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Dürrenmatt, Friedrich - Der Besuch der alten Dame

von Benny Ahrens (Autor) Thorsten Braakemann (Autor) Andreas Diedrichsen (Autor)

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 12 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Aufgabe 3:

a. Dürrenmatt nennt sein Drama „eine tragische Komödie“.

Definieren Sie diesen Begriff und untersuchen Sie Dürrenmatts Text auf tragikomische Elemente hin.

b. Deuten Sie die Aussageabsicht Dürrenmatts.

Der Besuch der alten Dame

Tragische Komödie

von Friedrich Dürrenmatt

Der Autor Friedrich Dürrenmatt wurde am 5.1.1921, als Sohn eines Pfarrers, in Konolfingen (Kanton Bern / Schweiz) geboren. Nach Abschluß des Gymnasiums beginnt er Philosophie, Theologie und Germanistik zu studieren. Da er seine Dissertation für „formalen Blödsinn“ hält, bricht er sein Studium ab. In den Jahren des zweiten Weltkrieges beginnt er mit der Schriftstellerei, verliert aber die zuvor begonnene Malerei nicht aus den Augen. 1990 verstirbt Dürrenmatt im Alter von 69 Jahren in der Schweiz.

Seinen ersten Welterfolg hatte Dürrenmatt 1956 mit dem Drama Der Besuch der alten Dame, einer skurrilen Entlarvung von Scheinmoral, Käuflichkeit und Eigennutz. Das Stück ist nicht nur auf Theaterbühnen in deutschsprachigen Gegenden, sondern auch in Amerika einer der größten Broadway-Erfolge geworden.

Dürrenmatt überarbeitete sein Stück mehrfach, zum einen für Buchausgaben, zum anderen um es auf verschiedene Theaterbühnen zurechtzuschneiden.

Das in drei Akten aufgebaute Stück, beginnt mit der erwarteten An- kunft der ehemaligen Mitbürgerin und jetzigen Milliardärin Claire Zachanassian (alias Kläri Wäscher) in Güllen. Die mittlerweile bank- rotte Stadt erhofft sich finanzielle Unterstützung, um wieder ehemali- gen Wohlstand zu erreichen und setzt dabei alle Hoffnungen in Clai- re’s damalige Jugendliebe, den beliebten Krämer Alfred Ill. Am Ende des ersten Aktes verkündet die alte Dame, daß ihre Unterstützung an die Forderung geknüpft ist, den Tod des Ill herbeizuführen, der sie damals geschwängert und sitzengelassen hatte.

Im zweiten Akt vollzieht sich eine Wandlung der Bürger, die anfangs hinter Ill stehen und den Vorschlag aus moralischen Gründen ablehnen, jedoch vom Geld geblendet auf dessen Tod spekulieren und beginnen auf Kredit den ersehnten Wohlstand auszuleben.

Der dritte Akt führt zum Höhepunkt. In einer Gemeindeversammlung wird der Tod des Ill zum Wohle der Gemeinschaft beschlossen und vollzogen.

Das Drama Der Besuch der alten Dame wird von Dürrenmatt als tra- gische Komödie tituliert. Um darauf näher eingehen zu können, müs- sen erst die Begriffe Tragödie und Komödie genauer definiert werden.

Die Tragödie, sowie die Komödie haben ihren Ursprung im 5. Jahrhundert v.Chr. Sie verarbeiteten dort Themen aus der griechischen Mythologie und waren mit Chorgesang verbunden.

Die bedeutensten Tragödien Dichter waren Sophokles unter anderem mit König Ö dipus und Euripides mit Medea.

Die Komödie behandelte hauptsächlich aktuelle politische Probleme, verspottete prominente Politiker und Interlektuelle und ließ Götter mit menschlichen Verhaltens- und Redeweisen auftreten.

Die Tragödie (gr. tragodia), Trauerspiel, ein Drama, das in seinem

Handlungsverlauf den Helden in einen schicksalhaften Konflikt stürzt und die daraus entstehende Schuld in irgendeiner Form auflöst. Die Auflösung kann auf zwei Arten erfolgen:

Entweder wird die Schuld durch einen höheren Eingriff getilgt, oder der Dichter läßt der notwendigen Verschuldung eine ebenso notwen- dige Vernichtung des Helden folgen. Die - teilweise selbstgewollte - Vernichtung des Helden stellt die ewige Gerechtigkeit wieder her und gibt dem Helden Gelegenheit, seine Charaktergröße zu beweisen. In der Tragödie der Neuzeit erscheint weniger die Gegensätzlichkeit von Mesch und Göttlichem als der in der Individualität angelegte zwi- schenmenschliche Konflikt.

Die Komödie (gr.) Lustspiel, dramatische Ausdrucksform des Komi- schen; Gestaltung eines Konflikts oder Scheinkonflikts, der meist auf komischen Charakteren oder Situationen beruht und dessen Lösung menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten heiter überlegen aufzeigt, spöttisch entblößt oder den Konflikt ad absurdum führt. Sie ist meistens ein Schauspiel, das überwiegend Komik, Humor oder Witz enthält und in dem alles ein gutes Ende nimmt. Die Komödie will in der Gesamtheit ihres Verlaufs zum Lachen reizen ( dabei kön- nen einzelne Szenen daraus durchaus ernster Natur sein ).1

Mittlerweile lassen sich Tragödie und Komödie nicht mehr eindeutig von einander trennen. Dies ist ein charakteristisches Merkmal für das Theater des 20. Jahrhunderts, laut Dürrenmatt ist dafür der Verlust des tragischen Helden verantwortlich.

Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verant- wortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt ... Uns kommt nur noch die Komödie bei (...)2

Die beiden Begriffe lassen sich seit dem 20 Jahrhundert nur noch schwer voneinander trennen, da uns tragisches Komisch und komi- sches Tragisch erscheint. Das Bühnenstück Der Besuch der alten Da- me von Dürrenmatt, enthält sowohl tragische als auch komische Ele- mente, so daß seine Bezeichnung ( tragische Komödie ) voll zutrifft. Die Vermischung der Elemente läßt es uns ratsam erscheinen bei der Betrachtung des Werkes diese getrennt voneinander behandeln.

Bevor genauer auf die Merkmale von Komödien und Tragödien eingegangen wird, sollte man sich die Namen des Ortes sowie einiger Personen bzw. die Herleitung dieser anschauen.

Den Ort Güllen zum Beispiel. Läßt man den letzten Buchstaben weg, so erhält das Dorf in seinem Namen sogleich eine Ortsbeschreibung. Alfred Ill, der Krämer, der tragische Held des Dramas, wird aus dem engl. übersetzt mit krank benannt.

Claire Zachanassian hat ihren Namen von den Milliardären Zacharoff, Onassis und Gulbenkian. Damit stellt sie eine wahrhaft wohlhabende Persönlichkeit dar.

Wie in der Begriffsdefinitionen erläutert, treten in der Komödie „Per- sonen von niedrigem Stand und durchschnittlichem Charakter“3 auf. Auf das Drama bezogen sind dies die Bürger Güllens, welche in den meisten Fällen nicht mal genauer bezeichnet werden, sondern durch Durchnummerierung unbestimmt bleiben. Gleichzeitig treten aber auch Personen von höherem Stand auf, die dem durchschnittlichen Charakter angepaßt sind. Dies trifft z.B. auf den Bürgermeister, den Pfarrer und den Arzt zu.4

Die Art der komischen Handlung hängt mit der verfrühten Ankunft der Claire Zachanassian zusammen. Das Dorf bereitet einen feierlichen Empfang für die Milliardärin vor, um ihr verdeckt eine größere Spende an die herunter gekommene Gemeinde zu entlocken.

Claire Zachanassian kommt jedoch zu früh und wirft somit die Feier- lichkeiten über den Haufen. Bevor die Güllener ihr Spendenanliegen vermitteln können, wobei sie alle große Hoffnungen in Ill, Claire‘s damalige Jugendliebe, setzen, fordert diese den Tod Ills und bietet dafür eine Milliarde für die Gemeinde und eine weitere für die Bürger an.5

Ein weiterer komischer Gesichtspunkt ist der Zusammenstoß mensch- licher Eigenschaften mit den Situationen des Alltags. Die Bürger Gül- lens kaufen immer im Laden des Ill ein. Nachdem das Angebot der Zachanassian gemacht wurde, beginnen die Einwohner teurere Waren, als die gewohnten zu erwerben. Sie besitzen jedoch noch nicht das Geld diese zu bezahlen und lassen sie anschreiben.6 Das komische daran ist, daß es sich um eine alltägliche Situation handelt, den Gülle- ner das Geld für ihre Einkäufe jedoch erst nach dem Ableben Ills zur Verfügung stehen wird.

Die Komödie endet meistens im Happy-End, so auch bei Dürrenmatt. Die Güllener erlangen nicht nur das ersehnte Geld für den wirtschaft- lichen Aufschwung, sondern begleichen, aus ihrer Sicht, auch die da- mals begangene Ungerechtigkeit, Claire verstoßen zu haben. Sie sehen den Tod Ills als notwendige Strafe an, um von ihrer eigenen Schuld, die damalige Vertreibung von Klara Wäscher, abzulenken. Daraus resultierend schieben sie die gesamte Schuld, aufgrund der damals manipulierten Gerichtsverhandlung, Ill zu.7

Die Tragödie kennzeichnet sich durch Personen mit individuellen Ei- genschaften, persönlichem Schicksal und moralischen Ansprüchen.8 Auch diese finden sich in dem Stück als Lehrer, Alfred Ill und Claire Zachanassian wieder.

Während Claire Zachanassian unbewegt, eine Heldin, von Anfang an ist, wird ihr alter Geliebter, Alfred Ill, erst zum Helden. Ein verschmierter Krämer, fällt er ihr zu Beginn ahnungslos zum Opfer. Anfangs ist er der Meinung, das Leben hätte von selber alle Schuld getilgt. Er ist ein gedankenloses Mannsbild, ein einfacher Mann, dem langsam etwas aufgeht. Der durch Furcht und Entsetzen an sich persönlich die Gerechtigkeit erlebt. Er erkennt, im laufe des Stückes, seine Schuld und wird groß durch sein Streben.9

Der Lehrer stellt die moralische Instanz Güllens dar. Er erträgt die allmähliche Wandlung zum Mörder nur unter Alkoholeinfluß. Hier werden die tragischen Aspekte des Dramas deutlich. Der Lehrer scheitert an dem über ihm verhängten Schicksal, die Güllener über ihr unmoralisches Handeln aufzuklären.

Bis zum dritten Akt ist er der einzige, der nicht vom Geld geblendet ist. Jedoch schafft er es nicht seine eigenen Moralvorstellungen beizu- behalten, sondern kehrt sie in das Gegenteil um. Er ist dem auf ihm lastenden Druck nicht gewachsen, verfällt dem Alkohol und wird am Ende, in der Gemeindeversammlung, sogar zum Wortführer gegen Ill. Dabei stellt er die Wiedergutmachung, der an Claire verübten Schuld voran und nimmt den Tod Ills, als einzige Möglichkeit die Gerechtig- keit wieder herzustellen, billigend in kauf. „ Es geht nicht um Geld, ..., es geht darum, ob wir Gerechtigkeit verwirklichen wollen, und nicht nur sie, sondern auch all die Ideale,...“10

„Der tragische Konflikt ergibt sich aus den Vorgaben der Realität, (...) [die], trotz Bemühens aber vom Helden nicht verändert werden kann“.11 Alfred Ill, der im Laufe des Stückes, durch die Einsicht seiner Jugendsünde, zum tragischen Helden wird, weigert sich anfangs seine Schuld anzuerkennen und setzt alles daran, daß über ihn verhängte Schicksal abzuwenden.

In Gesprächen mit Pfarrer und Bürgermeister12 erkennt er jedoch, daß sich alle, mit Ausnahme des Lehrers, bereits von ihm abgewendet ha- ben und auf seinen Tod spekulieren. Der unumgängliche Untergang des Helden ist damit vorprogrammiert und wird im dritten Akt vollzo- gen.

Auch dieses ist ein Merkmal der Tragödie, die den unvermeidlichen Tod des Helden voraussetzt. „Der Held wird von seiner überragenden Stellung in Elend oder Tod gestürzt“13.

Projeziert man dies auf Ill, der anfangs der beliebteste Bürger der Stadt ist und Bürgermeister werden soll14, so trifft dies zu. Er verkör- pert die Hoffnungen Güllens, erst durch sein Jugendverhältnis zu Clai- re, dann durch das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld. Seine Schuld, Claire geschwängert und sitzengelassen zu haben, sowie die manipulierte Gerichtsverhandlung, werden ihm zum Verhängnis. Die gemachten Fehler einsehend, fügt er sich seinem Schicksal und wird damit zum Helden der Tragödie.

Der Besuch der alten Dame verknüpft die Komödie mit der Tragödie, wie wir anhand von nur einigen Beispielen eben gesehen haben. Die beiden Elemente sind so stark miteinander verbunden und inein- ander verschachtelt, daß der Begriff Tragische Komödie, wie er von Dürrenmatt verwendet wurde, nicht nur zutreffend sondern notwendig ist.

Dürrenmatt traf einmal die Aussage, daß sein Werk der Besuch der Alten Dame „ ... nicht nur sein meistgespieltes Stück, sondern auch sein mißverstandenstes [ist]“.15 Unter diesem Aspekt gehen wir nicht unbedingt davon aus, daß wir das Stück richtig deuten.

Der Besuch der alten Dame ist ein Zeitloses Stück, es läßt sich auf

jede Zeit, sowie auf jeden Schauplatz projezieren. Dürrenmatts Drama spielt in der Gegenwart, ist aber reichlich mit Andeutungen auf die griechische Mythologie versehen. Vor allem der Lehrer verweist des öfteren darauf . „Wie eine Heldin der Antike kommen sie mir vor, wie eine Medea. [...] Denn ich bin ein Humanist, ein Freund der alten Griechen, ein Bewunderer Platos.“16

Zu dem weist das Stück auch strukturelle Ähnlichkeiten zu Werken aus dem alten Griechenland auf, wie auch bei König Ö dipus ist die eigentliche Handlung schon geschehen und wird im Verlauf des Dra- mas enthüllt.17

Der Autor geht kritisch mit den ethischen Ansichten der Welt um und nutzt dies auch um Kritik an der christlichen Kirche zu üben. Das Drama ist zwar kein christliches Stück, Dürrenmatt setzt sich aber darin intensiv mit der Rolle der Kirche auseinander. Insbesondere der Pfarrer als Repräsentant dieser, kommt dabei schlecht weg. In der Sakristeiszene wird deutlich wie sehr die Kirche, in Zeiten all- gemeiner Not, es nicht schafft seelischen Beistand zu leisten. Der Pfarrer bringt nur belanglose Floskeln um Alfred Ill beizustehen. „Po- sitv, nur positiv was Sie durchmachen. [...] Kümmern Sie sich um die Unsterblichkeit ihrer Seele.“18 Die Kirche stellt ihre eigenen Interes- sen in den Vordergrund. Getreu dem Motto - Erst wenn es uns gut geht, sorgen wir dafür, daß es euch auch gut geht. - Lobt der Pfarrer den Klang der neuen Glocke „Der Ton ist hervorragend. Nicht? Voll und kräftig. Positiv, nur positiv.“19

Eigentlich sollte ein Pfarrer die Moral verkörpern, doch auf den Be- such der alten Dame bezogen tut dieses der Lehrer. Er ist Ill gegen- über ehrlich. „Ach Ill. Was sind wir für Menschen. Die schändliche Milliarde brennt in unseren Herzen. [...] Man wird sie töten. Ich weiß es, von Anfang an, und auch Sie wissen es schon lange, auch wenn es in Güllen sonst niemand wahrhaben will. Die Versuchung ist zu groß und unsere Armut zu bitter. Aber ich weiß noch mehr. Auch ich werde mitmachen. Ich fühle, wie ich langsam zum Mörder werde. Mein Glaube an die Humanität ist Machtlos. Und weil ich es weiß, bin ich zum Säufer geworden. Ich fürchte mich, Ill, so wie Sie sich gefürchtet haben.“20 Er versucht die Öffentlichkeit, durch die Presse über die nicht vorhandene Moral, zu informieren.

Die Ursache dieser Unmoral stellt Claire Zachanassian dar, man könn- te sie als rächenden Gott des alten Testaments bezeichnen. Selbst nach 45 Jahren ist die Schuld Ills nicht verziehen. Durch ihre Rachegefühle, insbesondere gegen Ill, aber auch gegen die gesamte Stadt, welche sie weitestgehend aufgekauft hat, bringt sie die Güllener mit Geld in ihre Abhängigkeit und führt diese in Versuchung. Einzig und allein der Tod Ills, der hier für seine und die Schuld anderer sterben muß, erlöst die Güllener von ihrem Schicksal.

Sie bestimmt mit der kaltrechnenden Präzision einer Schachspielerin über die Schicksale in Güllen, als Herrscherin über Leben und Tod.21 Des weiteren weißt auch der Lebensstil, den sie führt, unchristliche Merkmale auf, z.B. ihre Männereskapaden, worauf der Lehrer sie auch als „...Erzhure, die ihre Männer wechselt, vor unseren Augen, schamlos, die unsere Seelen einsammelt“22 bezeichnet.

Daß unsere Welt ein großes sinnloses Chaos sei, ist Dürrematts per- sönliche Weltsicht. Sicherlich kann ziemlich objektiv behauptet wer- den, unsere Welt werde immer komplexer und damit unübersichtli- cher.

Der Besuch der alten Dame ist ein Drama über käufliche Gerechtig- keit, falsche Moral und die Verführbarkeit der Menschen durch das Geld. Die Käuflichkeit der Gesellschaft, hier verkörpert durch die Güllener, einer durchschnittlichen Gemeinde, ist auf die gesamte Menschheit bezogen. Erst stellen sie sich auf die Seite von Ill, später stellen sie sich gegen ihn, für ihren eigenen Vorteil. Jeder Mensch ist käuflich und nur auf seinen Vorteil aus.

Das Stück handelt von Schuld, Rache und Sühne im Kapitalismus, in dem alles käuflich ist, wie unter anderem auch der Tod.

Dürrenmatt, der dieses Stück 1956 schrieb, kritisiert die politischen Zustände im Zusammenhang des Kapitalismus, indem er Claire Zachanassian als eine habgierige selbstsüchtige Person darstellt, die sich mit ihrem Vermögen eine eigene Weltordnung kauft. Die Herrschaft des Geldes in Dürrenmatts Stück ist allumfassend. Zudem stellt er den Bürgermeister als korrupten Politker dar, der anfangs Ills bester Freund ist, sich später dann aber von ihm abwendet.

Der Bürgermeister sieht vor allem das Geld und den damit verbunden Aufschwung der Gemeinde Güllen. Zu Beginn sieht er in dem Krämer Ill die einzige Möglichkeit der Milliardärin Geld zu entlocken. Nach- dem diese Ihr Angebot, eine Milliarde für Ills Tod zu zahlen, gemacht hat, stellt sich der Bürgermeister auf die Seite des Geldes und gegen Ill. Dafür schiebt er moralische Gründe vor. „Sie [Ill] haben schließ- lich zwei Burschen zu Meineid angestiftet und ein Mädchen ins nackte Elend gestoßen [...] Sie besitzen nicht das moralische Recht, die Ver- haftung der Dame zu Verlangen, und auch als Bürgermeister kommen Sie nicht in Frage.“23

In diesen Textpassagen macht der Autor die Korruption und den herr- schenden Kapitalismus deutlich, da der Bürgermeister die Politik ver- körpert.

Allgemein übernimmt die Presse die Aufgabe, den Menschen bereits Geschehenes aufzuzeigen. Im weiteren Sinne kontrolliert sie die Ge- schehnisse und gibt an Anstöße zum Nachdenken. Markant ist die Beilszene in Ills Laden. „...Am besten: Verkaufen Sie das Beil [...] Dem Metzger. Er hat es ja schon in der Hand. Geben Sie das Mordin- strument mal her, guter Mann. Sie nehmen das Beil, wiegen es in der Hand, machen ein nachdenkliches Gesicht, sehen Sie, so; und Sie, Herr Ill, neigen sich über den Ladentisch, reden dem Metzger zu. Bit- te. Natürlicher, meine Herren, ungezwungener.“24

Auch die Gemeindeversammlung im 3.Akt, in der die Abstimmung über Ills Tod versteckt beschlossen werden muß, da die Presse anwesend ist, wird durch sie diktiert. Die Aufzeichnung muß wegen einer Panne wiederholt werden.25

Der Polizist handelt auf Befehl und schlägt sich dabei auf die Seite der Starken und Mächtigen. Im Grunde genommen führt er nur, als Gehilfe dieser, die Befehle aus. „Polizeiwachtmeister, beherrschen sie sich.“ „Verzeihung. Es ging mit mir durch.“26

Der Besuch der alten Dame, von Friedrich Dürrenmatt, ist unserer Meinung nach, in allen Belangen, ein gelungenes Stück. Wie schon oben angedeutet, läßt es sich in vielerlei Hinsicht deuten. In dem Werk finden sich christliche, ethische, politische und zeitlose Elemen- te wieder. Wir ziehen daraus den Schluß, daß eine vollständige und korrekte Deutung nach Dürrenmatts Verständnis schwer möglich ist. Deshalb haben wir versucht die meisten dieser Gesichtspunkte zumin- dest ansatzweise herauszuarbeiten.

Besonders markant ist vor allem das Zeitlose, da man die einzelnen Merkmale dieses Werkes auf jede gesellschaftliche Ordnung und jeden Menschen projezieren kann. „Ich fürchte mich, Ill, so wie Sie sich gefürchtet haben. Noch weiß ich, daß auch zu uns einmal eine alte Dame kommen wird, eines Tages, und daß dann mit uns geschehen wird, was nun mit Ihnen geschieht, ...“27

Das Drama ist ein Anstoß für jeden Leser, man kommt nicht umhin über die Aussagen des Werkes nachzudenken. Obwohl es anfangs als leichte Lektüre scheint, entdeckt man bei genauerer Betrachtung die Tiefgründigkeit der meisten Passagen.

George Bernard Shaw’s Aphorismus: „Es gibt nur zwei Tragödien im Leben, die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches, die andere ist seine Erfüllung.“

Wörter: 3022

[...]


1 Def.: Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh, München, 1997.

2 F. Dürrenmatt: Theater, Essays und Reden, Diogenes Verlag, Zürich, 1980, S.62.

3 E. Hermes, Abiturwissen, 2.Auflage, Stuttg., Leipzig, 1999.

4 z.B. Der Besuch der alten Dame, F. Dürrenmatt, Diogenes Verlag, Zürich, 1985, S. 68-72, 73-75.

5 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., erster Akt. 6 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.60. 7 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., 3.Akt

8 E. Hermes,a.a.O.

9 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.143. 10 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.121.

11 E. Hermes, a.a.o.

12 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.67-75.

13 E. Hermes, a.a.O.

14 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.20.

15 Lektüre - Durchblick, Der Besuch der alten Dame, Inhalt/ Hintergrund/ Interpretation, Mentor Verlag, 1985,S.42.

16 Der Besuch der alten Dame, S.90 u. 99.

17 Lektüre - Durchblick, a.a.O., S.52ff.

18 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.74.

19 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.75.

20 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.102f.

21 Internet, www.mitglied.tripod.de/duerrenmatt/texts/buchmann.htm

22 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.102.

23 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.70.

24 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.100.

25 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.125.

26 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.129.

27 Der Besuch der alten Dame, a.a.O., S.103.

Details

Seiten
12
Jahr
2001
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v101245
Note
14 Punkte
Schlagworte
Dürrenmatt Friedrich Besuch Dame Thema Der Besuch der alten Dame

Autoren

  • Autor:  Benny Ahrens

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