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Gryphius, Andreas - Du siehst wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 3 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

„Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.“Andreas Gryphius, Dichter (1616-1664) Die Bedeutung dieses Satzes kann wie folgt dargestellt werden: Gryphius, ein Mensch aus dem Barock, spricht zu einem fiktiven Gegenüber, dass er, überall wo er hinsehe, nur Eitelkeit und Vergänglichkeit erblicke. Die Begriffe Eitelkeit und Vergänglichkeit sind in dieser Zeit austauschbar. Die Tatsache, dass Gryphius Eitelkeit nur auf Erden erkennt - er schränkt den Ort ein -, gibt zu einer Hoffnung Anlass: die Erde ist das Diesseits, der Ort der Eitelkeit; die Hoffnung liegt im Jenseits, ein Ort, der Ewigkeit, Sinn und Zweck verspricht.

Die von Andreas Gryphius im Geist des Barock formulierte Erkenntnis ist in vielerlei Hinsicht überzeugend. Sie bringt, in eine dialogische Aussage gegossen, das Weltbild und das Lebensgefühl des Barock auf den Punkt: Alles ist eitel. Nichts bleibt bestehen.

So führten dem barocken Menschen Ereignisse wie Pest, Gewalt und Krieg, die von einer Sekunde auf die andere auftraten, seine eigene Vergänglichkeit vor Augen. Damit wurde alles in Frage gestellt. Der Mensch bleibt aufgrund dieser Erfahrungen ohne äusseren Halt zurück, der Willkür der Gewalten und negativen Ereignisse ausgesetzt. Dem Prinzip des Bösen kann nicht Einhalt geboten werden. Der Mensch ist Spielball des Schicksals.

Es bleibt aber nicht nur beim Verlust des äusseren Haltes, der Mensch verliert auch seinen inneren Halt. Er beginnt am Sinn und Zweck seines eigenen Daseins zu zweifeln.

Folgendes Bild bringt diese Lebenserfahrung und das Lebensgefühl aus meiner Sicht treffend zum Ausdruck: Der Mensch ist auf einer Welle, er weiss nicht, wann und woher sie kommt. Er weiss nicht, wann sie ihn auf-, wann abwärts treibt. Als Teil dieser Welle kann der Mensch den Sinn, das Ganze der Welle nicht erfassen. Nur von aussen ist erkennbar, wohin und warum die Welle den Menschen trägt, ob und zu welchem Ziel. Auf Erden ist dies nicht erkennbar, nur aus dem Jenseits.

Diese barocke Erfahrung und Gefühlslage hat aber auch heute Gültigkeit. Der moderne Mensch erkennt eben diese Vergänglichkeit; er ist gestresst, hat keine Zeit, er wird alt, Freunde und Bekannte sterben. Wo in der Zeit des Barocks die Pest wütete, hat Aids eine vergleichbare Symbolik erhalten. Es kann jeden treffen, ob alt oder jung, ob reich oder arm. Niemand ist dagegen gewappnet. Jeden kann diese Krankheit zum Tode führen.

Obwohl der Mensch heute glaubt, er sei Herrscher über die Natur, zeigen ihm Naturkatastrophen, der plötzliche Ausbruch eines Krieges, unheilbare Krankheiten oder unerwartete Todesfälle, die Vergänglichkeit und, dass er eben doch nicht Herrscher über die Natur ist. Heute wie damals kann man sich nicht auf seine Mitmenschen oder auf das, was man von seinen Mitmenschen erwartet, verlassen. Ewige Eheversprechen und Geschäftsverträge werden gebrochen, Familien streiten um das Erbe, Freunde verraten einander, sicher geglaubte Arbeit geht verloren, selbst Versicherungen sind nicht sicher.

Nichts ist beständig. Alles ist eitel.

Gryphius hat auf diese Aussage keine irdische Gegenposition gefunden, für ihn gibt es die Lösung nur im Jenseits. Für den Menschen des Barock war auf der Erde alles vergänglich. Die Seele ist die einzige Ausnahme - so ist der vergängliche Körper nur ein temporärer Aufenthaltsort der Seele, den sie nach dem Tod des Körpers verlässt - und findet als Einzige den Weg in die Ewigkeit. Dort wird die Erlösung, von der irdischen Welt erfolgen. Die Erlösung aller Qualen des barocken Lebens. Eine Gegenposition sieht Gryphius allerdings doch: die Werte Liebe und Tugendhaftigkeit erkennt er als erstrebenswerte Ideale des Einzelnen und bestimmende Werte des Zusammenlebens. Der barocke Mensch lebte im täglichen Bewusstsein seines irgendwann eintretenden Todes (Memento Mori) und hat eine Lösung gefunden: Nämlich den kurzen und flüchtigen Augenblick zu nutzen, Carpe Diem, pflücke den Tag. Er nutzte den kurzen Moment, um Gutes zu tun und sich damit das Leben im Jenseits zu verdienen.

Der moderne Mensch ist sich der Vergänglichkeit der Dinge und seines Lebens nicht bewusst. - So zumindest wird z.B. mit Krankheit, Alter, Tod und Sterben in deröffentlichkeit umgegangen. - Ferne Unfälle und Katastrophen werden jedoch hochstilisiert und dramatisch überzeichnet. Der moderne Mensch verdrängt einerseits Eitelkeit und Vergänglichkeit aus seinem Bewusstsein, andererseits sucht er die Gefahr, die ihn der Vergänglichkeit näher bringt: Er betreibt Extremsportarten, setzt sein Leben beim schnellen Autofahren aufs Spiel oder nimmt Drogen, von denen er weiss, dass sie ihm schaden. Insofern hat er die Vergänglichkeit spielerisch im Bewusstsein, empfindet sie aber nicht als unmittelbare Bedrohung.

Der Mensch möchte an seine äussersten Grenzen gehen, er sucht die Grenzerfahrung.

Man muss die Vergänglichkeit für den modernen Menschen neu auslegen. Der barocke Mensch war der Vergänglichkeit ausgeliefert, er konnte nicht selber bestimmen, wann und wie sie eintritt. Er musste es Gott überlassen. Der moderne Mensch will sich über die Vergänglichkeit erheben, indem er selbst bestimmt wann er stirbt und wie das geschieht. Er will nicht passiv warten und Angst haben, sondern aktiv sein, seinen Tod selber mitbestimmen. Er möchte Herr über seine eigene Vergänglichkeit sein und verliert damit den Glauben an das Jenseits.

Die Frage, ob alles vergänglich ist, kann nicht einfach mit Ja beantwortet werden. Es gibt neben den Werten wie Liebe, Hoffnung, Glaube und Tugendhaftigkeit auch materielle und geistige Dinge, welche zumindest weit über die individuelle menschliche Existenz hinaus Bestand haben: Ich denke da an Werke von Künstlern (Musik, Gedichte, Romane) oder an Taten von herausragenden Personen (Heilige, Helden). Ebenso können ideelle Werte über Generationen weiterleben (Kultur). Zudem heisst sehen auch erkennen, ein Bild von etwas in sich aufnehmen. Dies kann auch mit dem Herzen geschehen:„Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Mit dem Herzen sieht man, was nicht vergänglich ist. Das heisst, die beständigen Werte wie Hoffnung, Liebe, Glaube, Tugendhaftigkeit kann man erkennen.

Einschränkend muss gesagt werden, dass diese Werte vergänglich sind. Nämlich dann, wenn diese Werte von einer Person ge- oder erlebt werden. Sogar die grösste Liebe vermindert sich. Aber das Prinzip Liebe bleibt. Auch die Hoffnung kann schwinden, aber das Prinzip bleibt. Der Glaube kann durch ein erschütterndes Erlebnis einerseits gefestigt, andererseits abgelegt werden. Diese beständigen Werte sind dann nicht vergänglich, wenn sie allgemein verstanden werden. Es existiert immer irgendwo Liebe, Hoffnung oder Glaube. Darüber hinaus ist gegen die Vergänglichkeit aller Dinge festzuhalten, dass oft das scheinbare Ende erst den Anfang ermöglicht: Ohne den Winter gibt es keinen Frühling. Ohne den Tod von Pflanzen und Tieren, gäbe es keine Pflanzen und Tiere. Vergänglichkeit ist oft Bedingung für Entwicklung und Neues.

Die Welt des Barock war nicht mehr oder weniger vergänglich als heute. Nur die Bedeutung der Vergänglichkeit im alltäglichen Leben hat sich verändert. Im Barock war sie der Beginn des lebenswerten Lebens, heute ist sie das Ende des lebenswerten Lebens und der Beginn der Ungewissheit. Die Menschheit versucht heute mit der Wissenschaft die Vergänglichkeit zu überwinden (Gentechnologie). Doch selbst mit dem vergrösserten Wissen kann der Mensch die Vergänglichkeit nicht verhindern.

Die Lösung liegt darin, dass sich jeder Mensch mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzen muss. Viele Menschen finden diese Antwort in der religiösen Gemeinschaft. Das Bewusstsein für Vergänglichkeit gehört auch zum modernen Menschen, um Wege zum Jenseits zu finden und auch in dieser Welt Glück zu erfahren.

Für mich hat der Satz von Gryphius in diesem Sinn heute immer noch Gültigkeit: Es ist alles vergänglich auf Erden. Für mich ist es aber gerade die Begrenztheit des Lebens, die das Leben lebenswert macht. Ich weiss, dass das ewige, irdische Leben eine Plage wäre. Es hätte keinen Anfang und kein Ende. Das Leben wäre ohne die Vergänglichkeit, unmöglich. Der Tod gehört zum Prinzip Leben dazu. Durch ihn ist das Leben im Hier und Jetzt und auch darüber hinaus definiert, weil er der Anfang des neuen Lebens ist. Ich hoffe auf ein Leben nach dem Tod, es ist aber nicht nur Erlösung vom irdischen Leben, sondern etwas Neues. Eine gewaltige Herausforderung, so wie eine riesige und kaum überwindbare Welle.

Erörterung von Simon Meier 5a

Details

Seiten
3
Jahr
2001
Dateigröße
331 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100852
Note
Schlagworte
Gryphius Andreas Eitelkeit Erden

Autor

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Titel: Gryphius, Andreas - Du siehst wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden