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Heinrich von Kleist: Familie Schroffenstein

Seminararbeit 2001 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Die Familie Schroffenstein oder Wie der Konflikt zweier Vetter zum Untergang führen kann

1. Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist, 1777 in Frankfurt an der Oder geboren, steht in dem Ruf, einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker zu sein. Er war der älteste Sohn des Kompaniechefs Joachim Friedrich von Kleist und seiner zweiten Frau Juliane Ulrike. 1792 trat er in die Armee ein, 1797 wurde er zum Sekondeleutnant befördert. Zwei Jahre später erbat und erhielt er den Abschied aus dem Heer. Der König stellte ihm eine spätere Anstellung im Zivildienst in Aussicht. Nach dem Bestehen der Reifeprüfung im April 1799 immatrikulierte sich Kleist an der Universität in Frankfurt a.d.O. und studierte Physik, Philosophie, Mathematik und Staatswissenschaften.

„ Mit dem Studium der Wissenschaft will Kleist seinem weiteren Lebensweg Richtung und Gestalt verleihen und damit aber auch für seinen Broterwerb in der Zukunft Vorsorge treffen.“ ( Bekes,1990, S. 24). Immer mehr versuchte er, zielgerecht und nach festen Prinzipien zu leben, er entwarf für sich einen Lebensplan. Eine soziale Basis in seinem Lebensplan sollte die Verlobung mit Wilhelmine von Zenge schaffen, die jedoch an Kleists Unwillen, ein standesgemäßes Leben zu führen, scheiterte. Voraussetzung für die Ehe mit Wilhelmine war das Versprechen, ein Amt zu übernehmen, Kleist entschied sich aber dagegen: „ Was ich aber für einen Lebensweg einschlagen werde - ? Noch weiß ich es nicht. Nach einem Amte möchte ich mich dann schwerlich umsehen. Unaufhörliches Fortschreiten in meiner Bildung, Unabhängigkeit und häusliche Freuden, das ist es, was ich unerlässlich zu meinem Glücke bedarf. Das würde mir kein Amt geben, und daher will ich es mir auf irgend einem andern Wege erwerben und sollte ich mit auch mit Gewalt von allen Vorurteilen losreißen müssen, die mich binden [...].“ ( H.v.Kleist, zitiert in Bekes, 1990, S. 42)

Diesen anderen Weg beschritt er dann mittels der Schriftstellerei. Seine dichterische Laufbahn begann, nachdem er nach relativ kurzer Zeit sein Studium abgebrochen hatte. Während seines Studiums begann er, sich mit der Erkenntniskritik Kants auseinander zu setzen, „ welche ihn so unglücklich gemacht habe, dass er es in Berlin in seinen engen vier Wänden nicht aushalten könne, er würde eine Reise machen, um sich zu zerstreuen.“ ( Sembdner, 1996 ,S. 46 ).Hatte er zuvor an seinen Lebensplan geglaubt, „ an die Macht der Wissenschaft und der Bildung, so mehren sich allmählich die Zweifel und bricht das optimistische Weltgebäude bis in die Grundfesten zusammen. “( Kluge, 1981, S. 9). Kleist hatte fälschlich aus Kant herausgelesen, „ dass uns die Erfahrung über den wahren Charakter des Seins täusche. Er sah sich [...] in dem Gefühl bestätigt, es gebe keine vom Ich unabhängige Erkenntnis. Sicherheit stifte das Gefühl- doch das Gefühl kann sich irren oder getäuscht werden; dann kommt es zur Katastrophe. Die natürlichen Gefühle für Freunde, Verwandte und die eigenen Kinder werden in ihr Gegenteil verkehrt. “ ( Hohoff, in FS,S.118). Fassungslos, verwirrt und ohne festen Halt bot ihm das Studium keine Perspektiven mehr, fortan führte er ein unruhiges Leben, reiste von einem Ort zum nächsten.

Kleist fuhr nach Paris, hielt es dort jedoch nur 4 Monate aus und fuhr schließlich weiter in die Schweiz. Er lernte unter anderen Heinrich Zschokke, Heinrich Geßner, Christoph und Ludwig Wieland kennen, die ihn in seinen literarischen Ambitionen unterstützten. Zu Kleists seelischer Verfassung zu dieser Zeit sagt Ludwig Ti eck: „ Es ist nur natürlich, dass die meisten Autodidakten dasjenige, was sie auf ihre eigentümliche, zufällige und heftige Weise erlernen, viel zu hoch anschlagen; es ist ebenso begreiflich, dass sie in andern Stunden, wenn ihnen Wissen und Lernen nicht diese ruhige Genügsamkeit gibt, die unsre Seele gelinde erweitert, und unvermerkt bereichert, dann alles Wissen, Denken und Lernen, alle Kenntnisse und Gelehrsamkeit tief verachten, und einen geträumten und unmöglichen Naturstand höher stellen als alle Kultur, ja ihn für den wahrsten und glücklichsten halten. In dieser unglücklichen Stimmung befand sich damals unser Freund, und er wurde nicht ruhiger, sondern nur noch aufgeregter, als er die Kantische Philosophie kennen lernte, der er sich einige Zeit mit dem größten Eifer ergab.“ ( in Sembdner, 1996, S. 47 ).

Zutiefst verunsichert und hin- und hergerissen zwischen familiären Ansprüchen und persönlichen Neigungen, dem Zwang zur Daseinsvorsorge und dem Wunsch nach freiem Ausleben seiner poetischen Neigung, der Sehnsucht nach Partnerschaft und einer aus Selbstzweifeln genährten Bindungsunfähigkeit, begann Kleist mit der Arbeit an seinem Drama Familie Thierrez, das er später in Familie Ghonorez umbenannte und das 1803 unter dem endgültigen Titel Die Familie Schroffenstein erschien. Bereits in diesem Werk lässt sich, wie in allen nachfolgenden Dramen, Novellen und Aufsätzen, ein Grundthema erkennen: „ Die Verrätselung der Welt für den einzelnen durch die undurchschaubare Verflechtung von Schein und Sein, den Gegensatz von Wahrheit und Täuschung, Wissen und Irrtum, Vertrauen und Misstrauen, die Problematik des Erkennens, der Wahrheitsfindung, die - wenn überhaupt - einzig im Vertrauen auf das eigene, letztlich unverstellte Gefühl gelingt.“(Jens, 1988,Band 9, S. 470).

Diese Thematik bestimmte auch Kleists Leben. Das Fehlen von Sicherheiten, die Erkenntnis, keine Einsicht in die Welt zu erlangen, die Zerbrechlichkeit der Weltordnung und sein tief empfundener Pessimismus machten es ihm unmöglich, das Leben in dieser Welt zu ertragen. Er erschoss sich am 21. November 1811 zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel.

2. Die Familie Schroffenstein

Die Familie Schroffenstein, ein Trauerspiel in fünf Akten, 1803 anonym erschienen, ist das Erstlingswerk Heinrich von Kleists.

Das analytisch gebaute Drama beschreibt den Streit zweier Familien, der über einen Erbvertrag ausgebrochen ist und durch konsequent falsche Auslegung der Realität die natürliche Ordnung so nachhaltig stört , dass die verfeindeten Vettern Rupert und Sylvester ihre jeweils eigenen Kinder umbringen, „ deren kurze Liebesverbindung kurz die utopische Vorstellung von harmonischer Versöhnung möglich scheinen ließ.“ (Doering, 1996. S.15f. )

Da dieser Erbvertrag jedoch schon seit mehreren Generationen existiert und vorher nur unterschwelliges Misstrauen zwischen den beiden Familien hervorrief, bietet es sich an, zu untersuchen, durch welche Umstände sich dieser Konflikt ausweitet und am Ende zum Untergang der Familien führt.

Kleist selbst ist nicht überzeugt von seinem Stück, er rät seiner Schwester Ulrike:

„ Auch tut mir den Gefallen und leset das Buch nicht. Ich bitte euch darum. [ gestrichen: Es ist eine elende Scharteke. ] Kurz, tut es nicht. Hört Ihr?“ ( Koopmann, in Sämtliche Werke, 1997, S. 1072/1073).

Im Gegensatz zu Kleist selbst nahmen die Leser das Stück relativ gut an. Zeitgenossen wie L.F. Huber, Stephan August Winkelmann und Friedrich Karl von Savigny nannten das Stück „ eine Wiege des Genies, [...] eine neue Lebenshoffnung, [...] sehr gut, voll Erfindung.“ ( Sembdner, 1996, S.89ff). Curt Hohoff sagt in seinem Nachwort zur Familie Schroffenstein: „Das Trauerspiel [...] ist kein Frühwerk, keine Vorstufe der großen Dramen. Es lebt vielmehr aus den gleichen Vorstellungen wie Das K ä thchen von Heilbronn, Penthesilea und Prinz Friedrich von Homburg,[...].Es ist in Entwurf, Ausführung, Umrissschärfe und Charakteristik nicht schwächer als jene Stücke. Es ist nur, [...], dem modernen Bewusstsein schwerer zugänglich.“ ( in FS,S.116). Erich Schmidt nennt das Drama „ das Werk eines Anfängers, aber gleich in der mit kluger Berechnung getheilten und in zwei symmetrischen Hälften aufgebauten Exposition das Werk eines hochbegabten Anfängers und besonders im dritten Act das Werk eines geborenen Dramatikers.“ ( in Müller-Seidel, 1980,S. 12).

Für Kleists Gesamtwerk spielt Die Familie Schroffenstein in so fern eine Rolle, als das sie „ bereits die [ oben erwähnte] Thematik [ vorzeichnet], die Kleist in seinen späteren Werken immer wieder aufgreift [ und das ] manche Charaktere des Dramas als Vorentwürfe späterer Figuren gesehen werden [können ], so hat Agnes in der Unbedingtheit ihrer Liebe Ähnlichkeit mit Käthchen von Heilbronn oder Toni in der Erzählung Die Verlobung von Santo Domingo ( 1811), und Rupert weist in seinem ungezügelten Starrsinn und seiner ausgeprägten Ambivalenz Züge des Michael Kohlhaas auf. “( Jens, 1988, Bd.9, S. 470 )

3. Die Familienkonstellationen

Die Familie Schroffenstein zerfällt in die drei Häuser Rossitz, Warwand und Wyk. Die Oberhäupter der Familien, Rupert in Rossitz, Sylvester in Warwand und Jeronimus in Wyk sind Vettern. Die Ehefrauen von Rupert und Sylvester, Eustache und Gertrude, sind Schwestern, jedoch spielt diese Tatsache nur eine sehr untergeordnete Rolle. Jede der Frauen hält ausschließlich zu ihrem Ehemann. Der Sohn Ruperts, Ottokar, ist etwa im gleichen Alter wie Sylvesters Tochter Agnes, die beiden kennen sich anfänglich jedoch nicht. In Ahnlehnung an Shakespeares Romeo und Julia entsteht zwischen den beiden Kindern bald eine romantische Beziehung, die, hätte sie in einer Heirat geendet, die durch den Erbvertrag entstandenen Probleme völlig beseitigt hätte. Durch die Tragödie am Ende des Dramas jedoch steht diese Beziehung inmitten aller Irrtümer und Missverständnisse für die Aussichtslosigkeit des Lebens in einer unheilvollen Welt. Durch den Tod beider Kinder verfällt der Vertrag und mit ihm beide Familien.

4. Der Erbvertrag

Auf das Zustandekommen dieses Vertrages, seine Verfasser und seine situativen Hintergründe geht Kleist in seinem Buch nicht näher ein, der Leser erfährt lediglich, dass es sich um einen jahrhundertealten Kontrakt handelt. Es gibt auch keine Hinweise darauf, wie frühere Generationen mit diesen Verfügungen umgegangen sind. Unzweifelhaft ist aber, dass das Bestehen dieses Erbvertrages der Hauptgrund für den Zwist der beiden Familien ist. Er besagt, dass „ nach dem gänzlichen Aussterben / Des einen Stamms, der gänzliche Besitztum / Desselben an den anderen fallen sollte.” ( FS,S.10) Oberflächlich betrachtet beinhaltet dieser Vertrag also nur die ohnehin gängige Erbregelung, bis heute fällt ja dem nächsten Verwandten das Vermögen des Erblassers zu. Im Hinblick auf die Folgen dieses Vertrages jedoch scheint die Anspielung des Rossitzer Kirchenvogts auf den biblischen Sündenfall den Kontrakt zu einem Instrument der Abwendung von der Natur hin zu einer gesellschaftlichen Ordnung, die nicht nur immer positiv sein muss, zu machen.

Besonders problematisch zu dieser Zeit war die Stellung der Frau, die erbrechtlich überhaupt keine Ansprüche hatte und somit jede Familie einen männlichen Erben stellen musste, um zu vermeiden, dass nach dem Tod des männlichen Oberhaupts das gesamte Vermögen an die jeweils andere Familie fallen würde und die weiblichen Hinterbliebenen mittellos zurückgelassen werden würden. Die daraus resultierende Angst schlägt sich, besonders bei der Ehefrau von Sylvester und den Bediensteten, anfänglich in verhaltenem Misstrauen gegenüber der anderen Familie nieder. So verdächtigt Gertrude von Warwand heimlich die Rossitzer, vor Jahren ihren Sohn vergiftet zu haben, von Sylvester gemaßregelt, “ Schweig! ich kann das alberne / Geschwätz im Haus nicht leiden “(FS,S.23) traut sie sich aber nicht, öffentliche Anschuldigungen zu erheben: „ O Gott, mein Gott, ich will ja nichts mehr sagen, / Will niemand mehr beschuldgen, wills verschmerzen. / [...]” (FS,S.24). Ähnlich misstrauisch äußert sich der Kirchenvogt der Rossitzer hinsichtlich des Verhaltens der Warwander während einer schweren Erkrankung Ruperts: „ [...] alles hielt ihn schon für tot, / Und Graf Sylvester griff als Erbe schon / Zur Hinterlassenschaft, als wiederum / Der gute Herr lebendig ward. Nun hätt` / Der Tod in Warwand keine größre Trauer / erwecken können, als die böse Nachricht [ ...] Seit der Zeit hat der / Sylvester stets nach unserer Grafschaft her / Geschielt [...] “ ( FS, S.10/11) .

Diese misstrauische Haltung hat sich über viele Jahre hinweg durch mehrere ungeklärte Todesfälle und seltsame Vorkommnisse in beiden Familien verstärkt und dadurch den Erbvertrag zu einem Instrument gemacht, das nicht die natürliche Erbfolge regelt, sondern die beiden Familien völlig entzweit.

5. Der Verlauf des Familienstreites vor Peters Tod

Um die stetig gewachsenen Zweifel an der Integrität und Moral der anderen Familie zu verstehen, ist es wichtig, die Anfänge des Konfliktes darzustellen. Die Reihe der merkwürdigen, ungeklärten Vorkommnisse begann mit der bereits beschriebenen Erkrankung Ruperts. Zwei Jahre später wurde ein Sohn Ruperts tot geboren. Dieser Tod bleibt von den Rossitzern unkommentiert. Sylvester jedoch führt ihn an, um seiner Frau vor Augen zu führen, wie leicht ein falscher Verdacht entstehen kann :

„ Was meinst du? Wenn / Vor achtzehn Jahren, als du nach Rossitz / Zu deiner Schwester eiltest, bei der ersten / Geburt ihr beizustehen, die Schwester nun, / Als sie den neugebornen Knaben tot / Erblickte, dich beschuldigt hätte, du, / Du hättest - du verstehst mich - heimlich ihm, / Verstohlen, während du ihn herztest, küsstest, den Mund verstopft, das Hirn ihm eingedrückt -”(FS,S.24).

Elf Jahre danach starb dann eine Tochter Sylvesters und Gertrudes. Obwohl dieser Tod nicht unnatürlich gewesen zu sein scheint, empört sich Gertrude darüber, dass die Rossitzer, offensichtlich falsch informiert, einen Boten mit der Frage schickten, “ ob der Junker krank sei”(FS,S.22). Sie unterstellt ihnen, den Boten nicht aus Sorge um die Verwandtschaft, sondern vielmehr aufgrund des Wunsches, den Besitz zu übernehmen, entsendet zu haben.

Zwei Jahre vor Peters Tod nun erkrankte Sylvester an einem rätselhaften Fieber. Die Rossitzer schickten ein Fläschchen mit eingemachter Ananas. Als Sylvester sich kurz darauf heftig erbrechen musste, bestätigte sich für Gertrude der Verdacht, das Fläschchen wäre vergiftet. Sylvester jedoch entlarvt die Geschichte als Missverständnis : „ Das ist seltsam; / Denn ich besinne mich noch eines Umstands - / - Ganz recht. Die Katze war mir übers Fläschchen / Mit Ananas gekommen und ich ließ / Von Agnes mir den Pfirsich reichen[... ]Ei, so hätte / Sich seltsam ja das Blatt gewendet. Denn / Die Ananas hat doch der Katze nicht / Geschadet, aber mir dein Pfirsich, den / Du mir selbst zubereitet.” ( FS, S.48) Gertrude jedoch, begründet durch ihr tief verwurzeltes Misstrauen, ist nicht überzeugt: „ - Drehen freilich / Lässt alles sich.-“ ( FS,S.48)

Bestätigt sieht sie sich dann endgültig nach dem bereits erwähnten Tod ihres Sohnes Philipp. Nur Sylvesters strenger Widerspruch hindert sie daran, ihre Vermutungen außer gegenüber ihrer Tochter Agnes auch anderen gegenüber laut zu äußern : „ [...] Doch still! der Vater kommt. Er hat mirs streng / Verboten, von dem Gegenstand zu reden.”(FS,S.22)

Peters Tod nun, der am Anfang des Dramas steht, bezeichnet den Punkt, an dem der vorher nur latent vorhandene Konflikt in einen offenen Krieg ausartet.

6. Progression des Konflikts

Im Verlauf des Dramas reiht sich ein Unglück an das nächste, jeweils hervorgerufen durch das vorhergehende. Die Gründe hierfür sollen im folgenden dargestellt werden.

6.1. Charakteristika der Familienoberhäupter

Da sich die Familie im beginnenden 19.Jahrhunderts noch durch die starke Rolle des männlichen Familienoberhaupts definierte, muss hier danach gefragt werden, welche Charakterzüge der beiden Grafen dazu führen konnten, dass sich der Streit dermaßen ausweitete.

6.1.1. Sylvester

Sylvester ist ein besonnener, moralischer, aufrechter Mann, der sich weder von Geschwätz noch von Vorurteilen beeinflussen lässt. Er empfindet die Anspielungen seiner Frau als intolerable Boshaftigkeiten und ist konsequent darum bemüht, sie von der gemeinen Subjektivität ihres Denkens zu überzeugen : „ Was ist das? Ich erstaune - O daran ist, / Beim Himmel! niemand schuld als du, Gertrude! / Das Misstraun ist die schwarze Sucht der Seele, / Und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht / Fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an. / Das Nichtsbedeutende, Gemeine, ganz / Alltägliche, spitzfündig, wie zerstreute / Zwirnfäden, wirds zu einem Bild geknüpft,/ Das uns mit grässlichen Gestalten schreckt./ Gertrude, o das ist sehr schlimm“ (FS,S.23).

Selbst als ihm Aldöbern, ein Bote aus Rossitz, den Krieg ankündigt, reagiert er ungläubig und ist bemüht, die Sachlage zu klären. Er beschließt, trotz aller Warnungen, Rupert aufzusuchen, ihn zu besänftigen und von seiner Unschuld zu überzeugen: „ Gertrude: In deiner Feinde Macht gibst du dich selbst?

[...]

Aldöbern: Wenn du glaubst, sie werden schonend / In Rossitz dich empfangen, irrst du dich.

Sylvester: Tut nichts, tut nichts; allein werd ich erscheinen. / Ein einzelner tritt frei zu seinen Feinden.

Aldöbern: Das Mildeste, das dir begegnen mag, / Ist, dass man an des Kerkers Wand dich fesselt.

Sylvester: Es ist umsonst.- Ich muss mir Licht verschaffen, / Und sollt ichs mir auch aus der Hölle holen.

Aldöbern: Ein Fluch ruht auf dein Haupt, es ist nicht einer / In Rossitz, dem dein Leben heilig wäre.

Sylvester: Du schreckst mich nicht. - Mir ist das ihre heilig, / Und fröhlich kühn wag ich mein einzelnes. [...] “(FS,S.28)

Diese Unerschrockenheit Sylvesters, sein Wunsch nach Klarheit und sein Glaube an Gerechtigkeit und Objektivität seitens der Rossitzer, bleiben im Verlauf des Dramas lange weiter bestehen. Verhindert wird sein sofortiger Aufbruch nur durch eine Ohnmacht, die ihn überfällt, als er erfährt, dass auch sein anderer Vetter, bisher ein loyaler Freund beider Familien, ihn des Mordes für schuldig hält.

Vorerst nicht reisefähig, bekundet er immer wieder seinen Wunsch, sich mit Rupert auszusprechen. Sein bis dahin reines Gewissen wird belastet durch den Tod des Rossitzer Boten, der von Sylvesters Bediensteten, aber ohne sein Wissen, gelyncht wurde. Obwohl einem Betrug aufgesessen, übernimmt Sylvester die Verantwortung für den Tod des Boten : „ [ ... ]Ganz rein, seh ich wohl ein, kanns fast nicht abgehen, / Denn wer das Schmutzge anfaßt, den besudelts. “(FS,S.39)

Seine Gesinnung ändert sich erst, als er, allerdings irrtümlich, an der Aufrichtigkeit Ruperts zu zweifeln beginnt. Einen Krieg aus Rache kann er verstehen, Falschheit und Hinterhältigkeit jedoch nicht : „ Jeronimus, mir wird ein böser Zweifel / Zur Gewissheit, fast.- Ich hätts entschuldigt, / Dass sie Verdacht auf mich geworfen, dass / Sie Rache mir geschworen, dass Sie Fehde / Mir angekündigt - ja hätten sie / Im Krieg mein Haus verbrannt, mein Weib und Kind / Im Krieg erschlagen, noch wollt ichs entschuldgen./ Doch dass sie mir den Meuchelmörder senden, - / Wenns so ist -” (FS,S.47).

Nachdem dann Jeronimus von Ruperts Leuten getötet wurde, verliert Sylvester seine Besonnenheit: „ Nun, / Beruhge dich - fortan kein anderes / Gefühl als nur der Rache will ich kennen[...]”(FS,S.85).

Von Wut getrieben, zieht er in den Krieg gegen Rupert. Diese unkontrollierte Wut eskaliert am Ende und führt zu dem, was Sylvester ursprünglich unbedingt vermeiden wollte - dem Tod seiner eigenen Tochter.

6.1.2. Rupert

Die Gegensätzlichkeit Sylvesters und Ruperts beschreibt ein Gespräch zwischen Agnes und Ottokar:

„ Agnes: [...] Er [ Sylvester] ist so stark, und doch so sanft.- Er hat es längst / Vergeben.

Ottokar: Könnt ich das von meinem sagen! /Denn niemals hat die blinde Rachsucht, die / Ihn zügellos - wild treibt, mir wohlgetan. [...] “( FS,S.60).

Tatsächlich erscheint Rupert von Beginn an wesentlich unausgeglichener, weniger bereit zu vergeben. Schon in seinem ersten Satz tritt seine Sucht nach Rache zutage:

„ Ich schwöre Rache! Rache! Auf die Hostie, / Dem Haus Sylvesters, Grafen Schroffenstein“. (FS,S.5) Es genügt ihm auch nicht, selbst diesen Racheschwur geleistet zu haben, er fordert auch seinen ältesten Sohn und seine Frau auf, diesen Eid zu schwören. Seltsam erscheint, dass, nachdem er jahrelang die anderen Todesfälle hingenommen hat, ausgerechnet dieser Tod eine solche hassverzerrte Reaktion auslöst, schließlich hat Rupert noch seinen Sohn Ottokar, der Fortbestand des Stammes ist also gesichert. Später wird aber deutlich, dass Rupert fürchtet, auch noch Ottokar zu verlieren und somit dem vermeintlichen Treiben des anderen Familienzweiges rechtzeitig Einhalt gebieten will. Hätte Sylvester an dieser Stelle sicherlich ein Gespräch gesucht, hinterfragt Rupert die Tat und die sehr dürftige Aussage des vermeintlichen Mörders überhaupt nicht, der Ausruf des gefolterten Warwander Ritters „ Sylvester!“ reicht ihm völlig. Nur seine Frau macht den Versuch, ihn von der Notwendigkeit einer näheren Untersuchung des Vorfalls zu überzeugen: „O Rupert, mäßge dich! Es hat der frech / Beleidigte den Nachteil, dass die Tat / Ihm die Besinnung selbst der Rache raubt, / Und dass in seiner eignen Brust ein Freund / Des Feindes aufsteht wider ihn, die Wut- / Wenn dir ein Garn Sylvester stellt, du läufst / In deiner Wunde blindem Schmerzgefühl / Hinein. - Könntst du nicht prüfen mindestens / Vorher, aufschieben noch die Fehde. - Ich / Will nicht den Arm der Rache binden, leiten / Nur will ich ihn, dass er so sichrer treffe.“(FS,S.6f) , scheitert aber an der Sturheit und blinden Wut Ruperts: „ So, meinst du, ich soll warten, Peters Tod nicht rächen,[...].Geh hin nach Warwand, kündge ihm den Frieden auf.[...].“(FS,S.7)

Von seiner zynischen Seite zeigt sich Rupert in einem Gespräch mit Jeronimus, der versucht, ihn von der Unschuld Sylvesters zu überzeugen. Obwohl er anfänglich einzulenken scheint:

„ Jeronimus: [...] Er glaubt, es steck ein Irrtum wo verborgen.

Rupert: Ein Irrtum?

Jeronimus: Den er aufzudecken, nichts / Bedürfe, als nur ein Gespräch mit dir. Rupert: Nun, meinetwegen.

[...]

Rupert: So sags, / Dass ich mit Freuden ihn erwarten würde.“(FS,S.72),

zeigt sich in seiner Bemerkung : „ Mir heilig? Ja. Doch fall / Ich leicht in Ohnmacht.“(FS,S.74), dass alle Vermittlungs- und Erklärungsversuche fruchtlos geblieben sind. Von Misstrauen geblendet, hält er Jeronimus für einen von Sylvester gesandten Verräter. Er beauftragt seinen Untergebenen Santing, Jeronimus zu töten. Gelassen verfolgt er die Hinrichtung, wird erst etwas verlegen, als seine Frau herausfindet, dass er den Auftrag dazu gegeben hat. Unaufrichtig und feige weist er dann die Schuld von sich, nicht in der Lage, sich mit seiner Verantwortung auseinander zu setzen:

„ Rupert : Wer ihn zuerst tödlich / Getroffen hat, der ist des Todes!

Santing: Herr, / Auf dein Geheiß .-

Rupert: Wer sagt das?

Santing: s` ist ein Faustschlag / Mir ins Gesicht.

Rupert: Stecks ein. „ (FS,S.75)

Sein blinder Hass auf die Warwander treibt ihn schließlich sogar dazu, seinen eigenen Sohn zu einzusperren und, wenn auch unwissentlich, sogar zu töten. Dass er am Ende des Dramas sich plötzlich versöhnlich, einsichtig und mild zeigt, ist unerwartet und nicht unbedingt glaubwürdig.

6.2. Die Verkennung der Realität durch die Gespaltenheit der Familienmitglieder

Kleists Interpretation Kants hat ihn am Leben zweifeln lassen, er vertraute der Wahrheit und der objektiven Weltanschauung nicht mehr. Sein Bild von einer intakten Familie zerfiel ebenso wie sein Glaube an die Erreichung einer totalen Glückseligkeit durch Einhaltung eines Lebensplans. Vor diesem seelischen Hintergrund wird sein Erstlingsdrama zu einem Stück, das nicht nur die tragische Geschichte einer Familie ist, sondern auch die Gespaltenheit der Welt überhaupt, die Ursachen dieser Gespaltenheit und die Möglichkeiten ihrer Überwindung behandelt. In diesem Drama bestehen die Ursachen der Gespaltenheit der Welt besonders in einer Verfälschung der Realität, hervorgerufen durch das Misslingen der Kommunikation, der Vorverurteilungen, der Missgunst, des Misstrauens und des Hasses. Nahezu jeder Todesfall des Dramas lässt sich auf diese Ursachen reduzieren und jedes Unglück beschwört durch das Verkennen jeglicher Realitäten das nächste herauf, sodass der Konflikt sich immer mehr zuspitzt. So hätte schon der Tod Peters nicht zu der folgenden Verkettung tragischer Vorkommnisse führen müssen, wären die beiden Warwander Ritter nicht von den Rossitzern aufgrund von Misstrauen vorverurteilt und so schnell getötet worden, dass eine genauere Befragung unmöglich war.

Die unterschiedlichen Charakterzüge der beiden Grafen bieten sicherlich einen Erklärungsansatz für die Eskalation des Streites. Da aber keiner von ihnen gefeit ist gegen die Einflüsse der familiären Umgebung, muss sich die Frage anschließen, wie sich die anderen Familienmitglieder verhalten und inwiefern sie noch auf die Verdichtung des Konfliktes hingewirkt haben.

Wie schon erwähnt, versucht besonders Gertrude ihren Mann von der Schlechtigkeit der Rossitzer zu überzeugen. Ihr Misstrauen und ihr Hass versperren ihr jeglichen Ausblick auf die Realität. Es gelingt ihr, auch in Agnes Zweifel zu säen und diese mit ihrem Hass anzustecken.

Das es aber auch einen Weg gibt, den Hass zu überwinden, zeigt sich, als Agnes und Ottokar aufeinandertreffen und jeder den anderen kennen lernt. Agnes, die schnell ihre Liebe für Ottokar entdeckt hat, erkennt den Irrtum, dem ihre Familie aufgesessen ist: „ Sehr gern nehm ich ich’s, wie all die Meinigen, / Zurück, wenn wir von deinem falsch gedacht.“ ( FS,S.59) Auch ändert sie sofort ihre Meinung über Johann, einen unehelichen Sohn Ruperts, den sie kurz zuvor noch für ihren Mörder hielt: „ Mein Gott, was für ein Irrtum. - Nun liegt er verwundet in dem Kerker, niemand pflegt seiner, der ein Mörder heißt, und doch ganz schuldlos ist. - Ich will sogleich auch gehen. [...] werd ihn schon zu trösten wissen. “ (FS,S.61f.).

Auch für Ottokar stellt die Liebe zu Agnes einen Wendepunkt dar. Er beginnt, an der Schuld Sylvesters zu zweifeln: „ Nun wohl, `s ist abgetan. Wir glauben uns. / Wenns möglich wäre, wenn die Väter sich / So gern, so leicht, wie wir verstehen wollten! [...].“ ( FS,S.59) und beschließt, den Tod Peters näher zu untersuchen: „ Nur einen Augenblick noch.- So wie einer, / Kann auch der andere Irrtum schwinden.- Weißt / Du, was ich jetzt tun werde? Immer ists / Mir aufgefallen, dass an beiden Händen / Der Bruderleiche just derselbe Finger, / Der kleine Finger fehlte.- Mördern, denk / Ich, müsste jedes andere Glied fast wichtger / Doch sein, als just der kleine Finger. Lässt / Sich was erforschen, ists nur an dem Ort / Der Tat. Den weiß ich. Leute wohnen dort, / Das weiß ich auch.- Ja recht, ich gehe hin.“(FS,S.61f).

Dieser Entschluss lässt ihn etwas später die Lösung des Geheimnisses finden, allerdings vergebens, da ihm keine Möglichkeit gegeben wird, seinem Vater die wahren Zusammenhänge zu erklären. Rupert, aufgebracht durch die Beziehung zwischen Ottokar und Agnes, befiehlt, seinen Sohn in den Kerker zu werfen und verpasst dadurch die Gelegenheit, die Wahrheit zu erfahren und eine neue Tragödie abzuwenden.

Ganz anders verhält sich Eustache, Ruperts Frau. Sie beweist, dass Liebe besseres auszurichten vermag als Hass. Nachdem sie von der Liebe ihres Sohnes zu Agnes erfahren hat, überdenkt sie die Situation und kommt zu einem erstaunlichen Schluss: „ [...] Unschuldig ist Sylvester! / So unschuldig / An Peters Mord, wie wir an jenem Anschlag / Auf Agnes` Leben.“(FS,S.80).

Für den hasszerfressenen Rupert jedoch stellt sich alles als arglistige Täuschung dar, als Versuch, den „ Kläger zum Verklagten “ zu machen. Und somit führt er unbewusst seine Familie weiter dem Untergang zu.

Jeronimus, beider Vetter und eigentlich loyaler Freund der Rossitzer und Warwander, wird hin- und hergerissen zwischen Anschein und Gefühl. Anfänglich hält er Sylvester für unschuldig, ja, verteidigt ihn sogar : „ Bei meinem Eid, da habt ihr recht. Niemals / War eine Wahl mir zwischen euch und ihnen; / Doch muss ich mich entscheiden, auf der Stelle / Tu ich’s, wenn so die Sachen stehn. Ja sieh, / Ich spreng auf alle Schlösser im Gebirg, / empöre jedes Herz, bewaffne, wo / Ichs finde, das Gefühl des Rechts, den frech / Verleumdeten zu rächen. “ ( FS, S. 8f.). Aber auch er lässt sich vom bösen Schein täuschen. Dem Kirchenvogt gelingt es mit seiner Darstellung der Ereignisse nach Peters Tod, Jeronimus von der Schuld Sylvesters zu überzeugen: „ Jeronimus [ zu Sylvester] : O du Quacksalber der Natur! Denkst du, / Ich werde dein verfälschtes Herz auf Treu / Und Glauben zweimal als ein echtes kaufen? / Bin ich ein blindes Glied denn aus dem Volke, / Dass du mit deinem Ausruf an der Ecke / Mich äffen willst und wieder äffen willst? / - Doch nicht so vielen Atem bist du wert, / Als nur dies einzge Wort mir kostet : Schurke! / Ich will dich meiden, das ist wohl das Beste./ Denn hier in deiner Nähe stinkt es wie / Bei Mördern.“ ( FS,S.29).

Letztendlich schlägt er sich dann aber doch wieder auf Sylvesters Seite, durch einen vermeintlichen Anschlag der Rossitzer auf das Leben Agnes` wieder Rupert gegenüber misstrauisch geworden: „ Ei möglich wär es wohl, dass Ruperts Sohn , / Der doch ermordet sein soll, bloß gestorben, / Und dass, von der Gelegenheit gereizt, / Den Erbvertrag zu seinem Glück zu lenken, / Der Vater es verstanden, deiner Leute, / [...] in ihrer Unschuld so sich zu bedienen, / Dass es der Welt erscheint, als hätten wirklich / Sie ihn ermordet. [...] “ ( FS, S. 49).

Obwohl Jeronimus mit der Annahme, Peter sei bloß gestorben und Sylvester unschuldig, Recht hat, gelingt es auch ihm nicht, die wahren Zusammenhänge zu begreifen. In der festen Überzeugung, einer der beiden muss böse sein, fällt diese Rolle jetzt wieder an Rupert. Jeronimus schürt damit Sylvesters Zweifel und hetzt ihn unbewusst gegen Rupert auf.

6.3. Das Misslingen der Kommunikation

Kleist verarbeitete aber nicht nur seine Erfahrungen mit der Philosophie, sondern auch seine Skepsis gegenüber den Möglichkeiten der Sprache. Schon 1801 äußert er in einem Brief an seine Schwester Ulrike, dass „ das einzige, das wir besitzen, die Sprache, taugt nicht dazu, sie kann die Seele nicht malen, und was sie uns gibt sind nur zerrissene Bruchstücke .“ ( Bekes ,1990, S. 44 ). Die Sprache hatte für Kleist ihre Wirkung als Medium der Verständigung verloren, und diese Tatsache klingt in der Familie Schroffenstein immer wieder an. „ In keinem anderen Drama Kleists wird soviel über die Sprache gesprochen und nachgedacht wie in der Familie Schroffenstein. [...]. Immer wieder ist es hier das missdeutete Wort, das die verblendeten Akteure zu übereilten Aktionen und Gegenaktionen verleitet und zu neuen Missverständnissen führt. Die Sprache schafft den zweideutigen Augenschein und das Misstrauen. Sie etabliert ein regelrechtes Verdachtssystem, das den jeweils anderen immer schon eingeordnet, fixiert hat. So wird ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort zum Beleg für die eigenen Unterstellungen; so üben das Gerücht und das Gerede ihre Gewalt über die Menschen aus.“ ( Leben und Werk, 1990, S.57f.) Es werden zum einen Worte falsch ausgelegt, zum anderen wird immer wieder auf die Notwendigkeit eines Gespräches hingewiesen: „ Sylvester: [...] Denn hören muss / Ich`s doch aus seinem Munde, eh ich`s glaube.( FS, S.27 ), [...] Wenn ich nur Rupert sprechen könnte. (FS, S. 42 ), Das beste wär / Noch immer, wenn ich Rupert sprechen könnte.(FS, S.50 ).“ Hier wird besonders die Tatsache problematisiert, dass die beiden Kontrahenten nie miteinander, sondern immer nur übereinander reden - so kann Kommunikation natürlich nicht gelingen.

Ein weiteres Beispiel für das völlige Misslingen von Kommunikation wird in einem Gespräch zwischen Agnes und Johann deutlich. Johann ist in Agnes verliebt, befürchtet aber, dass diese seinen Halbbruder Ottokar vorzieht. Verzweifelt sucht er Agnes auf und gesteht dieser seine tiefe Liebe. Agnes, von der Angst vor dem Racheschwur geprägt, missversteht die Situation und reagiert hilflos und unbeherrscht. Johanns Liebeserklärung : „ So höre mich doch, Mädchen! / Es folgt dir ja kein Feind, ich liebe dich, / Ach, lieben! Ich vergöttre dich“ (FS,S.43) hält sie für einen Angriff auf ihr Leben, seine Bitte um einen Abschiedskuss beantwortet sie, indem sie die Götter um Hilfe anfleht und Johanns verzweifelter Wunsch, von ihrer Hand zu sterben, wird von ihr wieder als Bedrohung ihres eigenen Lebens ausgelegt. Hier wird zwar miteinander geredet, aber das Verhältnis vom Sender zum Empfänger ist so nachhaltig gestört, dass der gesamte Dialog zum Absurden verkommt.

7. Die Kulmination des Konflikts

Seinen Höhepunkt findet das Drama in der letzten Szene. Agnes und Ottokar haben sich in eine Höhle geflüchtet, um den Racheplänen der verfeindeten Väter zu entgehen. Ottokar drängt Agnes zum Kleidertausch, wohlwissend, dass die Mörder der eigenen Familie vor der Höhle lauern. Der Plan funktioniert anfänglich auch. Agnes kann, als Ottokar, die Höhle unversehrt verlassen. Ihm selbst jedoch wird keine Möglichkeit gegeben, sich zu erklären. Rupert, verblendet, von Hass getrieben, nur das wahrnehmend, was seine Rachegelüste ihm zuflüstern, ist nicht mehr in der Lage, das Gesicht unter der Verkleidung zu erkennen. Mit den Worten:“ Ich fördre dein Gespenst zu deinem Vater.“(FS,S.105) ersticht Rupert, natürlich in der Annahme, es handele sich um Agnes, seinen eigenen Sohn. Konsequent seine Sache vertretend, empfindet er keine Schuld, kein Gefühl des Mitleids oder der Unrechtmäßigkeit:

„ Santing: Bist du denn verrückt? / Das Mädchen ist Sylvesters Tochter.

Rupert: So, / Sylvesters. - Ja, Sylvesters, der mir Petern / Ermordet hat . -

Santing: Den Herold und den Johann.

Rupert: Johann, ganz recht - und der mich so infam / Gelogen hat, dass ich es werden musste. / Rechtmäßig wars. - [...] “ (FS,S.106)

Plötzlich kehrt, von der Angst um den Geliebten getrieben, Agnes wieder in die Höhle zurück. Weinend stürzt sie zu dem toten Ottokar. In diesem Moment erscheint Sylvester, hält, genau wie Rupert, Ottokar für Agnes und, von den gleichen Gefühlen motiviert wie sein Vetter, ersticht Agnes, die er wiederum für Ottokar hält. Für einen Augenblick sind sich die sonst so unterschiedlichen Vettern so ähnlich, dass sich ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken genau decken. Sylvester verliert total die Kontrolle über sich, wird seinem Charakter untreu und handelt aus den gleichen niederen Motiven, die, verkörpert durch Rupert, dem ganzen Drama seinen Anfang gegeben haben. Die Realität spielt keine Rolle mehr, wahr ist, was augenscheinlich ist. Es bedarf eines Blinden, um die Wahrheit zu erfahren. So kann erst Sylvesters Vater, der blinde Sylvius, die grausamen Missverständnisse aufdecken und Sylvester und Rupert als Kindesmörder entlarven.

8 . Die Versöhnung

An diesem Punkt kippt das Drama, gleitet ab ins Groteske, Unglaubwürdige und Lächerliche. Blitzartig kehren alle Beteiligten zurück auf den Boden der Tatsachen. Die Mütter, die die Morde mit ansehen mussten, sind verzweifelt, die Väter schuldbewusst und traurig. Dabei wären die Kinder ja sowieso gestorben, nur eben von der Hand des jeweils anderen. Das Ergebnis wäre jedoch auf jeden Fall das gleiche gewesen.

Im weiteren Verlauf der Szene wird das Groteske dann sogar noch deutlicher. Eustache, die zuvor die Leiche Ottokars nicht als die ihres Sohnes identifizieren konnte, erkennt sofort den kleinen Finger, den die Hexe Ursula in die Höhle wirft, anhand einer Blatternarbe wieder, obwohl der Finger zuvor schon gekocht wurde. „ Wenn eine Mutter kennt, was sie gebar, so ist es Peters Finger.[...] Er ists! Er ists! An dieser Blatternarbe, / Der einzigen auf seinem ganzen Leib, / Erkenn ich es! Er ist es! “ (FS,S.113).

Dergestalt identifiziert, soll der Finger eine Wahrheit beglaubigen, die die Hexe Ursula den Familien offeriert: „ Gnade! / Das Kind, dem ich ihn abgeschnitten, ist / Ermordet nicht, war ein ertrunkenes, / Das ich selbst leblos fand .“ (FS,S.113 ).

Sowohl Sylvester als auch Rupert glauben der Hexe sofort, verschwenden keinen Gedanken daran, dass die Geschichte erfunden sein könnte. Niemandem scheint sich die Frage zu stellen, wieso der Junge ertrunken ist. Wahr ist eben, was wahr sein soll. An dieser Stelle schlägt die Geschichte um vom Grotesken ins Komische. Eigentlich müsste gerade Sylvester jetzt klar werden, dass die ganze Tragödie nur stattgefunden hat, weil Rupert ihn zu unrecht verdächtigt hat. Es wäre jetzt nur logisch, wenn sich die beiden gegenseitig angreifen und eventuell sogar töten würden. Aber entgegen aller Erwartungen wendet sich das Blatt: „ Rupert: Sylvester! Dir hab ich ein Kind genommen,/ Und biete einen Freund dir zum Ersatz./ Sylvester! Selbst bin ich ein Kinderloser! / Sylvester! Deines Kindes Blut komm über / Mich - kannst du besser nicht verzeihn , als ich? ( Sylvester reicht ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand; Eustache und Gertrude umarmen sich.) “(FS, S. 114 ). Den einfachsten Weg wählend, geben die vorher so unversöhnlichen Eltern einer Erklärungsversion den Vorzug, die die Beteiligten entlastet. Außerdem bleibt die grundsätzliche Verantwortung der Väter als Täter unberücksichtigt. Ursula fasst das Paradoxe der Situation in einem Satz treffend zusammen: „ [...] Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“(FS, S. 113). Johann, inzwischen wahnsinnig geworden, erkennt schlagartig die Situation, zieht die Versöhnung jedoch auch noch weiter ins Lächerliche: „ Bringt Wein her! Lustig ! Wein! Das ist ein Spaß zum / Totlachen! Wein! Der Te ufel hatt im Schlaf die beiden / Mit Kohlen die Gesichter angeschmiert, / Nun kennen sie sich wieder. Schurken! Wein! / Wir wollen eins drauf trinken!“ ( FS, S.114 ).

Einer der ersten Zuhörer des Dramas, Heinrich Zschokke, schilderte die Reaktion auf den Schluss des Dramas folgendermaßen: „ Als uns Kleist eines Tages sein Trauerspiel Die Familie Schroffenstein vorlas, ward im letzten Akt das allseitige Gelächter der Zuhörerschaft, wie auch des Dichters, so stürmisch und endlos, dass, bis zu seiner letzten Mordszene zu gelangen Unmöglichkeit wurde.“ ( Bekes, 1990, S. 56). Der Umschlag vom Grotesken ins Lächerliche könnte nicht schöner belegt werden.

9. Der Untergang der Familie Schroffenstein als Spiegel der Seele Kleists

Obwohl vieles in Kleists erstem Drama nicht überzeugend erscheint, illustriert es seine pessimistische Grundhaltung, seinen verlorenen Glauben an die Sicherheit der Weltordnung recht gut. Die Blindheit der beiden Familienoberhäupter, die Tatsache, dass alle Figuren getäuscht und betrogen werden, passt zu Kleists Ungewissheit und seiner Unsicherheit. Das Drama spielt in einer bedrohlichen Welt, in der Irrtümer, fehlende Erkenntnisse und trügerische Gefühle die Wahrheit bedeuten. Bosheit und Verblendung sind so groß, dass der Versuch, den Hass durch Liebe zu überwinden, zwangsläufig aussichtslos bleiben muss. Die Familie Schroffenstein als solches geht unter, selbst wenn mit der vermeintlichen Versöhnung zumindest das Fortleben des einzelnen gewährleistet wird. Schuldbeladen, der Kinder und Erben, und damit der Hoffnung beraubt, kann es für die Familien kein Glück mehr geben. Sie haben alles außer ihren materiellen Gütern verloren, der Sinn des Lebens besteht nicht mehr. Der Tod hätte nicht schlimmer sein können, ja wäre wahrscheinlich sogar der einfachere Weg aus der Schuld gewesen. Die Liebe kann sich über den Hass nicht hinwegsetzen, jegliches Vertrauen ist enttäuscht, die Diskrepanz zwischen Irrtum und Glaube unaufhebbar.

Es sind Kleists drei große Motive, die Verkennung der Realität, die Sprachskepsis und der Verlust einer Weltordnung, die das Drama beherrschen und den Untergang der Schroffensteiner zumindest ansatzweise in Relation mit dem späteren Untergang Kleists setzen. Es ist erkennbar, dass Kleist sich nicht außerhalb des von ihm geschaffenen Dramas fühlt, sondern mittendrin steht, irgendwo zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Der so vielschichtige Konflikt der Vettern findet sich in allen Einzelheiten auch in Kleists Wahrnehmung der Welt wieder , das Gefühl der Ausweglosigkeit, das Kleist dem Leser vermittelt, treibt ihn Jahre später in den Tod.

Details

Seiten
14
Jahr
2001
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101497
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2
Schlagworte
Heinrich Kleist Familie Schroffenstein Hauptseminar

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Titel: Heinrich von Kleist: Familie Schroffenstein