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Zu: Samuel P. Huntington - The Clash of Civilisations? In "Foreign Affairs", Summer 1993, S. 23-49

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 4 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

The Clash of Civilisations?

In „Foreign Affairs“, Summer 1993, S. 23-49

Der Kalte Krieg ist zu Ende. Die damit verbundene Auseinandersetzung zweier großer politischer Blöcke entlang ideologischer Differenzen auch. Über die neue kommende Welt(un)ordnung gibt es viele Hypothesen. Neben den wichtigen Hypothesen Fukuyamas („Das Ende der Geschichte“), Bush`s („Die neue Weltordnung“) und Kissingers (er spricht von der Möglichkeit von einem bipolaren zu einem multipolaren Konflikt zu geraten) finden wir P. Huntingtons „The Clash of Civilations?“. Es ist eine der am heftigsten diskutierten Hypothesen über die Zukunft der internationalen Politik in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Der Artikel erschien 1993 in der Sommer - Ausgabe der Zeitschrift „Foreign Affairs“. Den heftigen Debatten um diesen Artikel folgte das vom amerikanischen Politologen 1996 erschienene Buch „The Clash of Civilisations and the Remaking of World Order“. Er wandte sich klar von den ideologischen Auseinandersetzungen ab. Für ihn sollten andere Konflikte an Gewicht gewinnen, und zwar vor allem zivilisatorische und kulturelle. Plädiert Kissinger von einem neu entstandenen Multipolarismus, so geht Huntington im Gegensatz davon aus, daß das bipolare System von einem System abgelöst wird, in dem zivilisatorische und kulturelle Differenzen eine herausragende Rolle spielen.

Samuel P. Huntington ist Professor für Politikwissenschaft und Leiter des John.M.-Olin-Institutes für Strategische Studien an der Universität Harvard. Darüber hinaus arbeitet der Mitbegründer der Zeitschrift „Foreign Affairs“ als Berater des Außenministeriums und veröffentlichte eine Vielzahl an wissenschaftlichen Artikeln und mehrere Bücher aus unterschiedlichen Bereichen der Politikwissenschaft.

Nach Huntingtons Verständnis stellen Zivilisationen „cultural entities“ dar, das bedeutet, daß sie sowohl Ganzheiten als auch Einheiten sind, die in engem Zusammenhang mit dem Begriff Kultur stehen. Diejenigen Menschen, die zu einer bestimmten Zivilisation gerechnet werden, zeichnen sich durch gewisse Merkmale aus. Eine Zivilisation definiert sich einerseits durch gemeinsame objektive Elemente (z.B. Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen), andererseits auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr. Eine Kultur stellt in diesem Sinne eine Lokalvariante einer Zivilisation dar, obwohl sie sie nicht alleine repräsentiert. Für den Kulturbegriff hat dies zur Folge, daß Kultur als ein System von Werten und Praktiken beschrieben wird, das lokal begrenzt ist. Huntington kommt zum Schluß, daß es sieben oder acht Zivilisationen gibt, die für die zukünftige Entwicklung der weltpolitischen Ordnung von Bedeutung sind: die chinesische oder sinische (alle sinisierten Gesellschaften außer Japan und Singapur, Kernstaat ist Peking), die japanische (Japan, einziger Kern- und Mitgliedstaat), die islamische (alle Länder mit islamischer Bevölkerungsmehrheit, kein Kernstaat), die westliche (USA und deutsch-französiche Achse als zwei Kernstaaten, umfaßt Nordamerika, alle europäischen Länder mit christlicher Bevölkerungsmehrheit sowie Australien und Neuseeland), die lateinamerikanische (alle spanisch und portugiesischsprachigen Länder Lateinamerikas, kein Kernstaat), die hinduistische (Kernstaat Indien), die orthodoxe (Kernstaat Rußland, alle osteuropäischen Länder wo sich die Bevölkerungsmehrheit zum orthodoxen Christentum bekennt) und die afrikanische (kein Kernstaat, alle schwarzafrikanischen Länder ohne islamische Bevölkerungsmehrheit).

Für Huntington dominiert in der Gegenwart klar die westliche Zivilisation. Diese Vorherrschaft wurde, so Huntington, in der jüngsten Vergangenheit noch zusätzlich verstärkt, da der Hauptkonkurrent des Westens, der Ostblock, zusammengebrochen ist. Zudem ist der Westen militärisch nicht zu besiegen, und auch noch in sich so geschlossen, daß militärische Konflikte unter westlichen Staaten eigentlich ausgeschlossen werden können. Aber der Anspruch des Westens auf universale Vorherrschaft wird nicht länger akzeptiert - andere Zivilisationen fühlen sich herausgefordert, die hinter der Dominanz des Westens stehenden Werte zu hinterfragen, abzulehnen, und durch eigene - zivilisationsspezifische - zu ersetzen. Auf diese Weise entstehen zivilisatorische Blöcke aus Staaten derselben Zivilisation, die sich in den meisten Fällen um einen oder mehrere Kernstaaten („core states“) formieren.

Maßgebliche Kriterien für Bündnisse zwischen Staaten seien nicht länger ideologisch oder vom Machtgleichgewicht inspiriert, sondern entstünden auf der Grundlage kultureller Nähe. Das hat zur Folge, daß es ein Bedürfnis gibt, politische und kulturelle Grenzen miteinander in Einklang zu bringen - für Huntington eine potentielle Konfliktquelle.

Fast alle Länder sind heterogen insofern, als sie zwei oder mehr ethnische, rassische oder religiöse Gruppen umfassen. Viele Länder sind dadurch gespalten, daß die Unterschiede und Konflikte zwischen diesen Gruppen eine wichtige Rolle in der Politik des Landes spielen. Falls Kultur und Geographie sich nicht decken, können sie durch Genozid oder gewaltsame Vertreibung zur Deckung gebracht werden. Aus diesem Grund bergen die sogenannten „fault lines“, die die Grenze zwischen zwei Zivilisationen beschreiben, besonders Konfliktpotential. Für diese Bruchlinien prognostiziert Huntington militärische Konflikte. Er sieht in erster Linie einen Wettkampf des Westens gegen den Rest, in dem es um politische und andere Möglichkeiten der Einflußnahme geht. Zweitens hält er den Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Zivilisation für besonders bedeutsam. Der Grund für letztere Prognose besteht in der jahrhundertelangen Geschichte bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Islam und europäischem Christentum.

Abschließend kann festgehalten werden, daß Huntington den Konflikten zwischen Zivilisationen, Staaten verschiedener Zivilisationen, Staaten mit Bevölkerungen verschiedener Zivilisationen und Staaten an den Grenzen zwischen Zivilisationen höchste sicherheitspolitische Relevanz beimißt. Es steht für ihn außer Frage, daß das Hauptaugenmerk darauf gelenkt werden sollte, wahrzunehmen, wie konfliktträchtig die von ihm ausgemachte Neuordnung der Welt nach zivilisatorischen Gesichtspunkten ist und wie prozessartig politische Blockbildungen mit eben diesen Grenzen in Deckung gebracht werden.

In der Schilderung seiner Vorschläge konzentriert sich Huntington aber fast ausschließlich auf Schritte, die der Westen unternehmen sollte. Der Westen muß näher zusammenrücken - militärisch wie wirtschaftlich, und auf andere von Huntington beschriebene Art und Weise. Dieses Zusammenrücken soll verhindern helfen, daß aus lokalen, interzivilisatorischen Konflikten größere Kriege zwischen den Zivilisationen werden.

Der Westen soll weiters versuchen, die Aufrüstung der islamischen und konfuzianischen Staaten zu reduzieren. Unterstützt werden sollen durch den Westen solche Zivilisationen, die sich westlichen Werten gegenüber freundlich gesonnen zeigen. Aber auch ein tiefgreifendes Verständnis für die grundlegenden religiösen und philosophischen Annahmen anderer Zivilisationen soll entwickelt werden.

Huntington kommt zum Schluß, daß in der heraufziehenden Ära Kämpfe zwischen Kulturen die größte Gefahr für den Weltfrieden, und eine auf Kulturen basierende Weltordnung der sicherste Schutz vor einem Weltkrieg ist. Man kann sicherlich sagen, daß Huntington aus westlicher Perspektive und für die westliche Zivilsation argumentiert. Seine Ratschläge orientieren sich an der Wahrung westlichen und Eindämmung nichtwestlichen Einflusses. Es hat den Anschein, als ob Huntington in einer entstehenden multipolaren Welt so viel an westlichem Einfluß hinüber retten möchte, wie möglich ist.

Die von Huntington identifizierten Zivilisationen werden als zu homogen angesehen. Vermißt werden eindeutige Bestimmungskriterien. Die beiden privilegierten Kriterien, die Religion und die Totalität, werden nicht konsequent verfolgt. Als Beispiel seien Japan und Südostasien genannt. Japan teilt mit den sinisierten Ländern (China, Vietnam, Korea) das Grundmuster und die Entwicklungsgeschichte seines religiösen und intelektuellen Lebens. Eine Besonderheit besteht jedoch in der gesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte Japans. Kann Japan deshalb aber als eigenständiger Kulturkreis angesehen werden? Die Länder Südostasiens werden verschiedene Kulturkreisen zugeordnet, Malaysia und Indonesien z.B. gehören zur islamischen Zivilisation, Vietnam ist Teil des sinischen Kulturkreises, Thailand und Kambodscha sind buddhistische Länder, die Philippinen gehören der lateinamerikanischen Welt an. Diese Teilung entspricht dem Kriterium Religion, widerspricht jedoch dem Kriterium Totalität. Fast alle Völker dieses Raumes teilen eine gemeinsame einheimische Grundlage, wurden aber sicher von den indischen, chinesischen, arabischen und euro- amerikanischen Einflüssen in unterschiedlichem Maße geprägt.

Abschließend möchte ich auf wichtige Faktoren aufmerksam machen, die von Huntington vernachlässigt werden. Er schiebt die bilateralen Beziehungen zwischen den betroffenen Ländern und die ökonomischen und geopolitischen Interessen in den Hintergrund. Diese Faktoren sind immer schon Gegenstand für Streitigkeiten gewesen und werden es auch in Zukunft sein.

Carlo Pinamonti

Matr.Nr.: 9919269

Details

Seiten
4
Jahr
2001
Dateigröße
332 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100718
Note
Schlagworte
Samuel Huntington Clash Civilisations Foreign Affairs Summer

Autor

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