Lade Inhalt...

Lessing, G. E. - Die Juden

Referat / Aufsatz (Schule) 2000 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

"Die Juden" - Gotthold Ephraim Lessing

1. Zum Autor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Schriftsteller, Kritiker und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22.1.1729 in Kamenz/Oberlausitz als Sohn eines Pastors geboren. Der junge Lessing besuchte zuerst die Stadtschule in Kamenz, dann die Fürstenschule in Meißen. Er studierte danach Medizin, Philosophie und Theologie in Leipzig. Danach lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er für mehrere Zeitungen schrieb. Er hatte Verbindung zu verschiedenen Theatergruppen und schrieb für diese seine ersten Stücke. Dauernd in Geldnot nahm er während des 7jährigen Krieges eine Stelle als Sekretär beim Kommandanten von Breslau an. 1767 erhielt er eine Anstellung als Dramaturg und Kritiker am Deutschen Nationaltheater in Hamburg, 1770 eine Stelle als Bibliothekar in Wolfenbüttel. Lessing starb am 15.2.1781 auf der Reise nach Braunschweig im Alter von 52 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lessing gilt als hervorragender Vertreter der Ideale und Aktivitäten der Aufklärung: Vernunft, Toleranz, Freiheit, Menschlichkeit, gegen Vorurteile, kirchliche Bevormundung und Fürstenwillkür. Er verstand die Aufklärung als unabschließbaren Erziehungs- und Erkenntnisprozess des Menschen.

Außerdem wird er als literarischer Wegbereiter der Emanzipation des Bürgertums verstanden. Er befreite die deutsche Dichtung aus ihrer Abhängigkeit von französischen Mustern, rechtfertigte Shakespeares bis dahin weitgehend unverstandene Werke vor dem künstlerischen Gewissen seiner Zeit und verteidigte die griechischen Tragiker. Dadurch wurde er zum Wegbereiter der Klassik wie einer deutschen Nationalliteratur überhaupt.

Seine Theorien über Drama und Schauspielkunst und über die bildende Kunst Malerei und Poesie beeinflussten die Kunstauffassung und -ausübung der Klassik entscheidend.

2. Seine Werke

Schon während seiner Studienzeit erwarb er ersten Ruhm durch Lustspiele im Stil der Aufklärungszeit: "Der junge Gelehrte", "Der Freigeist" und "Die Juden", die von einer Theatergruppe erfolgreich aufgeführt wurden. Zahlreiche Gedichte, Fabeln, Erzählungen, philosophische und theologische Schriften sollten noch folgen.

"Miss Sara Sampson" war das erste bedeutende deutsche bürgerliche Trauerspiel.

In Breslau begann er das Lustspiel "Minna von Barnhelm" und schrieb "Laokoon: oder die Grenzen der Malerei und Poesie" in dem er den prinzipiellen Unterschied zwischen Poesie und bildenden Künsten entwickelte.

Am "Deutschen Nationaltheater" in Hamburg befreite der das Theater durch "Hamburgische Dramaturgie" von der Vorherrschaft des französischen Dramas und dessen starren Regeln. Nach der lang ersehnten Heirat mit Eva König ( die 2 Jahre später starb ) entstand "Emilia Galotti".

Das wohl berühmteste Werk "Nathan der Weise" entsprang einem theologischen Streit mit dem Hauptpastor Goeze, der durch Zensur verboten worden war. Damit legte er Zeugnis für Humanität, Vernunft und Toleranz (zw. den Weltreligionen) ab.

3. Inhalt "Die Juden"

Ein unbekannter Reisender wird von einem Gutsbesitzer, einem Baron, den er bei einem nächtlichen Raubüberfall vor Ausplünderung bewahren konnte, dankbar als Gast aufgenommen. Die beiden unerkannten Räuber, Vogt Martin Krumm und Michel Stich, die seit Jahren im Dienst des Barons stehen entkommen und versuchen nun den Verdacht auf die in der Nähe des Guts lagernden Juden zu lenken. Martin Krumm, der sich bei dem Reisenden scheinheilig nach den näheren Umständen erkundigt und ihm dabei eine Silberdose entwendet beschuldigt die Juden des ungeglückten Verbrechens. ( denn sie seien alle Betrüger, Diebe und Straßenräuber ) Der Reisende widerspricht jedoch dieser generellen Diffamierung.

Der Baron kann den Reisenden schließlich doch noch zu bleiben um ihm seine Dankbarkeit zu zeigen. Außerdem hat auch seine Tochter lebhaftes Interesse an dem Fremden gefunden und so beauftragt der Baron Lisette, die Zofe, genauere Auskünfte über ihn einzuholen.

Lisette, die inzwischen die silberne Tabakdose von Martin Krumm als Geschenk erhalten hat, verspricht sie Christoph, dem Bedienten des Gastes, wenn er das Inkognito seines Herrn zu lüften bereit ist. Christoph zögert angesichts des Wertgegenstandes nicht der Zofe eine frei erfundene Geschichte zu präsentieren, da er selbst -erst kurz im Dienste des Unbekannten - keine Ahnung um dessen Person hat.

Als der Reisende den Verlust seiner Tabakdose bemerkt, und Martin Krumm verdächtigt, unterzieht sich dieser bereitwillige einer Leibesvisitation, da er sie ja nicht mehr hat. Dabei kommen jedoch zwei falsche Judenbärte zum Vorschein, die er und sein Komplize während des Überfalls getragen haben. Als der Reisende schließlich die Dose in den Händen seines Bediensteten wiederfindet, werden die beiden Übeltäter durch Zurückverfolgung des "Tauschweges" überführt.

Der dankbare Baron bietet daraufhin dem Fremden sein Vermögen und die Hand seiner Tochter an, was der Fremde jedoch ausschlägt als er das Geheimnis um seine Person lüftet: er ist Jude! Der anfänglichen Enttäuschung des Barons folgt jedoch mit Bewunderung gemischte Hochachtung. Diese Reaktion zeigt auch Christoph, nach der Überwindung seiner Empörung, einem als Christ einem Juden gedient zu haben.

4. Die Situation der Juden im 18. Jahrhundert

Es handelt sich hierbei vorzüglich um die Lage der Juden in Sachsen und Preußen, die Lessing bei seinem Stück vor Augen gehabt haben dürfte:

Sachsen versuchte sich möglichst juden-frei zu halten, was jedoch nicht gelingen konnte, da sich bald finanzkräftige Juden in dieser Region fest niederließen die förderlich für das dortige Wirtschaftsleben waren. Daher gewährte ihnen der Kurfürst das Aufenthaltsrecht, die Handelsfreiheit, bereicherte sich jedoch durch Sonderabgaben gleichzeitig an ihnen. Mit der Thronbesteigung von Kurfürsten Wilhelm I. trat aber wieder eine Verschlimmerung der Verhältnisse ein. Die erst kürzlich gewonnen Rechte wurden ihnen wieder aberkannt und das Einwandern wurde nur noch sehr reichen Juden erlaubt. Den restlichen drohte die Ausweisung. Auf Bestreben christlicher Kaufleute, die ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt bedroht sahen, wurde auch der Handel für Juden erheblich eingeschränkt. Sie konnten sich nun nur mehr auf Trödelwaren und sonstige Kleinigkeiten beschränken. Auch die Ausübung eines Handwerks war ihnen untersagt. Jene Juden, die sich durch Pachtung des Münzregals bereits sehr bereichert hatten standen unter königlicher Protektion - die restlichen wurden in ihren bürgerlichen Rechten stark beschnitten:

Zutritt zu Staatsämtern verwehrt

Mischehen verboten

Erwerb von Grund und Boden ein Sonderrecht

Teilung in "ordentliche" ( mit erblichen Wohnrecht )

und "außerordentliche" Schutzjuden( unübertragbares Wohn-u. Eherecht)

Das alles machte die Integration der Juden unmöglich und ihre einzige Chance aus dem Ghetto aufzusteigen lag in 2 Punkten:

- öffentliche Diskussion
- Beseitigung der Vorurteile über Juden

Nur wenige trieb die Neugierde dazu die nähere Bekanntschaft mit einem Juden zu suchen um das vorgefasste Urteil schließlich selbst revidieren zu können.

5. Die Typenkomödie

Ein Held steht im Mittelpunkt, der Träger einer allgemeinen Torheit ist, die während des Stücks mit vernünftiger Einsicht korrigiert werden kann. Meistens ist sie nach der Art des Toren benannt, der verlacht wird ( die Advokaten, die Kaufleute...). Die Komödie lebt aus einem stillschweigenden Konsens zwischen dem Zuschauer und den vernünftigen Figuren auf der Bühne, die den Unvernünftigen verlachen und ihn zu bessern versuchen.

- Bei den Juden ist dieser Konsens fraglich geworden, da der erwartete Tor fehlt auf den sich das Publikum sonst stürzt. Es entpuppt sich nämlich der Zuschauer selbst als der Tor, der mit dem Baron zur Einsicht gelangen soll. Der Zuschauer wird genauso in seinem Vorurteil korrigiert, wie der Baron. Der Lernprozess des Barons ist der Lernprozess des Zuschauers. Der zeitgenössische Zuschauer erwartet dem Titel nach, der meistens den Tor einer Komödie benennt, eine Verlachung eines Juden, wird aber in seiner Erwartungshaltung enttäuscht.
- Am Ende wird ein Appell an den Zuschauer gerichtet, der sich im Wunsch des Fremden äußert: "Zu aller Vergeltung bitte ich nichts, als dass sie künftig von meinem Volke etwas gelinder und weniger allgemein urteilen."

Obwohl die Anlage und die Form zunächst der Erwartung entsprechen:

strikte Einheit von Raum und Zeit

Einheit der Handlung

typische Wahl der Figuren und deren Konstellationen:

(keine Mutter, Herr und Diener, witzige vorlaute Zofe, rüpelhafter Christoph )

schlägt die gewohnte Form am Schluss um:

- Das Happy-end in From einer Hochzeit fehlt. Es zeichnet sich einzig und allein eine Liasion zwischen Christoph und der Zofe ab, was aber das Fehlen der Vereinigung der Baronstochter mit dem Juden umso deutlicher werden läßt. Obwohl sich die beiden Beziehungen das ganze stück hindurch parallel zueinander entwickeln, kommen sie nicht zu einem gewohnten Ende. Der Baron spielt hier auf das gesetzliche Verbot für Mischehen an.

Dieser Schluß weist auf die Dringlichkeit mit der Veränderungen dieser Gesetzte notwendig sind hin. Lessing gibt auch einen geschichtlichen Grund für das Aufkommen dieser Diffamierung der Juden: Christen verfahren von vorn herein nicht aufrichtig mit den Juden und können daher auch kaum Gutes im Gegenzug erwarten denn für Treue zwischen zwei Völkern müssen beide dazu beitragen.

Mit diesem Jugendwerk, das einen Meilenstein auf dem Weg zum "Nathan" darstellt, postuliert sich zum allerersten Mal die religiöse und rassistische Toleranz Lessings. Am Schluss des Nathan steht die Utopie einer Menschheitsfamilie, was in den Juden erst die Vorstufe - die Freundschaft zwischen dem christlichen Baron und dem Jüdischen Reisenden. Im Gegensatz zu der Selbstsicherheit zu seiner Religion stehen zu können beim Nathan muss sich der Reisende erst zu seinem Bekenntnis durchringen.

6. "Die Juden" - unerwartete Belehrung

Lessing stellte schon hier, wie später im Nathan den jüdischen Helden reich und gelehrt dar. An der christlichen Front hingegen gibt es zwei verschiedene Typen: einerseits den christlichen Pöbel, der von Christoph und Martin Krumm dargestellt wird und den Adel, verkörpert vom Baron. Beide haben einen unterschiedlichen Umgang mit dem Geständnis des Juden am Schluss.

Der Pöbel bleibt bei seinem Vorurteil gegenüber den Juden, läßt jedoch Ausnahmen gelten und teilt den Hochmut der Christen nicht mehr. Krumm gelangt nicht zu dieser Einsicht, denn er würde alle Juden umbringen, wäre er König. Diese Meinung wird noch durch die kirchlich gepredigte Meinung unterstützt. Außerdem kann Krumm das Vorurteil gegenüber den Juden schon im vorhinein einkalkulieren und so den Verdacht von sich weisen.

Der Vertreter des Adels teils ebenso das Vorurteil mit dem Pöbel und der Baron zweifelt nicht einmal an der Tatsache, dass den Überfall Juden verübt haben. Er schließt von einem schlechten Erlebnis mit einem Juden auf das ganze Volk. Außerdem urteilt er aus der Physiognomie der Juden auf deren Charakter ( bemerkt aber nicht, dass er einem aufrichtigen, großmütigen Juden gegenübersteht ). Er sieht aber sein Fehlverhalten noch nicht ein, als der Reisende sagt: "Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker", schämt sich jedoch später dafür.

Die "unschuldige" Tochter ist in ihrer kindlichen Naivität noch in keiner Weise von antisemitischen Einstellungen beeinflußt. Sie wird aber sofort von Lisette zurechtgewiesen, als sie ihre Gleichgültigkeit über die Religion des Fremden kundtut. Auch sie soll noch nach dem traditionellen Schema den bösen Juden vom guten Christen unterscheiden.

7. Zur Sprache und zur Form

- in Prosa verfasst
- Die Vertreter des Adels und der Bildungselite ( Baron und dessen Tochter, der Reisende ) drücken sich gewählt und ihrem Stand entsprechend aus. Ihre Umgangsformen sind von Höflichkeit und Respekt gekennzeichnet.
- Vertreter des Pöbels ( Diener und Zofe, die beiden Räuber ) hingegen fallen in die Umgangssprache. Christoph spiel der Zofe gegenüber völlig schamlos auf eine sexuelle Beziehung an, die er mit ihr eingehen will - was im Gespräch der Baronstochter mit dem Reisenden keineswegs der Fall ist.
- Chronologisch erzählt gelangt die Handlung bei den Verdächtigungen des Reisenden an ihren Höhepunkt. Nach der Aufklärung des Dosendiebstahls und gleichzeitig der

Beantwortung der Frage wer nun der Reisende sei, tritt mit der Reaktion der Figuren auf diese Enthüllung die Entspannung ein. Jedoch fehlt das übliche Happy-end.

8. Lessing über sein Werk

Die Kritik in einer Zeitung, Lessings Jude sei zu vollkommen und daher allzu unwahrscheinlich was das Vergnügen des Stückes mindere, schreibt er eine Gegenargumentation. Es sei nicht unmöglich aber doch zu unwahrscheinlich einem solch gutem Juden zu begnen, ja es sei schon schwer auch nur einem mittelmäßig tugendhaften zu begegnen, da alle den Christen feindlich begegnen würden.

Lessing sieht die Ursache der Vorurteile darin, dass die Juden, die unter der Unterdrückung der Christen leiden nur vom Handel leben können. Seufzt ein Volk unter solcher Verachtung, sei die Unwahrscheinlichkeit eines so toleranten Juden völlig legitim. Doch könnte durch Beseitigung dieser Umstände nicht - weniger unterdrückt zu werden und nicht mehr dazu gezwungen zu sein das Geschäft des Handels zum Leben auszunutzen - nein genauso redliche Juden wie Christen entstehen? Laut seinen Gegnern nicht, da die Schlechtigkeit schon in der Erziehung, Lebensart und den Grundsätzen verankert liegen. Doch Lessing versucht genaun mit diesem Vorurteil aufzuräumen: Er läßt den Juden reich sein. Somit ist er nicht gezwungen mit dem Handel zu betrügen. Außerdem ist er belesen - also klug und auf Reisen.

Schlußendlich sei ein so vollkommener Charakter, wie der des Reisenden generell selten zu finden - unter den Juden wie auch den Christen.

Details

Seiten
7
Jahr
2000
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100507
Note
Schlagworte
Judenverfolgung

Autor

Zurück

Titel: Lessing, G. E. - Die Juden