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Leben und Werk von Meyer Fortes

Seminararbeit 2000 21 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Biographie
2.1. Die Zeit vor dem ersten Kontakt mit der British Social Anthropology
2.2. Die Lehrjahre
2.3. Die Schaffensjahre

3. Aussagen zur Person

4. Fundament und Methode
4.1. Definition des Begriffs Sozialstruktur
4.2. Kultur und/oder Struktur?!
4.3. Abstraktion zur analytischen Trennung von Domänen und Perspektiven
4.4. Zur Frage der kulturellen Einheit
4.5. Feldforschung als empirische Disziplin
4.6. Objektivität in der Feldforschung?!

5. Theoretische Standpunkte
5.1. Descent als zentrales Konzept zur Bildung körperschaftlicher Gruppen
5.2. Descent als Basis für verwandtschaftliche Beziehungen
5.3. Fortes Konzept der complementary filiation
5.4. Descent und Ökonomie
5.5. Generationenkonflikt und Ahnenverehrung
5.6. Zum Konzept der Person
5.7. Zur Grundlage von Verwandtschaftssystemen

6. Schlußbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

B. Malinowski und A. R. Radcliffe-Brown werden sicherlich zu Recht als die Pioniere der British Social Anthropology bezeichnet . Auch wenn sein funktionalistischer Ansatz in Sa- chen Theorie heute keine Bedeutung mehr besitzt, so bleibt dennoch die Revolutionierung der Feldforschungsmethode, die bis zum heutigen Tag ein unentbehrliches Mittel für jeden Ethnologen darstellt, Malinowskis zeitloses Vermächtnis. Radcliffe-Brown war sehr darauf bedacht, sich von Malinowskis theoretischen Ansätzen zu distanzieren und plädierte für die ausschließliche Verwendung des Begriffs Funktion in Relation zur Sozialstruktur. Als fun- damentale theoretische Prämisse setzte er sich für Durkheims Konzept der mechanischen Solidarität ein.

Der Grund, warum ich diese beiden Vorreiter ihres Fachs an dieser Stelle erwähne, sollte auf der Hand liegen. Meyer Fortes, um dessen Leben und Werk es in der folgenden Arbeit gehen wird, wurde von den beiden in komplementärer Weise stark beeinflußt, von Malinowski in methodischer und von Radcliffe-Brown in theoretischer Hinsicht. Während diese beiden die Szene in den 20er und 30er Jahren dominierten, setzte die Wachablösung mit Beginn der 40er Jahre ein und die 2. Generation britischer Sozialanthropologen begann, das Fach zu be- herrschen. Hierzu gehörte ein kleiner erlesener Kreis, zu dem insbesondere Firth, Forde, Gluckman, Nadel, Evans-Pritchard und eben auch Fortes zu zählen sind. Und letzterem soll auf den nachfolgenden Seiten besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden.

2. BIOGRAPHIE

2.1. Die Zeit vor dem ersten Kontakt mit der British Social Anthropology

Meyer Fortes wurde 1906 als Sohn verarmter russisch-jüdischer Einwanderer in Südafrika geboren. Er kam über Umwege zur Social Anthropology. Doch diese Umwege waren zweifellos prägend für seine Karriere. Nachdem er in Kapstadt Psychologie studiert hatte, ging er nach London und promovierte dort 1930 über averbale Intelligenztests, die er für kulturunabhängige Anwendungen konzipiert hatte. Aus Skepsis darüber, ob solche Tests überhaupt realistisch seien, verfolgte er das Projekt jedoch nicht weiter. Dieser Entschluß erwies sich als Fehleinschätzung, denn ein Psychologe namens C. Raven entwickelte auf der Grundlage von Fortes Studien einen bis heute gebräuchlichen Test.

Neben dem soeben erwähnten Projekt nahm ihn in dieser Zeit seine Arbeit in der ersten englischen Kinderorientierungsklinik im Londoner East-End in Anspruch. Dort engagierte er sich in Studien zur Kriminalität und Fehlanpassung von Jugendlichen. Durch diese Tätigkeit kam Fortes erstmals mit Problemen der Familienstruktur und deren Zusammenhang mit Charakter, Persönlichkeitsbildung und sozialem Verhalten in Berührung.

Es gab noch eine weitere Beschäftigung mit psychologischem Charakter, die Fortes spätere Karriere beeinflußte. Ein Treffen mit dem Gründer des Orthological Institute in Cambridge

C. K. Ogden führte zu einem Auftrag, ein Werk über die Gestalttheorie aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen. Fortes schreibt hierzu: „...it was a most instructive experience. It brought me to grips with the ideas of structure and configuration as properties of wholes or ensembles which could determine and reciprocally be determined by the roles and the significance of their constituent parts” (1978: 3).

Fortes setzte sich außerdem, inspiriert durch den Psychoanalytiker J. C. Flugel, mit Ideen der Psychoanalyse auseinander. Mehr oder weniger zufällig traf er 1931 im Haus von Flugel erst- mals auf Malinowski, der ihn einlud, an seinem Seminar teilzunehmen. Fortes erkannte die Verbindungslinien zu seinen bisherigen Tätigkeiten sowie die neuen Perspektiven, die sich dadurch auftaten und entschloß sich, dem Angebot nachzukommen, womit der Grundstein für Fortes Karriere als einer der Hauptvertreter der British Social Anthropology gelegt war (3-4).

2.2. Die Lehrjahre

1932 wurde das Feldforschungsprogramm in Afrika durch das International Institute of Afri can Languages and Cultures gestartet. Das multidisziplinäre Team, dem auch Fortes an- gehörte, verbrachte vor der eigentlichen Feldforschung ein Jahr zusammen an der London School of Economics (L.S.E.) um sich die notwendigen ethnologischen und afrikanistischen Kenntnisse anzueignen. Fortes betrachtete Malinowskis Seminar in dieser Zeit (1932/33) als die ergiebigste Phase seiner Lehrjahre als Anthropologe. Wie viele von Malinowskis Schülern war auch Fortes völlig überzeugt vom methodischen und heuristischen Wert des funktionalistischen Ansatzes, aber eben genauso skeptisch hinsichtlich seines biologischen Reduk- tionismus und seiner angeblichen Erklärungskraft (Fortes 1978: 4-5).

Obwohl Malinowski sicherlich Fortes Lehrjahre dominierte, müssen da auch noch andere ge- nannt werden. Firth unterrichtete ihn in vergleichender Verwandtschaftstheorie. Außerdem verbanden ihn freundschaftliche Beziehungen mit Seligman und Evans-Pritchard, mit denen er später auch ständig in Diskussion über die aktuellen Feldforschungsdaten stand. Im Au- gust 1931 stellte Evans-Pritchard ihm Radcliffe-Brown vor, der auf seinem Weg nach Chi- cago in London einen Zwischenstopp einlegte. Fortes äußert sich zu diesem ersten Treffen wie folgt: „I was too new to the subject to be able to distinguish clearly how he differed from Malinowski. It was not until 6 years later that I became closely acquainted with him” (1978: 7).

1933 hielt sich Fortes vorübergehend in Berlin bei Dietrich Westermann auf, um sich in den Dialekten der Gold Coast zu üben. Angesichts der Tatsache, daß die Nationalsozialisten gerade die politische Kontrolle in Deutschland übernommen hatten, ist es nicht verwunderlich, daß der Jude Fortes diese Zeit als beängstigend und frustrierend empfand (7).

2.3. Die Schaffensjahre

Im Dezember 1933 brach Fortes mit seiner Frau Sonia zu seiner 1. Feldforschung bei den Tallensi im Norden Ghanas auf. Die Tallensi erwiesen sich als freundlich gesinnt und entsprachen in allen Belangen Fortes Vorstellungen, um seine Untersuchungen in bezug auf Familie, Verwandtschaftsstruktur und Abstammungsmuster anzugehen. Da psychoanalytische Konzepte bei den meisten seiner Kollegen verpönt waren, ist es bemerkenswert, daß Fortes zur Theorieführung auf solche zurückgriff (Fortes 1978: 7-8).

Dieser ersten bis 1935 währenden Feldforschungsperiode schloß sich eine zweite an, die von 1936-37 dauerte. Während dieser Zeit setzte er sich vor allem mit sozialen und psychologischen Aspekten der Erziehung auseinander.

Nachdem er im Anschluß noch ca. zwei Jahre an der L.S.E. arbeitete, ergriff er 1939 die erst- beste Gelegenheit, um nach Oxford zu wechseln, wo Radcliffe-Brown seit 1937 die erste Professur in Social Anthropology innehatte. Fortes bekleidete dort die Stelle eines Acting Re- search Lecturer in African Sociology, mit anderen Worten eine Position, die eher am unteren Ende der Statushierarchie einzuordnen ist. Die Konzentration von Radcliffe-Brown, Evans- Pritchard und Fortes in Oxford stellte die anderen Lehrstühle vorübergehend in den Schatten. Das wahrscheinlich wichtigste Werk aus dieser Zeit ist African Political Systems und er- schien 1940 (Kuper 1973: 105-107). Die Kriegsjahre verbrachte Fortes größtenteils in West- afrika, wo er von 1945-46 Feldforschung bei den Ashanti betrieb. Als Evans-Pritchard 1946 den Lehrstuhl von Radcliffe-Brown in Oxford übernahm, gehörte auch Fortes wieder, nun- mehr in der Position eines Readers, zum Mitarbeiterstab (107). In der Nachkriegszeit er- schienen zwei wichtige Monographien, die man als ein Gesamtwerk ansehen muß, da sie in dieser Konstellation eine detaillierte Analyse der Sozialstruktur der Tallensi darstellen. The dynamics of clanship among the Tallensi erschien 1945. Vier Jahre später folgte schließlich The web of kinship among the Tallensi. Obwohl man Fortes sicherlich als den konservativs- ten Vertreter der B.S.A. der 2. Generation ansehen muß, zeichnete sich in den bisher genann- ten Beiträgen eine Drift weg von der Position Radcliffe-Browns ab. Die neue Betonung lag auf der Lineage als Teil eines Systems politischer Beziehungen und nicht mehr als Modus zur Organisierung persönlicher Beziehungen. Der Terminus Sozialstruktur basierte auf dem Beziehungsmuster von Ämtern, nicht etwa von Personen. Folglich wurden die Domäne der lineagebasierten öffentlichen Beziehungen und die Domäne der persönlichen verwandtschaft- lichen Beziehungen auf einer analytischen Ebene auseinanderdividiert (109). Kennzeichnend für die genannten Werke ist daher auch der hohe Grad an struktureller Abstraktion auf der Basis von Durkheims mechanischer Solidarität. Fortes schreibt in seiner 1. Monographie zum Vorteil dieser Methode: „All studies in social structure or political organization or economic structure, being concerned with the factors of social integration, are necessarily concerned with attributes of the whole society” (Fortes 1945: viii). Die analytische Unterscheidung zwi- schen externen und internen Beziehungen zeigt sich bei Fortes folgerichtig auch in der ge- trennten Abhandlung in seinen beiden Monographien. Erstere beschäftigt sich mit der politi- schen Perspektive, letztere mit der Untersuchung des Verwandtschaftssystems. Die Reihen- folge ist sicherlich nicht zufällig, denn die Entwicklung einer Theorie für Verwandtschafts- systeme hing maßgeblich von der politischen Perspektive ab.

1950 wurde Fortes nach Cambridge berufen, wo er eine schwache präfunktionalistische Ab- teilung übernahm, deren Transformation er energisch vorantrieb. 1953 holte er Leach nach

Cambridge, was zu der außergewöhnlichen Situation führte, daß in Cambridge zwei theoreti- sche Zweige vertreten waren. Fortes vertrat dabei die orthodoxe ahistorische neo-Radcliffe- Brown-Linie, die er in den folgenden Jahren weiterentwickelte. Noch im gleichen Jahr ver- öffentlichte er mehrere Positionsdarlegungen, in denen er die Orthodoxie verteidigte, die Rolle der Sozialstruktur als zentrales Konzept betonte, der Untersuchung von Kultur eine un- tergeordnete Position zuwies und Evans-Pritchard, der wie alle anderen führenden Köpfe der B.S.A. von der reinen Lehre der Oxford-Strukturalisten abdriftete, für diesen Lapsus at- tackierte. Obwohl auch Leach wie oben erwähnt eine andere theoretische Linie verfolgte und einen anderen regionalen Schwerpunkt hatte, gab es doch einen gemeinsamen Interessen- schwerpunkt, durch den sich die Cambridge-Schule gegenüber allen anderen Hochburgen der B.S.A. hervortat. Es handelte sich hierbei um die Entwicklung einer Theorie für Verwandt- schaftssysteme (Kuper 1973: 158-159, 167). Folglich dominierte Fortes diesen Zweig in den 50er Jahren. Bedingt durch die unterschiedlichen Standpunkte kam es Mitte der 50er Jahre zu einer heftigen Debatte zwischen Leach und Fortes. Letzterer arbeitete mit einem Gleichge- wichtsmodell für Verwandtschaftssysteme, in dem er bestimmten Verwandtschaftsrollen de- finierte Regeln, Rechte und Pflichten zuordnete. Die Kontinuität des Sozialsystems wird da- bei aufrechterhalten durch die Fortdauer von körperschaftlichen Lineagegruppen, d. h. Ver- wandtschaftssysteme werden in Relation zur Abstammung betrachtet. Leach als Vertreter der Allianztheorie war dagegen der Auffassung, daß zumindest in dem von ihm untersuchten Dorf materielle Faktoren überwiegen und somit Lokalität in Opposition zu Abstammung die Basis für körperschaftliche Gruppen bilden (198).

Fortes blieb bis zu seinem Tod 1982 in Cambridge, zuletzt als Ehrenmitglied von King ’ s Col lege (Leach 1984: 11) .

3. AUSSAGEN ZUR PERSON

Im zurückliegenden Abschnitt habe ich angedeutet, daß Meyer Fortes und Edmund Leach langjährige Kollegen in Cambridge waren. Es ist daher anzunehmen, daß beide sich recht gut kannten. Ich nehme dies zum Anlaß, einige von Leachs persönlichen Eindrücken von Fortes an dieser Stelle zu zitieren. Die erste Aussage bezieht sich auf seine jüdische Abstammung: „He never for a moment sought to repudiate his basic social identity as the son of an impoverished South African Jew of Russian descent, yet in reaction to the social class hierarchy of British Jewry, he frequently made the improbable claim that his family were of Sephardim origin” (Leach 1984: 11).

Die zweite Aussage beschreibt Fortes Beziehung zu seiner langjährigen Wirkungsstätte Cambridge: „When he arrived from Oxford in 1951, King’s College was still a bastion of British upperclass values of the most archaic kind. Every detail stood in glaring contrast to the mixture of values to which Fortes had been acculturated in his South African homeland. Yet right from the start he was delighted. He gave the impression that he venerated King’s and Cambridge. The fact that, as of right, he now had a College Fellowship meant that at long last he had a definable status in what he most admired, an inflexible and enduring social structure. But if veneration is the right word, it was the veneration of an outsider. In relation to the College, he was, as he had during his fieldwork in West Africa, an acute participant observer. But fieldworking anthropologists do not ordinarily seek to intervene in the affairs in which they participate; and so it was with Fortes in King’s. He was much liked and respected by his colleagues, but he never played an active executive role in College affairs. Indeed, to a quite disconcerting extent, he never seemed to understand how the system really worked or just why such an archaic construction should have failed to collapse long ago. He was not an engineer!” (Leach 1984: 11).

Das letzte Zitat von Leach, das ich hier einbringen möchte, vermittelt seinen Eindruck von Fortes ethnographischer Methode: „...the ethnographic terrain inhabited by Fortes’s Tallensi appears as a product of well-ordered landscape gardening from which most of the botanical exotica have been excluded“ (Leach 1984: 16).

4. FUNDAMENT UND METHODE

4.1. Definition des Begriffs Sozialstruktur

Wie ich oben bereits andeutete, ist Fortes derjenige Vertreter der B.S.A., dessen Werk sich am stärksten an der theoretischen Linie Radcliffe-Browns orientiert. Diese einleitende Be- merkung soll jedoch nicht zu der Annahme verleiten, Fortes Beitrag zur Social Anthropology sei einzig und allein in Relation zu Radcliffe-Browns Werk zu verstehen. Vielmehr sind be- reits bei den grundlegendsten Termini unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen aus- zumachen. Während Radcliffe-Brown noch zwischen Sozialstruktur und struktureller Form unterscheidet, wobei er erstere als Anzahl von konkret existierenden menschlichen Bezie- hungen zu einem definierten Zeitpunkt und letztere als generelles, aus den unterschiedlichen Variationen abstrahiertes Beziehungsmuster versteht, erklärt Fortes diese Unterscheidung für ungültig, da Struktur in der konkreten Realität nicht unmittelbar sichtbar sei. Er bezieht den Begriff Struktur auf ein abgegrenztes Ganzes in Form einer Institution, einer sozialen Grup- pe, einer Situation oder eines Prozesses, das mittels entsprechender Konzepte und Methoden in seine Bestandteile aufgegliedert und analysiert werden kann. Dabei müssen die einzelnen Fragmente eine geordnete Anordnung innerhalb von Zeit und Raum besitzen. Fortes hebt er- gänzend hervor, daß es außerordentlich wichtig sei, nicht nur diese Fragmente und ihre Be- ziehungen untereinander zu bestimmen, sondern darüber hinaus die Prinzipien, die die jewei- lige Struktur regieren und die Kräfte, für die diese Prinzipien stehen, aufzuschlüsseln. Um Fortes selbst zu Wort kommen zu lassen: „When we describe structure we are already dealing with general principles far removed from the complicated skein of behaviour, feelings, beliefs, etc., that constitute the tissue of actual social life. We are, as it were, in the realm of grammar and syntax, not of the spoken word. We discern structure in the concrete reality only by virtue of having first established structure by abstraction from concrete reality” (Fortes 1970: 3).

4.2. Kultur und/oder Struktur?!

Fortes unterscheidet in bezug auf das kollektive Sozialverhalten zwei grundlegend veschie- dene Arten von ethnographischen Daten. Zum einen gibt es Daten quantitativer Natur wie z. B. die Summe eines zu zahlenden Brautpreises und zum anderen Daten qualitativer Natur wie z. B. die Verpflichtung, den Brautpreis nach bestimmten Regeln und Gebräuchen zu zah- len. Fortes verbindet den qualitativen Aspekt der sozialen Fakten mit dem Terminus Kultur und stellt dem gegenüber das Konzept der Sozialstruktur als das Ergebnis einer quantitativen

Beschreibung und Analyse derselben. Er betont jedoch, daß er nicht beabsichtige, die sozialen Fakten in zwei Klassen einzuteilen, sondern vielmehr, daß Kultur und Struktur komplementäre Wege bezeichnen, dieselben Fakten zu analysieren. Fortes weist der zeitgenössi- schen Social Anthropology einen hybriden Charakter zu, da jegliche Strukturanalyse (in einer homogenen Gesellschaft) sowohl Beschreibungen der konstanten Komponente Kultur als auch eine Präsentation der variablen Komponente Struktur enthielte und fügt ergänzend hinzu: „The factors of space and time are of fundamental importance in this connection. Structure is given to social happenings or organizations by space and time relations, if for no other reason; and these relations have magnitude“ (Fortes 1970: 4).

4.3. Abstraktion zur analytischen Trennung von Domänen und Perspektiven

An anderer Stelle wehrt sich Fortes vehement gegen die Behandlung des Kulturbegriffs als globales Konzept, das alles umfaßt, was in einer Gesellschaft vor sich geht. Der offensicht- liche Nachteil dieser Ansicht bei synchronen Studien sei, daß man zwangsläufig jeden As- pekt des Soziallebens als gleichwertig einstufen müsse und keine Rangordnung etablieren könne, in der die verschiedenen Institutionen untereinander abhängig sind. Es genügt nicht, so Fortes weiter, ethnographische Daten in einem einzigen Referenzrahmen zu betrachten. Vielmehr muß man für analytische Zwecke in der Lage sein, die Daten mittels unterschied- licher Abstraktionsmodi in verschiedenen Referenzrahmen auszuwerten, wobei die zu extra- hierenden Abhängigkeiten zwischen den Institutionen natürlich ebenfalls entsprechend vari- ieren. Zum Beispiel kann man einerseits ethnographische Beobachtungen als bloße Fakten über Sitten und Gebräuche auf einer obligatorischen Basis, andererseits aber auch als Ausdruck sozialer Bindungen betrachten. Weiterhin lassen sich die ethnographischen Fakten beispielsweise in einem sozio- oder biopsychologischen Rahmen betrachten. Fortes ergänzt: „In this sense social structure is not an aspect of culture but the entire culture of a given people in a special frame of theory” (Fortes 1970: 73).

4.4. Zur Frage der kulturellen Einheit

Ausgehend vom Referenzrahmen Sozialstruktur konstatiert Fortes, daß es quasi unmöglich sei, religiöse Anschauungen und Gebräuche in Afrika zu verstehen ohne grundsätzliche Kenntnisse der Verwandtschaftsstruktur und der politischen Organisation. Die Vorstellung einer lebendigen Kultur als integrierte Einheit ist somit nicht als Folge einer mysteriösen me- taphysischen Durchdrungenheit anzusehen. Die Erklärung liegt vielmehr in der Funktion von kulturellen Institutionen und Bräuchen, soziale Beziehungen zwischen Personen und Gruppen auszudrücken bzw. aufrechtzuerhalten. Wenn auch Fortes einschränkend zugibt, daß eine Kultur keine klar definierten Grenzen aufweist, so betont er jedoch, daß eine Gruppe von Menschen innerhalb einer singulären Sozialstruktur eine Grenze besitzt. Fortes stimmt somit der Idee von einer kulturellen Einheit insofern zu, als daß sie an eine klar umrissene Sozial- struktur gebunden ist und fügt hinzu: „In this sense I would agree that the social structure is the foundation of the whole social life of any continuing society“ (Fortes 1970: 74).

4.5. Feldforschung als empirische Disziplin

Wie ich bereits an anderer Stelle angedeutet habe, hat Fortes bei aller darüber hinaus gehenden Skepsis absolutes Vertrauen in den methodischen Wert von Malinowskis funktionalistischem Ansatz und beschreibt diesbezüglich seine erste Feldforschung als rigorose disziplinäre Erfahrung in der Anwendung des empirischen Ansatzes.

Der Erfolg einer Feldforschung und der zugrunde gelegten Theorie setzt voraus, so Fortes, daß eine Kultur als integriertes System betrachtet wird und die Funktionen der diversen Insti- tutionen, Gebräuche und Glaubensanschauungen als Teile eines solchen Systems untersucht werden. Ethnographische Fakten sind demzufolge bedeutungslos sofern sie nicht unter An- wendung einer grundlegenden Theorie untersucht werden. Fortes hebt in diesem Zusammen- hang einen seiner Meinung nach wichtigen Aspekt neuerlicher Feldstudien hervor, nämlich den Versuch letztere sowohl zur Untersuchung einer Hypothese zu nutzen wie auch als Mit- tel um neue Hypothesen zu entwickeln. Er glaubt darin eines der Hauptmerkmale funktiona- listischer Ethnographie in Abgrenzung zu ihren Vorläufern zu sehen und weist die Kritik zu- rück, die auf die Generalisierungen abzielt, die aus den daraus erwachsenden intensiven Stu- dien einer einzigen Gesellschaft gezogen werden. Er verweist in diesem Zusammenhang dar- auf, daß die Methode stärker im Einklang mit naturwissenschaftlichen Experimenten stehe als komparative Methoden, was beste Voraussetzungen für Generalisierungen in der Social Anthropology bedeute. Die unterstellte Effektivität der funktionalistischen Ethnographie in Sachen Theorie führt Fortes darauf zurück, daß die zugrunde gelegten Prinzipien bei der Su- che nach signifikanten ethnographischen Merkmalen keine deskriptiven sondern analytische Untersuchungsansätze erfordern. Zur genaueren Unterscheidung führt er an, daß sich analyti- sche Fragestellungen auf sogenannte ideal isolates im Gegensatz zu dem heterogenen Durch- einander empirischer Daten beziehen und bezeichnet jene ideal isolates als theoretische Kon- struktionen. Generalisierungen können nicht durch Beschreibungen sondern ausschließlich über einen analytischen Ansatz hervorgebracht werden, „but for this, the ideal isolates we use must have meaning in terms of the descriptive reality of social life, and the isolates we use in the analysis of one class of anthropological facts must be consistent with those we use in the analysis of any other class. In other words, our isolates must form a theoretical system” (Fortes 1970: 132).

4.6. Objektivität in der Feldforschung?!

Fortes wehrt sich gegen die von Firth vertretene Ansicht über die Unmöglichkeit von Objektivität sowie gegen dessen Unterscheidung zwischen observers ’ models und people ’ s models bzw. zwischen Interpretation und Erklärung schlechthin. In Bezug auf Objektivität im Feld stellt er fest, daß die Realisierung der verschiedenen Kontexte sozialer Beziehungen in der Regulierung aller Aspekte des sozialen und kulturellen Lebens die wichtigste Lektion seiner ersten Feldforschung gewesen sei und fährt fort: „The structuralist approach I later adopted in association with Radcliffe-Brown and Evans-Pritchard at Oxford grew directly out of repeated, objectively presented field observations” (Fortes 1978: 9).

5. THEORETISCHE STANDPUNKTE

5.1. Descent als zentrales Konzept zur Bildung körperschaftlicher Gruppen

Wie bereits bei den Anmerkungen zur Debatte zwischen Leach und Fortes angedeutet, beruft sich letzterer auf Abstammung als Richtschnur für die Bildung körperschaftlicher Gruppen und somit für Sozialorganisation schlechthin. Fortes stellt in diesem Zusammenhang fest, daß eine Lineage von außen betrachtet wie eine einzige juristische Person auftritt. Die Art und Weise wie ein Lineagesystem funktioniert, hängt somit von der Art der rechtlichen Instituti- onen in der betreffenden Gesellschaft ab und dies wiederum betrachtet er als Funktion der politischen Organisation. Fortes behauptet weiterhin, daß Lineageorganisation nicht auf seg- mentäre Gesellschaften begrenzt ist, räumt aber ein, daß sie dort am ausgeprägtesten entwi- ckelt ist. In segmentären Gesellschaften hat ein Individuum keinen rechtlichen oder politi- schen Status außer als Mitglied einer Lineage. Eine Lineage muß als eine zeitlich beständige Körperschaft angesehen werden, solange es überlebende Mitglieder gibt. Hierbei liegt die Betonung jedoch nicht auf der physischen Existenz sondern auf der strukturellen Beständig- keit in einer stabilen und homogenen Gesellschaft. Dieser Punkt wird von Fortes hervorge- hoben, da es in Afrika häufig Sitte sei, eine vom Aussterben bedrohte Linie zu erhalten, in- dem man (in einer patrilinearen Gesellschaft) eine Frau oder sogar einen Sklaven nachfolgen läßt. Die Konservierung des existierenden Schemas sozialer Beziehungen muß also als domi- nantes Ziel angesehen werden. Was eine Lineage angesichts des Generationenwechsels aus- zeichnet, ist ihr komplementäres und gleichzeitig oppositionelles Verhältnis zu anderen Li- neages. Religiöse Maßnahmen und Institutionen beugen insbesondere bei den von Fortes un- tersuchten Tallensi einer drohenden politischen Spaltung innerhalb der Gesellschaft vor. Po- litische Autorität ist also grundsätzlich mit ritueller Bedeutung ausgestattet. Lineagegenealo- gien dienen der Errichtung des zeitlosen Charakters der Lineage und gelten im historischen Sinne als nicht korrekt oder in Fortes Worten: „A genealogy is, in fact, what Malinowski cal- led a legal charter and not a historical record“ (Fortes 1970: 81).

5.2. Descent als Basis für verwandtschaftliche Beziehungen

Während Abstammung in den bisherigen Ausführungen aus der Sicht des gesamten Sozial- systems, also quasi von außen betrachtet und dabei festgestellt worden ist, daß Blutsver- wandtschaft und affinale Bindungen keine ausreichende Basis für die rechtliche und politi- sche Struktur bilden, unterscheidet Fortes hiervon die innere Sicht eines hypothetischen E- gos, also den eher privaten Aspekt von d escent. In diesem Kontext spielen verwandtschaftliche Bindungen die dominante Rolle, zum ersten im identifikatorischen Sinn die Zugehörig- keit zu einer bestimmten Gruppe mit allen Rechten und Pflichten betreffend und zum zweiten als Basis für die sozialen Beziehungen innerhalb dieser Gruppe. Der Hintergrund ist in der kontinuierlichen Segmentierung der einzelnen Lineages zu sehen, wobei jedes Segment quasi ein Replikat jedes anderen Segments und der ganzen Lineage ist. Die Segmente sind mittels genealogischer Referenzen organisiert und korrespondieren mit den entsprechend abgestuften institutionellen Normen der gesamten Lineage. Je mehr Generationen eine Genealogie um- faßt, desto ausgeprägter ist zwangsläufig die Segmentierung. Die Spitze der Hierarchie wird von einem quasi-mythischen Gründer gebildet. Die Segmentierung folgt dem Modell der el- terlichen Familie, welches sich aus der juristischen Einheit einer Abstammungslinie und ei- ner Geschwistergruppe mit dem Ziel der Fortdauer definierter sozialer Bindungen konstitu- iert, d. h. ein Segment wird von einer Geschwistergruppe gebildet und steht in symmetri- schem Verhältnis zu anderen Segmenten der gleichen Generation. Abhängig vom Charakter der Abstammungslinie handelt es sich um eine paternale oder maternale Geschwistergruppe. Der eigentliche Prozeß der Segmentierung wird als Äquivalent zur Geschwisterspaltung in- nerhalb der elterlichen Familie betrachtet. Damit einher geht die Verwendung von Verwandt- schaftstermini und die Anwendung verwandtschaftlicher Normen in der Regulierung von Angelegenheiten innerhalb der Lineage.

In der Regel besitzt nicht nur die Lineage sondern jedes Segment ein Oberhaupt, der die An- gelegenheiten der Gruppe mit Unterstützung der anderen Mitglieder regelt. Im Gegensatz zur strikten genealogisch determinierten Autoritätshierarchie innerhalb der Lineage in ihrer Funktion als körperschaftliche Gruppe besitzt ein solches Oberhaupt jedoch keinen rechtli- chen Status zur Ausübung von Autorität sondern ist auf Konsens innerhalb des Segments an- gewiesen. Sein Status besitzt eher moralischen Charakter, der durch religiöse Konzepte un- termauert wird. Er ist der Treuhänder des gesamten Besitzes sowie der produktiven und re- produktiven Ressourcen der Gruppe, und er ist Repräsentant in politischen und rituellen An- gelegenheiten. Zusammenfassend äußert sich Fortes hierzu: „Thus lineage segmentation as a process in time links the lineage with the parental family; for it is through the family that the lineage (and therefore the society) is replenished by successive generations; and it is on the basis of the ties and cleavages between husband and wife, between polygynous wives, between siblings, and between generations that growth and segmentation take place in the lineage” (Fortes 1970: 87).

5.3. Fortes Konzept der complementary filiation

Filiation zeichnet sich laut Fortes im Gegensatz zu d escent durch seinen bilateralen Charak- ter aus, wobei jedoch die soziale Gewichtung der beiden Seiten verwandtschaftlicher Be- ziehungen asymmetrisch gelagert ist. Fortes spricht daher von complementary filiation und sieht darin den Hauptmechanismus für die Segmentation innerhalb einer Lineage. So spaltet sich beispielsweise bei den patrilinearen Tallensi eine einzelne Lineage mit einem männli- chen Gründer in Segmente niederer Ordnung mit unterschiedlichen weiblichen Gründern auf, und zwar nach dem Teilungsmodell einer polygynen Familie in verschiedene Matrizentren. Aufgrund der bilateralen Familie als zentralem Element im Verwandtschaftsgefüge sorgt complementary filiation für die Verbindungslinien zwischen einer Geschwistergruppe und der Verwandtschaft des Elternteils , der nicht die Abstammung bestimmt. Auf diese Weise er- langt jede Geschwistergruppe nicht nur innerhalb der Lineage sondern auch in Bezug auf die verwandtschaftlichen Bande außerhalb der körperschaftlichen Einheit individuellen Charak- ter. Je nach Ausprägung der filiation können mehrere Abstufungen bezüglich dieser externen Verbindungen erkennbar sein. Fortes bemerkt weiterhin, daß complementary filiation den weitreichendsten Einfluß auf die Lineagestruktur bei der Bildung von doppelten unilinearen Systemen hat. Es handelt sich hierbei um ein Prinzip der sozialen Organisation, das sich in allen sozialen Beziehungen und allen wichtigen Institutionen ausdrückt. Als Beispiel soll hier die Aufteilung von ritueller und politischer Autorität auf Matri- respektive Patrilineage die- nen, was Fortes zu der Aussage veranlaßt, „that complementary filiation is not merely a constant element in the pattern of family relationships but comes into action at all levels of social structure in African societies. It appears that there is a tendency for interests, rights and loyalties to be divided on broadly complementary lines, into those that have the sanction of law or other public institutions for the enforcement of good conduct, and those that rely on religion, morality, conscience and sentiment for due observance. Where corporate descent groups exist the former seem to be generally tied to the descent group, the latter to the complementary line of filiation” (Fortes 1970: 89).

5.4. Descent und Ökonomie

Fortes merkt an, daß Lineagetheorie nicht nur auf die Domänen Politik und Verwandtschaft sondern auch auf wirtschaftliche Zusammenhänge anwendbar ist. Er weist jedoch das neo- marxistische Konzept des lineage mode of production in seiner uneingeschränkten Form zu- rück, denn die Lineage reguliere zwar den Zugang zu den Ressourcen, sei aber nicht selbst die produktive Organisation. Im Rahmen der eigentlichen Produktion „the operating units in all pre-capitalist economies are individuals and domestic families centering on the conjugal and parental relationships not on collocation by descent” (Fortes 1978: 17).

5.5. Generationenkonflikt und Ahnenverehrung

Fortes zeigt an anderer Stelle ein für die Tallensi kennzeichnendes Paradox auf. Demnach hat die strukturell bedingte Einheit aufeinanderfolgender Generationen nicht nur gegenseitiges Vertrauen und Zuneigung sowie gemeinsames politisches Interesse zur Folge, sondern mün- det gleichermaßen in Haltungen von Widerstand und Rivalität. Entscheidend ist hierbei, daß diese Feindschaft in der Beziehung zwischen Vater und erstgeborenem Sohn gipfelt und kul- turell anerkannt wird, denn ihr wird durch rituell sanktionierte Meidungsregeln Ausdruck verliehen. Fortes glaubt, daß die Tatsache, daß das erstgeborene Kind eine Person unwider- ruflich zu Vater bzw. Mutter macht, nicht nur Glücksgefühle wecken würde sondern glei- chermaßen ein traumatisches Erlebnis sei. Dies kann in der Folge zu ambivalenten Impulsen führen, die das Leben des Kindes gefährden würden, wenn man sie nicht durch die angespro- chenen Maßnahmen unter Kontrolle hielte. Den Grund für den traumatischen Aspekt der Erstgeburt sieht Fortes in der wachsenden Bedrohung durch den unvermeidlichen Tod und die letztendliche Übernahme der eigenen Position durch die Kinder, d. h. in den ödipalen Konflikten, die erstmals von Freud erkannt wurden. Er weist außerdem darauf hin, daß die Erben nach dem letztendlichen Tod der Eltern sowohl befähigt als auch verpflichtet seien, letztere in den Ahnenstatus zu erheben und in angemessener Weise zu verehren. Der sprin- gende Punkt dieser Maßnahme ist quasi die Konservierung der elterlichen Autorität, deren fortwährende Anerkennung die mutmaßliche Schuld der Nachkommen an der Verdrängung der Eltern aus ihrer angestammten Position annulliert. Der moralische Aspekt ist dabei her- vorzuheben. Fortes ist überzeugt, daß diese in verwandtschaftliche Zusammenhänge einge- bettete Ideenkonfiguration den Kern eines jeden Ahnenkults darstellt und zieht daraus die Schlußfolgerung, daß es bei einem Volk wie den Tallensi unmöglich sei, den Ahnenkult zu begreifen ohne sich zuvor ein tiefes Verständnis von den Abstammung und Verwandtschaft betreffenden Institutionen angeeignet zu haben. Weiterhin argumentiert er, daß man zur kor- rekten Deutung dieser Zusammenhänge über die Untersuchung offensichtlicher Normen und Beziehungsmuster hinausgehen und dem psychologischen Aspekt der Eltern-Kind-Bezie- hung entsprechend große Aufmerksamkeit widmen müsse. Er fügt hinzu, daß seiner Meinung nach die Beweislast groß genug sei, „that behind the oedipal struggle between successive generations lies the challenge of where rights of engendering and disposing over the unique and irreducible source of all social existence, the mother and child couple, ultimately lie...“ (Fortes 1978: 21).

5.6. Zum Konzept der Person

Aus der Notwendigkeit heraus, jedes kulturelle Ereignis im Kontext der sozialen Beziehun- gen zu analysieren, folgert Fortes, erwachse die Konsequenz, daß der oder die Handelnde ei- ne zentrale Bedeutung erlangt. Als Beispiel führt er Hexerei mit der Feststellung an, daß be- schuldigte Hexe und Opfer meistens enge Verwandte seien. Durch diese Entdeckung können Probleme untersucht werden, die zuvor nicht erkannte Konfliktpotentiale und Streßmomente betreffen. Für Fortes wirft dies die Frage auf, wie sich die Betreffenden die kulturtypischen Kenntnisse, Haltungen und Werte aneignen und sie in die Praxis umsetzen oder anders aus- gedrückt: wie wird der oder die Handelnde zur Person in der betreffenden Gesellschaft. For- tes bezieht sich auf die Tallensi, wenn er sagt, daß dieser Prozeß eine Lebensaufgabe darstel- le und erst mit dem Tod und der Erhebung zum Ahnen vollendet sei. Um sich in angebrach- ter Weise als Person in der eigenen Gesellschaft zu präsentieren, muß man in jedem Entwick- lungsstadium zum Zweck der Selbstführung wissen und zur Ermöglichung angemessener sozialer Beziehungen zeigen, wer und was man ist. Diese beiden Voraussetzungen für Individuen oder auch Gruppen müssen einerseits übereinstimmend anerkannt sein und andererseits als obligatorisch erachtet werden um effektiv zu sein. Fortes sieht in totemistischen Glau- bensanschauungen und Praktiken die moralisch bindenden Codes um dies zu gewährleisten, da sie durch Mechanismen wie Nahrungstabus eine Verinnerlichung der eigenen Identifikation bewirken (Fortes 1978: 23-24).

An anderer Stelle geht Fortes auf den Personenbegriff in einem anderen Zusammenhang ein. Er konstatiert, daß eine verheiratete Person immer zwei gegensätzliche Verwandtschaftssta- tus hat, und zwar als Gatte und Elternteil in einem Familienkontext und als Kind und Bruder bzw. Schwester in einem anderen. Die Spannungen, die aus diesem Zustand resultieren, der in einem exogamen Lineagesystem besonders auffällig ist, haben laut Fortes weitreichende Konsequenzen. Eine gängige Regel der Sozialstruktur, die sich in Meidungsbräuchen aus- drückt, besagt, daß die beiden genannten Status strikt auseinander gehalten werden müssen. Darüber hinaus kann jeder Status als eine definierte Zusammensetzung getrennter Rechte und Pflichten angesehen werden. Fortes resümiert: „...every person is at one and the same time a kinsman - and at different ages and stages of life a different type of kinsman - and a citizen and subject therefore to both morals and law at the same time“ (Fortes 1978: 16).

5.7. Zur Grundlage von Verwandtschaftssystemen

Fortes weist die Ansicht einiger Kollegen zurück, daß Verwandtschaft per se inhaltslos sei und nur als Idiom diene, um mit den Fakten politischer, juristischer und ökonomischer Be- ziehungen umzugehen. Statt dessen vertritt er die Meinung, daß die Grundlage eines jeden Verwandtschaftssystems in einer volkstümlichen Theorie über menschliche Reproduktion zu sehen sei, in der genealogische Verbindungen als notwendiges, ergänzendes und unveräußer- liches Beiwerk aufgefaßt werden. Es ist laut Fortes nicht möglich, die Tatsache der natürli- chen Generationenabfolge auf andere Faktoren zu reduzieren als die von Mutter- bzw. Vaterschaft, wohingegen Fakten, die z. B. die Produktion betreffen auf Faktoren wie Landbesitz oder Kapital reduziert werden können. Verwandtschaft repräsentiert somit eine Domäne mit eigenen strukturellen Eigenschaften und kulturellen Inhalten. Beziehungen wie Ehe und Elternschaft entspringen dieser Domäne und besitzen Modellcharakter für angemessenes menschliches Verhalten auch in anderen Domänen.

In Abgrenzung zu der eben behandelten Frage, wie Verwandtschaft zu definieren sei, geht Fortes noch auf die Frage ein, welchen Zweck Verwandtschaft überhaupt verfolge und kommt zu der Schlußfolgerung, „that it has to do with what my Tallensi studies led me to formulate as the axiom of amity which I have since rephrased as the axiom of prescriptive altruism “ (Fortes 1978: 22).

6. SCHLUSSBEMERKUNG

Die hier dargelegten Ausführungen über Leben und Werk von Meyer Fortes erheben natür- lich, beinahe überflüssig zu erwähnen, in keinerlei Weise Anspruch auf Vollständigkeit. Meine Absicht war es, ein möglichst abgerundetes Bild von Fortes zu präsentieren und die Informationen möglichst aus erster Hand zu liefern, selbst auf die Gefahr hin, unkritisch zu erscheinen. Doch ich betrachte mich im Rahmen der von mir vorgelegten Arbeit als eine Art Fürsprecher von Fortes, was mich veranlaßte, ihm stets das letzte Wort zu überlassen. In die- sem Sinne möchte ich abschließend noch eine Anekdote von Fortes über Fortes zitieren. In einem autobiographisch gefärbten Eröffnungsessay im Annual Review of Anthropology unterteilt er Anthropologen in pontiffs und journeymen und fährt fort: „Some years ago, during a visit to the United States, I was asked by a group of students what I should have liked to have done if I had not become an anthropologist. It was a lighthearted question, and answering in the same spirit, I said that I should have liked to have had the skill to make a Chippendale table! Badinage, to be sure, but it helps to make my point. A journeyman’s eyes are on his material, not on higher things. His aim is to turn out a particular product at a time using the best tools at his disposal. What he has by way of skill and technique are directed strictly to the job in hand, to making the most of the material he has to work with in the light of whatever good ideas happen to be appropriate to his task. It is a journeyman in this spirit that I have always approached my vocation as an anthropologist” (Fortes 1978: 1).

7. LITERATURVERZEICHNIS

Fortes, Meyer 1945. The dynamics of clanship among the Tallensi. Being the first part of an Analysis of the social structure of a Trans-Volta tribe. London: Oxford University Press.

Fortes, Meyer 1970. Time and social structure: An Ashanti case study.

In Meyer Fortes (Ed.), Time and social structure and other essays. London: The Athlon press, S. 1-32.

Fortes, Meyer 1970. The structure of unilineal descent groups.

In Meyer Fortes (Ed.), Time and social structure and other essays. London: The Athlon press, S. 67-95.

Fortes, Meyer 1970. Analysis and description in Social Anthropology.

In Meyer Fortes (Ed.), Time and social structure and other essays. London: The Athlon press, S. 127-146.

Fortes, Meyer 1978. An anthropologist’s apprenticeship. Annual Review of Anthropology 7: 1-30.

Harris, Marvin 1969. The rise of anthropological theory. A history of theories of culture. New York: Harper and Row.

Kuper, Adam 1973. Anthropologists and anthropology. The British school 1922-1972. London: Allen Lane.

Leach, Edmund R. 1984. Glimpses of the unmentionable in the history of British Social Anthropology. Annual Review of Anthropology 13: 1-23.

Details

Seiten
21
Jahr
2000
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101668
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
Schlagworte
Leben Werk Meyer Fortes Seminar British Social Anthropology

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Titel: Leben und Werk von Meyer Fortes