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Psychosoziale Anamnese

Hausarbeit 2001 11 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Anamnese?

3. Wann wird die psychosoziale Anamnese in der Erziehungsberatung eingesetzt? Welche Aufgabe hat sie?

4. Wie sollte der Erziehungsberater gegenüber der Mutter auftreten? (Vorbereitung)

5. Die Zeitdauer der Anamnese

6. Die Durchführung und die Form der Anamnese
6.1 Ablauf der Anamnese
6.2 Anamneseschemata

7. Die Auswertung der Anamnese

8. Fazit / eigene Meinung

Psychosoziale Anamnese

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit mit dem Thema „ Psychosoziale Anamnese“ in der Erziehungsberatung geht es um die Definition des Begriffes und ihre Anwendungsmöglichkeiten. Wenn es um das Wohl des Kindes geht, benötigen viele Eltern Rat von Fachkräften. Hier bietet sich die Erziehungsberatungsstelle an, die den Eltern Hilfe in der Erziehung ihres Kindes anbieten kann. Viele Kinder werden vorgestellt weil die Eltern Informationen wünschen. Auch Hirnschäden oder Begabungsmängel spielen bei der Verursachung der Verhaltensstörung eine grosse Rolle; Überweisungen in Heime oder Pflegefamilien sind nötig.

Hier kann der Erziehungsberater dem Ratsuchenden Möglichkeiten zu Lösungen anbieten.

Bei diesen Fragen benötigt er in der Regel gute Lebens- und Entwicklungsumstände des Kindes.

Die Art und Weise, wie der Erziehungsberater mit den Informationen des Kindes umgehen und später handeln soll, wird im folgendem Bericht näher erläutert.

Ich werde meinen Schwerpunkt auf das Anamneseschema beziehen, die Gutachtenverfassung werde ich etwas in den Hintergrund stellen.

2. Was ist die Anamnese?

Unter der Anamnese verstehen wir das Dokumentieren von klientenbezogenen Informationen, welche der Erziehungsberater biographisch festhält. Der Begriff Anamnese wird in verschiedenen Bereichen angewendet, z.B. in der Medizin, Psychologie und in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit.

Die Informationen, die mittels der Anamnese gewonnen werden, können von dem Klienten selbst (Eigenanamnese) und/oder von seinen Eltern, Angehörigen oder sonstigen Bezugspersonen (Fremdanamnese) erhoben werden.

In der Erziehungsberatung ist es so, dass nicht der Betroffene selbst über seine Problematik spricht, so wie es in der Psychotherapie wäre, sondern ein anderer der mit ihm in einem engen Kontakt steht. Dies können Grosseltern, Angehörige, Lehrer oder Heimerzieher sein. Dieser Jemand macht Aussagen über die Schwierigkeiten des Kindes/Jugendlichen, über seine Persönlichkeitsentwicklung, über die Entstehung der vorhandenen Störungen und seine Umweltkonstellation.

In meiner Hausarbeit werde ich hauptsächlich von der Mutter als Bezugsperson sprechen, fest steht aber, dass das Beratungsgespräch mit jeder anderen Bezugsperson stattfinden kann.

Die Fragen, die in der Anamnese gestellt werden haben unterschiedliche Bereiche. Diese können sich auf die seelische oder körperliche Verfassung beziehen, auf die unterschiedlichen Beziehungen die der Klient zu seiner Aussenwelt hat und auf die schulische Situation uvm. Grundsätzlich wird in der Anamnese die gesamte Biographie des Kindes erfragt, damit die Verhaltensweisen und Schwierigkeiten genetisch erklärt werden können, und sich ein Gesamtbild über die Problematik zu stellen.

3. Wann wird die psychosoziale Anamnese in der Erziehungsberatung eingesetzt? Welche Aufgabe hat sie?

Viele Schwierigkeiten bei Kindern werden durch Erziehungsfehler der Eltern verursacht, und können nur allein durch die Beeinflussung der Eltern beseitigt werden. Wurde ein Kind z.B. ständig von seinen Eltern unter Druck gesetzt, sei es in Bezug auf Schule oder durch wiederholtes extremes Ordnung halten, kann es im Laufe der Zeit Ängste vor den Eltern aufbauen, und mit entgegengesetzter Faulheit reagieren.

In vielen Fällen machen sich die Eltern Sorgen über die Entwicklung und die Verhaltensweisen ihres Kindes, welche sich z.B. durch Konzentrationsschwächen und Stimmungsschwankungen äussern können.

Gerade auch in Hinsicht auf die spätere Schul, - Berufseignung suchen Eltern oft Rat in den Erziehungsberatungsstellen. In dem Fall bringen sie ihre Kinder mit in die Beratungsstelle und stellen sie gleich vor.

Die Anamnese in der Erziehungsberatung soll die Begegnung und den Kontakt mit den ratsuchenden Eltern ermöglichen, um evt. gemeinsame Lösungen bezüglich der Problematik des Kindes zu finden. Ist ein Elternteil bereit, sich professionelle Hilfe von Aussen zu suchen, kann den Eltern das Problem nähergebracht und aufgelöst werden.

Da die Mutter sich meist Hilfe und Rat für ihr Kind erhofft, kann sie in dem ersten Gespräch eine nähere Beziehung zu den Menschen der Institution aufbauen, um dann später ein offenes und ausgelassenes Gespräch zu führen.

Kommt die Mutter in die Erziehungsberatungsstelle, kann sie aus Eigeninitiative oder auch durch Druck des Jugendamtes oder der Schule gehandelt haben. Gerade bei der ersten Begegnung fühlt sie sich häufig unsicher, sie empfindet Sorge, Unruhe und Verzweiflung über die Probleme ihres Kindes. Sie kann sich unfähig fühlen und denken, dass sie mit ihrer Erziehung vollkommen versagt hat. Andererseits könnte sie sich, wenn sie von anderen Institutionen geschickt worden ist, ablehnend und widersprüchlich verhalten, was den Zugang zu ihr erschweren kann.

In manchen Fällen ist es auch so, dass die Mutter gemeinsam mit ihrem Kind die Beratungsstelle aufsucht. Dies hat den Vorteil, dass der Erziehungsberater gleich das Kind kennen lernt, um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen.

Ausserdem können gemeinsam mit dem Kind die psychologischen Tests und Gutachten durchgeführt werden, die eine spätere Auflösung des Falls erleichtern

4. Wie sollte der Erziehungsberater gegenüber der Mutter auftreten? (Vorbereitung)

Wie schon im vorigen Punkt erwähnt können die Eltern nicht aus eigenem Antrieb zu der Beratung erscheinen, sondern nachdrücklich von Institutionen wie Jugendamt oder Schule geschickt werden. Dies kann zu innerlichen Widerständen der Eltern (bzw. Mutter) führen und dadurch können Auskünfte über das Kind oder die Erziehung selbst verweigert werden.

Aus diesem Grunde sollte man als Erziehungsberater versuchen es der Mutter leicht zu machen sich zu öffnen. Dies sollte in einer warmen Atmosphäre stattfinden, wie z.B. in einem Raum, der freundlich und locker auf den Klienten wirkt.

Eine Sitzordnung, in der beide Partner (Erziehungsberater und Mutter) an einem Tisch über Eck zueinander sitzen, ist besonders günstig, da ein Schreibtisch zwischen beiden leicht als Kontaktbarriere wirken kann.

Es ist auch wichtig für die Mutter, dass man ihr das Gefühl vermittelt Zeit für sie zu haben, damit sie sich in Ruhe aussprechen kann.

5. Die Zeitdauer der Anamnese:

Die Dauer der Anamnese sollte nicht kürzer als eine Stunde betragen. Sie sollte sich aber auch nicht länger als zwei Stunden ausdehnen, da nach dieser Zeit erhebliche Konzentrationsstörungen auftreten können. In diesem Falle sollte die Fortführung der Anamnese auf einen neuen Termin gelegt werden.

Grundsätzlich ist es ratsam die Mutter zu einem festen Zeitpunkt zu bestellen und ihr auch klarzumachen wie lange die Sitzung etwa dauern wird. So werden Zeitdruck und Hetze vermieden und der Berater und der Klient können sich in Ruhe auf diese Zeit einstellen.

6. Die Durchführung und die Form der Anamnese

Hier stellt sich die Frage, wie so eine Anamnese durchgeführt werden soll. Die Mutter kommt zur Anamnese um sich auszusprechen, über die Sorgen zu sprechen, die sie sich über ihr Kind macht.

Zum Vorteil ist es, die Mutter frei über diese Sorgen sprechen zu lassen, ohne zwischenzeitige Fragen zu stellen. Hier wird auch oft die Methode von ROGERS ( Gesprächstherapie)angewandt. In dieser Methode reflektiert und erfragt der Erziehungsberater die Haltungen und Gefühle der Mutter und verhält sich einfühlend und echt. Dies wird jedoch oft dann angewandt, wenn anzunehmen ist, dass die Schwierigkeiten des Kindes auf ein Fehlverhalten der Erziehung zurückzuführen ist.

Wichtig für den Erziehungsberater ist, dass die Mutter umfangreiche Informationen des Kindes geben kann, so dass der Erziehungsberater Ratschläge geben kann. Dazu gehören z.B. Hilfsschuleinweisung, grundsätzliche Schul- u. Laufbahnfragen oder Berufs- oder Studieneignung.

Eine Frage als Einstieg in das Gespräch mit der Mutter könnte wie folgend aussehen:

„ Bitte erzählen sie mir doch von den Schwierigkeiten, die Ihnen ihr Kind macht, und wie es zu den Verhaltensäusserungen gekommen ist!“ Hier kann es jedoch auch dazu kommen, dass die Mutter das Eigentliche, was sie sagen möchte, gar nicht zur Sprache bringen kann aus Unsicherheitsgründen oder weil sie sich gegenüber dem Erziehungsberater fremd fühlt.

Ausserdem kann es sie psychisch belasten, detailliert über die Problematik ihres Kindes zu sprechen. In diesen Fällen wird grundsätzlich ein Empathieverhalten von dem Helfenden verlangt.

In der Praxis haben sich bestimmte Methoden der Erhebung der Anamnese bewährt, welche ich im Punkt Ablauf erläutern möchte.

6.1. Ablauf der Anamnese

Man bittet als Erziehungsberater die Mutter über die Schwierigkeiten ihres Kindes zu berichten, und lässt sie frei sprechen. Es sollten keine Zwischenfragen gestellt werden, da dies auch zu plötzlichen Themenwechsel führen kann, und sie irritiert. Die Mutter kann in eine bestimmte Richtung gedrängt werden, und das Eigentliche gerät in Vergessenheit. Aus dem Grunde sollten die Fragen des Erziehungsberaters später im Verlaufe der Anamnese nachgeholt werden.

Die Aussprache der Mutter kann von unterschiedlicher Zeitspanne sein. Diese kann 5 oder auch 25 Minuten betragen.

Erst wenn der Erziehungsberater das Gefühl hat, die Mutter könnte für weitere Fragen offen sein, beginnt man mit der eigentlichen Anamnese. Die Mutter sollte nach Einzelheiten aus der Entwicklung ihres Kindes erfragt werden; vorher sollte man sie jedoch darum bitten, einige Fragen stellen zu dürfen.

Der Erziehungsberater sollte sich nun überlegen, in welcher Weise er die Fragen an die Mutter stellen möchte. Dies kann er anhand eines vorgedruckten Fragebogens tätigen, wobei hier die Gefahr besteht anstatt sich auf die speziellen Probleme der Mutter einzustellen, eher zu vorgegeben zu arbeiten. Ausserdem kann sich die Mutter auch abgefragt fühlen, und dies kann zu stichwortartigen nicht genug informierenden Antworten der Mutter führen. Somit empfielt es sich dringend die Anamnese frei in Gesprächsform zu halten.

Hierzu muss der Erziehungsberater jedoch ein festes Anamneseschemata haben, welches in seinem Gedächtnis gut eingeprägt ist.

6.2. Anamneseschemata

In diesem Anamneseschemata wird immer nach einer bestimmten Reihenfolge vorgegangen. Die Antworten sollten von Erziehungsberater stichwortartig festgehalten werden.

Bevor mit der Anamnese begonnen wird, werden das Datum der Vorstellung und mit welcher Bezugsperson das Kind gekommen ist fixiert. Dann werden die allgemeinen Fragen in einzelne Punkte gegliedert:

- Grund der Vorstellung

- Wohnorte und äusserer Lebensrahmen

- Krankheiten

- Biographie

b) Schwangerschaft/ Geburt

c) Entwicklung allgemein

d) Sprachentwicklung

e) Reinlichkeit

f) Zärtlichkeit/ Sexualität

g) Auseinandersetzung mit den Mitmenschen

h) Frühe Kindheit allgemein

i) Einschulung

j) Schulalter

k) Pubertät

l) Familiensituation/ Umweltbeziehungen

m) Familienanamnese

n) Eindruck der Mutter

Im Anschluss werden die speziellen Fragen gestellt, welche sich individuell auf die Problematik des Kindes beziehen:

- Einnässen/ Einkoten ( wann begann das Kind einzunässen? )
- Körperliche Krankheiten
- Sprach- und Sprechstörungen ( lispeln oder stottern )
- Sprachentwicklung
- Sexuelle Auffälligkeiten
- Entwicklungsstand des Kindes
- Kindische Unaufrichtigkeiten ( lügt das Kind/ stehlt es? )
- Schulschwierigkeiten
- Hörfehler
- Nervosität/ Konzentrationsstörungen
- Minderwertigkeitsgefühle
- Kontaktstörungen
- Streitlust/ Trotz
- Hospitalschäden ( in welchen Heimen war das Kind schon?)
- Entwicklungsschäden
- Störende Umwelteinflüsse ( wurde das Kind mit Härte erzogen?)
- Hirnorganische Schäden
- Anfallsleiden ( hat das Kind Krampfanfälle?)

7. Die Auswertung der Anamnese

Der persönliche Eindruck von der Problematik des Kindes und die Persönlichkeit der Mutter reicht nicht aus, um die Anamnese fertig zustellen.

Die Mutter erzählt subjektiv mit ihrer Meinung dem Erziehungsberater was ihr an ihrem Kind aufgefallen ist und stört.

Sie kann z.B. äussern, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich die Versetzung in die nächste Klasse nicht schafft, und wird von ihr als Versager dargestellt, der mangelnde Intelligenz aufzeigt. Gründe dafür können jedoch auch ganz andersgewichtig aussehen.

Die Eltern haben sich gerade scheiden lassen, und das Kind leidet so darunter, dass es erhebliche Schwierigkeiten in der Schule bekommt. Der Erziehungsberater sollte durch Erfahrungen in seiner Arbeit unterscheiden lernen und individuell je nach Fall verschieden handeln können. Bevor geurteilt wird, sollte das Kind psychologisch untersucht werden, um einiges auszuschliessen. Danach sollte über das Ergebnis gesprochen werden. Dies kann im Team stattfinden, indem mehrere Fachkompetenzen wie Psychologen, Sozialarbeiter zusammen fungieren.

Eine Anamnese ist immer ein komplexes Ganzes, und ihre Auswertung bedeutet nicht das gleiche wie z.B. die Auswertung eines Intelligenztests.

8. Fazit / eigene Meinung

Grundsätzlich darf der Erziehungsberater nicht nur mit den Augen der Eltern sehen, mindestens ebenso wichtig ist die Sicht aller Gegebenheiten vom Kinde her, um dessen Wohl es in der Erziehungsberatung vor allem geht.

Ich bin der Meinung dass eine Anamnese erstellen Grundvoraussetzung für eine spätere Urteilsfällung ist. Der Erziehungsberater hat somit die Möglichkeit in die Problematik hineinzufühlen, und für beide, sowohl Kind und Erziehungsberechtigter, die richtige Lösung zu finden. Wichtig finde ich aber, dass der Erziehungsberater richtig ausgebildet ist und eine innere Stabilität mit sich selbst vorweisen kann.

Quellenverzeichnis: Die Anamnese in der Erziehungsberatung, Lilly Kemmler 1965 Wörterbuch der sozialen Arbeit, Mielenz

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
343 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103549
Note
2
Schlagworte
Psychosoziale Anamnese

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Titel: Psychosoziale Anamnese