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Überblick über die Streßforschung & das Streßmodell von Lazarus

Skript 2001 11 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Überblick über die Streßforschung & das Streßmodell von Lazarus

Zusammenfassung zur Vorbereitung der Diplomarbeit, 2000

′Streß′ ist ein Begriff, der sowohl umgangssprachlich als auch in der Wissenschaft oft und in verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird. Der Begriff wird dadurch unscharf und un­eindeutig. Um eine Verständigungsbasis zu schaffen, ist es deshalb ist notwendig, den Begriff ′Streß′ und auch andere Begriffe wie ′Stressor′ und ′Streßverarbeitung′ zu definieren. Weiterhin sollen die wesentlichen Strömungen der Streßforschung und ihre Vertreter vor­gestellt werden, wobei im Wesentlichen der Darstellung von Laux (1983) gefolgt wird. Dabei kommt eine besondere Bedeutung der Streßkonzeption von Lazarus (1966; Lazarus et al., 1980; Lazarus, 1991) zu, weil die Streßtheorie von Lazarus die theoretischen Ansätze der Streß­forschung dominiert. Sein Konzept der Bewertung und Einschätzung (appraisal) macht die Unterscheidung von Streß auf sozialer und physiologischer Ebene möglich und ist das Hauptmerkmal einer rein psychologischen Streßauffassung (Laux, 1983).

1. Definitionen des Streßbegriffs

Der Begriff ′Streß′ leitet sich ab von lat. ′stringere′ = ′zusammen ziehen, verengen′ in Anspiel­ung auf die Symptome einer Streßreaktion wie Atemnot, Brustenge oder Beklemm­ungs­gefühle. Im Englischen bedeutet ′stress′ = ′Beanspruchung, Spannung, Druck′, wie der Be­griff im 17. Jahrhundert von Hooke physikalisch-technisch definiert wurde: ′Ladung (load)′ be­zeichnet die Kraft, die auf ein Objekt gerichtet wird, ′Streß′ bezeichnet die Art, in der die Kraft auf das Objekt übergreift, und ′Inanspruchnahme (strain)′ meint die resultierende Verformung des Objekts. Übertragend auf das Lebewesen wird Streß als ein biologisches Ungleichge­wicht gesehen, das behaviorale oder physiologische Vorgänge aktiviert, um das gestörte Gleich­gewicht wieder herzustellen (Lazarus, 1991).

Der Begriff Streß wird in der heutigen Zeit in der Umgangssprache, aber auch in der Forschung häufig und in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet und ist deswegen sehr vieldeutig und vage. Einige Wissenschaftler lehnen daher die Verwendung des Begriffs ab, andere schlagen einen Gebrauch des Begriffs in präziser, eng umschriebener Bedeutung vor. Eine weitere Meinung geht dahin, den Begriff als Sammelbegriff zu verwenden, der die unterschiedlichsten Forschungsansätze integrieren und verbinden soll. So unterschiedlich die Ansichten sind, wie man den Begriff ′Streß′ verwenden soll, so viele Definitionsrichtungen für diesen Begriff gibt es auch. Diese lassen sich allerdings zu drei grundlegenden Ansätzen zusammen fassen. Laux (1983) unterscheidet

a) situationsbezogene, b) reaktionsbezogene und c) interaktionistische & transaktionale Streßdefinitionen,

die Streß bezogen auf die Streßsituation, die Streßreaktion oder bezogen auf die Interaktion von Anforderungen und Ressourcen des Individuums definieren.

a) Situationsbezoge (reizbezogene) Streßdefinition:

Dieser Ansatz übernahm die physikalisch-technische Streßdefiniton durch das oben erwähnte Hooksche Gesetz und definiert den Begriff ausgehend von der Streß auslösender Situation bzw. dem Streß auslösenden Reiz. ′Streß′ wird im deutschen Raum üblicherweise mit psychischer Belastung übersetzt als die Summe aller auf den Menschen von außen einwirkende Größen, zu denen auch meteorologische, familiäre und gesellschaftliche Einflüsse gehören. Der Begriff ′Strain′ dagegen wird als psychische Beanspruchung bezeichnet, die als ein im Menschen ablaufender, nicht nur von den Belastungsfaktoren, sondern auch von Motiviertheit und physiologischer Disposition abhängender Prozeß verstanden wird. Es wird also unterschieden zwischen den Anforderungen der äußeren Umwelt (oder auch Stressoren) als Streß und den wahrgenommenen Anforderungen (bei anderen Autoren: Reaktionen auf Streß) als Strain. In neueren situationsbezogenen Streßkonzepten wird die Bedeutung kognitiver Bewertungsprozesse hervorgehoben, welche die große interindividuelle Variabilität der Reaktionen auf gleiche Streßsituationen zu erklären. Demnach ruft eine Situation nur eine Streßreaktion hervor, wenn die Person die Gefahr erkennt und nicht über die geeigneten Bewältigungsstrategien verfügt, unabhängig davon, ob die Situation objektiv gefährlich oder neutral ist.

b) Reaktionsbezoge Streßdefinition:

Der Streßbegriff wurde von Selye (1956, S. 54) physiologisch-endokrinologisch definiert als ′Zustand, der sich als spezifisches Syndrom[1] manifestiert, das aus allen unspezifisch induzierten Veränderungen[2] innerhalb eines biologischen Systems besteht′, das heißt, als Allgemeines Adaptationssyndrom (AAS). Diese Definition drückt die Grundidee des reaktionsbezogenen Streßdefinitionsansatzes aus, der aus dem Vorhandensein bestimmter Reaktionen auf das Vorhandensein von Streß schließt. Meist wird der Streßbegriff für negative unlustbetone Zustände reserviert, doch Janke (1974) betrachtet wie Selye Streß als unspezifisch. Bei Janke können auch lustbetone Emotionen wie Freude oder Begeisterung Streß auslösen, weil Janke Streß als psychisches oder somatisches Geschehen, das hinsichtlich seiner Intensität und / oder Dauer von der intraindividuellen Normallage abweicht, unabhängig von dessen Qualität definiert. Das Streßmodell von Janke wird weiter unten näher ausgeführt.

c) Interaktionistischer / transaktionaler Ansatz: Ungleichgewichtskonzeptionen von Streß:

Dieser Ansatz folgt der Annahme, daß die Eigenschaften einer Person auf die Wahrnehmung und kognitive Strukturierung einer Situation Einfluß nehmen. Nimmt die Person ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen der Umwelt und der eigenen Reaktionskapazität oder Bewältigungsmaßnahmen fest, tritt Streß auf. Bei Ungleichgewichtskonzeptionen von Streß sind interaktionistische von transaktionalen Definitionen zu unterscheiden. Mit Interaktion ist eine einseitige Beeinflussung des Verhaltens einer Person durch ihre Umwelt gemeint. Vertreter dieser Forschungsrichtung sind Schulz & Schönpflug (1982). Bei einer Transaktion dagegen beeinflussen sich Person und Umwelt wechselseitig: die Person paßt ihr Verhalten an die Umwelt an und beeinflußt und verändert damit die Umwelt. Der wichtigste Vertreter transaktionaler Streßtheorien ist Lazarus (Lazarus & Launier, 1978). Seine Streßtheorie eignet sich am besten, psychologischen Streß zu erklären, weil sie die individuelle Motivation und Bewertung der Umwelt mit einbezieht. Darum soll sie im folgenden näher ausgeführt werden (siehe Punkt 5).

2. Klassifikation von Streßsituationen

Spielberger (1972) als einer der wichtigsten Vertreter des situativen Streßdefinitionsansatzes definiert Streß als durch einen gewissen Grad ′objektiver Gefahr′ gekennzeichnete äußere Reizbedingungen oder Situationen, wobei er das Mitwirken von Wahrnehmungs- und kognitiven Bewertungsprozessen postuliert. Was nun genau eine streßreiche Situation ausmacht, kann man a) a-priori (durch theoretische Überlegungen) oder b) empirisch (im Experiment) festlegen.

a) Bei den a-priori-Klassifikationen wird in der ein oder anderen Weise unterschieden zwischen physikalischen / physischen Streß- oder Gefährdungssituationen, wie sie z.B. durch einen Schock entstehen, und psychischen / ich-involvierenden Stressoren, die den Selbstwert der Person gefährden. Janke (1974) nennt fünf Klassen von Stressoren. Zum einen sind es äußere Stressoren wie Überflutung mit oder Entzug von sensorischer Information (z.B. Lärm bzw. Deprivation), Schmerzreize und reale oder simulierte Gefahrensituationen (z.B. Fallschirmabsprünge, Unfälle, Operationen, Kampf). Zum anderen faßt Janke Reize, die zur Deprivation primärer Bedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Schlaf etc. führen, als weitere Klasse von Stressoren zusammen. Daneben nennt Janke auch Leist­ungs­stressoren (Über- oder Unterforderung, Versagen in Leistungssituationen, Prüfungen), Soziale Stressoren (soziale Isolation, interpersonale Konflikte, Änderung der Lebens­gewohnheiten, Verlust von Verwandten) und Andere Stressoren (Konflikt, Unsicherheit). Prystav (1979) spricht sich dafür aus, Streßsituationen nicht physikalisch oder inhaltlich zu charakterisieren, sondern durch generelle Merkmale wie Kontrollierbarkeit, Vorhersagbarkeit und zeitliche Nähe des Stressors.

b) Bei empirisch begründeten Klassifikationen von Streßsituationen unterscheidet man wahrnehmungs- und reaktionsbezogenen Ansätze. Der wahrnehmungsbezogene Ansatz geht davon aus, daß Streß durch individuelle Wahrnehmung und Interpretation von Situationen entsteht. Der reaktionsbezogene Ansatz dagegen beschreibt und klassifiziert Streß-Situationen nach den auf kognitiv-erlebnismäßiger, physiologischer und auch verhaltensbezogener Ebene ausgelösten Reaktionen.

3. Klassifikation von Streßreaktionen

Lazarus & Cohen (1978) unterscheiden drei Typen von Reaktionen auf Streß, nämlich somatische, verhaltensbezogene und subjektive Streßreaktionen. Somatische Reaktionen umfassen physiologische und biochemische Reaktionen wie EEG- oder EDA-Veränderungen bzw. Veränderung der Konzentration von Catecholaminen und Corticoiden. Ver­haltens­bezogene Streßreaktionen beinhalten einerseits Bewältigungsverhalten, welches sowohl flexibles realitätsbezogenes Problemlösen als auch den Einsatz realitätsverzerrender Ab­wehr­mechanismen meint. Andererseits gehören auch Veränderungen im Leistungsbereich (meist Leistungsbeeinträchtigungen) und im Ausdrucksverhalten (Gesichtsausdruck, Körper­haltung, Stimme, Sprechweise) zu den verhaltensbezogenen Streßreaktionen. Als weitere Reaktionskategorie sind subjektive Streßreaktionen wie z.B. Ängstlichkeit zu nennen, die über ein- oder mehrdimensionale Befindlichkeitsskalen erlebnisdeskriptiv erfaßt werden. Es zeigt sich immer wieder, daß somatische, verhaltensbezogene und subjektive Streß­reaktionen wenig übereinstimmen. Eine Ursache dieser Indikatorendivergenz neben indi­vidueller Unterschiede in Wahrnehmung und Interpretation autonomer Reaktionen, Zu­stimmungstendenzen und Sozialer Erwünschtheit sind laut Lazarus (1966) unterschiedliche Arten von Bewältigungsstrategien (z.B. Repression-Sensitization-Konstrukt).

4. Streßbewältigung (coping)

Lazarus definiert Bewältigung (coping) als die Anstrengungen einer Person, mit externen und inneren Anforderungen und mit Konflikten zwischen beiden, welche die Mittel dieser Person beanspruchen oder überfordern, fertig zu werden (Lazarus & Launier, 1978). Diese Anforderungen können nicht nur negative (Bedrohung), sondern auch positive Erlebnisqualität (Herausforderung) haben. Als Bewältigung wird neben dem flexiblen realitätsbezogenen Problemlösen auch der Einsatz realitätsverzerrender Abwehr­mechanismen bezeichnet. Zur Bewältigung werden allgemeine Anpassungen, die sich nicht auf streßbezogene Transaktionen beziehen, nicht gerechnet, daß heißt, Bewältigung ist kein umfassender Adaptationsbegriff. Es lassen sich nach Lazarus & Launier (1978) ver­schiedene Bewältigungsprozesse klassifizieren:

- hinsichtlich ihrer Funktionen werden sie in zwei Kategorien zusammen gefaßt, nämlich Be­wältigungsprozesse, die sich auf den instrumentellen / Problemlösungsaspekt der Transaktion beziehen und der Änderung der gestörten Transaktion dienen, und Bewältig­ungsprozesse, die sich auf den pallativen Aspekt der Transaktion beziehen und die aus der Transaktion resultierenden Emotionen regulieren
- hinsichtlich ihrer zeitlichen Orientierung und ihres thematischen Merkmals: Bewältigung von vergangen oder gegenwärtigen schädigenden Ereignissen (harm - loss) unterscheiden sich themalisch vom Bewältigen zukünftiger schädigender Ereignisse (threat)
- hinsichtlich des instrumentellen Fokus: die Bewältigungsprozesse können sich entweder auf die Umwelt und / oder auf die Merkmale des Selbst wie z.B. Ziele, Überzeugungen oder Gewohnheiten richten
- hinsichtlich ihrer Modalität: mögliche Arten der Bewältigung sind Informationssuche unter instrumentellem Aspekt (Hinweise auf die Veränderung der Transaktion gewinnen) oder unter pallativem Aspekt (in der Absicht, sich selbst zu beruhigen), direkte Handlungen wie z.B. Errichten einer Schutzvorrichtung (instrumenteller Aspekt) oder Entspannungsübungen (pallativer Aspekt), Unterlassen von Handlungen, die im Widerspruch zu gesellschaftlichen Normvorstellungen stehen wie z.B. mit Angst und Ärger einher gehende Handlungsimpulse, und intrapsychische Bewältigungsformen, welche alle kognitiven Prozesse meinen, die emotionale Prozesse regulieren oder kontrollieren sollen wie z.B. Abwehrmechanismen, aber auch instrumentelle Funktion haben können wie z.B. Selbstinstruktionen.

5. Transaktionales Streßmodell von Lazarus

Lazarus hat seinen ersten Theorieentwurf (1966) mehrfach revidiert und inzwischen zu einer umfassenden Emotionstheorie (1991) weiterentwickelt (Krohne, 1996). Das transaktionale Streßmodell von Lazarus versucht, emotionale Reaktionen und ihre Bewältigung rein kognitiv zu erklären. Es bezieht die individuelle Motivation und Bewertung der Umwelt durch sein Konzept der Bewertung (appraisal) mit ein und macht so eine angemessene Definition von psychologischem Streß und Emotion erst möglich, wo die physikalische Streßdefinition und das Aktivierungsmodell zu kurz greifen (Lazarus, 1991). Deshalb das transaktionale Streßmodell von Lazarus im Anschluß näher erläutert werden. Den meisten Streßtheorien liegt ein unidirektionales Ursache-Wirkungs-Modell zugrunde, bei dem die Interaktion von Situation und Disposition als verhaltensbestimmend angesehen wird. Ein reziprokes Verursachungsmodell, wie es Lazarus postuliert, ist allerdings für eine Streßkonzeption, die sich auf natürliche Streßsituationen beziehen soll, angemessener (Laux, 1983). Demnach beeinflußt nicht nur die Umwelt das Verhalten der Person, sondern auch die Umwelt wird durch die Handlungen der Person beeinflußt und verändert. Das Ausmaß, in dem eine Situation Streßreaktionen produziert, hängt laut Lazarus (1966) von individuellen Charakteristika der Person ab. Deshalb lehnt Lazarus die Definition von Streß allein über die Situation ab, er distanziert sich aber von dispositionsorientierten Ansätzen der Streß­forschung und bevorzugt die Deskription aktuell ablaufender Prozesse. Dabei folgt Lazarus der These von der Spezifität physiologischer Aktivierungsmuster, das heißt, er nimmt für jede Emotion ein für sie spezifisches physiologisches Reaktionsmuster an. Weiterhin wird die Abhängigkeit emotionaler und motivationaler Veränderungen von kognitiven Prozessen und umgekehrt betont. Eine besondere Stellung nehmen dabei Bewertungsprozesse (bewertende Wahrnehmungen, Gedanken und Schlußfolgerungen) ein, die Umgebungs­anforderungen (äußere Ereignisse, die adaptive Prozesse erfordern) und interne An­forderungen (Ziele, Werte, Verpflichtungen etc.), deren Nichterfüllen oder Aufschieben negative Konsequenzen nach sich ziehen würde, mit den der Person zur Verfügung stehenden adaptiven Mitteln vergleichen. Wird ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Mitteln, den Anforderungen gerecht zu werden und / oder die negativen Konsequenzen des Versagens zu verhindern, festgestellt, tritt Streß als eine spezielle Form der Transaktion zwischen Person und Umwelt auf. In der Konfrontation mit einer Situation sind die beiden kognitiven Aktivitäten Wissen und Bewertung entscheidend, die sich auch gegenseitig beeinflussen. Wissen (z.B. um die Giftigkeit oder Harmlosigkeit einer Schlange) wird von Lazarus (1991) als ′kalte Kognition′ bezeichnet, die zwar die Grundlage für Bewerten und Handeln in einer Situation darstellt, aber allein keine Emotionen (′heiße Kognitionen′) auslöst. Diese werden erst ausgelöst nach einer Bewertung der Situation hinsichtlich der Bedeutung für das eigene Wohlergehen (z.B. bedrohlich bzw. irrelevant) auf der Grundlage des Wissens (z.B. um die Giftigkeit oder Harmlosigkeit der Schlange) (Krohne, 1996). Lazarus unterscheidet primäre und sekundäre Bewertung (primary bzw. secondary appraisal) und Neubewertung (reappraisal), welche durch Persönlichkeitsmerkmale wie Motivations­dispositionen, Werthaltungen, Ziele und generalisierte Überzeugungen beeinflußt werden (Krohne, 1996). Bei der primären Bewertung wird entschieden, ob eine Situation im Hinblick auf die eigene Integrität (well-being) als irrelevant, angenehm-positiv oder streßbezogen empfunden wird. Eine Situation wird als streßbezogen bewertet, wenn entweder eine Bedrohung (threat) im Sinne von physischer Verletzung oder Vereitelung einer Bedürfnis­befriedigung, das Nichterreichen von Zielen oder die Beeinträchtigung des Selbstwerts sich ankündigt (Antizipation von Schaden), ein Schaden-Verlust (harm-loss) aktuell oder in der Vergangenheit vorliegt oder die Situation eine Herausforderung (challenge) darstellt. Da eine herausfordernde Situation die Chance der erfolgreichen Bewältigung und die Möglichkeit, Kompetenz und Selbständigkeit zu entwickeln oder zu steigern, bietet, weist eine Herausforderung positive Erlebnisqualitäten auf. Das verdeutlicht, daß Lazarus den Streß­begriff von den unlustbetonten auf die lustbetonen Emotionen ausgedehnt hat (Laux, 1983). Die sekundäre Bewertung dient der Auswahl von Bewältigungsstrategien. Es werden die eigenen Ressourcen und Möglichkeiten im Hinblick auf eine erfolgreiche Aus­einandersetzung mit der streßbezogenen Situation abgeschätzt (Krohne, 1996). Von der Abschätzung der eigenen Ressourcen hängt es ab, ob eine streßbezogene Situation als bedrohlich oder herausfordernd eingeschätzt wird (Lazarus & Folkman, 1984). Dieser Prozeß kann die primäre Bewertung überlappen, mit ihr zusammenfallen oder ihr voraus­gehen. Primäre und sekundäre Bewertung beeinflussen sich wechselseitig (Laux, 1983). Hinweise aus der Umgebung, die Konsequenzen der eigenen Reaktionen rückmelden, führen zu einer Neubewertung der Situation. Über Neubewertungen kann der Bewältigungs­prozess mehrere Stufen der Bewertung ablaufen. Von den Neubewertungen aufgrund von Rückmeldungen sind die defensiven Neubewertungen zu unterscheiden, die eine Gruppe von Bewältigungsformen darstellen. Defensive Neubewertungen sind selbstgeneriert und führen dazu, daß aufgrund von Abwehrmechanismen wie Verneinung oder Intellektuali­sierung eine ursprünglich bedrohliche Situation als neutral oder angenehm bewertet wird. Das Konzept der Bewältigung und die Klassifikation von Bewältig­ungsprozessen nach Lazarus sind oben beschrieben. Streßbewältigung und die oben ge­nannten Formen der kognitiven Bewertung sind die beiden Moderatoren der streßbezogenen Transaktion zwischen Person und Umwelt (Krohne, 1996). Wie auch bei der kognitiven Bewertung nimmt Lazarus für das Bewältigungsverhalten situative und personale Einflußfaktoren an. Situative Einflußfaktoren sind Stärke, Dauer, Eintretenswahrscheinlichkeit und -zeitpunkt einer Gefahr, die Art der Gefährdung (physisch oder psychisch) und persönliche und soziale Ressourcen. Dagegen sind Motivationsmuster einer Person, Kontrollüberzeugung, Wissen, Kompetenzen und kognitive Stile zu den personenspezifischen Bedingungen von Bewältigungsverhalten. Als besonders bedeutsam sieht Lazarus dabei Motivationsmuster und Kontrollüberzeugung an (Krohne, 1996).

Literaturverzeichnis

- Janke, W. (1974). Psychophysiologische Grundlagen des Verhaltens. In: M.v. Kerekjarto (Hrsg.), Medizinische Psychologie. Berlin: Springer. - Krohne, H.W. (1996). Angst und Angstbewältigung. Stuttgart, Berlin, Köln: Verlag W. Kohlhammer. - Laux, L. (1983). Psychologische Streßkonzeptionen. In: H. Thomae (Hrsg.), Theorien und Formen der Motivation. Göttingen: Hogrefe. - Lazarus, R.S. (1966). Psychological stress and the coping process. McGraw-Hill Series in Psychology. New York: McGraw-Hill Book Company. - Lazarus, R.S. (1991). Emotion and adaption. New York, Oxford: Oxford University Press. - Lazarus, R.S. & Cohen, J.B. (1978). Environmental stress. In: J. Altman & J.F. Wohlwill (Eds.), Human behavior and the environment. New York: Plenum. - Lazarus, R.S., Cohen, J.B., Folkman, S., Kanner, A. & Schaefer, C. (1980). Psychological stress and adaptation: some unresolved issues. In: H. Selye (Ed.), Guide to stress research. New York: Van Nostrand. - Lazarus, R.S. & Folkman, S. (1984). Coping and adaptation. In: W.D. Gentry (Ed.), The handbook of behavioral medicine. New York: Guilford. - Lazarus, R.S. & Launier, R. (1978). Stress-related transactions between person and environment. In: L.A. Pervin & M. Lewis (Eds.), Perspectives in international psychology. New york: Plenum Press. - Selye, H. (1956). The stress of life. New York: McGraw-Hill. - Spielberger, C.D. (1972). Anxiety as an emotional state. In: C.D. Spielberger (Ed.), Anxiety: current trends in theory and research, Vol. 1. New York: Academic Press.

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[1] Das heißt, als eine genau festgelegte Konfiguration körperlicher Veränderungen

[2] Das heißt, unabhängig von der Qualität des Stressors.

Details

Seiten
11
Jahr
2001
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v102147
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
Schlagworte
Streß Streßmodelle Lazarus

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