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Interkulturelle Arbeit

Hausarbeit 2000 12 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Erklärungsansätze für das Entstehen von Rechtsextremismus

3. Begriffsbestimmung
3.1. Rechtsextremismus und Verfassungsfeindlichkeit
3.2. Rassismus
3.2.1. Thesen zur Erscheinung von Rassismus
3.2.2. Thesen zum Begriff Rassismus

4. Die zweite Schuld

5. Ursachen rechtsorientierter Jugendlicher in Ostdeutschland

6. Thesen zur neonazistischen Entwicklung Jugendlicher

7. Jugendarbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen
7.1. Herausforderung an die Pädagogik
7.2. interkulturelle Jugendarbeit
7.2.1. Beispiel einer interkulturellen Fahrt rechtsorientierter und türkischer Jugendlicher
7.2.1.1. Planung
7.2.1.2. Durchführung
7.3. integrative Jugendarbeit mit gewaltbereiten, rechsgerichteten Jugendlichen
7.3.1. Prinzipien
7.3.2. praktische Umsetzung
7.3.3. ambulantes Anti- Aggressionstraining
7.3.3.1. Inhalte und Ablauf des Trainings

8. Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Ich werde mic h in folgender Arbeit mit dem Problem des Rechtsextremismus und der damit zusammenhängenden Gewalt beschäftigen. Hauptsächlich werde ich auf Ursachen eingehen und einige Konzepte beschreiben. Des weiteren werde ich auch auf rechte Jugendliche in Ostdeutschland eingehen, da dort die Problematik erst seit 1990 so zugenommen hat, aufgrund des gesellschaftlichen Umschwungs und den dadurch entstandenen Zukunftsängsten und Orientierungsschwierigkeiten. In dieser Orientierungslosigkeit war es ein einfaches für rechte Organisationen, Hilfe anzubieten und neue Anhänger zu gewinnen. In ihren Programmen ist von Zusammenhalt, Arbeitsplätzen nur für Deutsche und eine Verbesserung der Gesellschaft durch Änderung derselben in einen Staat ohne Ausländer die Rede.

Die Rechtsextremen erkennen sehr wohl die Probleme der deutschen Gesellschaft und haben als einzigste konkrete Vorschläge zur Hand. Aber darauf werde ich später zurückkommen.

Eine Basis für Rechtsextremismus ist der Rassismus. Er ist eine Ausschließungspraxis mit der Grundlage rassistischer Einzeltheorien, die zu einem Theoriegebilde zusammen gefasst und zur Argumentation benutzt werden.

Abschließend werden ich einige unkonventionelle Methoden der integrativen Jugendarbeit mit rechtsgerichteten Jugendlichen beschreiben.

2. Erklärungsansätze für die Entstehung von Rechtsextremismus

Ob die Gewalttaten in Deutschland zunehmen, ist nicht exakt festzustellen, da keine allgemein gültige Definition für Gewalt existiert. Des weiteren sind die verfügbaren Untersuchungsmethoden und -ergebnisse ungenau. Jedoch kann man sagen, dass häufiger Männer als Frauen und öfter in Ost- als in Westdeutschland gewalttätig auffallen (Möller, K.; Schiele, S. 1996, S.15).

Rechtsextremismus zählt zu den politischen Gewaltformen, der verstärkt seit Ende der 80er Jahre auftritt. Immer mehr Menschen entscheiden sich bei Wahlen für eine rechtsorientierte Partei. Ein treffender Beweis dafür ist die kürzliche Landtagswahl in Sachsen- Anhalt, als die DVU 13% der Stimmen bekam.

50% rechter Verstöße sind Gewalttaten, die anderen sind Propagandadelikte. Jedoch wird durch tätliche Übergriffe kein Mitleid mit den Opfern und Nachdenken über die Gewalt erzeugt, sondern die Übergriffe häufen sich. Da Gewalt gesellschaftlich scheinbar toleriert und normalisiert wird, werden Hemmschwellen überwunden. Offiziell existiert ein ,,Ausländerproblem" und kein rechte- Gewalt- Problem und damit ein Verständnis für Jugendliche, die offen mit rechter Gewalt gegen das ,,Ausländerproblem" protestieren. Da sie daher keine schwerwiegenden Konsequenzen zu erwarten haben, besteht kein Anlass für sie, auf Gewalt zu verzichten und nach akzeptablen, gewaltfreien Lösungen zu suchen (Möller, K.; Schiele, S. 1996, S.18).

3. Begriffsbestimmung

3.1. Rechtsextremismus und Verfassungsfeindlichkeit

Eine exakte Begriffsbestimmung von Rechtsextremismus ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, da keine wissenschaftlich entwickelte und verbindliche Basis für diese Ideologie existiert. Bisher wurden die rechten Aktivitäten und Organisationen als rechtsradikal bezeichnet, doch rein theoretisch ist radikal nichts Negatives und mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen. Das ist aber nicht mehr der Fall, wenn man in Betracht zieht, dass bei eben diesen Aktivitäten die Menschenwürde geschädigt wird, also nicht mehr dem Rahmen der Demokratie entsprechen (Benz, W. 1989, S.9). In der Theorie erscheint diese Unterscheidung plausibel, doch in der Realität ist sie nicht exakt auf rechtsorientierte Gruppen und Parteien anwendbar.

Der liberale Minister Gerhart Baum wies auf eine Ausuferung des Begriffs ,,verfassungsfeindliche Zielsetzung" hin. Die Bundesregierung betrachtet als verfassungsfeindlich nur, was gegen Prinzipien des Grundgesetzes verstößt. Diese Verfassungsprinzipien schließen die Achtung der Menschenrechte, das Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie Entfaltung, die Volkssouveränität und das Mehrparteienprinzip ein. Andere Prinzipien werden an dieser Stelle nicht genannt, da sie für dieses Thema irrelevant sind (Benz, W. 1989, S.10).

Um eine Partei politisch einordnen zu können, werden gedankliche Inhalte, angestrebte Ziele und angewandte Methoden untersucht. Mit Hilfe dieser Punkte ist es möglich, zu prüfen, ob eine demokratische Basis existiert und das Grundgesetz geachtet wird. Demzufolge fallen nicht in diese Kategorie:

- aggressiver Nationalismus in Zusammenhang mit Feindschaft gegen Ausländer, Minderheiten und fremde Völker und militant- deutschnationalem Gedankengut
- Antisemitismus und Rassismus, biologistische und sozialdarwinistische Theorien
- Militarismus und Streben nach einem Führertum und diktatorischer Staatsform, welche die totale Unterwerfung beinhaltet
- Verherrlichung des NS-Staats und Negierung oder Verharmlosung seiner menschenverachtenden Taten
- Gewaltsame Propagandierung und Durchsetzung rechter Ziele
- Intoleranz und Diffamierung Andersdenkender (Benz, W. 1989, S.11)

Trotz dieser Anhaltspunkte ist die Einordnung einer Partei subjektiv, je nach Temperament und Erfahrungen des Analytikers (Benz, W. 1989, S.11).

3.2. Rassismus

Definition: Rassismus liegt vor, wenn Menschen, die anders aussehen, andere Sitten und Bräuche pflegen, eine andere Sprache sprechen oder eine andere Religion praktizieren negativ bewertet werden, diskriminiert, angegriffen und benachteiligt werden. Dabei ist es unerheblich, ob das durch Einzelpersonen oder Institutionen, Gesetze, Verordnungen, Parteien oder Verbände geschieht (Jäger, S. 1993, S.85).

3.2.1. Thesen zur Erscheinung von Rassismus

1. Rassismus ist kein Jugendproblem. Sie sind oftmals nur die Ausführenden der öffentlichen Meinung
2. Rassismus ist kein ostdeutsches Problem
3. Rassismus ist ein Problem aller sozialer Schichten, er wird nicht nur von sozial Schwächeren praktiziert.
4. Rassismus hat keine wissenschaftlichen Grundlagen. Es ist bewiesen, dass es keine menschlichen Rassen gibt.
5. Rassismus wird durch die Medien, besonders durch die Sensationspresse geschürt (Jäger, S. 1993, S. 85ff.).

3.2.2. Thesen zum Begriff Rassismus

1. Rassismus ist das Kernphänomen der rechtsextremen Ideologie. Diese arbeitet mit rassistisch- theoretischen Leitkonzepten, wie der rechtsextremen Positionierung der Frau (kochen, viele Kinder gebären) und dem Nationalismus.
2. Vertreter rassistischer Theorien sind nicht zwangsweise auch Vertreter faschistischer oder rechtsextremer Ansichten
3. Soziobiologen, wie Konrad Lorenz, Arthur Jensen und Hans Jürgen Eysenck liefern dem Rassismus ungewollt Scheinlegitimationen für deren Theorien, z.B. existieren ihrer Meinung nach kriminelle und egoistische Gene.
4. Laut rassistischer Propaganda sind alle menschlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen von Genen bestimmt. Diese müssten qualitativ unterschieden werden. Durch Sozialisation entstandene menschliche Unterschiede seien ebenfalls durch Gene vorprogrammiert. Aber äußere Merkmale, wie z.B. Hautfarbe werden als Hauptklassifizierung für menschliche Rassen genannt. Wenn diese fehlen, wird auf innere Unterschiede zurückgegriffen, wie z.B. Mentalitäten.
5. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen existieren jedoch 75% aller Gene in allen Menschen. Genetische Unterschiede sind innerhalb der angeblichen Rassen größer, als zwischen ihnen. Da es also erwiesenermaßen keine Menschenrassen gibt, ist der Rassismus ein ,,Rassismus ohne Rassen", es ist ein sozialer Rassismus, der Menschen nach Äußerlichkeiten einteilt und bewertet.
6. Rassismus trägt den Charakter und die Funktion einer Religion. Er hilft beim Protest gegen reales Elend. Opfer des Rassismus sind lebendige ,,Blitzableiter" (Jäger, S. 1991, S.58). Rassismus hört erst auf zu existieren, wenn alle Menschen materiell, psychisch und sozial gleich sind. Da das ein höchst unwahrscheinliches Ziel ist, haben es antirassistische Kampagnen sehr schwer.
7. Der kulturelle Rassismus ist eine weitere Form. Dieser beinhaltet die Ausgrenzung anderer Kulturstile (Sitten, Lebensgewohnheiten). Der genetische wird immer stärker vom kulturellen Rassismus abgelöst, da für die genetische Ausschließung die wissenschaftlichen Argumente unhaltbar sind (Jäger, S. 1991, S.56ff.).

4. Die zweite Schuld

1969 beschloss der deutsche Bundestag, dass Naziverbrechen ab sofort als verjährt zu betrachten sind. Diese Form der Ignoranz ist die zweite Schuld Deutschlands. Nur wenige bedenken, dass der Opfer dieser Zeit gedacht werden muss, die Schuldigen bestraft und Auschwitz nie vergessen werden darf (Wollenberg, J. 1991, S.46).

Bei Verhandlungen gegen die Täter des dritten Reichs wurde stets die kriminelle, nie aber die moralische Schuld untersucht (Wollenberg, J. 1991, S.47).

1983 äußerte Alfred Dregger von der CDU, dass Deutschland endlich aus Hitlers Schatten heraustreten müsse und wieder normal werden solle. Dazu gehört auch die Entkriminalisierung der deutschen Geschichte (Deutschlandrat 1983). Dabei werden die moralischen Probleme der Opfer leicht übersehen. Gerade am oft genannten Beispiel Auschwitz wird der Zivilisationsbruch, geschehen durch den Massenmord, deutlich. Diese Schuld an anderen Völkern kann nicht einfach vergessen werden.

Ironischerweise hat sich der Streit um die Zahl der Ermordeten nicht geschlichtet, ebenso nicht die Debatte über die Judenmorde (Wollenberg, J. 1991, S.47). Die Meinung, es war eine geplante Verfolgung steht gegen die der allmählichen. Verfechter dieses Standpunktes meinen, dass zuerst der Plan einer Vernichtung gefasst und später dann ausgeführt wurde. Als Moskau 1941nicht durch das deutsche Reich eingenommen werden konnte, entlud sich die Wut und der Zorn darüber an den Juden in Europa. Die allmähliche Verfolgung dagegen soll sich gezeigt haben in anfänglichen Einzelmorden, die sich zu einem Gesamtvorgang verdichteten (Wollenberg, J. 1991, S.48).

Trauriges Ergebnis der Zeit ist ein ungleich schwächeres Bevölkerungsverhältnis der Juden in Deutschland. Vor 1933 war jeder hundertste Einwohner ein Jude, heute ist es nur noch jeder zweitausendste. Und trotzdem lebt der Antisemitismus weiter. Um die Wiederholung des Entsetzlichen zu verhindern, sehen die Juden ihre Chance darin, Erinnerungen wiederzubeleben und so ein Vergessen zu verhindern (Wollenberg, J. 1991, S.51).

5. Ursachen rechtsorientierter Jugendlicher in Ostdeutschland

Die politischen Meinungen, die Jugendliche öffentlich vertreten oder äußern, hängen stark vom Standpunkt ihrer Eltern ab.

Bemerkungen der Erwachsenen werden von Kindern aufgeschnappt und als eigene Meinung in die Öffentlichkeit getragen. Oft jedoch verstehen sie nicht, was sie damit aussprechen. Sie kennen kaum Ursachen und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche die Grundlage für persönliche Meinungen darstellen (Thierse, W. 1991, S. 32). Das bedeutet, wenn Eltern seit 1990 mit den neuen gesellschaftlichen Regeln und Situationen nur schwer zurechtkommen, wenn sie ihre soziale Stellung verloren haben und die allgemeine oberflächliche Meinung vertreten, dass Ausländer daran schuld sind, werden ihre Kinder die so oft gehörten Argumente übernehmen.

Der Standpunkt, Ausländer tragen die Verantwortung für die schlechte Situation wird durch Verschiedenes begründet. In der DDR war vieles vorprogrammiert, jeder konnte mit einer Lehrstelle und einem Arbeitsplatz rechnen, Meinungen waren vorformuliert. Diese Sicherheiten zerbrachen 1990 plötzlich. Erfahrungen wurden wertlos, was bisher richtig war, galt nun als falsch, Verbindlichkeiten lösten sich auf. Es breitete sich eine allgemeine Zukunftsangst aus (Thierse, W. 1991, S. 33).

Doch da am System selbst nichts veränderbar war, wurde die Schuld den noch Schwächeren angelastet, den Ausländern. Die Ostdeutschen müssen plötzlich selbständig denken und Entscheidungen treffen und lernen, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen, um sich den Lebensstandard zu sichern, zu erhalten oder zu verbessern. Dabei übersahen sie, dass sich die eigene Situation nicht dadurch ändert, indem Fremdes abgewertet wird (Thierse, W. 1991, S. 34-35).

Wieso äußert sich Hilflosigkeit in Rechtsextremismus?

In der DDR waren nazistische Symbole und Meinungen aufs Schärfste verboten.

Sozialismus und Kapitalismus verbesserten die Situation nicht entscheidend, aber der Nationalsozialismus wurde nach Durchschnittsverständnis als positive Alternative angesehen. Ein Argumentationsbeispiel ist die verringerte Arbeitslosenquote unter Hitler, aufgrund des Autobahnbaus. Die unmenschlichen Fakten wurden abgeschwächt oder übergangen, im nachhinein sah man nur noch das Positive. Die Jugendlichen fühlten sich mit ihren Problemen alleine gelassen und können das System nicht beeinflussen. Sie fühlen sich gegenüber der ,,West"- Jugend benachteiligt und sehen als eine mögliche Ursache dafür das allgemeine ,,Asylantenproblem". Um erhört zu werden, nutzen sie die Stimme der Gewalt. Sie ist das einzige Mittel, auf das reagiert wird (Thierse, W. 1991, S. 36).

Aber es braucht Toleranz und Selbstsicherheit, um Fremdes nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung für die Gesellschaft anzuerkennen, von dem man lernen kann. Da den rechtsorientierten Jugendlichen das nicht möglich ist, wird Anderes (Ausländer, Homosexuelle) als Bedrohung der eigenen Identität empfunden. Diese einfache Argumentationsweise verbreiten die rechtsextremen Gruppen (Thierse, W. 1991, S. 36).

6. Thesen zur neonazistischen Entwicklung Jugendlicher

1. Neonazis müssen ernst genommen werden, sie erkennen reale Gründe für ihre Unzufriedenheit. Wer gesellschaftliche Missstände versucht zu verbessern, hat dadurch keine Gewissheit, dass aus Neonazis Demokraten werden, dagegen kann er sich sicher sein, dass sie neue Neonazis heranwachsen, wenn er nichts verändern will. als Propagandamaterial für rechte Gruppen wird das Problem der Jugendarbeitslosigkeit missbraucht, um Ausländerfeindlichkeit zu schüren. Die Realität dagegen zeigt, dass bei wirtschaftlichen Tiefpunkten zuerst die Ausländer ihren Arbeitsplatz verlieren. Dabei leben arbeitslose Jugendliche in Deutschland nicht am Existenzminimum, doch das Problem für sie besteht in dem Gefühl der Überflüssigkeit, sie merken, dass sie nicht gebraucht werden (Chaussy, U. 1989, S. 119ff).

2. Die jugendlichen Neonazis tragen keine Schuld am dritten Reich, werden der Einfachheit halber aber oft dafür schuldig gesprochen. Da sie ihre um Unschuld wissen, reagieren daraufhin sensibel, besonders auf den Vorwurf der deutschen Kollektivschuld am Judenmord, der gegen ihre Gemeinschaft geht, mit der sie sich verbunden fühlen. Da die Jugendlichen ungerechtfertigt die Schuld zugesprochen bekommen, ist die logische Konsequenz für sie, anzunehmen, dass die wahren Täter der NS- Zeit ebenfalls nur Opfer von Verleumdungen sind. Das hat eine Verharmlosung des dritten Reichs zur Folge. Es besteht kein Grund mehr, etwas Schlechte an dieser Epoche zu sehen. Ein hilfreicher Ansatz wäre, die Jugendlichen mit einer von ihnen angestrebten faschistischen Zukunft zu konfrontieren, um eine Wiederholung des dritten Reichs zu verhindern. Sie müssen begreifen, dass sie die Verantwortung für die Zukunft tragen (Chaussy, U. 1989, S. 121).

3. Eine rechte Orientierung bei Jugendlichen entsteht nicht zwingend durch rechtsgesinnte Eltern. Man kann drei Elterntypen unterscheiden:

a. Sympathisanten: Diese Eltern vermitteln ihren Kindern die NS- Zeit als etwas Gutes und schwächen die schlechten Fakten stark ab. Sie sehen die rechte Gruppe als Halt für ihre Kinder und haben oft eine positive emotionale Bindung zu ihnen.

b. abwiegelnde Eltern: Diese sind unpolitisch und geben nur Ratschläge, die für die Kinder irrelevant sind. ,,Treibe lieber Sport, als dich in der Politik zu verrennen." Statt dessen sollten sie solche Äußerungen lieber erklären, warum Extremes schlecht und Normales gut ist. Die Kinder erfahren, dass die Eltern ihr politisches Engagement nicht ernst nehmen und vor eigenem Angst haben. Sie wenden sich vor dieser Feigheit, also auch von ihrem Zuhause ab.

c . hilflose Antifaschisten: Dieser Elterntyp hat die deutsche Geschichte selbst noch nicht verarbeitet und es fehlt ihm an Argumenten gegen Neofaschismus (Chaussy, U. 1989, S. 122f).

4. Gewerkschaftliche und demokratische Jugendorganisationen denken oft nur über theoretische Strategien nach und vergessen darüber Solidarität und Hilfe für ihre Mitglieder. Die Jugendlichen, die sich politisch betätigen wollen, werden unabsichtlich übergangen, wovon neonazistische Organisationen profitieren. Man erkennt, dass Jugendlichen nicht schon immer faschistisch eingestellt sein müssen, oftmals war am Anfang nur der Wunsch nach politischem Engagement vorhanden, um etwas zu verändern. Aber in demokratischen Jugendorganisationen fehlt oft eine konkrete Problembewältigung und der Zusammenhalt, beides wird dagegen in den rechten Gruppen geboten, unabhängig von der Richtigkeit der Form und Durchsetzungsmethoden der Veränderung (Chaussy, U. 1989, S. 124-12519).

5. Exakte und korrekte geschichtliche Aufklärung ist kein Garant für die Ablehnung des Faschismus. Die schockierenden Fakten werden oft verdrängt oder übergangen. Es folgen Argumente, wie z.B. dass in Deutschland kein Jude vergast wurde, da die KZ`s sich nicht auf deutschem Boden befanden oder dass andere politische Systeme (z.B. Stalin) ebenfalls ihre Ziele ohne Rücksicht durchsetzten. Das ist zwar theoretisch korrekt, kann aber nach moralischem Verständnis nicht als Argument verwendet werden, da die Massenvernichtungen nicht zu leugnen sind und es unerheblich ist, wo die Deutschen sie verübten (Chaussy, U. 1989, S. 125- 126).

6. Auch Neonazis haben eine Würde, die ihnen zugestanden werden muss, ansonsten scheint der Kampf für den Faschismus noch lohnender. Dem Problem wird keine Abhilfe geschaffen mit Ignoranz und Beschimpfungen, statt dessen sollte man sich auf eine Diskussion mit ihnen einlassen und sie ernst nehmen (Chaussy, U. 1989, S. 129).

7. Jugendarbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen

7.1. Herausforderung an die Pädagogik

Die Jugendarbeit, Pädagogik und außerschulische politische Bildung zum Thema NS- Zeit und Rechtsextremismus ist ein recht junges Gebiet.

Nachdem bis in die 60er Jahre das dritte Reich verurteilt und angeklagt, also der Jugend dementsprechend einseitig vermittelt wurde, begannen Ende der 60er Jahre kritische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus. Die außerschulische Bildung ging gegen Klischees, Antisemitismus und Vorurteile vor.

Mitte der 70er wurde die NS- Zeit zentrales Thema, beeinflusst von Emanzipation und Aufklärung und ab den 80er Jahren wurde die historische Aufarbeitung mit den Jugendlichen anhand von Biographien und konkreten lokalen Ereignissen durchgeführt (Hafeneger, B. 1991, S.150).

Es existieren viele verschiedene Meinungen und Ansichten zu den Grenzen und Möglichkeiten der Jugendarbeit und Pädagogik mit rechtsextremen Jugendlichen und Organisationen (Hafeneger, B. 1991, S.150).

Dabei konzentriert sich die Diskussion auf vier zentrale Themen (Hafeneger, B. 1991, S.151):

1. der Stellenwert rechter Gruppen bei Jugendlichen, Auseinandersetzung und Prävention
2. anregende Didaktik und Erfahrungsangebote zur politischen Bildung
3. Kritik am traditionellen Antifaschismus, er ist veraltet und bietet keine Hilfen und Anleitungen für die Praxis
4. zu einseitige, antifaschistisch- historische Behandlung der Geschichte

Die Schwierigkeiten der Sozialarbeit bestehen darin, dass sie sich permanent auf neue soziale Bedingungen einstellen muss. Um das zu bewältigen, müssen die zuständigen Ämter und Behörden zusammenarbeiten.

Auch herrscht eine widersprüchliche, optimistische Stimmung. Einerseits wird die pädagogische Ohnmacht und Ratlosigkeit und Fehlen von Konzepten und Lösungen zugegeben, andererseits besteht die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, zuzuhören und auf Jugendliche zuzugehen. Voraussetzungen dafür sind Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz der Individualität der Jugendlichen, sie so zu akzeptieren, wie sie sind (Hafeneger, B. 1991, S.152).

Ein weiteres Problem ist der Widerspruch zwischen dem juristischen Verbot rassistischer und faschistischer Äußerungen und Symbole und dem Verhalten und Verständnis der Pädagogik. Diese möchte die Ausdrucksformen rechter Jugendlicher zulassen, um einen ernsthaften Dialog mit der Möglichkeit zum Lernen, Streiten und Auseinandersetzen herzustellen. Das fordert eine ständige Gratwanderung zwischen Zulassen und der Formulierung von Gegenpositionen heraus, aber mit der Chance, dass die pädagogischen und inhaltlichen Angebote von den Jugendlichen angenommen werden (Hafeneger, B. 1991, S.153).

Die Aufklärung Jugendlicher unterliegt weiterhin folgenden Prinzipien- dem Bestehen auf der historischen Wahrheit, das Einbeziehen der aktuellen wirtschaftlichen Lage und Angebote zur Zukunftsplanung. Es bedarf gezielter Angebote mit aufklärenden, thematisierenden und projektbezogenen Ansätzen, Motivation zum politischen und historischen Lernen, Gespräche mit Zeitzeugen, Besuche und Workcamps in Gedenkstätten und Museen, Filme und Bücher. Diese präventativen freiwilligen Angebote erreichen motivierte und interessierte Jugendliche und helfen ihnen bei der Entwicklung von Identität und politischem Bewusstsein (Hafeneger, B. 1991, S.153).

7.2. Interkulturelle Jugendarbeit

Möglichkeiten der akzeptierenden Jugendarbeit sind gemeinsame Aktivitäten mit ausländischen und nationalistischen Jugendlichen.

Ziele einer solchen Arbeit sind die Förderung von Verständnis für Ausländer, die in Deutschland leben; Verständnis zwischen den Völkern und Toleranz gegenüber Ausländern zu erreichen. Für diese Ziele sind finanzielle Unterstützungen mit öffentlichen Mitteln notwendig (Scheunpflug, A. 1994, S. 150).

Ein Beispiel für interkulturelle Jugendarbeit sind Begegnungsreisen. Diese sollen zu einem Dialog zwischen verschiedenen Kulturen fördern und so die Toleranz Jugendlicher gegenüber diesen steigern und Vorurteile abbauen. Um eine erfolgreiche Durchführung zu gewährleisten, muss die Möglichkeit zum Lernen während der Reise gegeben sein. Eine andere Voraussetzung ist, dass die Reise in einen anderen Kulturkreis führt, um ein kennen lernen dieses zu ermöglichen.

Um das Lernen sinnvoll zu gestalten, muss man sich vor der Fahrt die Frage stellen, wie die Jugendlichen die fremden Eindrücke verarbeiten. Lernen basiert stets auf Erfahrungen, die bisher gemacht wurden. Das bedeutet, neue Eindrücke sind durch Erfahrungen und Vorurteile gekennzeichnet. Fremderfahrungen stehen immer im Zusammenhang mit Vorerfahrungen, mit einem Kennen bestimmter Dinge. So zum Beispiel vergleicht man eine fremde Esskultur mit der bekannten - das Essen schmeckt besser oder anders als zu Hause (Scheunpflug, A. 1994, S. 154ff).

Eine Chance von Begegnungsreisen ist der Abbau von Vorurteilen gegen andere Kulturen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Bedingungen zur Änderung der persönlichen Einstellung gegeben sein.

Das ist abhängig von verschiedenen Variablen. Begünstigende sind (Scheunpflug, A. 1994, S. 158):

a. affektive, also das Spiel
b. eine Sprache oder andere Kommunikationsform, die für beide Seiten verständlich ist
c. beide Partner ein gemeinsames Thema bearbeiten (müssen), welches auch für beide wichtig ist. Ist das nicht der Fall, hat es den Anschein, dass einer den anderen erforscht.

Damit ein intensives kennen lernen der anderen Kultur erreicht wird, muss eine intensive Vor- und Nachbereitung der Jugendlichen durchgeführt werden. Sie sollten vorher mit der fremden Kultur vertraut gemacht werden, damit sie diese während der Reise wahrnehmen, begreifen und verstehen können.

Andere fördernde Bedingungen sind ausreichend Zeit zum Miteinander; persönliche Stabilität, um Unsicherheiten auszuhalten und zu bewältigen und Rahmenbedingungen, die soziale Sicherheit bieten (Scheunpflug, A. 1994, S. 159).

Weiterhin ist es von Vorteil, bestimmte Verhaltensweisen bereits im Vorfeld der Reise zu erlernen, um auf diese in gegebenem Fall hilfreich zurückgreifen zu können. Dazu gehören Rollenspiele, Feedbacks und Gespräche zur Bewältigung von Problemen und Gefühlen. Für ein gutes Arbeiten miteinander braucht jeder das Wissen um den Gruppenzusammenhalt und um ein offenes, positives und angstfreies Gruppenklima, das als Rückzugs- und Hilfsangebot zur Verfügung steht (Scheunpflug, A. 1994, S. 159). Allerdings ist nicht zwingend gegeben, dass eine interkulturelle Begegnungsreise erfolgreich ist und die angestrebten Ziele erreicht werden.

Eventuell wird eine höhere Toleranz gegenüber Ausländern erreicht, es ist jedoch nicht vorhersehbar, wie sich die Grundeinstellung gegenüber Fremden durch die Reise verbessert. Dazu sind weitere Auseinandersetzungen mit den Umständen in Deutschland, also in unserer Gesellschaft notwendig, durch die Fremdenfeindlichkeit entsteht (Scheunpflug, A. 1994, S. 161).

7.2.1. Beispiel einer interkulturellen Fahrt rechtsorientierter und türkischer Jugendlicher

Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich auf Sahabettin, A. 1996.

Nach den schweren Angriffen auf Asylbewerberheime im Herbst 1991 in Hoyerswerda und im Somme r 1992 waren die ausländischen Menschen in Deutschland wütend und angsterfüllt zugleich und suchten nach Möglichkeiten, mit den rechtsextremen Taten umzugehen. Die Medien schrieben nach den Übergriffen täglich über neue Tätlichkeiten gegen Ausländer und weckten so die Erinnerung im In- und Ausland an eine vergangene Zeit Deutschlands, die als überwunden und verarbeitet galt - an das dritte Reich. Das war der Anstoß für das Deutsch- Türkische Volkshaus. Die Träger des Vereins sahen, dass die üblichen Trauermärsche zwar bei der Bewältigung des allgemeinen Schocks halfen, aber keine zukunftsgreifenden Maßnahmen waren. Sie entwickelten ein neues Konzept, strebten den Dialog und die Annäherung deutscher rechtsorientierter Jugendlicher mit nicht- deutschen an.

7.2.1.1. Planung

Sie begannen, eine dreiwöchige Begegnung Jugendlicher aus Rostock und Hoyerswerda zu planen. Diese sollte dazu beitragen, gegenseitige Unterschiede zu akzeptieren und Gemeinsamkeiten zu erkennen und zusammen zu erleben; sie wollten eine bessere Völkerverständigung erreichen. Sie erwarteten, daß nur Mitläufer der rechten Szene zur Teilnahme bereit sein würden, der harte Kern der Übergriffe jedoch nicht zu erreichen sei. Letztendlich nahmen aber aktive Mitläufer aus Rostock und der harte Kern aus Hoyerswerda an dem Projekt teil. Die türkischen Jugendlichen, die mitfuhren, kamen aus Kiel.

In der Öffentlichkeit löste das Projekt verschiedene Meinungen aus.

Die erste war, dass die Täter mit der Reise quasi belohnt werden würden; die zweite, dass die Fahrt keinen Erfolg haben wird und der dritte Standpunkt war, so etwas hätte schon lange stattfinden müssen. Vertreter der dritten Meinung unterstützten das Projekt auch finanziell.

Die Medien dagegen nährten Vorurteile und stigmatisierten die Jugendlichen, bis bei einigen Organisatoren Zweifel über die Sicherheit der Teilnehmer aufkamen. Trotz der aufgekommenen Diskussion als Folge geschürter Vorurteile der Presseberichte, organisierte und plante das Deutsch- Türkische Volkshaus gemeinsam mit Interessenten weiter an der Durchführung des Projekts.

Sie bemerkten Unsicherheiten bei den Türken in Bezug auf das Verhalten der Skinheads. Psychologen führten mit ihnen Rollenspielen durch, die helfen sollten, mit den Ängsten umzugehen; um in den türkischen Familien die Reise zu begründen und um einen angstfreien Umgang trotz des äußeren Erscheinungsbilds (kahlrasierte Schädel, Stiefel, herausfordernde Haltung) der rechtsorientierten Jugendlichen zu ermöglichen.

7.2.1.2. Durchführung

An der Begegnungsreise nahmen insgesamt fünf Betreuer und 43 Jugendliche teil.

Davon kamen fünf deutsche und 18 türkische aus Kiel und jeweils 10 deutsche Jugendliche aus Rostock und Hoyerswerda. Sie waren zwischen 14 und 26 Jahren alt und es bestand ein gleiches Geschlechterverhältnis.

Es waren große Unsicherheiten unter den Teilnehmern zu bemerken, die mit Alkohol bekämpft wurden, aber nach kurzer Zeit konnte man im Bus Kennenlernversuche beobachten. Ein Türke spielte türkische Musik und es fanden erste Diskussionen statt. Gemeinsam kamen die Jugendlichen an ihrem ersten Ziel an, einem Ponyhof in Wittensee. Dort sollten sie 16 Tage vor dem Flug in die Türkei verbringen. Vorteil der Abgeschiedenheit des Hofes war die Sicherheit vor der Presse, welche die Stimmung auf der Suche nach einer Sensation hochkochte.

Den Teilnehmern stand ein ausgefülltes und vielfältiges Tagesprogramm zur Verfügung, wie Betriebsbesichtigungen, sportliche Aktivitäten ( Segeln, Ballspiele, Saunabesuche) und allabendliche Gruppentreffs zum Tanzen und Erzählen. Politische Vertreter des Landes (Bürgermeister, Ausländerbeauftragte und Mitglieder des Innenministeriums) luden zu Diskussionsrunden und Gesprächen ein. Es war festzustellen, dass die Durchführung des Projektes allgemeine Zustimmung fand und eine freundliche, gelöste Stimmung herrschte.

Vor dem Abflug nach Istanbul waren die deutschen Teilnehmer sehr unsicher, dennoch rasierten sie sich provokativ ihre Köpfe.

Die Unsicherheiten äußerten sich in aggressiven Reaktionen und Vorurteilen. Ein Beispiel dafür ist folgende Situation:

Als die Gruppe am Flughafen in Istanbul ankam, herrschte dort das übliche Gedränge.

Die deutschen Jugendlichen dachten daraufhin, es wäre eine Demonstration gegen ihren Aufenthalt in der Türkei und wollten sofort wieder nach Deutschland zurückfliegen. Sie erfuhren erstmals die Abhängigkeit in einem fremden Land und verspürten erste Bewunderung für die Menschen, die ihr Heimatland aufgaben und auf die Solidarität fremder Menschen vertrauten. Sie begannen, ihre rasierten Köpfe zu bedecken. Das Programm in der Türkei war touristikähnlich, es wurden Stadtrundfahrten durchgeführt, zu Diskussionen angeregt und zur Auflockerung Sport getrieben. Sie trafen sich mit Politikern und besuchten das Parlament. Gegen die beginnende Erschöpfung halfen Kamelreiten, Töpfern und ähnliche Aktivitäten.

In einem Restaurant provozierten türkische Reporter, die sich stets bei der Gruppe aufhielten, folgenden Zwischenfall. Sie brachten einen türkischen Mann mit, der sich einem deutschen Mädchen unsittlich näherte. Dieses schrie und die Kellner warfen den Mann aus dem Restaurant. Danach reiste die Gruppe sofort weiter. Doch sie verhielten sich gelassen und waren der Meinung, dies hätte in Deutschland genauso geschehen können. Die Jugendlichen ließen sich nicht provozieren und blieben gewaltfrei. Sie zeigten eine hohe Toleranz, trotz der Provokation durch die Medien. Auch als die deutsche Presse die erhoffte Meldung erwartete, spielten sie den Zwischenfall herunter und zeigten positive Reaktionen auf provokante Fragen.

Als die Reise nach insgesamt drei Wochen ihrem Ende zuging, herrschte allgemeine Trauer.

Als Ergebnisse der Begegnungsfahrt konnte man feststellen, dass die Jugendlichen ihre Vorurteile und Berührungsängste überwunden hatten, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen zu schätzen gelernt hatten und Gemeinsamkeiten erkannten. Man kann also sagen, dass die Fahrt ihren Sinn erfüllt hatte und die gesetzten Ziele erreicht wurden. Später sahen sich die Teilnehmer bei privaten Besuchen wieder.

Zwei Jahre später war die Frage, was die Reise gebracht hat und ob sich die Einstellung der Jugendlichen geändert hat, positiv zu beantworten. Es ist nicht zu widerlegen, dass nach überlegter Planung eine inter- oder bikulturelle Begegnung als Lösung bei rechter Gewalt und Fremdenhass, die aus Vorurteilen und Angst vor dem Fremden entstehen, greift. Jedoch braucht es gute Präventivkonzepte, um schon dem Entstehen von Ausländerfeindlichkeit entgegen zu wirken.

7.3. integrative Jugendarbeit mit gewaltbereiten, rechtsgerichteten Jugendlichen

Am Beispiel eines katholischen Jugendzentrums möchte ich diese Form der Jugendarbeit mit Hooligans und Skinheads beschreiben, nach einem Bericht von Cladder- Micus, A. und Kohaus, H. 1996.

7.3.1. Prinzipien

Der Treff ist offen für alle, es gibt keine Ausgrenzung und kein Hausverbot. Die Pädagogen stellen sich die Frage, wenn der Jugendliche bei ihnen Hausverbot bekommt, wo soll er seine Freizeit dann verbringen. Andere Jugendclubs kommen nicht in Frage, da dort selten oder überhaupt keine rechten Jugendliche akzeptiert werden, also bleibt nur eine reche Organisation. Genau das aber soll verhindert werden.

Jeder Jugendliche wird so akzeptiert, wie er ist. Es wird unterschieden zwischen dem Menschen und seinem Verhalten. Das Verhalten kann man ändern, der Mensch aber bleibt.

Es wurden Hausregeln aufgestellt:

- Gewaltverzicht gegenüber Sachen und Personen
- Verbot von Gewaltverherrlichung
- Alkoholverbot

Skinheads definieren sich gewöhnlich über diese drei Merkmale, da diese aber im Jugendclub untersagt sind, probiert er neue Rollen. Er ist nun eine eigenständige Person ohne seine Gruppe. Jetzt definiert er sich z.B. über Erfolge beim Tischtennis.

7.3.2. Praktische Umsetzung

Im Jugendhaus können die Jugendlichen ungezwungen sein, sich so geben, wie sie wirklich sind. Die Betreuer sind lediglich anwesend und signalisieren Gesprächsbereitschaft. Sie halten die Grenzen der Jugendlichen ein und drängen sie zu nichts. Dadurch erfahren die Jugendlichen, dass sie angenommen werden trotz provokativem Äußeren und Verhalten. Bei Fehltritten versuchen die Betreuer, die Würde desjenigen zu wahren. Trotzdem müssen sie konsequent sein und die Regeln durchsetzen. Das funktioniert aber auch ohne Zwang und Druck auf den Jugendlichen. In den meisten Fällen sieht er sein falsches Verhalten ein und versucht, es wieder gut zu machen. Nur in Extremfällen wird ein Hausverbot für den jeweiligen Tag ausgesprochen mit der Aufforderung zum Wiederkommen.

Weiterhin werden den Besuchern kreative Angebote gemacht. Die Pädagogen stellten fest, dass diese sofort umgesetzt werden müssen, da bei einer langfristigen Planung das Interesse der Jugendlichen schnell erlischt.

Einzelfallhilfe und Beratungsgespräche werden ausschließlich auf Wunsch des Jugendlichen durchgeführt. Dadurch erleben diese Vertrauen, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Letztere ist besonders in der Elternarbeit wichtig.

Oft rufen Eltern der Jugendlichen an, um sich Rat zu holen. Ihnen wird klargemacht, dass das Jugendhaus im Interesse des Jugendlichen handelt und er von dem Gespräch erfährt. Damit sind die meisten Eltern einverstanden. Die Betreuer helfen dann auch bei der Problembewältigung zwischen Eltern und Kind und organisieren klärende Gespräche. Das Jugendhaus wird in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen geführt. So lernen sie, im Team zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Sie können ihre Interessen vertreten, indem sie Mitbestimmungsrecht haben.

7.3.3. das ambulante Anti- Aggressivitätstraining

Das ambulante Anti- Agressivitätstraining AAT wird bei Jugendlichen und jungen

Erwachsenen angewendet, um diese von ihrem gewaltbereiten Verhalten abzubringen. Die Teilnehmer sind größtenteils vorbestraft, aber befinden sich nicht in Haft oder Arrest. Das AAT ist keine Therapie, sondern eine Konfrontation mit dem eigenen Verhalten.

Nach wiederholten Bitten seitens der Jugendlichen, die von ihrer Gewalt loskommen wollten, haben die Mitarbeiter des Jugendhauses in Zusammenarbeit mit Psychologen der Jugendanstalt Hameln ein Konzept zur Durchführung entwickelt.

Ziele des Trainings sind ein Leben ohne persönliche Gewalttätigkeiten, das Erzeugen einer Betroffenheit in Bezug auf die eigene Gewalttätigkeit, Konfliktstrategien und eine Opferperspektive zu entwickeln und die Stärkung des Selbstbewusstseins, die bewirken soll, dass andere Menschen geachtet werden und es dem Jugendlichen möglich ist, Konfliktsituationen durch eigenen Willen zu verlassen.

Folgende Bedingungen müssen von den Teilnehmern akzeptiert werden:

- zwei Trainer
- maximal vier Teilnehmer
- 16 Sitzungen à zwei Stunden mit anschließendem verpflichtendem Freizeitprogramm, um die Aggression der Sitzung abzubauen
- ein Freizeitwochenende ohne Gewalt nach der Hälfte des Trainings
- die Teilnehmer dürfen keine parallelen Suchtprobleme haben oder vor den Sitzungen Alkohol oder Drogen zu sich nehmen
- vor Beginn des Trainings werden mit allen Gespräche durchgeführt und eine Sozialanamnese erstellt
- es wird ein Vertrag zwischen Teilnehmer und Trainer abgeschlossen, der an das zuständige Gericht geschickt werden darf, ebenso die Mitteilung, wenn ein Teilnehmer das Training abbricht.

7.3.3.1. Inhalte und Ablauf des Trainings

Zu Beginn der Sitzungen wird die letzte Woche einschließlich gewalttätigen Verhaltens reflektiert.. Alle sprechen ihre Probleme und Ängste an, auch die Trainer nehmen sich davon nicht aus. Das erzeugt ein offenes Vertrauensverhältnis zwischen Teilnehmern und Trainern.

Danach schildert einer der Jugendlichen eine eigene Gewalttat ganz exakt. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, dem Täter seine Tat bewusst zu machen, was sich bei ihm in Aggressionen und Schreien äußern kann. Die Trainer zeigen ihre Abscheu vor der Tat. Nach der Sitzung ist oben angesprochene Freizeitgestaltung nötig, um die Beziehung zwischen Jugendlichem und Trainern wieder herzustellen.

Nach dem Vorgang des Begreifens folgt das Erkennen, was an Gewalt so attraktiv ist und eine Kosten- Nutzen- Analyse wird erstellt, also die Konsequenzen von Gewalttaten besprochen.

Zum Zeitpunkts des Berichts hat nur ein Jugendlicher das Training abgebrochen, die anderen haben es mit Erfolg absolviert. Das zeigt den Erfolg und den Nutzen eines solchen Programmes und auch die Bereitwilligkeit der Jugendlichen, auf Bedingungen einzugehen und von ihrem Gewaltverhalten abzulassen.

8. Zusammenfassung

Wie in der Arbeit erläutert, ist Rechtsextremismus eine Art Spiegel der Gesellschaft. Wenn diese nicht zufriedenstellend funktioniert, wird es stets Menschen geben, die den Weg des Protestes und Widerstand gehen, unabhängig von der Richtigkeit der Form und Methoden. Allerdings entsteht Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft immer aufgrund einer ungleichen Behandlung von Menschen und der Toleranz gegenüber Gewalt als politisches Mittel (Pilz, G. A. 1994,S. 19).

Jugendliche, die sich noch auf der Stufe der Gewaltbereitschaft befinden, müssen nicht rechtsextrem sein. Erst wenn die Ideologie hinzu kommt, kann man sie zu den Neonazis zählen (Pilz, G.A. 1994, S. 20).

Das bedeutet, es müssen präventive Maßnahmen gefunden werden, da die Gesellschaft als Hauptursache der Unzufriedenheit nicht von heute auf morgen zu verändern ist. Besonderer Wert muss auf moderne und unkonventionelle Konzepte gelegt werden, da bestehende teilweise veraltet sind und am Problem vorbeigehen. Jedoch sieht man sich mit neuen Konzepten oft großen Schwierigkeiten und Widerstand gegenüber, wie das Beispiel der interkulturellen Begegnungsreise gezeigt hat. Die gewaltbereiten Jugendlichen werden stark ins Abseits gedrängt und stigmatisiert, so dass ihnen häufig kein Ausweg bleibt, als den Vorurteilen zu entsprechen, da ihnen kaum mehr Vertrauen entgegengebracht oder Verantwortung übertragen wird. Ein weiterer Punkt ist, dass das Problem rechtsorientierter Jugendlicher noch verhältnismäßig neu ist, also noch neue Erkenntnisse zu erwarten sind, die Möglichkeiten für neue Konzepte bieten. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Sozialarbeit sich hier einem Problem gegenüber sieht, welches nicht sofort zu bewältigen ist und das viel Verständnis und Toleranz verlangt.

Quellenverzeichnis:

Chaussy, U.: Speerspitze der neuen Bewegung. Wie Jugendliche zu Neonazis werden.

Bericht über die ,,Junge Front" S. 108- 129. In: Benz, W. (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik- Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1989

Cladder- Micus, A., Kohaus, H.: Integrative Arbeit mit gewalttätigen, rechten Jugendlichen und ambulantes Anti- Aggressivitätstraining S. 101- 126. In: Stickelmann, B. (Hrsg.): Zuschlagen oder Zuhören- Jugendarbeit mit gewaltorientierten Jugendlichen. Juventa Verlag, Weinheim und München 1996

Hafeneger, B.: Rechtsextremismus. Herausforderung für Pädagogik, Jugendarbeit und Schule S. 150- 156. In: Butterwegge, C.; Isola, H. (Hrsg.): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Steintor, Bremen/ Berlin 1991

Jäger, S.: Rassismus in Deutschland S. 84-90. In: Heil, H.; Muzaffer, P.; Wendt, P.U.(Hrsg.): Jugend und Gewalt- Über den Umgang mit gewaltbereiten Jugendlichen. Schüren, Marburg 1993

Jäger, S.: Rassismus. Thesen zur Klärung eines umstrittenen Begriffs S. 56- 61. In: Butterwegge, C.; Isola, H. (Hrsg.): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Steintor, Bremen/ Berlin 1991

Pilz, G. A.: Jugend, Gewalt und Rechtsextremismus. LIT Verlag, Münster; Hamburg 1994 Sahabettin, A.: Eine ungewöhnliche Begegnungsreise. Türkische Jugendliche aus Kiel fahren mit deutschen rechtsradikalen Jugendlichen aus Rostock und Hoyerswerda in die Türkei S. 165- 178. In: Möller, K.; Schiele, S. (Hrsg.): Gewalt und Rechtsextremismus- Ideen und Projekte für soziale Arbeit und politische Bildung. Wochenschau Verlag, Schwalbach 1996

Scheunpflug, A.: Interkulturelle Begegnungen- Eine Möglichkeit zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit. In: Knortz, H. (Hrsg.): Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Lang Verlag, Frankfurt a. M. 1994

Schwagerl, H. J.: Rechtsextremes Denken- Merkmale und Methoden. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1993

Thierse, W.: Von den Ursachen rechtsextremer Jugendgewalt in Ostdeutschland S. 31- 38. In: Butterwegge, C.; Isola, H. (Hrsg.): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Steintor, Bremen/ Berlin 1991

Wollenberg, J.: Antisemitismus und Judenvernichtung S. 46- 55. In: Butterwegge, C.; Isola, H. (Hrsg.): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Steintor, Bremen/ Berlin 1991

Details

Seiten
12
Jahr
2000
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v103085
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
Schlagworte
Interkulturelle Arbeit

Autor

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Titel: Interkulturelle Arbeit