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Essstörungen während der Adoleszenz

Hausarbeit 2001 11 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Im Zuge meiner Arbeit schreibe ich heute über ein sehr heikles Thema, das vor allem junge Frauen betrifft: ESSSTÖRUNGEN DER ADOLESZENZ! Ich möchte damit beginnen, die Antwort auf die Frage: „Warum sind hauptsächlich Frauen davon betroffen?“ in der Geschichte zu suchen. Anschließend gebe ich einen kleine Überblick über die Merkmale der Bulimie und er Anorexie. Zu guter Letzt werde ich mich noch mit der gegenwärtigen Ursachenforschung beschäftigen.

Warum sind hauptsächlich Frauen von Essstörungen betroffen? Die Ärzte der Vergangenheit erklären diese Tatsache damit, dass das „Fasten für Männer viel schwerer ist, als für Frauen“. Heute werden eher Schlankheitsideale oder das Modediktat, dem sich die Mädchen leicht unterwerfen, als Erklärung angegeben. Edward Shorter weist allerdings darauf hin, dass die ersten Fälle einer neuen weiblichen Nahrungsverweigerung Anfang des 19. Jh. auftauchten, zu einem Zeitpunkt, als das weibliche Schlankheitsideal noch keine Rolle spielte. Shorter sieht vielmehr einen Zusammenhang zwischen der Geburt der Magersucht und der Entstehung eines neuen Familientypus im 19. Jh. Einem Familientypus, in dem die Familienmitglieder durch Gefühle und Zärtlichkeiten aneinandergekettet sind.

Weitere Begründungen wären, „die Angst erwachsen zu werden“ oder die „Ablehnung der Frauenrolle.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die Legende der Heiligen Wilgefortis erzählen. Diese Legende ist die Geschichte der siebten Tochter des Königs von Portugal, die einer Zwangshochzeit entkam, indem sie sich einer strengen Askese unterzog und kaum mehr Nahrung zu sich nahm. Gleichzeitig betete sie zu Gott und bat ihn, sie aller Schönheit zu berauben. Gott erhörte sie: ihr wuchs ein Bart. Der Bräutigam zog sich zurück. Ihr Vater ließ sie daraufhin ans Kreuz schlagen. Dort betete sie, dass die Menschen „der Passion gedenken der alle Frauen unterworfen sind“.6

Diese Legende blieb lange auf Portugal beschränkt. Ab 1200 breitete sie sich auch auf andere europäische Länder aus. Der Name Wilgefortis kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „die starke Jungfrau“. Die Legende ist ein Beispiel dafür, dass auch früher junge Frauen die Nahrung verweigerten. Diese Frau wollte eine Zwangsheirat verhindern. Dadurch wird der Zusammenhang zwischen Missbrauch und dem Wunsch nach Sexualität für immer zu entkommen gezeigt. Man sieht, dass Nahrungsverweigerung nicht immer gleichgesetzt werden muß mit der Erreichung eines Schönheitsideals, sondern, dass es auch sein, dass sich die Frauen ihrer Weiblichkeit entledigen wollen.

Damals wurden Frauen, die fasteten als Heilige verehrt. Ungefähr 50% der Klosterfrauen des 13. Jahrhunderts zeigen anorektische Verhaltensmuster. Das weibliche Ideal der Religion hing eng mit der Nahrungsverweigerung zusammen. Catarina von Siena ist das bekannteste Beispiel einer Anorektikerin dieser Zeit. Um einer Heirat zu entkommen begann sie sehr früh zu fasten. So verlor sie ihre Weiblichkeit.4

Im Fasten ist außerdem einer der grundlegenden Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Askese im Mittelalter zu suchen. Dieser Unterschied hängt eng mit den christlichen Lehren zusammen:

- Mönche fasteten, um sich von der Sünde, die außerhalb ihres Körpers lag, zu befreien.

Frauen fasteten, um sich von ihrem eigenen Körper zu befreien.

Kaum ein Mönch fastete bis zum Tode.

Der Tod wurde zum Ziel des weiblichen Fastens.

Für Männer war das Klosterleben die Verweigerung der umgebenden Kultur.

- Für Frauen war das Klosterleben hingegen ein Ort der Befreiung, die Freiheit geistigen

Tätigkeiten nach zu gehen und sich dem Sozialkodex zu entziehen, der sie der Herrschaft des Mannes unterwarf. Die Autonomie war das eigentliche Ziel des weiblichen Fastens.

Hinter der Nahrungsverweigerung der heiligen Anorektikerin verbarg sich also der Kampf um Autonomie. (Definition Autonomie: ist die Bestimmung der eigenen Andersartigkeit in Abgrenzung gegen einen anderen, dessen Dasein aber eben deshalb auch als existentiell notwendig erfahren wird (von Braun 1985), nicht die Unabh ä ngigkeit vom Anderen).

Aber auch außerhalb der Klöster gab es fastende Frauen. Durch das Fasten errangen die Frauen Unabhängigkeit. Sie bauten „Mauern um das Ich“. Die Askese hat die Auflehnung gegen die feste Burg „Familie“ und die Konstruktion um das „Ich“ mit der Magersucht gemein. Somit kann man die Essensverweigerung als „Kloster im Kopf“ bezeichnen.

Ab dem 14/15 Jahrhundert wurde das Fasten außerhalb der Klöster immer mehr verbreitet. Anorektische Heilige kamen immer seltener aus den Klöstern. Die Kirche versuchte die Ausbreitung des Fastens zu verhindern. Fastende Frauen galten als böse. Sie wurden oft hingerichtet. Doch nicht nur die Kirche, sondern auch die Medizin interessierte sich für das Fasten. Es ist auffallend, dass in medizinischen Schriften dieser Zeit ähnliche Merkmale auftauchten, die auch beim Umgang mit der modernen Anorexie ersichtlich sind.

Die erste genauere Beschreibung der Anorexia nervosa danken wir Richard Morton, einem englischen Arzt des 17. Jahrhunderts. In seinem Werk Phthisiologia (1689) schildert er eine Form der Schwindsucht, in der weder Fieber noch Atemnot festzustellen sind, die vielmehr durch Appetitverlust und Verdauungsbeschwerden charakterisiert wird. Diese Form der Schwindsucht bezeichnet er als „nervöse Atrophie“. Als ihre Hauptmerkmale nennt er Appetitlosigkeit, extreme Abmagerung, Verstopfung, Amenorrhoe und Hyperaktivität. Außer einer Hypothermie vermag er keine pathologischen Symptome zu entdecken. Die Gleichgültigkeit der AnorektikerInnen gegenüber ihrem Zustand fällt ihm besonders auf. Er vermutet, dass die „nervöse Auszehrung“ aus Traurigkeit und ängstlichen Sorgen entstamme.1

Bezeichnungen für Anorexie:

- Pubertätsmagersucht

- Magersucht

- Anorexia nervosa

- Anorexie

- In leichter Form: anorektische Reaktion2

Die Anorexie betrifft überwiegend Mädchen und beginnt meist ein bis zwei Jahre nach der Geschlechtsreife (inzwischen häufig auch schon früher). Die Mädchen reagieren auf die raschen körperlichen Veränderungen und wollen diese stoppen. Der zweite Gipfel der Anorexie ist am Ende der Jugend, wenn die Mädchen ca. 18 Jahre alt sind.2

Essgestörte Mädchen zeigen gewisse Merkmale. Ihr Denken und Verhalten dreht sich zwanghaft um das Essen und das Nicht-Essen. Ein unbeschwertes genießen, gesunder Appetit und Hunger sind der Betroffenen fremd. Das Essen ist verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, der Angst zu zu nehmen und dem Empfinden zu versagen. Das Schlanksein wird gleichgesetzt mit Glück, Erfolg und Tüchtigkeit.

Die oben genannten Merkmale sind bei allen Essstörungen zu finden. Typisch für die Magersucht ist jedoch, dass die Mädchen einen massiven Gewichtsverlust ohne körperliche Ursache erleiden. Ihre Stoffewechselvorgänge werden herabgesetzt, weil der Körper auf Sparflamme schalten muss, da er keine Energie mehr von außen bekommt. Die Folgen dieser Herabsetzung sind z.B. seelische Veränderungen wie ein Gefühl der Gefühllosigkeit oder der Abgehobenheit (solche Gefühle entstehen auch beim Fasten) aber auch Stimmungsveränderungen, weil auch der Stoffwechsel des Gehirns betroffen ist.

Zu diesen seelischen Veränderungen zählt außerdem auch die verzerrte Körperwahrnehmung. Die Mädchen haben das Gefühl total dick zu sein, obwohl sie fast gar nichts mehr wiegen. Weitere schwerwiegende Folgen der Anorexie sind das Aussetzten der Menstruation, eine Störung, die sich nur sehr schwer wieder normalisiert und ein durcheinander geratener Hormonhaushalt.2

Laut Sheila McLeod, die selber drei mal mit der Magersucht zu k ä mpfen hatte, ist diese Erkrankung ein Paradoxon, weil Euphorie und Depression gleichzeitig erlebt werden. Sie glaubt, dass die K ö rperwahrnehmung von Magers ü chtigen deshalb gest ö rt ist, weil sie nicht „ in ihrem K ö rper leben “ , sich nicht eins zu f ü hlen verm ö gen mit ihm. Der K ö rper ist ein feindliches Ding, das es zu kontrollieren gilt.3

Bei der Anorexie gibt es kein typisches Erscheinungsbild, es wandelt sich und wird vielfältiger. Merkmale können zutreffen, müssen aber nicht. Die Mädchens sind entweder süchtig nach Medikamenten oder entsagungsvoll. Meist wirken sie eher kindlich. Entweder sie weisen die Sexualität von sich, oder sie sind sexuell sehr aktiv. Einige leben isoliert und sind sehr kontaktarm, viele sind jedoch offen und kontaktfreudig.

Trotzdem unterscheidet man grob zwei Gruppen:

1.Gruppe: Die Mädchen sind energiegeladen und übereifrig. Sie bekochen die Familie, essen aber selber nichts. Sie betreiben viel Sport, sind fleissig in der Schule und bewältigen Kritik mit noch mehr Eifer. Sobald sich jemand um sie sorgt beginnen sie mit einem Täuschungsmanöver, indem sie normal essen und dann heimlich erbrechen, sich viele Kleider anziehen, heimlich trainieren und Abführmittel, Appetitzügler und Aufputscher verwenden. Wenn man sie dennoch ertappt versprechen sie immer Besserung.2

2. Gruppe: Die Mädchen sind ruhiger und stiller als andere. Sie wirken traurig und resigniert. Sie machen keine Anstalten ihre Krankheit zu verbergen. Viele leiden an einer Depression. In diesen Fällen ist die Therapie eine medizinische Behandlung des Depression.2

AnorektikerInnen habe ein ganz eigenes Essverhalten. Sie bauen umständliche Rituale in ihr Essen ein. Sie überlegen, wählen aus und zählen Kalorien. Sie hören nicht mehr auf ihr Hunger- bzw. Sättigungsgefühl. Das Essen wird für sie zur Gewissensfrage, sie betrachten es als Sünde. Sie beschäftigen sich gedanklich ständig mit dem essen. Sie haben wahnsinnige Angst zu zu nehmen. Außerdem hegen sie starke Neidgefühle gegenüber jenen, die essen können, ohne sich Gedanken zu machen.2

In bezug auf diese Erkrankung finde ich erschreckend, dass sie durch sehr banale Auslöser wie z.B. kleinen Veränderungen oder Kränkungen im Freundeskreis, durch Diäten, durch bewußtes Verändern des Essverhaltens, ausgelöst werden kann und wird. Als weitere Faktoren für die Entstehung dieser Essstörung werden folgende Merkmale gesehen.

1. Erbfaktoren, weil

- ... sie zur Entstehung fast aller seelischen Problem beitragen.

- ... sie die Erbanlage des Fettstoffwechsels bestimmen (wer beim Fasten schnell abnimmt ist mehr motiviert).

- ... weil sie auch eine Ursache der Depression sein können.

2. Hormonelle Ver ä nderungen und Stoffwechselver ä nderungen

3. Temperament (still, ü berangepasst, gewissenhaft)

4. Familiensystem:

Typisch für die Familie von Anorektikerinnen ist, dass sie nach außen harmonisch wirken und nach innen verdeckte Spannungen ersichtlich werden. Es besteht ein großer Wunsch nach Frieden und Einklang. Jeder möchte sich am anderen festhalten und sich für den anderen aufopfern. Die Großeltern spielen in diesen Familien häufig eine wichtig Rolle. Die Eltern fühlen sich dadurch selbst oft noch als Kinder.

Oft droht die Familie auch auseinander zu brechen. Dies kann z.B. durch eine Krankheit, die Ablösung eines Kindes/Geschwisters, durch eine Trennung oder gar Scheidung geschehen. AnorektikerInnen wollen die Familie auf alle Fälle zusammenhalten, weil sie sehr um den Familienfrieden bemüht sind.

Laut Christina von Braun sind die engen Familienbande allein noch keine befriedigende Erkl ä rung f ü r die Entwicklung von Essst ö rungen. Darauf verweisen Erkenntnisse, die bei einer transkulturellen Betrachtung zutage treten:

Wenn die Anorexie tats ä chlich eine „ Neurose der Intimit ä t “ darstellte, dann m ü sste sie unter orthodoxen j ü dischen Familien in der Diaspora besonders verbreitet sein. Diese Familien erf ü llen - in geradezu idealtypischer Form - alle Kriterien, die in den Lehrb ü chern als typische Voraussetzung f ü r die Entwicklung von Essst ö rungen beschreiben werden: enge, manchmal auch als erdr ü ckend beschriebene Familienbande, mit einer Mutter im Zentrum, zu deren wichtigsten Aufgabe die Erziehung der Kinder und die Kontrolle der Ern ä hrungsgewohnheiten geh ört. Nach den Kriterien der Lehrb ü cher m ü ssten orthodoxe jüdische Familien geradezu reihenweise T ö chter mit Essst ö rungen produzieren, was aber nicht der Fall ist, wie in zahlreichen Untersuchungen festgestellt wurde.(Christina v. Braun 1998) 4

Catherine Steiner-Adair (1998) stellt der alten Theorie, dass enge, erdrü ckende Familienbande eine Ursache fü r anorektisches Verhalten sind, eine v ö llig andere Theorie gegenü ber, ihre Theorie, die sie aufgrund ihrer Untersuchungen an Collegestudentinnen aufstellte, lautet:. Essst ö rungen grassieren in unserer Gesellschaft deshalb, weil die Frauen in gesundheitssch ä dlicher und unangemessener Weise zu Autonomie gedr ä ngt werden. (Essst ö rungen h ä ngen nach dieser Hypothese mit dem Einfluss kultureller Ma ß st ä be zusammen, die es M ä dchen schwer machen, Beziehungen in ihren Lebensentwurf zu integrieren und sie ernst zu nehmen.)

Catherine Steiner-Adair führte ihre Untersuchungen an amerikanischen Collegestudentinnen durch. Sie benannte Frauen, die einem Weiblichkeitsideal von Erfolg und Unabhängigkeit nacheiferten als „super women“ und jene, die sich von diesem Ideal distanzierten „wise women“. Auffallend war, dass die „super women“ viel anfälliger für Essstörungen waren, als die „wise women“. Steiner-Adair deutet diese Essstörung als Anpassung an das moderne Ideal der unabhängigen Frau. Diese Anpassung widerspricht den weiblichen Bedürfnissen, deshalb reagieren viele Frauen auf sie mit Essstörungen. Die „wise women“ besitzen ihrer Meinung nach die Fähigkeit, an eigenen Werten fest zu halten, auch wenn sie denen der Gesellschaft widersprechen. 5

Somit stehen sich zwei komplett verschiedene Theorien gegenü ber: in der einen wird die Ursache von Essst ö rungen in der mangelnden Autonomie der M ä dchen gesehen, in der anderen, ist die Verweigerung der Autonomie die Entstehungsursache.

5. Sexueller Missbrauch

(50% der essgestörten Mädchen wurden sexuell missbraucht; sie wollen ihre sexuelle Entwicklung stoppen, um unnahbar und unattraktiv zu sein)

6. Pubert ä tskrise

Hausarbeit: Essstörungen der Adoleszenz - 4 - Nicole Biedermann

WS 2000/2001

7. Identit ä tsfindung

Um die Ursache „Identitätsfindung“ näher zu erklären, möchte ich an dieser Stelle gerne das Beispiel von Sheila MacLeod einbringen, die durch ihre Magersucht, ihre Identität fand.

Sheila MacLeod erz ä hlt ihr Schicksal in dem Buch „ Hungern meine einzige Waffe “ 1983. Dieses Buch beschreibt die Identit ä tsproblematik einer Magersü chtigen.

Sheila lebte auf Lewis, einer schottischen Hebriden Insel, die sehr abgeschieden vom Rest der Welt war. Sie wurde als Tochter des Dorfschulleiters geboren und kam im Schulhaus zur Welt. Sie wuchs in einer Kleinfamilie auf, die aber selber wieder Teil eines Clans war. Von au ß en betrachtet hatte sie eine glü ckliche und idyllische Kindheit. Sie wurde als klug, lieb und gesund charakterisiert. Die Leute aus dem Dorf und ihre Eltern sagten ihr schon frü h eine akademische Karriere voraus. Diese ehrgeizigen Erwartungen wurden Sheila eingepr ä gt.

Auf der einen Seite genoss sie das Lob und die Bewunderung, auf der anderen hatte sie Zweifel an deren Berechtigung. Trotz ihrer Zweifel fü gte sie sich dem Leistungsdruck. Als sie fü nf Jahre alt warü bersiedelte ihre Familie nach London. Dort erf ä hrt sie, was es hei ß t eine Aussenseiterin zu sein. In der Schule war sie zwar die Klassenbeste, hatte aber keine Freundin. In dieser Zeit empfand sie den Vater als Tyrann und die Mutter als treulos, weil sie sich immer mehr ihrer jü ngeren Schwester zuwandte.

Mit 13 Jahren bekam Sheila ein Stipendium fü r ein vornehmes M ä dcheninternat. Trotzdem sie sich eigentlich von zu hause weg wü nschte, fü hlte sie sich aus dem Nest gesto ß en, weil sie glaubte, dass sich ihre Eltern freuten, sie endlich los zu sein.

Die Menstruation, die sie erst mit 15 Jahren bekam, l ö ste Schrecken und Abscheu in ihr aus. Sie hatte das Gefü hl, dass sich ihr K ö rper ihrer Kontrolle entzog. Wenn sie sich im Spiegel betrachtet sah sie sich als dick, obwohl sie sehr dü nn war.

In der Schule war sie wieder eine Aussenseiterin. Weil sie sich ihrer Herkunft sch ä mte erz ä hlte sie in der Schule Lü genm ä rchen bezü glich ihres Lebens. Das fü hrte dazu, dass sie sich auch dieser Lü gen wegen sch ä mte.

Aber nicht nur in der Schule fü hlte sie sich einsam, sondern auch wenn sie in den Ferien zu hause war. Sie hatte das Gefü hl nicht mehr dazu zu geh ö ren.

Eine weitere Krise hatte sie bezü glich ihres Geschlechts. Sie fü hlte sich weder weiblich noch m ä nnlich, was bewirkte, dass sie versuchte ihre Geschlechtsreife auf zu schieben bis sie ihr gewachsen war. Dadurch wurde das Abnehmen zum Inhalt ihres Daseins. Sie versuchteü ber diesen Weg ihre eigene Identit ä t zu finden.

Mit Hilfe von Lü gen und Heimlichkeiten nimmt sie ab, bis sie nur mehr 38 kg wiegt. Das Ausbleiben der Menstruation empfindet sie als positiv. Somit kann sie endlich sein, was sie sein will: ein kleines M ä dchen. Sie lebt in der Illusion endlich die Allmachtü ber ihren K ö rper gewonnen zu haben.

Sheila hat den Weg aus der Magersucht geschafft. In den letzten 20 Jahren musste sie allerdings mit zwei Rückfällen fertig werden. Jedoch ist sie dank der Strategie der Magersucht ihre eigene Identität gewachsen.1

Es stellt sich nun die Frage, was man gegen diese gemeine Krankheit tun kann.

Es gibt unzählige Therapieverfahren, die jedoch allesamt nicht mit Sicherheit Heilung versprechen.1/3 der PatientInnenüberwindet die Krankheit innerhalb eines Jahres. Die restlichen 2/3überwinden die Krankheit längerfristig mit immer wiederkehrenden Rückfällen. 5-10% der Betroffenen sterben an den Folgen der Krankheit. Viele sind ihr Leben lang beeinträchtigt. Je später die Personen erkranken, desto ungünstiger ist ihr Verlauf. ABER: Man darf die Statistik nicht auf Einzelfälle umwälzen. Jeder Einzelfall muss neu bedacht werden.

Die Verfahren unterscheiden sich in ihrer Eignung

- für akutes Eingreifen und zurüberbrückung

- für erst seit kurzem bestehende Ersterkrankungen

- für hartnäckige Formen nach mehreren Rückfällen

- für Formen mit schwerster körperlicher Abmagerung und Lebensgefahr

- für Kinder und Familien, die sich auf eine mehrmonatige stationäre Behandlung einlassen können

- für Kinder, deren Zustand es erlaubt, sich für eine Behandlung anzumelden und auf einen Platz zu warten

- für Familien, die sich darauf einlassen können, am Behandlungsprozeß teilzunehmen

- für Kinder bezüglich einer bestimmten Region, in der sie leben

- für Kinder und Familien, die große Probleme haben, sichüberhaupt für eine stationäre Behandlung zu entscheiden und dies nur unter starkem äußeren Druck tun.(Bois, Reinmar2000 )

Bei jeder Therapie müssen die verschiedenste Fragen, wie z.B. Ist in zumutbarer Nähe ein

Therapeut, der eine ambulante Behandlung anbietet? Liegt seine Methode der Familie? Kann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden?...bedacht werden.

Wichtig ist, dass die Patientin stets regelmäßige Kontrollen und Wiegetermine bei einem ihr vertrauten Arzt hat. Die ärztlicheüberwachung des Gewichts ist unbedingt notwendig. Der Arzt bestimmt auch den Druck für die Entscheidung, welche Therapie gewählt werden soll. Der Hausarzt schreibt meist eineüberweisung in Klinik. Dort werden Maßnahmen ergriffen, die körperlichen und seelischen Probleme der Betroffenen in den Griff zu bekommen. Die Therapie kann ambulant oder stationär erfolgen.

Die stationäre Therapie ist sehr vielseitig. Sie wird an die Bedürfnisse des Kindes angepaßt. Im Vordergrund stehen die körperliche Stabilisierung, die psychologische Unterstützung und die künstliche Ernährung. Eine wichtige Starthilfe für die stationäre Therapie ist die Unterstützung der Eltern. Die Eltern müssen fest entschlossen sein die Therapie durch zu führen und zu halten. Außerdem ist es sehr wichtig, dass die Eltern intensiv mit den Ärzten zusammenarbeiten. Sie müssen erreichen, dass sich das Kind eingesteht, dass es nicht nur gefährlich dünn, sondern auch psychisch krank ist.

Diverse Spezialkliniken in Kurorten haben ein breitgefächertes Angebot, das von ambulanter Hilfe und medizinischen Kurzzeitmaßnahmen bis hin zu einer langzeitigen jugendpsychologischen Milieutherapie reicht. Den Betroffenen wird auch geraten an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Diese Angebote sind für jene Kinder gedacht, die ein bestimmtes Mindestgewicht wieder erreicht haben und fähig sind, es auch zu halten.

Eine gute Klinik ist allerdings nicht für jede Form der Anorexie zu jedem Zeitpunkt gut. Die Entscheidung welche Therapie wo durchgeführt wird, wird primär vom körperlichen Zustand des Kindes abhängig gemacht.

Seit Ende der siebziger Jahre wird die Essstörung Bulimia nervosa als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben.

Bezeichnungen für Bulimie :

- Bulimie

- Bulimia nervosa

- Freß-, und Brechsucht

- Heißhungerattacken

- Hyperotexie

- Bulimarexia (Magersucht und Erebrechen)

- Emotional instabile Persönlichkeit mit Heißhungerattacken.7

Bulima nervosa leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet wörtlich Ochsenhunger. Diese Bezeichnung deutet auf eines der Hauptsymptome dieser Erkrankung hin. Den Fressanfall, der auch als Essanfall oder Heisshungerattacke bezeichnet werden kann. Bei solchen Fressanfällen verschlingen die PatientInnen meist riesige Mengen von Nahrungsmitteln mit oft besonders hohem Nährwert.

Die Häufigkeit dieser Fressanfälle ist unterschiedlich und reicht von ein paar mal monatlich bis täglich. Neben den episodischen Fressanfällen ist das Essverhalten der Bulimie- PatientInnen durch stark gezügeltes Essen charakterisiert. Diese Fastenphase wird dann wieder durch einen Fressanfall unterbrochen.

Die Fressanfälle werden entweder spontan ausgelöst (z.B. durch Einsamkeit oder durch eine Enttäuschung) oder schon lange vorher geplant. Manche Mädchen tätigen dann richtige Hamsterkäufe und geben enorm viel Geld für Lebensmittel aus.

Ein weiteres Merkmal ist, dass die Mädchen versuchen, die Folgen der Nahrungsaufnahme durch Maßnahmen der Gewichtskontrolle zu kompensieren. Ungefähr 80% erbrechen nach einem Fressanfall. Die restlichen 20% verwenden Abführmittel bzw. Entwässerungstabletten. Das Erbrechen ist eine Sucht ähnliche Gewohnheit. Es gelingt immer leichter, weil der Brechreiz gebannt wird.

Auch von dieser Form der Essstörung sind vor allem Mädchen betroffen. Nur ungefähr 10% der Patienten sind männlich. Die Altersgrenze liegt bei ca. 18 Jahren, also an der Schwelle zum erwachsen werden. Aus vielen Untersuchungen geht allerdings hervor, dass auch immer mehr, deutlich jüngere Mädchen davon betroffen sind. Die Zahl der Erkrankungen steigt an.

Als mögliche Ursachen, die die Entstehung der Krankheit unterstützen können (aber nicht müssen) werden folgende Faktoren gesehen:

- Persönlichkeitsschwächen

- depressive Veranlagung

- Störung der Impulskontrolle und Identität

- Neigung zu süchtigem Verhalten

- gesellschaftliche Bedingungen

- sexueller Missbrauch

Häufig leiden die PatientInnen schon vor der Erkrankung unter starken seelischen Problemen. Bei manchen gehen diese Probleme so weit, dass sie an die Grenze einer seelischen Krankheit stoßen. Aus diesem Grund wird oft von der „Borderline Störung“ gesprochen. Die bei dieser Störung gemeinte Grenze zu Erkrankungen aus dem Bereich der schizophrenen Psychosen wird nur fast erreicht und kaum jeüberschritten. In manchen Fällen gewinnt man den Eindruck, dass die Bulimie die letzte Auffanglinie vor der Psychose ist und das völlige Auseinanderbrechen des Menschen verhindert.7

Der Weg in die Bulimie beginnt meist mit starken Wünschen nach Versorgung und Zuwendung, die enttäuscht werden. Aus dieser Enttäuschung wächst eine aggressiv gefärbte Anspruchshaltung, die auf die Nahrung verschoben wird.

In den Familien der BulimikerInnen findet man häufige getarnten Unfrieden, versteckte Feindseligkeiten und Schwächen anderer Familienmitglieder wie Alkohol- und Tablettenmißbrauch. Ihre Beziehung zur Mutter ist meist heikel und von Neid, Rivalität und gegenseitiger Herabsetzung geprägt. Einerseits will das Mädchen von der Mutter versorgt werde, sucht Nähe und Zuneigung, andererseits sieht sie sie als böse, herzlose Frau. Wenn das Mädchen von der Mutter Nahrung annimmt wird sie quasi vergiftet. Die Nahrung muss wieder heraus. Es muss nicht sein, dass die Beziehung zur Mutter immer schon schlecht war. Meist entwickelt sich das schlechte Verhältnis erst im Laufe der Krankheit.

Die Bulimie kann gut verborgen werden, weil die Mädchen nicht abnehmen. Meist halten sie sie lange geheim. Im Gegensatz zu den AnorektikerInnen kommen die BulimikerInnen allerdings selber drauf, dass sie krank sind und suchen meist von sich aus Hilfe.

Die „perfekte Fassade“ macht einen Therapie sehr schwer, weil man die Krankheit nicht glauben kann. Es ist sehr schwer zu begreifen bzw. zu spüren, wie schlecht es den Mädchen wirklich geht.

Die Therapie der Bulemikerinnen setzt bei jedem Fall an einem anderen Ausgangspunkt an. Die PatientInnen suchen aus den unterschiedlichsten Gründen einen Weg aus der Krankheit. Bei manchen ist es ein Ausweg aus einer familiären Notlage, bei anderen aus einer Abhängigkeit in der sie Missbrauch erlitten haben. Andere wiederum leben in einer dauerhaften, aber gefährdeten Partnerschaft und wollen diese mit der Therapie retten. Es sind also unterschiedliche therapeutische Vorgehen nötig.7

a. Therapie bei besonders stark erkrankten Mädchen:

Diese Mädchen leben meist in ungefestigten, schnell wechselnden Verhältnissen. Sie haben eine geringe Kontrolleüber ihre Impulse und fügen sich häufig selbst Schaden zu. Die Mädchen benötigen eine intensive Einzeltherapie oder einen Klinikaufenthalt. Während der Therapie fällt häufig auf, dass die Mädchen einerseits sehr anlehnungsbedürftig sind und sich fallen lassen, andererseits kämpfen sie dann wieder um ihre Unabhängigkeit, weil sie sich in die Therapie gezwungen fühlen. Sie werfen ihrem Therapeuten vor er hätte sie gewaltsam unterwerfen wollen, was für den Therapeuten eine große Gefahr darstellen kann. Trotzdem ist die Einzeltherapie der beste Weg zur Hilfe.

Das Problem der Einzeltherapie besteht allerdings darin, dass sich eine therapeutische Abhängigkeit entwickeln kann, was bei der Gruppentherapie nicht passiert.

b. Therapie bei nicht so stark erkrankten Mädchen:

Darunter versteht man Mädchen, die in dauerhaften sozialen Bindungen leben und sich im Alltag einigermaßen behaupten. Für diese Mädchen eignet sich am besten eine Gruppentherapie, auch um eine therapeutische Abhängigkeit zu vermeiden. Außerdem wird den Mädchen eine Teilnahme an inzwischenüberall vorhandenen Selbsthilfegruppen empfohlen.

Während der Therapie werden Themen wie die Selbstunsicherheit, der Wunsch nach Attraktivität, die negative Gefühle gegenüber der Mutter, die Angst vor Nähe und Verführung, die Angst vor dem Verlust der Kontrolle angesprochen. Die direkte Bearbeitung der Symptome ist sehr wichtig. Die Patientinnen müssen Rechenschaftüber den Verlauf ihrer Krankheit ablegen.

Mit eigenen Mitteln, wie z.B. regelmäßiger Gewichtskontrolle, Tagebüchern oder Essensplänen, haben sie die Möglichkeit ihre Selbststeuerung zu verbessern.7

Es stellt sich nun die Frage was unterscheidet die Anorexie von der Bulimie und zeichnet beide Krankheiten aus:

Ich möchte mit den Gemeinsamkeiten beginnen. Bei beiden Krankheiten handelt es sich um Essstörungen, die hauptsächlich junge Mädchen betreffen. Diese Mädchen beschäftigen sich gedanklich fast ausschließlich mit ihrer Figur, ihrem Gewicht und ihrer Ernährung. Sie stecken viel Energie in Sport.

Der gröbste Unterschied dieser Erkrankungen ist die Tatsache, dass BulemikerInnen immer wieder Fressanfälle haben und im Anschluss daran die gerade verzehrte Nahrung wieder erbrechen. Auch magersüchtige Mädchen erbrechen ab und zu, allerdings leiden sie nicht unter den Heisshungerattacken. Es ist jedoch schon möglich, dass sich aus einer Anorexie eine Bulimie entwickelt. Diese Form der Bulimie nennt man dann Bulimarexia. Ein weiters sehr wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist, dass Mädchen, die an Bulimie erkrankt sind, sehr wohl wissen, dass sie krank sind und eine Therapie häufig aus eigener Initiative beginnen. Magersüchtige Mädchen sind nicht in der Lage ihre Krankheit zu erkennen. Sie leiden an einer verzerrten Körperwahrnehmung, die verhindert, dass sie das Ausmaß ihrer Abmagerung erkennen können.

Im Gegensatz zu den AnorektikerInnen besteht bei den BulimiepatientInnen nie die Gefahr, dass sie lebensbedrohlich abmagern. BulimikerInnen sind meist normalgewichtig. Sie sind obendrein noch sehr auf ihr Äußeres bedacht. Nach Außen wirken sie oft sehr attraktiv und gesund, was eine Therapie sehr schwer macht, weil man die Tragweite ihrer Erkrankung nicht fühlen kann Bulimische Mädchen sind sexuell aktiv, anorektische meist nicht.

Die Mädchen, die an Bulimie leiden hatten schon vor ihrer Erkrankung mit schweren seelischen Problemen zu kämpfen. Häufig ist die Bulimie die letzte Auffanglinie vor einer Psychose.

Ich habe jetzt markante Merkmale dieser beiden Essstörungen beschrieben. Wie ich oben schon mal erwähnt habe sind von diesen Störungen hauptsächlich Mädchen betroffen. Mir ist nicht klar warum und wieso das so ist, ich weiss nur, dass es so ist. Im folgenden möchte ich einige Aspekte beschreiben, die diese Entwicklung erklären können.

Die Ursachenforschung der Essstörungen hat sich bis vor kurzem ausschließlich auf drei Untersuchungsfelder konzentriert. Die Psychodynamik, die Familienstrukturen und die organischen Funktionen. Bis heute gibt es allerdings keine Theorie, die erklären kann, warum besonders junge Frauen in der ersten Welt, die dem christlichen Glauben angehören, von diesen Störungen betroffen sind. Anhand dieser Theorien werden Essstörungen auf ein Misslingen von Autonomiebestrebungen zurückgeführt.

Anhand ihrer Untersuchungen an Collgegestudentinnen stellt Catherine Steiner-Adair diesen Theorien eine neue gegenü ber, die das Gegenteil besagt:

Essst ö rungen grassieren in unserer Gesellschaft deshalb, weil die Frauen in gesundheitssch ä dlicher und unangemessener Weise zu Autonomie gedr ä ngt werden. (Essst ö rungen h ä ngen nach dieser Hypothese mit dem Einfluss kultureller Ma ß st ä be zusammen, die es M ä dchen schwer machen, Beziehungen in ihren Lebensentwurf zu integrieren und sie ernst zu nehmen.)

Ich möchte ihrer Theorie wie folgt kurz erklären:

Die Erklärung dafür, dass hauptsächlich junge Frauen von Essstörungen betroffen sind, könnten soziokulturelle Einflüsse sein, denen sie heute ausgesetzt sind. Essstörungen könnten Bewältigungsstrategien sein, für Anforderungen mit denen junge Frauen konfrontiert werden. Autonomie wird heute als Ziel des Reifungsprozesses gesehen. Dabei wird allerdings nicht bedacht, dass gerade Bindungen und Beziehungen besonders wichtig für die Reifung der weiblichen Persönlichkeit sind. Für die männliche Entwicklung hingegen bedeutet die Ablösung eine Stärkung ihrer geschlechtlichen Identität.

Douvan und Adelson (1966) stellten im Zuge ihrer ersten Untersuchungen bezüglich möglicher Unterschiede zwischen der männlichen und der weiblichen Adoleszenz fest, dass „ M ä dchen „ Identit ä t im Zuge eines Prozesses “ herstellen, in dessen Verlauf das Individuum die eigenen inneren Normen mit Hilfe seiner Bindungen an andere findet und definiert “ .( 5.1 In unsere Gesellschaft werden die Mädchen dazu erzogen, die Bedeutung von Beziehungen zu entwerten und Autonomie und Unabhängigkeit hoch zu schätzen (zwei typisch männliche Persönlichkeitsmerkmale).

Bereits Jugendliche vor der Adoleszenz konnten typisch weibliche von typisch männlichen Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden, wobei auffiel, dass die weiblichen Merkmale (schwach, ängstlich, unfähig,..) im Gegensatz zu den männlichen (stark, furchtlos, leistungsfähig...) stets negativ bewertet wurden. Die ideale menschliche Entwicklung wird also mit Männlichkeit definiert. Die Mädchen haben somit ein großes Problem. Auf der einen Seite brauchen sie Beziehungen, um sich ihre Identität aufzubauen, auf der anderen Seite werden ihnen von der Gesellschaft aber ganz andere Ziele vorgesetzt.5

Ähnlich geht es jungen Mädchen, wenn es darum geht ihren eigenen Körper als einen Teil von sich selbst zu akzeptieren. Heute werden Mädchen so sozialisiert, dass sie ihren Körper gar nicht akzeptieren können. Wie kann ein Mädchen mit einem durchschnittlichen Körperbau, in einer Gesellschaft, die Frauen nach ihrem Aussehen beurteilt und sie dazu auffordert ihren Körper so zu verändern, dass er einem bestimmten Schönheitsideal entspricht, ihren Körper lieben? Mädchen reagieren leichter auf den Zwang von Idealen als Burschen. Ihr Selbstvertrauen hängt stark von ihrer persönlichen Zufriedenheit mit ihrer Figur bzw. ihrem Aussehen ab.

Wooley und Wooley (1980), Bar-Tal und Saxe (1976), Fischer (1975) und Clausen (1975) haben eines gemein. Sie haben alle anhand diverser Untersuchungen festgestellt, dass attraktive Frauen es leichter haben im Leben, weil unsere Gesellschaft die Frau nach ihrem Äusseren beurteilt.5

Es gibt Faktoren, die darauf hinweisen, dass es sich bei der modernen Anorexie um ein geistesgeschichtliches Phänomen handelt, wie sonst kann man sich die Tatsache erklären, dass das eine Zeitalter das weibliche Fasten dem Bereich der „Heilslehre“, das andere dem Bereich der „Krankheiten“ zuschreibt. Die Tatsache, dass die Essstörungen ausschließlich in den Industrieländern vorkommen, die dem Christentum angehören, wirft allerdings die Vermutung auf, dass es sich um ein kultur- und sozialgeschichtliches Phänomen handelt. „ Tats ä chlich ist es bemerkenswert, dass sowohl in der Vergangenheit, als auch heute nur sehr unbefriedigende Erkl ä rungen dafü r zu finden sind, warum das Fasten (sowohl das „ heilige “ der mittelalterlichen Nonnen, als auch das „ kranke “ der heutigen AnorektikerInnen) weit mehr Frauen und M ä dchen als M ä nner und Knaben betrifft! (Christina von Braun 1998).

Mit diesem Zitat von Christina von Braun möchte jetzt enden. Im Zuge meiner Arbeit habe ich vielüber Essströungen gelernt, und mir ein eigens Bildüber diese Problematik gemacht. Für mich handelt es sich bei der Anorexie und der Bulimie um zwei völlig verschiedene Erkrankungen. Die Ursachen der Anorexie sehe ich in dem Wegschieben der Weiblichkeit. Die Mädchen können sich mit ihrer weiblichen Rolle nicht identifizieren, wohingegen die Bulimie für mich eine Krankheit ist, mit deren Hilfe das Mädchen ein Schönheitsideal erreichen will. Diese Mädchen haben für mich den Willen, besonders hübsch zu sein, indem sie schlank sind.

Ich kann mich mit meiner Interpretation dieser Essstörungen auch täuschen. Angeregt durch diese Arbeit möchte ich allerdings auf die wahren Hintergründe kommen. Ich werde mich sicherlich weiterhin mit dieser Thematik beschäftigen, da ich das Gefühl habe, dass es sich hierbei wirklich um eine ernstes Problem unserer Gesellschaft handelt.

Literaturverzeichnis:

[...]


1 Hunziker-Fromm Gertrud (1986): Entfremdung und Selbstsuche in der Anorexia; in: Benedetti, G.; Wiesmann, L. (Hg.): Ein Inuk sein. Interdisziplinäre Vorlesungen zum Problem der Identität, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S209-223

2 Bois, Reinmar du (2000): Jugendkrisen: erkennen - verstehen - helfen, München: Beck, S. 90-107

3 Habermas, Tilmann (1998): Essstörungen der Adoleszenz, in: Oerter, rolf; Montada, Leao (1998): Entwicklungspsychologie (4. Korrigierte Auflage!), S. 1069-1075

4 Braun, Christina v. (1998): Das Kloster im Kopf. Weibliches Fasten von mittelalterlicher Askese zu moderner Anorexie, in Flaake, K.; King, V. (Hg.): Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, Franfurt/M.: Campus, S 213-239

5 Catherine Steiner-Adair, Körperstrategien. Weibliche Adoleszenz und die Entwicklung von Essstörungen, in Flaake, K.; King, V. (Hg): Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, Frankfurt/M.: Campus, S. 240-253

6 Vgl. Lacy, Hubert J., 1982: Anorexia nervosa and a bearded female saint. In: British Medical Journal 285 (Juli/Dezember), 1816ff.-Farmer, S.A., 1978: Oxford Dicitonnary of Saints. London.-Huysmans, J. K., 1903: De tout. 9. Auflage.Paris, 273-280; 309-311.

7 Bois, Reinmar du (2000): Jugendkrisen: erkennen - verstehen - helfen, München: Beck, S. 200-214

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102312
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
gut
Schlagworte
Essstörungen Adoleszenz Chancen Krisen Entwicklung

Autor

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Titel: Essstörungen während der Adoleszenz