez auf 500 Seiten die Geschichte der Familie, die eng mit der Geschichte des Dorfes verknüpft ist. Zu Beginn ist Macondo komplett von der Außenwelt abgeschnitten, nur eine Gruppe Zigeuner mit ihrem Anführer Melchiádes findet alljährlich den Weg dorthin und führt die neusten technischen Entdeckungen, wie zum Beispiel Eis, vor. Aber mit der Zeit dringen immer mehr Einflüsse von außen nach Macondo. Einer der beiden Söhne José Arcadios, Aureliano, wird der größte General in den Freiheitskriegen, zettelt 32 Aufstände an, die er alle verliert, überlebt unzählige Anschläge, und bekommt 17 Söhne mit 17 Frauen, die alle in einer Nacht getötet werden. Am Ende stirbt er einsam und ohne Liebe, indem er von der Toilette kippt.

Wie auch die Familie, wenn auch teils durch Inzest, wächst, so wird auch das Dorf immer größer. Deshalb wird Macondo ans Eisenbahnnetz angeschlossen, was eine Bananengesellschaft anlockt. Dies bringt einen kurzen Aufschwung für das Dorf, der jedoch schnell zu Ende ist, als ein Streik der Arbeiter blutig niedergeschlagen wird, und die Leichen der Toten in 300 Bananenwaggons abtransportiert werden. Zum Schluss des Romans gerät Macondo in Vergessenheit. Der letzte Nachkomme von Ursula und ihrem Mann, Ergebnis einer inzestuösen Beziehung zwischen ihrem Urenkel Aureliano und seiner Tante wird, wie das gesamte Dorf von Ameisen gefressen und in dem Moment, in dem Aureliano die Prophezeiungen des Melchiádes entschlüsselt, bewahrheiten sie sich und das Dorf sowie die Familie wird von einem Sturm aus der Geschichte getilgt.

In dem Buch handelt es sich um eine sehr vielschichtige Erzählung, die über einige unterschiedliche Interpretationsebenen verfügt. Auf einer Ebene spiegelt García Márquez die gesamte Geschichte des Südamerikanischen Kontinents vor allem im 19 Jh. in der Geschichte Macondos wieder. Immer wieder nehmen reale geschichtliche Hintergründe Einfluss auf die Handlung, zum Beispiel die Ausbeutung durch das Kapital, hier am Beispiel der Bananenplantage, die Freiheitskriege gegen Militärregime und Diktaturen oder die Missionierung durch die Kirche, um nur einige der vielen zu nennen. Hier zeigt Márquez wie unselbstständig Südamerika war, und dass es oft nur ein Spielball entweder der europäischen Kolonialmächte oder nordamerikanischer Kapitalgesellschaften war, die Diktaturen unterstützten um so ihre Interessen zu waren. Dies ist an der Zusammenarbeit zwischen der Bananengesellschaft und dem Militär bei der Niederschlagung des Streiks zu sehen. Hieran kann man auch die liberale Grundhaltung Marquez erkennen. Er verurteilt jede Form von aufgezwungener Unfreiheit, egal ob sie von den Machthabern oder von einer Kapitalgesellschaft erzeugt. Außerdem stellt er Systeme, die Waffen benötigen um sich durchzusetzen immer als bereits gescheitert und nicht überlebensfähig dar.

Eine weitere Thematik ist die Rolle von Mann und Frau. Beide Geschlechter sind von Márquez an feste, gegensätzliche Handlungsschemata gefesselt. Im Falle des Mannes unterscheidet er zwei verschiedene Typen, wobei jeder der beiden Namen, José Arcadio und Aureliano, für einen steht. Alle José Arcadios leben nur für Alchemie und wissenschaftlichen Fortschritt und verbringen einen großen Teil ihres Lebens in einem Laboratorium, das der erste José Arcadio von Melchiádes geschenkt bekommen hat, mit Experimenten oder Studien alter Schriften. Alle Aurelianos hingegen definieren sich nur durch die Tat, Kraft und Popularität. Das beste Beispiel hierfür ist Oberst Aureliano, der sein ganzes Leben hindurch nur Aufstände anzettelt um der Aufstände willen. Als er dieses nicht mehr kann, wird er unglücklich und vereinsamt total. Ihm ist immer kalt, so dass er ständig in eine Decke gehüllt ist, die ihn aber auch von der Außenwelt abschirmt. Wie bereits gesagt stirbt er dann absolut ehrlos auf der Toilette. Egal welchem Typus ein Mann angehört, am Ende scheitert er immer. Durch den ganzen Roman gelingt es keinem einzigen nur einmal sein Ziel zu erreichen, sondern alle Bemühungen enden immer in Zerstörung und Einsamkeit.

Komplett gegensätzlich dazu ist die Rolle der Frau definiert. Sie ist immer der bewahrende Teil der Familie. Ihr größtes Ziel ist es, diese zu erhalten. Ursula tritt hier als Urmutter auf. Für sie ist die Zeit aufgehoben, so dass sie uralt werden kann. Sie widmet ihr gesamtes Leben der Bewahrung der Familie und geht einmal sogar so weit, einem der Aurelianos vier Monate zu folgen, als der das Dorf mit den Zigeunern verlässt. Als sie jedoch anschließend zurückkehrt, hat sie einen Zugang zur restlichen Zivilisation gefunden, etwas, das ihr Mann Jahre zuvor vergeblich versucht hat. Damit hat sie dem Dorf mehr Fortschritt gebracht, als alle Männer in der gesamten Zeit davor und danach zusammen, und der von ihr gebrachte Fortschritt bringt dem Dorf nicht Zerstörung, sondern öffnet es für die übrige Welt.

Die Hauptmotive des Romans sind jedoch nicht Zeitkritik oder die Rolle der Geschlechter, sondern die Auflösung der Zeit und die Einsamkeit. Es tauchen immer wieder Personen auf, für die die Zeit aufgehoben zu sein scheint, zum Beispiel Ursula oder auch der Zigeuner Melchiádes, die beide uralt werden. Ein weiteres Merkmal dieser Auflösung ist, dass sich das Leben im Fluss befindet, dass die Geschichte sich immer und immer wieder wiederholt. So hat der erste Neugeborene des Clans schon einen Schweineschwanz als Resultat einer inzestuösen Beziehung wie auch der letzte ihn hat. Das bedeutet, dass es kein individuelles Schicksal gibt, auf das der Mensch selbst Einfluss nehmen kann. Er ist wie die Buendía - Männer an seine Rolle gefesselt und muss den ihm vorbestimmten Weg gehen. Dies wird am Ende des Romans deutlich, als der letzte Buendía die Prophezeiung des Melchiádes entschlüsselt und erkennt, dass sein und das Leben aller anderen Figuren vorbestimmt war.

Basierend auf der Erkenntnis, dass sich das gesamte Leben in einem Kreislauf befindet, macht Marquez auch eine Aussage über den Sinn des Lebens. Die männlichen Figuren seines Romans sind alle vom Tun und der Tat „befallen“. Allerdings wird alles, was sie schaffen, am Ende wieder zerstört und sie flüchten sich vor ihrem Scheitern in die Einsamkeit. Sie haben alle ihr Leben vergeudet, da sie am Ende ihrer Existenz keine Spuren hinterlassen, was die restlose Zerstörung des Dorfes durch Ameisen und einen großen Sturm am Ende zeigt. Außerdem waren sie ihr ganzes Leben hindurch nicht glücklich und haben nie wirklich gelebt. Für Marquez ist dieser Kreislauf, den man als Anfang, Tat, Zerstörung, Einsamkeit, Ende umzeichnen könnte, und in dem seiner Meinung nach die meisten Menschen ihr Dasein fristen, unnatürlich. Seiner Meinung sollte der Mensch, während der kurzen Zeit seiner Existenz auf der Erde sein Leben genießen und versuchen sich selbst, seine Triebe und seine Sinne zu erfahren, um so Freude und Lebensfreude zu erhalten. Damit könnte er sich dann ein wahres Paradies schaffen. Dieses gelingt nur zwei Personen im Roman: den letzten beiden Buendías. Sie vergessen, während sich um sie herum das Haus und die Vergangenheit zersetzt, alles und leben nur für sich selbst, indem sie ihre Sexualität und ihre Liebe frei und ungezügelt ausleben, das bedeutet, indem sie ihrem natürlichen Menschsein freien Lauf lassen. Dadurch sind sie beide auch die einzigen, die glücklich und gegen ihren Willen, sterben. Im Gegensatz zu allen anderen, die den Tod kommen sahen und auf ihn zugingen, wie Ameranta Ursula, die ihr eigenes Totenhemd strickte, kämpft Ameranta, wenn auch vergeblich, gegen ihn an, da sie nicht sterben will.

Gabriel García Márquez hat mit „Hundert Jahre Einsamkeit“ den Grundstein zu einem enormen Aufschwung der Lateinamerikanischen Literatur gelegt, auf den zum Beispiel der Roman „Das Geisterhaus“ folgte, der sogar erfolgreich verfilmt wurde. Außerdem ist es ihm gelungen, die in der Historie bedingten Probleme Lateinamerikas einer breiten, oft an diesem Thema uninteressierten Masse darzubieten, und in ihr Interesse an einem Kontinent zu wecken, der ansonsten in der westlichen Welt hauptsächlich für Drogen, Korruption und Mafia-Kriminalität bekannt ist. Eine in der Literatur ähnliche Leistung hat der bereits genannte Salman Rushdie mit seinem Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ für Indien erbracht. Ähnlich wie hier wird auch bei ihm, abstrahiert auf die Ebene des magischen Realismus, die Geschichte eines (Sub-) Kontinents erzählt.

„Hundert Jahre Einsamkeit“ ist meiner Meinung nach ein sehr schwierig zu lesendes Buch. Durch die Unüberschaubarkeit der Personen und die vielen verschiedenen, nicht zusammenhängenden Episoden ist es schwierig den Überblick zu behalten. Gelingt dies dem Leser aber, eröffnet sich ihm eine ganz neue, faszinierende Welt. Erst dann kann er die gesamte Bandbreite der Thematiken und die große Erzähltiefe die der Roman aufweist erkennen. Auch wird die hohe erzählerische Kunst und die Ironie, mit der Márquez arbeitet erst klar, wenn man einen Zugang zu dem Buch gefunden hat. Gelingt es dem Leser jedoch nicht, sieht er nur ein Wirrwarr von gleichnamigen Personen und eine zäh dahinfließende Aufreihung von Episoden, oft mit sexuellem Inhalt, die vollkommen befremdend und unverständlich erscheinen.

Abschließend kann man sagen, dass Márquez mit diesem Buch einen hohen Anspruch an seinen Leser stellt, aber dieser wird dann mit einem großen Werk belohnt, das man kaum in allen Facetten erschließen kann.

Details

Seiten
4
Jahr
2001
Dateigröße
334 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103715
Note
Schlagworte
Márquez Gabriel García Hundert Jahre Einsamkeit Literaturkritik

Autor

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Titel: Márquez, Gabriel García - Hundert Jahre Einsamkeit - Literaturkritik