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Elemente des Kahlschlags in den Kurzgeschichten - Kurzgeschichtenanalyse der Kurzgeschichte Une belle journee von Klaus Mann

Hausarbeit 1998 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Teil 1: Elemente des Kahlschlags in den Kurzgeschichten

Teil 2: Kurzgeschichtenanalyse der Kurzgeschichte „Une belle journée“ von Klaus Mann

Teil 1: Elemente des Kahlschlags in den Kurzgeschichten

Der Begriff „Kahlschlag“

Der Begriff „Kahlschlag“ wurde 1949 vom deutschen Schriftsteller Wolfgang Weyrauch geprägt. Er bezeichnet eine Literaturrichtung, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Maßgeblich für den „Kahlschlag“ waren vor allem die Schriftsteller der Jahrgänge 1916-1925, die unmittelbar nach 1945 unter dem Eindruck von Krieg und Vernichtung zu veröffentlichen begannen.

Während des Dritten Reiches wurden viele deutsche Autoren nur deshalb geduldet, weil sie sich in ihren Werken nicht mit der politischen Situation befaßten. Vielmehr ging es ihnen darum, mit der Schönheit der Sprache über die Realität hinwegzutäuschen und somit die Kunst als Trost einzusetzen. Sie vernachlässigten mit diesem Stil nach und nach immer mehr den Inhalt zugunsten der Form.

Den „Kahlschlägern“ ging es nun darum, sich gegen diesen auch noch nach Kriegsende eingesetzten Stil der sprachlichen Schönheit zu stellen und stattdessen die Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit, die ihrer Meinung nach nicht verdrängt werden durften, der ganzen Gesellschaft nahezubringen.

Um sich zum einen von den deutschen Literaten des Dritten Reiches abzugrenzen und zum anderen über Dinge zu schreiben, die zur Verarbeitung der aktuellen Situation verhalfen, sollte nichts als die wahre Wirklichkeit der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit dargestellt werden.

Die meisten Werke dieser Autoren behandelten deswegen bewußt Themen wie Kriegsgeschehen, Erinnerungen an Tod und Vernichtung, Heimkehrererlebnisse, Verarbeitung und / oder Verdrängung der Vergangenheit sowie Neuaufbau und Wiedereingliederung in eine Nachkriegsgesellschaft.

Die „Kahlschläger“ spezialisierten sich auf bestimmte Personen, Orte und Handlungen: Es wurde meist auf eine oder zwei Personen fokussiert, aus deren Perspektive die Situation dargestellt werden konnte. Die Protagonisten waren oft Menschen, die sich am Rande ihrer Existenz befanden und ihre Persönlichkeit, die sie im Krieg verloren hatten, wiederfinden mußten. Dabei wurde auf die genauen Vorgeschichten der beschriebenen Situationen und Einzelschicksale meist verzichtet.

Die von den Personen ausgeführten Handlungen beschränkten sich auf das, was dem Nachkriegsbürger am nächsten lag: die Befriedigung seiner individuellen Grundbedürfnisse. Ähnlich simpel verhält es sich auch mit den verwendeten Orten, die ausschließlich Orte des täglichen Lebens (Bahnhof, Hinterhof, Trümmerhaufen, Straßenecke, Küche, Zimmer) waren. Es wurden bewußt keine komplizierteren Strukturen aufgebaut, als sie dem Leser in der Realität begegneten.

Um die geforderten Inhalte und Strukturen angemessen darzustellen, mußte auch die verwendete Sprache und Form neu entwickelt werden. Der erste Schritt dazu war, die während der Nazi-Herrschaft „verunreinigte“ Sprache auf ihre Verwendbarkeit für die korrekte Darstellung der Wirklichkeit zu testen und zu „säubern“. Da die ursprüngliche Sprache zugunsten des Staatssystems umfunktioniert worden war, waren viele Worte und Begriffe mit einer neuen, ideologischen Bedeutung besetzt und konnten nicht mehr für neutrale, wertfreie Beschreibungen verwendet werden.

Um nun die Tatsachen und Geschehnisse wahrheitsgetreu und unverfälscht beschreiben zu können, durfte die Sprache nach Meinung der Anhänger des „Kahlschlag“-Stils keinerlei Ausschmückungen und überflüssiges Beiwerk enthalten. Oft verzichteten die Autoren deswegen bewußt auf Adjektive oder Adverbien und betonten damit die Wichtigkeit des einzelnen Wortes als kleinste literarische Einheit.

Zusätzlich bemühten sie sich, den Leser nicht durch eigene Anmerkungen oder Interpretationen zu beeinflussen. Stattdessen versuchten sie, ihn stärker in die beschriebenen Situationen miteinzubeziehen, indem sie hauptsächlich Protagonisten und Ich-Erzähler wählten, die charakterlich einfach gehalten waren, so daß sich jeder mit ihnen identifizieren konnte.

Außerdem erreichten die „Kahlschläger“ durch diese Auslassung erklärender oder analysierender Elemente eines inneren Monologs des Erzählers, daß der Leser dazu angeregt wurde, zwischen den Zeilen zu lesen und somit einen tieferen Einblick in die dargestellte Situation zu gewinnen. Sie stellten also mit der bloßen Beschreibung nicht nur die Wirklichkeit dar, die evtl. nur Fassade sein mochte, sondern erreichten, daß der Leser die Wahrheit und somit das Innere und Eigentliche des Beschriebenen erkennen konnte.

Diese vielen Schriftstellern sehr radikal erscheinenden Forderungen des „Kahlschlags“ setzten sich aber nie in der gewünschten Breite durch. Nur wenige Autoren schrieben überhaupt „Kahlschlag“, die meisten behielten traditionelle Stile bei, übernahmen allenfalls Elemente in ihre eigenen Werke.

Um die Verwendung der Elemente des Kahlschlags zu verdeutlichen, sei nun als Beispiel die Kurzgeschichte „Die Hände“ von Walter Kolbenhoff angeführt.

In dieser Geschichte geht es um einen Ich-Erzähler, der auf einen heimgekehrten Invaliden trifft. Dieser hat statt Händen nur noch Prothesen. Er bittet den Erzähler, ihm beim Anzünden einer Zigarette zu helfen, da er diese Tätigkeit nicht mehr selbst ausführen kann. Der Erzähler tut dies und fragt, ob er ihm noch weiter behilflich sein könne, was der Invalide dankend ablehnt. Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, daß er die meisten anderen Tätigkeiten selbst beherrscht, nur eben das Zigarettenanzünden nicht. Außerdem erfährt der Leser, wie der Invalide seine Hände verlor.

Das Grundthema dieser Geschichte ist die Wiedereingliederung eines Kriegsheimkehrers in die Nachkriegsgesellschaft und die durch den Krieg unmöglich gewordene selbständige Befriedigung der eigenen Bedürfnisse (hier: das Rauchen). Dem Leser wird außerdem das Problem der unversehrten Bürger deutlich gemacht: sie mußten lernen, die Verletzten wie normale Menschen zu behandeln. Diese aber brauchten kein Mitleid, sondern Neu-Orientierung und Integration. Sie selbst hatten den Vorgang des „Sich-Damit-Abfindens“ bzw. des Verdrängens meist schon vollzogen.

Diese Themen sowie die Form der Darstellung in diesem Text weisen deutlich auf die „Kahlschlag“-Technik hin. Die Geschichte ist eine detaillierte Beschreibung des Zusammentreffens der beiden Personen an einem alltäglichen Ort (Bahnhof). Es wird ohne Auslassung jede Handlung und äußere Reaktion der Protagonisten erwähnt, wodurch der Leser ein genaues Bild der Situation erhält. Manche Vorgänge werden dadurch hervorgehoben, daß sie sowohl in wörtlicher Rede (Z.9: „‘Steck sie mir in den Mund‘, sagte er.“) als auch in der Beschreibung des Ich-Erzählers (Z. 10 „Ich steckte sie ihm in den Mund“) vorkommen.

Dabei verzichtet der Autor (gemäß der Kahlschlag-Technik) auf den Leser beeinflussende Elemente, die seine eigene Meinung widerspiegeln würden. Auch die Gefühle und Gedanken des Erzählers werden nicht erwähnt. Trotz des Fehlens dieser Informationen wird die Stimmung der beiden Personen deutlich, allerdings erst in der Vorstellung des Lesers. Sie ist also nur zwischen den Zeilen erkennbar und nicht vordergründig im Text enthalten. So kann der Leser z.B. mit dem Satz (Z. 16) „Wir standen eine Weile da und sahen uns an.“ assoziieren, daß im beschriebenen Moment eine peinliche Stille zwischen den beiden herrscht.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638167833
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10327
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1

Autor

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Titel: Elemente des Kahlschlags in den Kurzgeschichten - Kurzgeschichtenanalyse der Kurzgeschichte Une belle journee von Klaus Mann