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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. DIE INITATION IM GRUNDSATZ
1.1 DEFINITION DER INITIATION NACH P. FREESE

2. INITIATIONSSYMBOLIK IN HERMANN HESSES "DEMIAN"
2.1. ZUR BIOGRAPHIE HERMANN HESSES
2.2. SYMBOLANALYSE
2.2.1. Der "Daimon" als Initiationshelfer
2.2.2. Einzelne Symbole - Beatrice, der Wappenvogel, Abraxas, Feuer
2.2.3. "Frau Eva" als Anima
2.3. AUSBLICK

3. FAZIT

4. LITERATUR

1. Die Initation im Grundsatz

1.1 Definition der Initiation nach P. Freese

Anhand der Schrift „ Die Initiationsreise/ Studien zum jugendlichen Helden im modernen amerikanischen Roman“ von P. Freese soll hier eine Definition des Initiationsritus im Grundsätzlichen gegeben werden.

Freese zeigt, dass der Prozess der Initiation immer in drei Teile zerfällt: in Ausgang, Übergang und Eingang. Es handelt sich um einen menschlichen Wandlungs- und Entwicklungsvorgang, der sich im innermenschlichen Bereich, mit dem wir es im „Demian“ hauptsächlich, wenngleich auch nicht ausschließlich zu tun haben, als Individuationsprozess vollzieht. Ergebnis ist eine so vollständige, existentielle Wandlung, dass sie mit dem Tod des alten und der Wiedergeburt des neuen Menschen symbolisiert wird. Der Symbolkatalog, der immer über das individuelle Geschehen der Initiation hinausdeutet, umfasst Vorstellungen von der Rückkehr in den Mutterleib zum Ziel der Neugeburt, den Abstieg in die Unterwelt zur Überwindung der Todesverfallenheit (vgl. Auerstehung Christi) und der Nachtmeerfahrt mit dem Ziel der Erneuerung und Läuterung. Als Bild für die Schwierigkeiten des Prozesses dient der sogenannte paradoxe Durchgang, wie zum Beispiel die Symplegaden, zwei regelmäßig zusammenschlagende Felsen der klassisch-griechischen Argonautenfahrtsage, die passiert werden müssen. Dem Initianden steht fast immer ein Initiationshelfer beratend und führend zur 1. Im folgenden werden wir uns vor allem mit dem Mythenkreis der Nachtmeerfahrt auseinandersetzen, weshalb er später noch eingehender besprochen wird.

2. Initiationssymbolik in Hermann Hesses "Demian"

Hermann Hesses „Demian“ kann in der symbolischen Entschlüsselung vor allem auf dem Urgrund zweier Initiationsmythen gelesen werden: der "Nachtmeerfahrt" einerseits und dem Komplex des regressus ad uterum andererseits, die, wie Freese zeigt, thematisch eng miteinander verwoben sind2.

Bei der "Nachtmeerfahrt" muss der Held als "Sonnenheld" verstanden werden, der, auf dem Hintergrund der Sonnenbewegung ins Meer eintaucht und von einem riesigen, das Meer verkörpernden Fisch verschlungen wird. In dessen Bauch legt er eine Reise von Westen nach Osten zurück, um am Morgen wieder an Land zu gehen, nachdem er (nur in einigen Versionen) den Fisch besiegt hat oder von ihm

ausgespieen wird3. Die Nähe zum erneuten Eintauchen in den mütterlichen Uterus ist so naheliegend, dass sie nicht erklärt werden muss; der Fisch steht in diesem Zusammenhang auch für den Mutterschoß. In beiden Fällen verheißt die "Wiedergeburt" des Helden eine Verjüngung, bewußtheitliche Erweiterung und Erneuerung seiner Kräfte bis hin zu ewigem Leben. Doch wird dabei der Versuch der Selbsterneuerung durch Schwängerung der Mutter durch das Inzestverbot tabuisiert und verhindert. C.G. Jung erkennt in der diesem Problem zugrundeliegenden Psychologie eine Ablösung von der Mutter durch Übertragung der Rückkehrsehnsucht auf ein erst zu schaffendes Mutter-Imago, das schließlich vom allgemeingültigen Mutterarchetyp ersetzt wird4. Dieser Prozess ist besonders interessant in Bezug auf den Handlungsverlauf des "Demian", wie später noch zu zeigen sein wird.

Im folgenden soll dem Versuch nachgegangen werden, Hermann Hesses „Demian“ im chronologischen Ablauf auf seine für die obengenannten Mythen typischen Symbole und Prozesse zu untersuchen, um die Nähe des Handlungsmusters zum Nachtmeerfahrttopos zu zeigen.

2.1. Zur Biographie Hermann Hesses

Nach seiner Übersiedlung in die Schweiz 1912 hatte Hermann Hesses Ehe mit Maria Bernoulli bereits erste Risse bekommen. Als dann 1914, von Hesse zunächst als Befreiungsschlag aus drückender Schwüle begeistert begrüßt, der Erste Weltkrieg ausbrach, stürzte sich der Dichter in redaktionelle und herausgeberische Arbeiten. So gab er beispielsweise bei der Kriegsgefangenenfürsorge eine Bibliothek für Kriegsgefangene heraus. Doch bald musste er feststellen , dass der krieg eine Wendung einnahm, die er nicht vorausgesehen hatte. Also begann er, in seinen Artikeln kritische Ansichten über das Verhalten besonders der deutschen Kriegsberichtserstatter zu äußern. 1917 wurde im schließlich deswegen mit der Zensur ein politischer Maulkorb angelegt. Hesse musste reagieren, wenn er weiter veröffentlichen wollte.

Das Pseudonym „Emil Sinclair“ war gefunden. Zu gleicher Zeit brach bei Hesse eine schwere Depression aus, die mehrere Ursachen hatte. Einerseits lastete durch seine ehrenamtliche Tätigkeit und die Anfeindungen der deutschen Presse gegen ihn ein ungeheurer Druck auf ihm. Andererseits war sein Vater als letztes Elternteil 1916 verstorben. Doch all dies begünstigte wahrscheinlich nur die Wirkung der Unzufriedenheit, die Hesse seit längerem mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit hatte. Hesse brauchte therapeutische Hilfe. Das er diese beim C.G. Jung-Schüler Dr. J.B. Lang suchte, blieb nicht ohne Folgen für sein Schaffen. Es begann mit dieser Krise eine Initiation des fast Vierzigjährigen vom empfindsam-spätromantischen Dichter zum politisch hellwachen und für die Bedürfnisse der Menschen eintretenden Mahner

seiner Zeit. Als Ergebnis dieser Entwicklung erschien 1919 der „Demian“. Hesse hatte sich gewandelt5

2.2. Symbolanalyse

2.2.1. Der "Daimon" als Initiationshelfer

Die Grundsituation in Hermann Hesses „Demian“ ist die eines Knaben kurz vor dem Umbruch der Pubertät. Er empfindet deutlich den scheinbar unauflöslichen Zwiespalt zweier Welten, die ihn umgeben. Die eine ist die bürgerliche, moralische, lichte und reine Welt der Eltern, in der es "Liebe und Strenge, Vorbild und Schule [...] Klarheit und Sauberkeit" gibt.6

Die andere, für den zehnjährigen Knaben weitaus faszinierendere, ist die Welt der Arbeiter, Mägde und Handwerksburschen, die ihn umgibt, sobald er das Haus der Eltern verlässt, ja, in Form der Dienstmädchen gleichsam gezähmt sogar noch bis in die elterliche Stube dringt.7 So empfindet Sinclair manchmal die "Heimkehr ins Helle - so notwendig und gut sie auch sein mochte - fast wie eine Rückkehr ins weniger Schöne, ins Langweiligere und Ödere."8

Doch noch stellt sich dieser Zwiespalt dem Jungen nicht als Problem dar, da er, zwar langsam zum Bewusstsein erwachend, sich immer noch eindeutig einer der beiden Welten, nämlich der elterlichen, zugehörig fühlt. Die Gestalten der Schwestern übrigens, die der Sphäre der Eltern angehören, sind sehr verschwommen und schemenhaft, sie werden nicht einmal beim Namen genannt. Mit ihnen in Eintracht zu stehen, wird paradiesischen Empfindungen verglichen9.

Der Bruch mit dieser hellen und lichten Welt geschieht erst durch die Ereignisse um die Figur Franz Kromers. Der Volksschüler und Sohn eines Alkoholikers übt eine magische Wirkung auf Sinclair aus, da er sich männlicher und gewandter verhält. Um ihm zu gefallen, prahlt Sinclair mit einer Tat, die er gar nicht begangen hat: dem Diebstahl eines Sackes mit Äpfeln aus dem Müller'schen Obstgarten.

Aber Kromer bemerkt die Lüge und nutzt sie für sich, indem er behauptet, der Müller habe demjenigen Geld geboten, der ihm den Dieb anzeigen kann. Für sein Stillschweigen erpresst er Sinclair, dem die Zurücknahme der Lüge unmöglich ist, da ihm dadurch sein Zurückstehen vor dem Älteren schmerzlich bewusst werden müsste. Die geforderte Summe übersteigt seine Barschaft, sodass Sinclair nun einen wirklichen Diebstahl begehen muss.

Nicht zuletzt das Motiv der geklauten Äpfel erinnert an den biblischen Sündenfall, der hier subjektiv an der Schwelle zum Erwachsenwerden nachvollzogen wird. Damit verlässt Sinclair als Neophyt die Eindeutigkeit der elterlichen Sphäre und taucht in die "reale, dunkle" Welt von Schuld und Sühne ein - sein Initiationsprozess beginnt10. Volker Michels, Hermann Hesses Herausgeber, schreibt zu diesem Punkt: "Dass Sinclair diesen Konflikt niemandem anvertrauen kann, am wenigsten seinem frommen Vater, ist das entscheidende Problem in seiner Entwicklung und führt zum Bruch mit den Wertbegriffen der offiziellen [...] Welt seiner Herkunft"11.

An dieser entscheidenden Stelle tritt nun Max Demian in den Handlungsverlauf ein. In ihm erkennen wir über den weiteren Fortgang beobachtet einerseits den "Initiationshelfer, -paten oder Mentor, der als Führer [...] dem Initianden ratend und helfend zur steht."12

Aber auch ein anderer Komplex steckt in Hesses Titelfigur: C:G.Jung bezeichnet Teile der Psyche, die mit eigener Lebensenergie in Form von Libidosymbolen ausgestattet werden und die mit Archetypen korrespondieren, wie zum Beispiel Traumgestalten, nach dem griechischen "daimones" - Dämonen13.

Einen solchen Komplex entdecken wir bei der Figur des Demian, insbesondere bei Berücksichtigung der Namensgebung. Zum ersten Mal erscheint die Figur in einem Traumtagebuch Hermann Hesses, dass er auf Wunsch seines Therapeuten Dr. J.B. Lang anlegte. In der Nacht vom 11. zum 12. September 1917 träumt Hesse von einer Begegnung mit einem Mann der Demian heißt und ihn überfällt14. Anfänglich macht es den Anschein, dass er betrunken sei und der Kampf schnell entschieden ist, doch gewinnt Demian und entwendet die Brieftasche als Preis für Hesses Niederlage. Hesse schreibt in der assoziativen Betrachtung seines Traumtagebuches: "Zu Demian

fällt mir ein: es ist eine Verstümmelung von Damian, klingt aber durch den veränderten Laut stark an 'Dämon' an, erinnert mich auch etwas an Demiurg."15 Max Demian übt nun auf Sinclair eine starke, wenngleich nicht eindeutig positive, sondern vielmehr ambivalente Anziehungskraft aus. Er erscheint als Älterer, Erfahrener und selbstbewusster Mensch, der deutlich aus dem Rahmen der übrigen Schüler herausfällt16 Dieser tritt sofort dadurch in Erscheinung, dass er die Bibelgeschichten des Religionsunterrichts auf frappierende Weise neudeutet, ja - geradezu in ihrer Aussage umdreht.

Schon hier zeigt Demian Sinclair an, dass seine Wertemaßstäbe in frappierender Weise weiter gesteckt sind, als die der elterlichen Umgebung. In Bezug auf die Kromererlebnisse könnte man fast sagen, dass er Sinclair einen Hinweis geben möchte, dass dieser sich ihm ruhig anvertrauen kann. Doch Sinclairs Vertrauen ist noch nicht soweit gediehen, dass er dieses versteckte Angebot nutzen kann. Erst als Kromer durch ein entschiedenes Überschreiten der für den Knaben erträglichen Grenze das Maß des Duldbaren sprengt, - die sexuellen Begierden Kromers gegenüber Sinclairs Schwester haben bei psychodramatischer Deutung der Handlung geradezu einen inzestuösen Beigeschmack - erscheint Demian wieder, um in beängstigender Hellsichtigkeit und Sanftheit Sinclair sein Geheimnis zu entlocken.

Fürderhin hat der Knabe Ruhe, Demian hat zum Zeitpunkt höchster Not Franz Kromer auf uns unbekannte Weise zum Schweigen gebracht. Damit hat er aber seine aktive Wirkung auf Sinclairs Leben entfaltet und "wird sich künftig in kritischen Situationen noch solange einstellen, bis Sinclair erwachsen und mit sich selbst, also auch Demian, eins geworden ist."17

2.2.2. Einzelne Symbole - Beatrice, der Wappenvogel, Abraxas, Feuer

2.2.2.1. Beatrice

Nachdem Sinclair in das Internat gegangen ist, was wir zweifelsohne als die Phase der äußeren und inneren Isolation ansehen dürfen18, und eine Phase völligen Selbstverlustes (mit Alkoholexzessen, etc.)19 hinter sich hat, begegnet ihm in der Gestalt eines Mädchens im Park ein neuer Hoffnungsschimmer. Die Verehrte entspricht Sinclairs Sehnsucht nach Reinheit und Anbetungswürdigkeit. Dabei kommt es zu keinem persönlichen Kontakt.

[...]


1 Freese, P.: „Die Initiationsreise/ Studien zum jugendlichen Helden im modernen amerikanischen Roman“, Neumünster 1971 (im folgenden: Freese, 1971)

2 a.a.O., S. 141

3 a.a.O., S.141

4 Jung, C.G., 1985 (im folgenden: HEROS), S.82 f.

5 Michels, V. (Hrsg.): "Materialien zu Hermann Hesse /"Demian"/ Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen", (im folgenden: MatD) Suhrkamp Verlag, 1993, S. 9-43

6 Hermann Hesses „Demian“, S. 9

7 a.a.O., vgl. S.10f.

8 a.a.O., S. 11

9 a.a.O., S.13: "An guten Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So musste es sein, wenn man ein Engel war!"

10 a.a.O., S.24: "[...] ich musste mit erfrierendem Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches Leben Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und musste spüren, wie ich mit neuen saugenden Wurzeln draußen im Finsteren und Fremden verankert und festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der Tod schmeckt bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor furchtbarer Neuerung."

11 MatD, S. 19

12 Freese, 1971, S. 155

13 Jung, HEROS, S. 106

14 MatD, S. 21

15 a.a.O., S.21

16 Hermann Hesses „Demian“, S. 33: "Angenehm war er mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu herausfordernd sicher in seinem Wesen, und seine Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen [...]", S. 39: "Weiter wurden Märchen erzählt von Max Demians Körperkraft.", S. 40: "Nicht viel später aber kamen neue Gerüchte unter uns Schülern auf, die wussten zu berichten, dass Demian vertrauten Umgang mit Mädchen habe und 'alles wisse'."

17 MatD, S. 20

18 Hermann Hesses „Demian“, S. 81 "Vereinsamung", S. 82 "[...] grollte mich in meine Einsamkeit hinein [...]", S. 90 "Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber führen kann."

19 a.a.O., S. 82 "Was aus mir würde, war mir einerlei."

Details

Seiten
14
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638999151
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101499
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
Schlagworte
Initiationssymbole Hermann Hesses Demian Literatur Verfilmung

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Titel: Initiationssymbole in Hermann Hesses "Demian"