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Zur Diskussion um die Sterbehilfe in Deutschland

Referat / Aufsatz (Schule) 2002 4 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Zur Diskussion um die Sterbehilfe in Deutschland

Sterbehilfe ist eines der umstrittensten Themen unserer Zeit und bringt gerade jetzt, da die Euthanasie - wie sie auch genannt wird - in Holland legalisiert worden ist, die Diskussion hierzulande wieder ins Rollen. Doch scheint es in Deutschland im Moment zu keinem endgültigen Ergebnis zu kommen. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung ist trotz gravierender Probleme, die möglicherweise auf uns zu kämen, für die Legalisierung der Sterbehilfe, während Parteien, Ärzteverbände und Juristenvereinigungen dies meist noch immer vehement ablehnen.

Zunächst muss man einmal zwischen den verschiedenen Begrifflichkeiten unterscheiden, denn „Sterbehilfe“ ist nicht gleich „Sterbehilfe“:

Allgemein bezeichnet der Begriff Maßnahmen, die den Tod zur Folge haben, dabei werden im Einzelnen unterschieden:

1. Aktive Sterbehilfe (Euthanasia)
2. Assistierte Sterbehilfe (assisted suicide)
3. Indirekte Sterbehilfe (Allevation of pain and symptoms)
4. Passive Sterbehilfe (non-treatment decisions)

Die aktive Sterbehilfe beschreibt das Eingreifen eines Arztes, das den unmittelbaren Tod eines unheilbar kranken Menschen herbeiführt. Dieses Gebiet unterteilt man wiederum in zwei Teile:

- Tötung auf Verlangen (voluntary active euthanasia)

- Nicht-freiwillige Euthanasie (non-voluntary euthanasia)

Bei der assistierten Sterbehilfe handelt es sich quasi um Suizid, der durch einen Arzt medikamentös ermöglicht oder zumindest toleriert wird. Die Verantwortung liegt jedoch allein beim Patienten. (Dieses Modell gibt es bereits in der Schweiz.)

Durch medikamentöses Eingreifen (hochdosierte Schmerz- und Beruhigungsmittel) betreibt der behandelnde Arzt unter Umständen indirekte Sterbehilfe, indem er die Todesfolge als eventuelle Konsequenz in Kauf nimmt.

Bei der passiven Sterbehilfe geht es um eine Therapiebegrenzung. Hier wird eine Therapie verkürzt, Medikamente nicht mehr verschrieben bzw. es erfolgt eine Nichtsteigerung der therapeutischen Maßnahmen. Auch hier wird der Tod gebilligt.

Die aktive und die assistierte Sterbehilfe ist in Deutschland gesetzlich verboten. Der Arzt, der sie widerrechtlich betreibt, wird des Mordes angeklagt. Er ist von seinem Berufsethos her dazu verpflichtet, Leben zu retten (Eid des Hypokrates). Jedoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Tod eines Patienten dennoch zu rechtfertigen: Wenn er z.B. einen unheilbar kranken Menschen vor sich sieht, der unter unerträglichen Schmerzen zu leiden hat, und für den es keine Heilungschancen mehr gibt, kann er in einen starken Gewissenskonflikt zwischen Berufseid und moralischer Pflicht kommen. Hierbei bedienen sich die Ärzte oft oben genannter Begriffe um ihr Eingreifen zu verharmlosen.

Er als Arzt darf über die Behandlungsmethode entscheiden. Ob er allerdings damit den Tod beabsichtigt hat, ist zuweilen fragwürdig.

Somit ist die Möglichkeit zur Sterbehilfe in Deutschland auf jeden Fall gegeben; sie wird nur nicht unbedingt als diese bezeichnet. Zur Debatte steht jetzt jedoch die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Und bei dieser Frage scheiden sich die Geister.

Hierzu möchte ich zwei Geschichten erzählen:

Die Sonne strahlt herein und erhellt das karg eingerichtete Krankenzimmer. Neben dem Bett ein Blumenstrauß, ein paar Zeitschriften und ein kleiner Glücksbringer auf dem mit Kinderhandschrift geschrieben steht: „Liebe Oma, werde bald wieder gesund“. Doch Oma - oder Erna K., wie sie mit richtigem Namen heißt - liegt scheinbar friedlich in ihrem Bett, kaum zu sehen, nur das spitze knochige Gesicht wird durch ein weißes Kopfkissen umrahmt. Da liegt sie, das kleine Persönchen, das innerlich schon mit der Welt abgeschlossen hat. Schon lange ist sie nicht mehr ansprechbar, ihr Körper ist durch die vielen Medikamente und Operationen ausgelaugt, geheilt ist sie immer noch nicht. Richtig alt sieht sie aus, alt und müde, dabei ist sie erst 70 Jahre alt! Es klopft an der Tür, herein kommen eine Frau mit ihren zwei Kindern, welche sich fröhlich hüpfend dem Bett nähern und laut „Hallo Oma“ rufen. Die Mutter hält sich bedeckt, sie weiß um den Gesundheitszustand ihrer Mutter und sie kennt auch den Ernst der Lage. Trotzdem zwingt sie sich zu einem Lächeln: „Hallo Mama, wie geht es dir heute?“ Dabei weiß sie ganz genau, dass Erna K. sie nicht hören kann. Doch die Wahrheit ist so schmerzvoll... „Kinder, die Oma schläft, geht doch ein bisschen raus in den Park! Ich hol euch dann, wenn sie wieder aufwacht“, damit belügt sie jetzt schon seit Wochen ihre Sprösslinge nur um dann in der Zweisamkeit mit ihrer Mutter in Tränen über das schwere Schicksal auszubrechen. Jeder kann Erna K. leiden sehen, selbst der Arzt hat die Hoffnung aufgegeben; Erna K. ist an dem Stadium angelangt, wo man nur noch auf den Tod hoffen kann. Ein sinnloses Dahinvegetieren also... Oder?

Eine Ruhe liegt über dem Krankenzimmer, in dem Erwin A. seinen Lebensabend verbringt. Vor Schmerz stöhnend windet er sich im Bett. Sprechen kann er nicht, denn er ist taubstumm. Von Zeit zu Zeit tupft eine Schwester seine Stirn mit einem feuchten Tuch ab und lächelt ihm freundlich ins Gesicht. Für diesen Augenblick vergisst er seine Schmerzen und lächelt dankbar zurück um dann von heftigem Schmerz geschüttelt in einen tiefen Erschöpfungs- schlaf zu fallen. Als es an der Tür klopft, ist es nur der behandelnde Arzt, der seinen Routine- Rundgang macht. Besuch hat Erwin A. schon lange nicht mehr bekommen, die einzige Person, die sich um ihn kümmert, ist die Schwester, die versucht, ihm so gut es geht den Schmerz durch Medikamente zu lindern. Sie ist Teil seines Herzens geworden. Früher war Erwin A. Teilhaber einer namhaften Firma gewesen bis er dann an dieser Krankheit zugrunde ging... Sein Leben - also nur sinnlos verlängert... Oder?

Zwei Menschen, die kurz vor ihrem Tod stehen, gepeinigt von unerträglichen Schmerzen - und doch stellt sich die Frage: hat der Mensch das Recht über Leben und Tod zu entscheiden?

Der Tod ist ein unbekanntes Mysterium, vor dem sich viele Menschen fürchten, denn keiner weiß, wie er verläuft und was danach sein wird.

Jedoch wird seit einiger Zeit leichtfertiger mit diesem Thema umgegangen. In unserer Gesellschaft ist der Tod zum Tabu geworden. Sterben und alles, was damit zu tun hat, wird ins Abseits geschoben und verdrängt. Alte und kranke Menschen werden zunehmend ausgegrenzt, in Heime und Krankenhäuser gesteckt, isoliert. Die Fragen nach „Sterben und Tod“ werden oft nicht mehr besprochen. Allerdings wird der Tod uns täglich in den Medien vor Augen geführt und dies stumpft innerlich ab: Dadurch wird Sterben als jedermanns Lebensende verzerrt und falsch dargestellt. Statt tiefer Gefühle - Sensationslust.

Mit der Einführung der Sterbehilfe wird nun dem Menschen das Recht übertragen, über Leben und Tod selbst zu entscheiden. Viele Leute in Deutschland sträuben sich jedoch noch immer gegen diesen Gedanken, denn der Begriff „Euthanasie“, der ja ebenfalls die Sterbehilfe bezeichnet, ist durch unsere Vergangenheit sehr belastet:

In der Nazizeit wurden wehrlose Menschen einfach umgebracht ohne jegliche Skrupel. Verblendet durch die Hitler-Ideologie des gesunden, blonden, starken Deutschen (Arier); es gab keinen Platz für Juden, Kranke, geistig und körperlich Behinderte - kurz: für alles, was nicht der Norm des Dritten Reiches entsprach.

Die Legalisierung der Euthanasie in Holland wird daher von deutschen Kritikern mit wachsamem Auge betrachtet, denn sie fürchten sich vor einer Wiederholung vergangener Zustände und bezeichnen die Erlaubnis zur Sterbehilfe dort als „ethischen Dammbruch“.

Warum stehen also zwei Drittel der deutschen Bevölkerung dennoch hinter der Idee der Sterbehilfe und warum ist es so gefährlich, diese zu unterstützen?

Die Sterbehilfe ist ursprünglich eingeführt worden, um den Patienten von seinen Leiden zu befreien, um ihm quasi die Möglichkeit zu geben, sich in einem aussichtslosen Fall für den Tod zu entscheiden. Indem man ihm diese Entscheidungsgewalt einräumt, bewahrt der Mensch seine Autonomie, seine Selbständigkeit und persönliche Freiheit.

So werden zwar die Leiden beendet, das Leben verkürzt, doch stellt sich der Mensch damit gewissermaßen schon auf eine Stufe mit Gott, denn nach der christlichen Auffassung sollte Er allein das Recht haben, über Leben und Tod zu entscheiden. Allgemein war man der Ansicht, das Leben sei ein Geschenk Gottes, mit dem man nicht einfach tun und lassen konnte, was man wollte. Sonst wäre man dem Geschenk gegenüber unwürdig geworden. Jedoch hat sich das heutige Meinungsbild geändert:

In Holland ist diese Ansicht schon völlig veraltet. Das Leben wird hier zwar auch zuweilen noch als Geschenk Gottes betrachtet, allerdings als eine Gabe, mit welcher man nach eigenem Belieben umgehen darf.

Doch der leichtfertige Umgang mit dem Tod kann sehr schnell zum Missbrauch führen. Sei es durch den Patienten selber oder durch Angehörige.

Viele Menschen fürchten sich vor der mit dem Tod verbundenen Einsamkeit bzw. vor den möglicherweise auftretenden Schmerzen. Durch das Ermöglichen des sanften Todes sehen Menschen mit dieser Angst eine Möglichkeit, sich der Einsamkeit und den Schmerzen zu entziehen. Oft handelt es sich hierbei auch um Menschen mit depressivem Gedankengut, welchen so der Schritt zum Selbstmord wesentlich erleichtert wird. Es sind Personen, deren Leben für sie selber scheinbar keinen Sinn ergeben hat. Doch obwohl sie schon häufig über den persönlichen Tod nachgedacht haben, fällt der letzte Schritt zur eigentlichen Tat - nämlich zum Suizid - schwer. Bitten sie den behandelnden Arzt um Sterbehilfe, so enthalten sich jene Menschen damit der eigenen Verantwortung, sie überlassen das Eingreifen in das individuelle Schicksal dem Arzt, und haben so doch das bekommen, was sie wollten, ohne sich vor Gott oder ihrem Gewissen schuldig gemacht zu haben.

Aber auch Verwandte können die Möglichkeit der Sterbehilfe für ihre Zwecke missbrauchen. Denn gesetzt den Fall, ein Patient ist nicht mehr fähig, seine Meinung zu äußern, so haben die nächsten Verwandten das Recht, eine Entscheidung an seiner Statt zu fällen. Dabei könnten „unliebsame“ Mitmenschen, reiche Personen (Erbschleicherei) und lästige Zeitgenossen einfach „beseitigt“ werden.

Zu befürchten ist die Ausuferung der Angelegenheit. Möglicherweise würden in ein paar Jahren nach Einführung der Sterbehilfe alle Menschen ab einem gewissen Alter dazu überredet werden, den Weg des sanften Todes zu gehen, denn „alte Mitbürger kosten den Staat nur unnötig Geld“. Daraus ergäben sich wirtschaftliche Vorteile, das Verhältnis zwischen Alt und Jung wäre ausgeglichen, man hätte die totale Kontrolle...

Doch hätten wir da nicht den Respekt vor dem Leben verloren? Würde dies nicht schon an den Zustand im Dritten Reich erinnern? Eine beängstigende Utopie!

Es ist in meinen Augen wichtig, dass wir uns mit der Tiefe dieser Gedanken so gründlich auseinandersetzen. Denn sie verweisen letztlich auf so große Lebensfragen wie

- Was ist Leben/Lebendigsein?
- Was ist Liebe?
- Was ist Barmherzigkeit?
- Was ist eigentlich der Tod?

Doch wird es schwierig sein, bei der Frage, ob sich die Sterbehilfe in Deutschland durchsetzen wird, auf ein eindeutiges Ergebnis zu kommen und damit den Vorstellungen aller gerecht zu werden.

Referat verfasst von: Katharina Rohm

Quellen: „ entwurf “ , Religionspädagogische Mitteilungen, Heft 1/2001 „ Publik-Forum “ , Heft Nr.6, 23.März 2001

„ Publik-Forum “ , Heft Nr.8, 27.April 2001 „ Publik-Forum “ , Heft Nr.9, 11.Mai 2001 Monika Renz - „ Zeugnisse Sterbender “

Details

Seiten
4
Jahr
2002
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103338
Note
13 Punkte
Schlagworte
Diskussion Sterbehilfe Deutschland

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