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Das Ich und das Wir in der feministischen Theorie von Judith Butler

Diplomarbeit 2001 42 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Feminismus
1.2. Performativität

2. Das ICH
2.1. Butlers Subjekt Begriff
2.2. Das nomadische Subjekt
2.3. Identität
2.4. Butlers Identitätsbegriff
2.5. Das Queer - ICH
2.6. Drag
2.7. Körper
2.8. Butlers Handlungsbegriff
2.9. Zusammenfassung und Überlegung

3. Das WIR
3.1. ‘Die Frau ’ ist tot – Es lebe ‘die Frau
3.2. Das IHR- Das andere
3.3. Queer – WIR

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Leben denn die Frauen trotz dieses gedämpften Tons?
Der Zwang, über Körper und Geräusch einen Schleier zu bereiten,
läßt sogar fiktive Personen unter Sauerstoffmangel leiden.
Kaum nähern sie sich dem Licht ihrer Wahrheit,
da werden ihnen auch schon wieder Fußschellen angelegt,
durch die sexuellen Verbote der Realität.“[1]

Diese Arbeit bemüht, sich die Theorie der feministischen Kommunikationsprofessorin Judith Butler verständlicher zu machen, und fokussiert sich dabei auf das Subjekt als ICH und dem WIR. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, wie Butler das Subjekt definiert und wie sich die Handlungsfähigkeit des Ich und des WIR gestaltet.

Judith Butlers gedanklicher Ausgangspunkt ist ein heterosexuelles Regime, was sich als Original der Welt präsentiert. Sie kritisiert dieses Konstrukt, da es ihrer Meinung nach das Patriarchat untermauert. Ebenso wird durch diese heterosexuelle Matrix[2] Geschlecht als biologisch begründet. Gegen diesen Biologismus spricht sich Butler aus. Weiterhin argumentiert sie, daß nicht nur gender (das soziale Geschlecht), sondern auch sex (das biologische Geschlecht) eine Konstruktion sei und kritisiert dieses. In ihrer dekonstruktivistischen[3] Theorie fordert die postmoderne Feministin das Subjekt auf, diese heterosexuelle Matrix zu parodieren. Drag und Travestie dienen dazu, der heterosexuellen Norm sich selbst vorzuspielen und ins Lächerliche zu ziehen. Durch diese Strategie, dadurch dass das Geschlecht als soziale Konstruktion verstanden wird, soll sich das heterosexuelle Regime auflösen. Die vorausgesetzte Zweigeschlechtlichkeit[4] wird sich in plurale Geschlechtlichkeit wandeln und damit intelligible Subjekte bilden, was eine vermehrte Anerkennung von Differenz zur Folge haben soll.

Der vorliegende Aufsatz untersucht die Kategorien des ICH und des WIR bei Judith Butler. Grundsätzlich wichtig erscheint, Butlers Konstruktion und Entwicklung der beiden Begriffe zu analysieren. Butler spricht nicht vom Ich, sondern vom Subjekt. Die Schwerpunkte ihres Subjektbegriffs liegen dabei in der Dezentrierung des Subjekt begriffes, der Gleichsetzung von Identität mit Geschlechtsidentität und der Materialisierung von Körpern. Auch in dieser Arbeit wird diese ‘Dreifaltigkeit‘ beibehalten. Besondere Beachtung findet immer wieder das nicht-heterosexuelle Subjekt in seiner Marginalisierung. Das WIR im zweiten Teil wird auf die Kategorie Frau und auf ihrem Operieren auf politischer Ebene, insbesondere der feministischen und nicht-heterosexuellen Ebene, hin untersucht. Dabei steht nicht nur zur Diskussion, wie Butler das ‘Subjekt’ entwickelt, sondern auch, wie es sich in ihrer Theorie zum WIR verhält. Dabei habe ich[5] versucht, möglichst praxisnah zu bleiben, soweit dies bei einer vollständig theoretischen Grundlage überhaupt möglich ist. Deshalb habe ich viele Ansätze und Aspekte von Butlers Theorie aussparen müssen, wie z.B. verschiedene philosophische (Derrida, Foucault) und psychoanalytische Aspekte (Kastrationsangst, Phallozentrismus), um zugunsten von Subjekt, Identität und Körper praxisbezogen arbeiten zu können. Diese ‘Dreifaltigkeit‘ scheint mir, um Butlers Theorie zu erfassen, durchaus wichtig. Weiterhin dringlich erschien mir, um Butler besser orten und verständlicher machen zu können, Übersetzungen und Gegenpositionen ihrer Kritiker mit einzubringen.

Ferner schreibt Butler für eine Elite, da sie ein beträchtliches Maß an Theorien voraussetzt. Dazu kommt, daß sie als Kommunikationsprofessorin schwer verständlich schreibt. Diese Unverständlichkeit ihrer Theorie kann ausgrenzend wirken und demonstriert somit persönliche Macht. Weiterhin ist die Autorin streckenweise unkonkret, benutzt häufiger den Konjunktiv und läßt ihre gestellten Fragen im Raum stehen, dadurch wird sie schwer faßbar. Ebenso scheint sie keine genaue Definition von Kultur und Gesellschaft zu haben. Hier wird zumindest der Versuch getätigt, verständlicher zu schreiben. Ich hoffe, daß dadurch der Gedankengang Butlers besser faßbar wird. Dafür greife ich nicht nur auf zwei ihrer großen Bücher, „Gender Trouble“ und „Körper von Gewicht“, zurück, zusätzlich auch auf etliche ihrer Aufsätze. All ihren Schriften gemeinsam ist die Prämisse, daß das Geschlecht ein sozio-kulturelles Konstrukt sei.

1.1. Feminismus

„There is no such thing as a woman, [...]”[6]

Um Butler in die feministische Kontroverse besser einordnen zu können, soll zunächst ein grober Überblick über die wichtigsten Entwicklungen im Feminismus gegeben werden. Am Anfang der zweiten Feminismus-Welle, ab Ende der sechziger Jahre, standen die Diskussionen zwischen den EssentialistInnen und den NaturalistInnen (die These von der Verschiedenheit der Geschlechter auf Grund einer biologischen Differenz) sowie den KonstruktivistInnen im Vordergrund der feministischen Theorienwelt. So gehen die Essentialisten davon aus, daß die Frau als solche geboren ist, während die Konstruktivisten (ganz im Sinne Simone de Beauvoirs) davon ausgehen, daß die Frau ein soziales Konstrukt ist, also zur Frau gemacht wird.

Während dieser Zeit wurde jedoch versucht, nach außen hin ein Bild der politischen Einheit, Gleichheit und Geschlossenheit im Feminismus zu demonstrieren. Dies geschah auch im Feminismus durch ein recht festgelegtes Bild von Weiblichkeit, welches der ‘klassischen, bürgerlichen, heterosexuellen, weißen Frau ’ entsprach. Die Zersplitterung feministischer Gruppen Ende der siebziger Jahre erfolgte u.a. durch die Kritik, daß unter dem Deckmantel der Frauenbewegung nur die Ziele der weißen weiblichen Mittelschicht verfolgt und dadurch Minderheiten diskriminiert wurden. Die Frauen, die Kritik übten, insbesondere Schwarze und Ausländerinnen, konnten sich nicht mit der verfolgten feministischen Politik identifizieren und hatten folglich keine Stimme. Kritisiert wurde auch, daß bürgerliche ‘Bourgeoisie Patterns’ sich unter anderem Vorzeichen wiederholten. So wurden z.B. in den USA zu Beginn der Siebziger d yke‘s[7] aus Frauengruppen ausgeschlossen, da sie zu männlich und damit zu sehr dem ‘Feind’ ähnlich sahen. Erst durch die Anprangerung der Diskriminierung und dem Verlassen der Bewegung erhielten die Kritikerinnen Gehör. Diese Entwicklung legte die Frage offen, wer für wen sprechen darf, was u.a. zur Folge hatte, daß in der Nennung von Frauen in Hautfarbe, Nationalität, Sexualität usw. differenziert wurde. Es geht also im Feminismus nicht mehr in erster Linie um die Debatte zwischen den Geschlechtern, sondern gleichermaßen um die Differenz innerhalb des (weiblichen) Geschlechts. Um die Frage: „Was ist eine Frau ?“, folglich um: „Wer ist das WIR?“ Gravierend ist dafür gleichzeitig die Anerkennung der anderen in ihrer Differenz. Die heutigen Diskurse richten ihren Blick mehr auf ‘die Frau ’ und weniger auf ‘den Mann’ als Feind.

Die rasante Ausdifferenzierung von Gruppen und Theorien innerhalb der Frauenbewegung trug zu der Entwicklung des postmodernen Feminismus[8] (‘Denken der Differenz’) bei. Dieser beinhaltet ‘genealogische’[9] und ‘dekonstruktivistische’ Ansätze, die sehr kritisiert wurden und immer noch werden. Während der traditionelle Feminismus auf eine Stärkung der Frau in ihrer gesellschaftlichen Position zielt, beabsichtigt der dekonstruktive Feminismus „eine tendenzielle Auflösung fixierter, kohärenter Zweigeschlechtlichkeit [...] im Namen einer größeren Vielgestaltung und Offenheit“[10]. Der Dekonstruktivismus benutzt zwar dieselben Wörter als Kategorien (z.B. Mann, Frau) wie der Essentialismus, aber die Definitionen wandeln sich historisch. Während der Essentialismus davon ausgeht, daß die Bedeutung von ‘Mann‘ und ‘ Frau ‘ historisch immer dieselbe ist, geht der Dekonstruktivismus davon aus, daß diese verschiebbar, d.h. historisch in ihrer Definition wandelbar ist. Allgemeinpolitisch erklärt Richard Herzinger dieses Phänomen damit, daß öffentliche Debatten sich ins Uferlose ausbreiten. „satt in einvernehmlichen Lösungen zu münden, multiplizieren sie die offenen Fragen, die zu neuen Diskussionen Anlaß geben.“[11] Demzufolge stellt der Dekonstruktivismus den Gebrauch der Kategorie Frau mit seinen Assoziationen zur Diskussion und fragt gleichzeitig, ob eine Einheit Frau existiert. Feminismus ist folglich „als eine transformative Politik zu verstehen, die sich gegen Benachteiligung aufgrund von (Geschlechter-) Hierachien“[12] wendet.

Grundbegriffe bei Butler sind u.a. sex und gender. Diese entspringen dem Sex-gender -Konzept, welches in den Siebzigern von englischsprachigen Feministinnen entwickelt wurde. Es beruht auf der Ablehnung von kausalen Zusammenhängen zwischen biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender). „Das bedeutet, daß ein ‚natürlicher‘, biologischer Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern vorausgesetzt wird, dieser jedoch nicht zwingend die gesellschaftlich bzw. kulturell ausgeformten Unterschiede zwischen den Geschlechtern produziert.“[13] Damit werden klassische Dualismen wie weiblich gleich Körperlichkeit, männlich gleich Geist, Frauen gleich schwach, Männer gleich stark etc. als gesellschaftliche Ausformung des Mann/ Frau Dualismus entlarvt und aufgehoben.

Butler platzte mit ihrem Buch „Gender Trouble“ (1990) in diese Debatte. Sie lehnt das Sex - gender -Konzept ab und stellt das natürliche Geschlecht an sich in Frage, da sie es ebenso als Konstrukt sieht wie das gesellschaftliche. Sie macht darauf aufmerksam, daß, solange Feministen in dualistischen Strukturen denken, sie die Herrschaftsverhältnisse unterstützen, da Dualismus immer mit Grenzlinien und Ausschlüssen arbeitet. Butler wird vorgeworfen, daß sie mit ihrer Theorie den fragilen sozialen Frieden in der akademischen Welt der Geschlechterforschung stört.

1.2. Performativität

„Nach der biblischen Wiedergabe
der performativen Äußerung bei ‘Es werde Licht!’
sieht es so aus, als werde ein Phänomen
kraft der Macht eines Subjektes
oder seines Willens ins Dasein gerufen.“[14]

Da bei Butler alles diskursiv ist[15], verwundert es nicht, daß die Basis ihrer Theorie die Performativität ist. Der Ausdruck ‘Performativität’ basiert auf der Sprechakttheorie von John L. Austin. Performative Sprechakte produzieren oder verwandeln eine Situation. Sie sind „niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘, sondern sie ‚gelingen‘ oder schlagen ‚fehl‘.[16] Diese Unterscheidung ist für die Theorie der Identitätspolitik, die sich auf den Begriff der Performation stützt, von entscheidender Bedeutung. Denn die Produktivität von Sprechakten „ist der Motor, der alles am Leben hält und ins Leben ruft. Sprachliche Akte bringen die Körperumrisse, Geschlechtsidentitäten, souveräne Subjekte hervor. Durch sie ‘materialisieren‘ sich Macht- und Herrschaftsverhältnisse.“[17] Das Verb ‘to perform’ hat im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Es bedeutet u.a. verrichten, leisten und ausführen. Für Butlers Theorie sind die Übersetzungen aufführen, spielen und vortragen relevanter. Auch das Substantiv ‘performance’ gleich Aufführung[18] ist schlüssig. Dabei hat Performace in Butlers Theorie nichts mit Schauspielerei zu tun[19], da sie nicht willkürlich ist und demnach auch nicht als subversives Mittel angesehen werden kann. Butler entwickelt Derridas Begriff der Performativität „als eine Praxis des Zitierens“ weiter. „Ein Diskurs funktioniert [...] durch das Zitieren von Normen, wodurch das Zitierte materialisiert wird.“[20] Daraus folgt, daß es einen fixierten Diskurs nicht gibt. Das Gegenteil ist der Fall, er ist immer eine diskursive Praxis, die im historischen Kontext gesehen werden muß.

Um ihre Begrifflichkeit darzustellen, hier ein ‘praktisches‘ Beispiel Butlers. Wenn sie auf eine Konferenz gerufen wird, um als Lesbe aufzutreten, spricht sie gegenüber Freundinnen davon, daß sie ihr lesbisch sein ‘spielt‘. Also diese Facette ihrer Identität in den Vordergrund stellt. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, daß sie in Wirklichkeit eine Lesbe ist, sondern vielmehr darum, daß Schauplatz und Art ihres Spieles mit dem Lesbisch-Sein bestimmen, wie ihr Sein hergestellt, eingerichtet, verbreitet und bestätigt wird[21]. Zu dieser Performanz kann sie nicht auf Distanz gehen, da es ein tief verwurzeltes repetitives ‚Spiel‘ ist. Es wird keine Rolle gespielt, jedoch wird das ICH durch das wiederholte Spielen der Sexualität immer neu als lesbisches ICH konstituiert. Butler bringt so „Handlung, Sprache und Macht zusammen und verschränkt sie konzeptionell ineinander“[22]. Da Butler Jüngerin Michel Foucaults ist, basiert ihr Begriff von Macht auf seiner Definition - Die Macht kann nicht besessen werden, vielmehr ist sie allgegenwärtig -.[23] Folglich wird es sich in dieser Arbeit nicht nur um Körper als Objekte handeln, sondern ebenfalls (meist unterschwellig) um Hegemonialstellungen und akademische Diskurse innerhalb des Feminismus.

2. Das ICH

„Ich hätte diesen Stimmen in jeder beliebigen ungeschriebenen Sprache lauschen können,
die nur durch Ketten von Echos und Seufzern überliefert wird ...
geformt von unter einer Maske verborgenen Lippen.
Eine gehäutete Sprache, weil sie nie Sonnenlicht erblickt,
weil ...Mund und Augen dabei stets im Dunkeln bleiben“[24]

Der Begriff des Subjektes wurde mit Descartes in der westlichen (philosophischen) Welt modernisiert. „In contemporary accounts, Descartes is often presented as a metaphysical dualist who bequeathed to us a bifurcated picture of the human being as a split between mind and body, reason and emotion.“[25] Diese radikale Trennung findet insbesondere in der feministischen Literatur Anklang[26], gegen die sich Butler jedoch ausspricht. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Subjekt zur humanistischen Kategorie wie auch die Kategorien Geschlecht, Rasse, Alter etc. entwickelt. Mit der Einführung des ’vernünftigen Menschen’ wurde „ ,das bürgerliche Subjekt ‘Weißer‘ Hautfarbe und männlichen Geschlechts zum ‘Maßstab‘ für den Menschen überhaupt‘ erhoben“[27]. Frauen konnten diesem Subjektbegriff nicht standhalten, da sie in ihrer Autonomie durch Gesetze eingeschränkt waren (sind). Als simples Beispiel soll hier der Ausschluß von den Universitäten genannt werden. Seit einiger Zeit kommt das cartesianische Subjektbild ins Wanken. So argumentiert z.B. Heidegger, daß „das Subjekt und das Objekt, die von der modernen Philosophie [...] für unabdingbare, universelle und ahistorische Fundamente gehalten wurden, eigentlich koningente, historisch zu situierende Produkte einer modernen Interpretation der Bedeutung des Seins sind“[28]. Damit wird das Subjekt in der Theorie zunächst in Frage gestellt und letztlich dekonstruiert und aufgelöst.

2.1. Butlers Subjekt-Begriff

„Judith Butler sieht im Subjekt weder den Ausdruck einer Individualität,

noch bildet es für sie den Ort der Identität.“[29]

Das poststrukturalistische Subjekt ist für Butler konstruiert. Sie definiert das Subjekt als „ein trügerisches Artefakt, ein schierer Effekt (s)einer Performanz im Rahmen der vorgängig gegebenen kulturell-gesellschaftlichen Organisationsprinzipien (der) Macht- und Diskursmatrix“[30]. Das Subjekt ist demnach nicht frei, sondern gefangen in der ‘Macht- und Diskursmatrix’. Demnach bildet die Matrix das Subjekt und nicht das Subjekt die Matrix. Butler geht davon aus, daß das ICH nicht Herr der Verhältnisse ist und nicht wählen kann, was es tut. Vielmehr ist es in den Umständen gefangen und nur innerhalb dieser in der Lage, aufgrund seiner Erfahrung durch performative Akte zu reagieren.

Damit ist das Subjekt in der Butlerischen Theorie wandelbar, unvorgefertigt und vielschichtig und kann seinen Platz immer aufs neue aushandeln. Entsprechend lehnt sie die Definition eines geschlossenen Subjektes ab. Ebenso wie Stuart Hall möchte Butler die Definition des Subjektes verschiebbar und damit offenhalten. Das Subjekt kann jedoch nur entstehen, indem es angerufen wird.[31] Demnach benötigt das ICH die anderen, um ein Subjekt zu werden. Butler „möchte nicht einfach das Subjekt als eine Pluralität von Identifizierungen würdigen, denn diese Identifizierungen sind ausnahmslos miteinander verfugt, sind Vehikel füreinander“[32]. Vielmehr versteht sie das Subjekt, wie auch Sabine Hark, als einen ständigen Beziehungsprozeß, der niemals abgeschlossen ist. Hark bezeichnet die Vorstellung eines festgeschriebenen, einheitlichen Subjektes als anti-demokratisch und bevorzugt das deviante Subjekt; also jenes, dessen Identität niemals abgeschlossen, jedoch wandelbar ist. In ihnen ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Konstitution, gleichwohl auch die Verwerfung und Auslöschung des Subjektes möglich.[33] Die vermeintliche Stabilität des Subjektes wird durch performative Akte erzeugt, die das Subjekt als (flüchtiges) intelligibles Ganzes erscheinen lassen. Denn „dem metaphysischen Verständnis entsprechend, ist das ‚Sein‘ ohne Intelligibilität nicht denkbar und damit nicht möglich.“[34] Damit wird die Intelligibilität zu einer Existenzbedingung eines Objektes sowie eine invariante Gegebenheit und bildet eine kontingente Größe.[35] Das Subjekt strebt seine Denkbarkeit an und zitiert performative Akte, da es erkennt, daß eine Verweigerung dieser zu seiner eigenen Undenkbarkeit führt.

Mit der Dezentrierung des Subjektes wendet sich Butler gleichfalls gegen das bürgerliche Subjekt-Konzept aus, welches vorgefertigte Ideen bezüglich Stand, Benehmen, Berufswahl, Tradition beinhaltet. Wenn das Subjekt dekonstruiert wird, scheint es in humanistische[36] Attribute zu zerfallen, die im Feminismus aufgenommen werden. Attribute wie Hautfarbe, Schicht, Nationalität, sex etc. spielen in den aktuellen Diskursen eine vorrangige Rolle. Kritikerinnen meinen die Dezentrierung des Subjektes sei „eine eurozentristische Strategie des patriarchalen Machterhalts“[37]. „Die Dekonstruktion des Subjekts [...] ist deshalb Luxus, den Feministen sich nicht leisten können, da die ‚Auflösung‘ des Subjektes die Preisgabe von Identität und damit der Entpolitisierung von Feminismus einschließt.“[38] Aber darauf wird im zweitem Teil noch einmal intensiver eingegangen.

[...]


[1] Djebar Assia; Die Frauen von Algier; Zürich 1990; S. 8.

[2] Vgl.: Butler, Judith; Gender Trouble; New York 1990; S. 151, Fußnote 6: „I use the term heterosexual matrix

throughout the text to designate that grid of cultural intelligibility through which bodies, genders, and desires

are naturalized.“ So soll der Begriff in dieser Arbeit ebenso verstanden werden.

[3] Siehe: Wartenpfuhl, Birgit; Dekonstruktive Bestimmung von Geschlecht; in: Gender and politics; Bauhardt und

Wahl; Opladen 1999; S. 74: „Dekonstruktion greift in die Anordnung hierarchischer Gegensätze ein und

versucht, durch eine doppelte Geste –einerseits die Umkehrung oder auch Umwertung der hierarchischen

Gegensätze und andrerseits die allgemeine Verschiebung dieses Systems– die oppositionelle Logik zu

subversiveren.“

[4] Ist womöglich der Verzicht auf das kapitale Binnen-I notwendig, da sonst von einer Zweigeschlechtlichkeit

ausgegangen wird?

[5] Wie in (US) feministischen theoretischen Schriften möchte ich mich als Person in diese Arbeit einbringen, also

mich als (weiße, Mittelschicht) Autorin mit meiner eigenen Position. Im Gegensatz zu anderen theoretischen

Wissenschaften wird gerade in der Geschlechterforschung der neutrale Autor hinfällig. “Knowing a writer’s

motive helps me to make sense of what she says.“ (Joyce Trebilcot) Die meisten Autorinnen bringen das

Subjekt, also sich selbst als aktives ICH, in ihre Arbeit ein, um ihre Meinung konkret darzustellen und sich von

anderen Meinungen abzugrenzen.

[6] Derrida in: Fuss, Diana; Essentially speaking; New York 1989; S. 13.

[7] Wird hier als ‚männlich‘ aussehende Lesbe definiert, Butler spricht von der phalliszierten Lesbe.

[8] Siehe: Fraser, Nancy; in: Nagel-Docekal; Feministische Philosophie: FFM 2000; S. 11: „It will not be time to

speak of postfeminism until we can legitimately speak of postpatriarchy.“

[9] Siehe: Hark, Sabine; Grenzen lesbischer Identität; Berlin 1996; S. 32: „Ausgangspunkt jeglicher Genealogie ist

die Diagnose der gegenwärtigen Situation. Im Zentrum steht die Frage nach dem ‚was wir heute sind‘,

verstanden als die historische Untersuchung der Ereignisse, die uns dazu geführt haben, uns als Subjekte dessen,

was wir tun, denken und sagen, zu konstruieren und anzuerkennen.“

[10] Hänisch, Ulrike; Subjektive Dimensionen im feministischen Streit um Geschlecht und Deskonstruktion; in:

Bauhardt und Wahl; S. 48-62; S. 58.

[11] Herzinger, Richard; „Angst vor der leeren Mitte; in: Die Zeit; 30.8.2001.

[12] Paulus, Stanislawa; Identität ausser Kontrolle; Hamburg 2000; S. 35.

[13] Leibenath, Stefan; Zum Körperbegriff Judith Butler’s; S. 4.

[14] Butler, Judith; Körper von Gewicht; Berlin 1997; S. 36.

[15] Vgl.: Paulus; S. 61.

[16] Vgl.: Hark, Sabine; Deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität; Opladen 1996; S. 143, Fußnote.

[17] Niekant, Renate; Zur Krise der Kategorien „Frauen“ und „Geschlecht“ ; in Bauhardt und Wahl; S. 29-46; S. 32.

[18] Vgl.: Langenscheidt Taschenwörterbuch; Berlin 1983.

[19] Vgl.: Kissling, Elise; Judith Butler: Bodies that matter; in: Die Philosophin; Oktober 1994; S. 95-107; S. 98.

[20] ebd.

[21] Vgl.: Butler, Judith; Imitationen und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität; in: Hark, Sabine; Grenzen

lesbischer Identität; Berlin 1996; S. 15-37; S. 22.

[22] Paulus, S. 65.

[23] Auffallend ist dabei, daß Butler in ihrer eigenen Theorie performativ arbeitet, da sie sich immer wieder

inhaltlich, jedoch mit anderen Worten, wiederholt.

[24] Djebar; S. 7f.

[25] Bordo, Susan; Feminist Interpretations of Rene Descartes; Pennsylvania 1999; S1.

[26] Siehe: Heywood, Leslie; When Descartes Met the Fitness Babe“; in Bordo; 1999; S. 263-279; S. 263:

Heywood bezeichnet Decartes als „the king of nonbodies, the father of the mind-body-split.“

[27] Paulus; S.36.

[28] Fraser, Nancy; Widerspenstige Praktiken, Macht, Diskurs, Geschlecht; Berlin 1994; S.60.

[29] Paulus; S. 77.

[30] Gast, Lilli; Der Körper auf den Spuren des Subjektes; in: Die Philosophin; Oktober 1994; S. 27-59; S. 30.

[31] Vgl.: Butler; 1997; S. 173: Bei Althussers Anrufung geht die Subjektkonstituierung von der Polizei aus. Erst

der Verweis macht ihn oder sie zum vollständigen sozialen Subjekt. „Mit dem Verweis wird das Subjekt nicht

nur anerkannt, sondern es erreicht auch eine bestimmte Ordnung sozialer Existenz, da es von einer äußeren

Region des gleichgültigen, fragwürdigen oder unmöglichen Seins in den diskursiven oder sozialen Bereichen

des Subjektes überführt wird.“

[32] Butler; 1997; S. 167.

[33] Vgl.: Hark; 1996a; S. 175.

[34] Paulus; S. 67.

[35] Vgl.: ebd.

[36] Vgl.: Butler; 1995; S. 166: Butler bezeichnet den Humanismus als romantisch, heimtückisch und alles

verzehrend.

[37] Paulus; S. 40.

[38] Hark; 1996a; S. 53f.

Details

Seiten
42
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638106351
ISBN (Buch)
9783656205944
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1032
Institution / Hochschule
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (ehem. Hochschule für Wirtschaft und Politik) – Soziologie
Note
1,75
Schlagworte
Butler feminismus Subjekt fragmentiert performation frau

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Titel: Das Ich und das Wir in der feministischen Theorie von Judith Butler