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Boldt, Paul - Auf der Terrasse des Café Josty #

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 3 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Paul Boldt:

Auf der Terrasse des Café Josty

Ab einer Einwohnerzahl von über 100 000 spricht man heute von einer Gro ßstadt. Die meisten dieser mehr als 100 000 Menschen kennen die Vorteile, die das Stadtleben zu bieten hat. Doch sind sie sich auch der wunden Stelle bewusst, die in der Gesellschaft proportional zur Urbanisierung immer gr ößer wird? Gewisse Lyriker aus dem Expressionismus waren es und verarbeiteten die Problematik des Gro ßstadtlebens in ihren Werken. Darunter auch der Dichter Paul Boldt, der es versteht, in seinem Gedicht "Auf der Terrasse des Caf é Josty" die prachtvolle Fassade Berlins zu widerlegen.

Wie schon erwähnt, ist der Ort des Geschehens Berlin, genauer der Potsdamer Platz. Aus der Überschrift ist außerdem zu erkennen, dass die Person, aus deren Sicht das Gedicht geschrieben ist, sich auf der Terrasse eines Cafés befindet. Das Gedicht beinhaltet die Sinneseindrücke dieser Person von dem, was um sie herum geschieht.

In der ersten Strophe wird der Leser vor allem mit dem Lärm des Verkehrs konfrontiert, der durch "Trams" (Z. 3) und "Automobile" (Z. 4) verursacht wird. Der Dichter bedient sich zu diesem Zweck sprachlicher Mittel wie der Alliteration bei "Potsdamer Platz" (Z. 1) oder der Klangmalerei wie bei "alle hallenden" (Z. 2). Die genannten Verkehrsmittel sind neben dem Strom von Menschen mit der Metapher "Lawinen" (Z. 2) gemeint. Damit und mit dem Enjambement in der gleichen Zeile soll das ununterbrochene Flie ßen des Verkehrs ausgedrückt werden. Ebenfalls aus dem Bildbereich Wasser stammt die Metapher "Vergletschert" (Z. 2). Die Szene auf dem Potsdamer Platz bleibt also unverändert, gerade so, als wäre sie eingefroren.

Charakterisierend ist auch der Begriff "Menschenmüll" (Z. 4). Man denkt dabei sofort an ein Zuviel von Menschen, wodurch der Einzelne nicht mehr viel gelten kann.

Doch Müll ist nicht das einzige, womit die Menschen verglichen werden.

In der zweiten Strophe, in der es um das Treiben der Menschen geht, "rinnen" sie wie Wassertropfen " über den Asphalt" (Z. 5). Dieser Vergleich drückt zum einen eine sehr schnelle Bewegung aus, zum anderen aber auch wieder eine homogene Masse, in der es keine Individuen gibt.

Noch prekärer wird es im nächsten Vers: "Ameisenemsig" und "wie Eidechsen flink" (Z. 6) sind beides Metaphern für das gutgemeinte Bemühen der Menschen, das aber hier als vergeblich und sinnlos dargestellt wird. Wie man weiß, sind Ameisen äußerst fleißige Tiere; doch der Ameisenhaufen, an dem sie vielleicht ihr ganzes Leben gearbeitet haben, kann schon durch einen einzigen Fußtritt des Menschen zerst ört werden.

"Stirne und Hände" heißt es in der folgenden Zeile, womit auch wieder die Menschen gemeint sind. Dieses Pars Pro Toto ist bewusst gewählt, um auf die beiden Teile des menschlichen Körpers hinzuweisen, die für das Berufsleben die größte Rolle spielen. Die Stirn braucht man zum Denken, die Hände für eine handwerkliche Tätigkeit. Der "dunkle Wald" (Z. 8) steht einerseits für die Dunkelheit - anscheinend ist es Feierabend, da auch so viele berufstätige Menschen auf der Straße sind -, und andererseits für die Vielzahl und Dichtheit der Menschen, die mit einem dicht bepflanzten Wald zu vergleichen ist. Stirne und Hände sind hervorstehende Körperteile und stechen, da sie unbekleidet sind, durch die helle Farbe der Haut auch gleich ins Auge. Deshalb werden sie mit Sonnenstrahlen verglichen, die durch die Baumkronen dringen.

Zusammenfassend ließe sich dieses Bild so deuten, dass der Dichter hier Kritik an den berufsorientierten Menschen übt, die mit ihren eigenen Gedanken so beschäftigt sind, dass sie sich mit dem Kopf voraus, ohne auf andere zu achten, durch die Menge kämpfen. An dem Verb "Schwimmen" (Z. 8) ist wieder auffällig, dass es wie "rinnen" dem Bildbereich Wasser angehört.

Spielte sich die vorige Strophe am frühen Abend ab, so ist die Zeit nun deutlich fortgeschritten. Der "Nachtregen" (Z. 9), der die dritte Strophe einleitet, weist darauf hin. Betrachtet man diese Strophe im Zusammenhang, so ergibt sich ein Bild, das vor allem durch die Farben, die hier eine Rolle spielen, an ein Ereignis im Alten Testament erinnert: die Sintflut.

Zunächst fängt es an zu regnen. Die weißen Fledermäuse (Z. 10), mit denen wahrscheinlich die durch Regen und Straßenlampen entstehenden Lichtreflexe gemeint sind, entsprächen demnach der weißen Taube, die Noah am Ende der Sintflut aus der Arche fliegen lässt. Und schließlich stünden die bunten Öle (Z. 11) für den Regenbogen, von dem ebenfalls in der Bibel die Rede ist. Gottes Beweggr ünde, warum er alles Leben auf der Erde durch die ungeheuren Wassermengen auslöschen wollte, waren, gemäß Gen 6,5, eine Strafe für die "menschliche Bosheit". Möglicherweise symbolisiert der Regen an dieser Stelle des Gedichts ebenfalls eine Bestrafung der weiter oben genannten Sünden der Stadtmenschen: Ihre Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen und die Besessenheit von ihrem Beruf, die mit dem selbstsüchtigen Streben nach Reichtum zu begr ünden ist.

Auffällig ist auch an dieser Strophe die Verwendung von Begriffen, die mit Wasser zu tun haben: Nicht nur der "Nachtregen" ist ein Wassermotiv, sondern auch die normalerweise im Wasser lebenden "Quallen". In diesem Fall ist von den Ölflecken die Rede, die von den Autos kommen und auf der Stra ße liegen. Die Farbe dieser Quallen, lila, hat im Allgemeinen die Bedeutung von Bedrohlichkeit, was ja zu den Tieren passt, da ihre Bisse oft giftig sind. Bedrohlich wirken auf die meisten Menschen auch Fledermäuse, da sie in Filmen oft als gefährliche Blutsauger vorkommen. Zumindest erwecken beide Tierarten, die hier als Metapher angewandt werden, beim Leser Abneigung. Wen zieht es schon an einen Ort, an dem es nass ist und der von Flederm äusen und Quallen

wimmelt?

"Die mehren sich" (Z. 12) - eine Aussage, die an das Bild der Sintflut anknüpft. Gemäß Gen 9, 7 war genau dies Gottes Gebot: "Ihr aber seid fruchtbar und mehret euch, wimmelt auf der Erde und mehret euch auf ihr!"

Doch die Quallen bzw. Ölpfützen vermehren sich hier nicht in diesem Sinne. Vielmehr werden sie entzwei geteilt, nämlich von den Autos. Die Vorstellung von Quallen, die überfahren werden, ist Übelkeit erregend.

Der nächste Satz (Z. 13-14) kommt einer Schlussfolgerung des gesamten Gedichts nahe: Berlin, das mit seinen beeindruckenden Gebäuden am Tag so prachtvoll anzusehen ist, bietet in dieser verregneten Nacht einen geradezu erbärmlichen Anblick.

Boldt wird in diesen letzten Zeilen leicht sarkastisch. Den spöttischen Unterton bewirkt zunächst die Inversion bei "Aufspritzt Berlin" (Z. 13), die dann aber noch durch die Apposition "des Tages glitzernd Nest" verst ärkt wird. Letztere ist genau der Gegensatz des metaphorischen Ausdrucks "wie Eiter einer Pest" (Z. 14).

Mit dem "glitzernd[en] Nest" sind die neuartigen Gebäude gemeint, auf deren Fenstern und metallenen Wänden das einfallende Sonnenlicht reflektiert wird. "Nest" assoziiert man zudem mit einem warmen Zuhause.

"Eiter einer Pest" ist dagegen ein Ausdruck, der an Krankheit und Elend erinnert und bei den meisten Menschen Ekel hervorruft. Durch die Vermischung des Regenwassers mit dem Rauch der Fabriken verwandelt sich das anziehende Bild der Stadt also in ein abstoßendes.

Der gewaltige Kontrast dieser beiden Bilder, mit denen Berlin erst am Tag, dann in der Nacht verglichen wird, sind im wahrsten Sinne des Wortes ein Unterschied wie Tag und Nacht. Diese 'Schwarzmalerei' dient dazu, den elendigen Anblick Berlins, von dem hier die Rede ist, noch zu verst ärken.

Wie die meisten Menschen seiner Zeit, hatte auch Paul Boldt Schwierigkeiten, sich an das Leben in der Gro ßstadt zu gewöhnen, wo er vor allem mit den neuen technischen Errungenschaften, wie z. B. den "Trams" (Z. 3), konfrontiert wurde. Seine Verwirrung spiegelt sich in dem vorliegenden Gedicht wieder, zumal es eine Flut von Sinneseindrücken enthält, die meist mit Metaphern der Bedrohlichkeit ausgedrückt werden. Häufig vergleicht Boldt die Eindrücke auch mit gewaltigen Naturereignissen.

Weiterhin kann man den Versuch des Autors, am Gewohnten festzuhalten, daran feststellen, dass er das Gedicht in der Form eines Sonetts geschrieben hat. Das Sonett, aus dem Barock stammend, stellt eine traditionelle Gedichtform dar. Doch der Inhalt widerstrebt diesem traditionellen Schema, da er von Erfahrungen handelt, die für die Menschen der damaligen Zeit völlig neuartig waren.

Auch die Probleme, die das gesellschaftliche Leben in der Gro ßstadt betrafen, kann man an diesem Gedicht beobachten. Ein Schlüsselwort ist der Begriff "Menschenmüll" (Z. 4). Die Menschen werden als verkommen bezeichnet. Die alten Maßstäbe haben an Bedeutung verloren, worunter auch der Kontakt unter den Menschen zu leiden hat. Diese Anonymit ät wird vor allem in den Strophen 1 und 2 mehrmals thematisiert, zumal die Menschen grundsätzlich als Masse auftreten.

Denkt man einmal an das Rotlichtmilieu und an die hungernden Bettler am Stra ßenrand, so ist klar, dass auch diese Aspekte die Erfahrung der Großstadt prägten. Boldt verarbeitet diese mit abscheulichen Bildern wie z.B. den überfahrenen Quallen (Z. 12).

Abschließend lässt sich noch sagen, dass Boldt auch an der damals aufkommenden Fabrikarbeit Kritik übt. Für die Fabriken steht nämlich, wie schon gesagt, der "Rauch" (Z. 14), der ja zusammen mit dem Regen für den elenden Anblick Berlins verantwortlich ist.

Es ist sicher richtig, dass man in den St ädten, je größer sie sind, umso mehr Elend vorfinden wird. Auch ist es offensichtlich, dass es dort durch die große Einwohnerzahl niemals so sein kann wie auf dem Land, wo doch jeder jeden kennt. Aber ob man nun in einer Großstadt wie Berlin leben möchte oder in einem Dorf, bleibt die freie Entscheidung jedes einzelnen. Und viele entscheiden sich für ein Leben in der Stadt, was doch heißen muss, dass auch dieses seine Vorzüge hat. Inzwischen hat Mensch sich auch mit technischen Errungenschaften, wie den Straßenbahnen, angefreundet, und der Lebensrhythmus des Menschen hat sich ohnehin längst an die damals noch neuzeitliche Lebensweise gewöhnt.

Details

Seiten
3
Jahr
2001
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102992
Note
1-
Schlagworte
Boldt Paul Terrasse Café Josty

Autor

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