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Gryphius, Andreas - Threnen des Vatterlandes / Anno 1636

Facharbeit (Schule) 2001 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung, Darstellung der Vorgehensweise und Hinführung zum Thema

2. Hauptteil
2.1 Vorstellung des Sonetts
2.2 Interpretation unter Berücksichtigung des historischen Hintergrunds und der Biographie des Verfassers

3. Schluss, Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte und eigene Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen der Facharbeit zum Thema Lyrik habe ich mir das Sonett „Threnen des Vatterlandes / Anno 1636“ von Andreas Gryphius ausgesucht.

Zunächst stelle ich das Gedicht in seiner Originalfassung vor, um es anschließend zu interpretieren. Hierbei gehe ich erst auf den äußeren Aufbau ein und befasse mich dann der Reihe nach mit den einzelnen Strophen, wobei ich historische Geschehnisse und persönliche Erfahrungen des Verfassers als Interpretationshilfen verwende.

Abschließend stelle ich fest, dass „Threnen des Vatterlandes / ...“ einige typische Merkmale der Barockliteratur aufweist.

2. Hauptteil

2.1 Vorstellung des Sonetts

Andreas Gryphius

Threnen des Vatterlandes / Anno1636.

WIr sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret! Der frechen völcker schaar / die rasende posaun Das vom blutt fette schwerdt / die donnernde Carthaun Hatt aller schweis / vnd fleis / vnd vorrath auff gezehret.

Die türme stehn in glutt / die Kirch ist vmbgekehret.

Das Rahthaus ligt im graus / die starcken sind zerhawn.

Die Jungfrawn sindt geschändt / vnd wo wir hin nur schawn Ist fewer / pest / vnd todt der hertz vndt geist durchfehret.

Hier durch die schantz vnd Stadt / rint alzeit frisches blutt. Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt Von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt. Was grimmer den die pest / vndt glutt vndt hungers noth Das nun der Selen schatz / so vielen abgezwungen.1

2.2 Interpretation

Das von Andreas Gryphius verfasste Gedicht „Threnen des Vatterlandes / Anno 1636.“ beschreibt anschaulich den damaligen Kriegszustand in Deutschland.

Es handelt sich um ein klassisches Sonett, welches sich aus zwei Quartetten im Reimschema abba und zwei Terzetten im Reimschema ccd und eed zusammensetzt.

Da sich die Strophen eins und zwei in ihren Endreimen exakt decken, ist auch inhaltlich kein starker Kontrast zwischen den beiden Strophen zu erwarten.

Gryphius stellt die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung dar und behält dieses Thema auch in der dritten Strophe bei. In den ersten beiden Versen der letzten Strophe greift er das zuvor beschriebene Leid, „todt“, „pest“, „glutt vndt hungers noth“, noch einmal auf und stellt als Höhepunkt im allerletzten Vers den erzwungenen Glaubensverlust der Bevölkerung deutlich über ihr physisches Leid. Die inhaltliche Zäsur findet also nicht wie im Normalfall zwischen der zweiten Quartette und ersten Terzette statt, sondern sie wird bis zum letzten Vers aufgeschoben, um einerseits möglichst viel Spannung aufzubauen und andererseits die Wichtigkeit der Hauptthese des Gedichts hervorzuheben.

Das Versmaß ist durchgehend ein sechshebiger Jambus. Oft sind Verse durch eine Zäsur nach dem dritten Takt mittig getrennt, was auch Alexandriner genannt wird. Hierfür ist inhaltlich kein zwingender Grund erkennbar, äußerlich verleiht es dem Gedicht allenfalls eine noch starrere und klassischere Form. Meiner Meinung nach liegt die Ursache der häufigen Anwendung dieser Versform darin, dass Andreas Gryphius in den Jahren vor der Entstehung des Sonetts vornehmlich Unterricht von solchen Lehrern erhielt, die Martin Opitz sehr nahestanden.2 Dessen Aussage: „Vnter den Jambischen versen sind die zue föderste zue setzen, welche man Alexandrinische ... zue nennen pfleget“3 trifft genau auf Gryphius` Werk zu.

Die Metapher „Threnen des Vatterlandes“ in der Überschrift nimmt das Thema des Gedichts, nämlich die Missstände in Deutschland, mit denen sich die Bürger zur Zeit des 30- jährigen Kriegs konfrontiert sahen, bereits vorweg.

Im ersten Vers wird der Zustand des Landes beschrieben, wobei das Correctio „ja mehr den gantz“ und das Ausrufezeichen am Versende eine erschreckende und einschüchternde Wirkung auf den Leser ausübt. Anschließend wird ihm mithilfe von Metaphern sehr anschaulich ein Kriegsszenario vor Augen geführt. Die Adjektive „freche(n)“, „rasend(e)“ und „donnernd(e)“ (Vers 2 bis 3) haben wiederum einen sehr einschüchternden Charakter und sind in diesem Zusammenhang äußerst passend angebracht. Bei der beschriebenen Szene handelt es sich m. E. aber nicht um eine direkte Kriegshandlung, sondern vielmehr um einen der kriegsüblichen Verpflegungsüberfälle, die Maurice Ashley wie folgt beschreibt: „Wie Heuschreckenschwärme fielen ... Söldner und Schlachtgefährten über das Land her, zerstörten Städte und Dörfer, verbreiteten Krankheiten und Hunger und mästeten sich mitleidlos an den deutschen Bauern.“4 Resultat ist auch im vierten Vers, dass die harte Arbeit der Bauern zunichte gemacht, und ihr „schweis / vnd fleis / vnd vorrath auff gezehret“ wurde.

Gryphius selbst erlebte die Besetzung seiner Heimatstadt Glogau und die damit verbundenen Plünderungen im Alter von sechs Jahren.5

Die zweite Quartette ist eine offensichtliche Steigerung der ersten und unterscheidet sich nur insofern von ihr, dass sie etwas allgemeiner und weitläufiger gefasst ist. Die Aussagen sind wörtlich zu nehmen, denn Brandschatzung, Zwangskonversion, fehlende Rechtssicherheit und Vergewaltigung gab es in jeder Stadt und in jedem Dorf, die vom Krieg berührt wurden. In dieser Strophe ist die Atmosphäre der Trostlosigkeit und absoluten Hilflosigkeit, die im gesamten Gedicht herrscht, besonders deutlich spürbar. „fewer / pest / vnd todt der hertz vnd geist durchfehret“ (Vers 8) hat Gryphius ebenfalls in jungen Jahren kennengelernt:

1628 wird Glogau durch kaiserliche Söldner besetzt und zwangsweise rekatholisiert, während die protestantischen Bürger vertrieben werden ( Gryphius und sein Stiefvater Michael Eder, beide protestantisch, gehen nach Driebitz ); im Juni 1631 brennt Gryphius` Geburtsort Glogau bis auf 60 Häuser ab und zwei Jahre später wütet die Pest in Schlesien.6

Dass der Krieg bei der Bevölkerung ständig präsent ist, drücken die Hyperbeln „Hier durch die schantz vnd Stadt / rint alzeit frisches blutt“ und „vnser ströme flutt / Von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen“ ( Strophe 3, Verse 1 bis 3 ) deutlich aus. Die Aussage „dreymall sindt schon sechs jahr“ ( Vers 2 ) gibt den Zeitpunkt des Kriegsbeginns, 1618, an. Teilt man die Zeitspanne 1618 bis 1636 ( Entstehung des Sonetts, zwölf Jahre vor Kriegsende ) tatsächlich in drei Etappen von je sechs Jahren ein, so erkennt man deutlich die wichtigsten Stationen des bisherigen Kriegsverlaufs:

Im Jahre 1618 begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten mit dem Prager Fenstersturz. Bis 1624 hatte sich der Konfessionskrieg auf

Deutschland beschränkt gehalten, doch nun begannen sich die Protestanten außerhalb des deutschen Reiches zusammen zuschließen und bald darauf in den Krieg einzugreifen. Mit dem 1630 intervenierenden Schwedenkönig Gustav Adolf hatten die bisher siegreichen kaiserlichen ( katholischen ) Truppen einen neuen protestantischen Gegner.7 Es ist anzunehmen, dass Andreas Gryphius politisch ausreichend informiert war um seiner Angabe von drei mal sechs Jahren einen sinnvollen Hintergrund zu geben.

In der vierten Strophe werden die schlimmsten Leiden, von denen bisher berichtet wurde, noch einmal wiederholt. Durch den Satzanfang „Doch schweig ich noch von dem, was ärger ... grimmer ...“ wird die schon bestehende Spannung weiter erhöht, bis sie in der Grundaussage des Gedichtes kulminiert: „Das nun der Selen schatz / so vielen abgezwungen.“ Im historischen Kontext ist hier mit Seelenschatz eindeutig die Religionsfreiheit gemeint; doch kennt man Gryphius als einen tiefreligiösen und frommen Menschen, so bietet sich noch eine zweite Erklärung dieser Bezeichnung an: Für jeden gläubigen Christen, sei er nun katholisch oder protestantisch, liegt der Seelenschatz in der Nächstenliebe und ist durch barmherziges und gütiges Handeln an Mitmenschen zu vergrößern. Bei Kriegszuständen wie im Gedicht beschrieben ist dies jedoch kaum möglich - denn jemand, der mit „todt“, „pest“, „glutt“ und „hungers noth“ ( Strophe 4, Vers, 2 ) zu kämpfen hat, ist zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt um edle Taten an seinem Nächsten zu vollbringen. Die fehlenden Möglichkeiten, seine Glaubensgrundsätze zu verwirklichen, müssen einem Gläubigen „ärger als der todt“ erscheinen und ihm das Gefühl geben, sein „Selen schatz / ... (würde) abgezwungen.“

Insgesamt spiegelt das Gedicht deutlich den Zeitgeist seiner Epoche wieder. Die Lyrik des Barock ( 1600 bis 1720 ) ist von starken inneren Spannungen gekennzeichnet, die aus den religiösen Umwälzungen jener Zeit resultieren. Der Mensch dieses Zeitalters ist zwischen zügelloser Weltfreude und strenger Weltabkehr, zwischen Glaubenstreue und Freidenkertum hin und her gerissen „und seine sittliche Bewährung inmitten der Anfechtungen der Welt wird zur Hauptfrage seines Daseins.“8 Der Vanitasgedanke, das Bewusstsein der Vergänglichkeit alles Irdischen, ist in dieser Zeit besonders ausgeprägt.

Gryphius` Standpunkt demgegenüber wird durch „Threnen des Vatterlandes / ...“ klar:

Er lädt hierin nicht nur die Fracht seiner schrecklichen Kindheitserlebnisse ab und stellt den Krieg unbeschönigt mit den Grausamkeiten, die er bewirkt, dar, sondern hebt vor allem die Wichtigkeit eines freien, festen Glaubens ausdrücklich hervor.

Es fällt außerdem auf, dass mit keinem Satz auch nur ansatzweise Kritik an den Kriegsparteien geäußert wird - das Gedicht ist ganz auf Klage und Bedauern über die entsetzliche Situation ausgerichtet, in der sich das Deutsche Volk befindet.

3. Schluss

Im letzten Teil meiner Arbeit möchte ich noch einmal auf Gryphius` Grundmotiv für „Threnen des Vatterlandes / ...“ eingehen. Er stellt die Vergänglichkeit alles Menschlichen in einen starken Kontrast zu dem immerwährenden Glauben, an dem der Mensch eben wegen seiner Hilflosigkeit und Flüchtigkeit festhalten muss. Aufgrund dieser frommen Auffassung sieht Gryphius die Kriegsgreuel, die er am eigenen Leib erfuhr und deshalb so prägnant wiedergeben kann, eher nebensächlich und erkennt die wahre Bedrohung des Menschen im abgezwungenen Seelenschatz, im fehlenden Glauben.

Es ist selbstverständlich, dass Andreas Gryphius, der sich inmitten der Zeit der Glaubensspaltung und Gegenreformation befindet, einen tieferen und auch engstirnigeren Eindruck von Religion hat als ein Mensch heute. Damals war es sicher so gut wie unmöglich, einen genügend großen Abstand vom öffentlichen Geschehen und von allgemein verbreiteten Meinungen nehmen um zu der Erkenntnis gelangen zu können, dass der Seelenschatz der Katholiken, Lutheraner und Calvinisten derselbe ist und insofern durch Zwangskonversion gar nicht abgezwungen werden kann.

4. Literaturverzeichnis

[...]


(1) Gryphius, Andreas: Threnen desVatterlandes / Anno 1636. In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur. Heft 7/8. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. Johannesdruck. München, 1980. S.90

(2) Ebenda. S.107

(3) Opitz, Martin: Poeterey. In: Andreas Gryphius. Eberhard Mannack. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung. Stuttgard, 1968. S. 29

(4) Ashley, Maurice: Das Zeitalter des Barock. Kindler Verlag. München, 1968. S. 186.

(5) Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur. Heft 7/8. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. Johannesdruck. München, 1980. S. 106.

(6) Ebenda.

(7) Ashley, Maurice: Das Zeitalter des Barock. Kindler Verlag. München, 1968. S. 159 - 187

(8) Das Grosse Buch Des Wissens. Hg. v. Dr. E. Wiegand u. Dr. M. Schinnagel. Fackelverlag. Stuttgard, 1964. S. 1906.

Details

Seiten
8
Jahr
2001
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102778
Note
Schlagworte
Gryphius Andreas Threnen Vatterlandes Anno

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Titel: Gryphius, Andreas - Threnen des Vatterlandes / Anno 1636