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Feuchtwanger, Lion - Die Geschwister Oppermann

Facharbeit (Schule) 2000 12 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

"Die Geschwister Oppermann" - Lion Feuchtwanger

1. Inhalt

Der Roman spielt in Deutschland zwischen November 1932 und Spätsommer 1933. Die Angehörigen einer jüdischen Großbürgerfamilie in Berlin erleben die Konsequenzen der nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933.

Unter ihnen ragt der 50jährige Gustav Oppermann hervor, Seniorchef eines großen deutschen Möbelhauses und zugleich Schriftsteller. An ihm werden die einzelnen Stadien der einsetzenden Judenverfolgung am intensivsten widergespiegelt. Er ist reich und mit seinem Leben im großen und ganzen zufrieden. Gustav kümmert sich nur wenig um seine Geschäfte sondern beschäftigt sich lieber mit seiner Bibliothek in der sich viele Werke von Aufklärern und Humanisten befinden. Als schließlich Hitler zum Reichskanzler wird, unterschreibt Gustav als bekannter Literaturprofessor ein Manifest gegen diese Barbarei, womit er sich selbst zur Zielscheibe der "völkischen" - also der Nazis - macht. In kindlicher Naivität werden ihm die Konsequenzen dieser Tat allerdings erst viel zu spät bewusst, als ihn sein Freund Mühlheim nach dem Brand der Reichstags anfleht doch aus dem Land zu fliehen. Er tut gut daran dem Rat zu folgen - wenn auch nur widerwillig - denn nach seiner Flucht in die Schweiz wird sein geliebtes Haus durchsucht und beschlagnahmt. Langsam wird ihm der Ernst der Lage klar und als ihm sein Sekretär bei einem Besuch und später ein junger Anwalt aus Deutschland von den skandalösen Umständen, die in Deutschland herrschen erzählen. Nun verspürt er den Drang zu rebellieren und auch allen anderen "blinden" Deutschen die Wahrheit über die Lügen der Regierung zu eröffnen, damit sie aus dem Koma erwachen, so wie er erwacht ist. Nachdem er die Frau seines Lebens Anna auf einem Urlaub in Südfrankreich als erste aufgeklärt hat, geht er mit eine m falschen Pass in sein Deutschland zurück und wird bei dem Versuch die Verbrechen der faschistischen Regierung ans Licht zu bringen ertappt und ins KZ gebracht. Durch starken Einsatz seiner Freunde kommt er nach einigen Wochen wieder frei, stirbt jedoch an den Folgen der Misshandlungen schließlich in der Schweiz.

Gleichzeitig zu dieser Erzählung laufen noch 4 andere Handlungsstränge ab:

Die Familien der einzelnen Geschwister Oppermann - einer wohlhabenden im Rampenlicht stehenden Familie - haben als Juden alle mit dem zunehmenden Antisemitismus zu kämpfen: Martin Oppermann ( 48 ) ist der Chef der großväterlichen florierenden Möbelfabrik. Die immer schlimmer und ungerechter werdende Situation für jüdische Geschäftsleute wird an diesem Handlungsstrang demonstriert. Man überlegt, den jüdischen Namen durch Fusion mit der Konkurrenzfirma von Herrn Wels, den Deutschen Möbelwerken, zu neutralisieren um weiterhin unter diesem Deckmantel arbeiten zu können. Am Beginn, vor der Übernahme der Nazis, fühlt sich Herr Wels von seinem viel erfolgreicheren Konkurrenten gedrängt und hat fast Angst vor dessen wirtschaftlicher Macht in der Möbelbranche, doch nach der Ausrufung des 3. Reichs ändern sich die Machtverhältnisse schlagartig! Niemand ist mehr bereit bei einer jüdischen Fabrik zu kaufen und so hält Wels jetzt alle Fäden in der Hand und Martin ist gezwungen den Familienbetrieb unter die Leitung des herablassenden Parteifunktionärs Wels zu geben. Ihm bleibt nur noch die Stammfiliale in Berlin für ein Jahr, wo er viele jüdische Verkäufer, die aus seinen ehemaligen Filialen jetzt entlassen werden, aufnimmt und sie einstellt. Doch er steht auf verlorenen Posten und wird schließlich von den Landsknechten verhaftet und nach deren Gewohnheit brutalst verhört. Grund dafür war eine Auseinandersetzung mit seinem arischen Angestellten, der die Entlassung aller Juden aus dem Betrieb forderte. Eine Anzeige genügte und schon verschwand der unschuldige Martin für einige Tage in den Kellern dieser Organisation.

Der 3. Handlungsstrang illustriert drastisch die damaligen Schulverhältnisse:

Berthold, der 17jährige Sohn von Martin besucht die Oberschule eines sehr liberalen Gymnasiums, das im Geiste "Voltaires" von einem guten Freund Gustavs, Rektor Francoir geführt wird. Der Junge ist ein begeisterter Literaturliebhaber und bereitet sich gerade auf seinen Vortrag über den Humanismus vor, als plötzlich sein Deutschlehrer stirbt. Als Vertretung kommt Dr. Bernd Vogelsang, ein von der nationalsozialistischen Idee völlig überzeugter Lehrer vom Land nach Berlin an Bertholds Schule. Er ist fest entschlossen, seine Schüler zu seiner Überzeugung zu erziehen, was er mit allen Mitteln versucht. Berthold bietet sich gerade zu dazu an, ein exempel zu statuieren. Anstatt des schon fertigen Vortrages über den Humanismus lässt der Lehrer ihn einen neuen über die Frage "Was bedeutet uns Heutigen Herrmann der Deutsche?" vorbereiten. Obwohl Berthold wenig erbaut ist, stürzt er sich in die Arbeit um das Heldenbild dieses Ariers herauszuarbeiten. Doch dann unterbricht ihn der Lehrer an einer kritischen Stelle, an der Berthold soeben den Vorwurf die Heldentat sei keine zu bedeutende gewesen widerlegen will und beschuldigt den Jungen eine freche Unwahrheit zu verbreiten. Aus der Lappalie wird eine große Angelegenheit, die ihre Kreise zieht. Der Rektor ist zwar auf des Schülers Seite, getraut sich aber nicht in diesen gefährlichen Zeiten etwas gegen die arische Herrenideologie des boshaften Nazilehrers etwas zu sagen. Für Berthold wird die Frage ob er sich öffentlich für etwas entschuldigen soll, was die Wahrheit ist um die Ruhe wiederherzustellen oder der Wahrheit treu zu bleiben eine nervenaufreibende. Er wird immer ruhiger und verliert seine Freunde, da er aufgrund der Hetze des Lehrers und eines überzeugten Hitler-jungen immer mehr zum Außenseiter wird. Nur sein Cousin Heinrich ( der Sohn von Klara Oppermann und ihrem Mann Jacques Lavendel ), vor dem wegen seiner rein-arischen Erscheinung ( er ist Jude mit amerikanischer Staatsbürgerschaft ) alle enormen Respekt haben, steht bedingungslos zu ihm und bewundert insgeheim den Stolz und die Liebe zur Wahrheit seines Freundes. Trotzdem rät er ihm, wie auch alle anderen in der Familie immer wieder sich zu entschuldigen, um der Sache ein Ende zu bereiten. Berthold kann jedoch die Wahrheit nicht als Lüge hinstellen und nimmt sich in diesem Gewissenskonflikt schließlich selbst das Leben um dieser öffentlichen Bloßstellung vor seinem Gewissen zu entgehen.

Im 4. Strang geht es um den berühmten Arzt Edgar Oppermann, der an einer neuen Behandlungsmethode für eine bestimmte Krankheit arbeitet. Er hat große Fortschritte gemacht, kann jedoch als unheilbar abgestempelte Patienten nur zu einem gewissen Prozentsatz das Leben retten. Dadurch gerät er unter Beschuß der Nazi-Medien, die den jüdischen Arzt beschuldigen, seine ( arischen ) Patienten als Versuchskaninchen zu benutzen und sie dadurch zu töten. Die Proteste gegen ihn werden immer lauter, sodass er trotz bester Qualifikation seinen jüdischen Assistenten Jacoby nicht für eine Beförderung vorschlagen kann. Der verständige Geheimrat Lorenz versteht das Problem ist aber auf die Staatlichen Förderungen für Edgars Forschungen angewiesen und daher wird auch hier nachgegeben. Der Arier erhält den Platz, trotz eindeutig besserer Eignung von Jacoby.

Schließlich wird Oppermann nur durch vehementes Einschreiten des Geheimrats Lorenz vor der Schande bewahrt, als Verhafteter Jude aus dem Krankenhaus "entfernt" zu werden. Er wird gezwungen ins Exil zu gehen. In London oder Paris muss er seine Karriere von vorne beginnen. Seine Tochter Ruth, eine radikale Zionistin, hingegen geht nach Palästina.

Die letzte Geschichte ist insofern nicht so eng mit den anderen verknüpft, dass es nicht um ein weiteres Familienmitglied der Oppermanns geht. Markus Wolfsohn ist einer der jüdischen Angestellten, die Martin entlassen soll. Er arbeitet seit Jahren in dem Betrieb und stellt als Typ den minderbemittelten, jedoch nicht armen, Kleinbürger mit seiner Familie dar, der täglich gemütlich in einem Cafe seine Zeitung liest, zu einem Verein gehört und so seine kleinen Geheimnisse vor seiner Frau hat, um sich selbst ab und zu etwas leisten zu können. Er spürt den zunehmenden Antisemitismus vor allem von dem ihm verhassten Nachbarn Zarnke, der Wolfsohns Wohnung unbedingt für seinen Schwager will. Doch da sich der brave Möbelverkäufer nichts zu schulden kommen lässt, außer Jude zu sein, geht Zarnkes Wunsch erst in Erfüllung als die Juden offiziell schlecht gemacht werden und vom Gesetz her zu benachteiligen sind. Wochen lang lebt die Familie in Angst und Schrecken. Als Markus beschuldigt wird, an der Reichstagsbrandstiftung beteiligt gewesen zu sein und zu einem Verhör mitten in der Nacht aus dem Bett weg verhaftet wird, gerät die Familie in Geldnöte und ist gezwungen die Wohnung letztendlich an Zarnke abzugeben, dem dieser Zwischenfall besonders gelegen kommt. Lange hat Markus seinen Schwager für zu ängstlich gehalten, der für die Emigration nach Palästina gespart hatte, aber jetzt nach seiner Entlassung, da er die Gefahr am eigenen Leib verspürt hat, will auch er so schnell wie möglich mit seiner Familie flüchten.

Kaum 3 Monate nach der Machtergreifung trifft die Familie ( wie auf den ersten Seiten bei Gustavs Geburtstag ) in der Schweiz beim Sederfest zusammen. Das letzte Treffen, bevor die Geschwister gezwungen sind, sich voneinander zu trennen um in verschiedenen Ländern eine neue Identität zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen.

2. Konträre Personen und deren Einstellungen

Der Autor überzeichnet einige Figuren karikaturistisch, die Prototypen der Nationalsozialisten, sowie die Einstellung "das alles dürfe man nicht zu ernst nehmen" .

Vor allem Gustav fällt dieser Blauäugigkeit, derer er sich später schämt, zum Opfer, weil er die Hetze der Partei für lächerlich hält. Denn, wer würde in diesem modernen Deutschland der Maschinen und des Telephons so etwas Radikales versuchen, wie es später wirklich geschah? Er hält das Volk für klug genug, nicht auf die Propagandalügen der Nazis hereinzufallen, da er an die Vernunft im Menschen glaubt. Immerhin hat schon Lessing in seinen Werken klar gemacht, wie sinnlos und jeder Logik entbehrend der Antisemitismus ist. Gustavs Deutschland ist ein aufgeklärtes und vernünftiges, das sich nicht von den "plumpen Methoden " der Völkischen verführt werden kann. Immerhin sehe doch jeder wie lächerlich alleine schon die Hetzschrift Hitlers "Mein Kampf" ist. Dabei empört Gustav und seine Literatenfreunde ( z.B.: Francoir, der ebenfalls eine heiße Diskussion über dieses Buch mit seinem Kontrahenten Vogelsang führt) die kantige "undeutsche" Sprache fast mehr als der Inhalt. Angesichts der reinen Sprache Goethes sei dieses Deutsch eine Schande und sie amüsieren sich noch über die grammatikalischen Fehler, die die Schrift beinhaltet. Zu seiner größten Schande muss gerade er - der große Literat und Biograph Lessings - später im KZ das Buch zitieren und Passagen auswendig lernen um von einem "Leichtverbesserlichen" nicht zu einem "Unverbesserlichen" Häftling zu werden, der den Tod verdient.

Gustav unterschätzt die Macht der Propagandalügen und verkennt die Hitlersche Macht als unangenehme aber vorübergehende Erscheinung. Trotz vieler Versuche seiner Freunde, ihn aus dem "Schlaf" zu reißen, bleibt er lange bei dieser Meinung. Er flieht erst sehr spät und nur mit Mühe kann ihn sein Anwalt dazu überreden sein Vermögen im Ausland in Sicherheit zu bringen. Er ist auch als einziger gegen die Zusammenlegung des Familiengeschäfts mit den Deutschen Möbelwerken, da er die Zukunft nicht annähernd so schwarz sieht wie der Rest der Familie.

Jacques Lavendel und Edgars Tochter Ruth, die junge Zionistin, hingegen erkennen die aussichtslose Lage des jüdischen Daseins und versuchen die anderen davon zu überzeugen, dass das Hitlerdeutschland nicht mehr das selbe ist wie früher und es eine Gefahr für jeden Juden darstellt. Jacques erweist sich auch in anderen Situationen als Realist und rät Berthold sich zu entschuldigen, da alles andere die Situation nur noch verschärfen würde. Jacques weiß, dass den anderen keine andere Chance bleibt als besser früher als später das Land zu fliehen. Er selbst hat insofern trotz seiner jüdischen Abstammung keine Probleme, da er die amerikanische Staatsbürgerschaft hat.

Davon profitiert auch sein Sohn, der nach ihrer Emigration in der Schweiz studiert. Heinrich bewundert Berthold für seinen Stolz und sein Durchhaltevermögen. Bedingungslos stärkt er ihm den Rücken und weist alle Freundschaftsbeweise seiner nazibegeisterten Schulkollegen, v. a. Werner Ritterstegs, zurück obwohl er dadurch sicherlich einige Vorteile genießen würde. Sein Vorteil ist neben der amerikanischen Staatbürgerschaft auch noch das rein arische Aussehen. Alle anderen beineiden ihn darum. Ironischerweise ist der blonde sportliche Junge - ein arisches Idealbild - ein Jude. Fortwährend rät er Berthold zu widerrufen, denn es mache keinen Unterschied, ob er vor seinem Lehrer, die ihn ohnehin nur quälen will, die Wahrheit sage oder nicht. Es ist nur wichtig, das er selbst die Wahrheit kenne. Es gelingt ihm jedoch nicht den rebellischen Geist von Berthold durch diese Argumentation zu brechen, was ihn mehr und mehr selbst in seiner Auffassung beeinflußt. Nach Bertholds ("Helden")-Tod sieht Heinrich es als seine Pflicht an, über das Verbrechen Werner Ritterstegs nicht länger zu schweigen. Er schreibt also einen Brief an den Staatsanwalt in dem er bezeugt von der Mordabsicht Werners ( er werde einen Reporter, der gegen die Nazipartei geschrieben hat abstechen! ) gewußt zu haben, und dass es keine Notwehr war. In dieser Verfassung und in seiner Trauer ist es ihm egal, welche Konsequenzen diese schweren, wenn auch wahren, Anschuldigungen auf ihn haben könnten. Immerhin ist er Jude und klagt ein Mitglied der Hitlerjugend an, dessen Vater ein einflussreicher Mann in diesen Kreisen ist, an. Sein Zorn geht sogar soweit, dass er versucht Werner, dem er die Schuld an Bertholds Selbstmord gibt, umzubringen, was ihm jedoch nicht gelingt. Es fehlt ihm im richtigen Augenblick die Kraft und der Mut. Von da an ist er wieder der Meinung es sei besser den Mund zu halten um sich selbst nicht für etwas zu schaden, was ohnehin sinnlos gewesen wäre. Darüber hat er in Bern kurz vor dem Tod seines Onkels Gustav, der eine völlig konträre Einstellung vertritt, eine heiße Diskussion. Gustav meint man müsse etwas tun und seinem Hass gegen solche katastrophale Umstände Luft machen, sei es auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein um die Gewaltherrschaft der Nazis zu untergraben. Heinrich aber setzt auf die Vernunft: es sei dumm mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen ohne etwas zu bewirken und so wahre er lieber den Schein um keine Probleme mit den Feinden zu kommen und denke sich seinen Teil insgeheim bei sich.

Um nicht um sonst an den Folgen seines KZ-Aufenthalts gestorben zu sein beauftragt Gustav noch am Sterbebett seinen Sekretär Heinrich seine Aufzeichnungen über die Verbrechen der Regierung in Deutschland zu überbringen, auf dass er seine Meinung ändere. " Es ist uns aufgetragen, am Werk zu arbeiten, aber es ist uns nich gegeben, es zu vollenden" steht auf der Karte, die er seinem Neffen schickt.

3. Die Einschüchterungstaktik

Als Beispiel für die wirksame Einschüchterungstaktik der Völkischen dient die Figur des Rektors Francoir sehr gut. Er ist Direktor eines Gymnasiums und ein guter Freund der Familie Oppermann. Mit zunehmenden Einfluss der NSDAP versucht er unter schlechtem Gewissen und unter dem Druck seiner Frau den Kontakt zu den Oppermanns auf das Nötigste zu beschränken. Er versucht zwar Berthold so gut es geht zu unterstützen, da er auf seiner Seite ist, sieht sich aber letztendlich doch gezwungen, ihm zu einer öffentlichen Entschuldigung zu raten, da er ihn sonst der Schule verweisen müsste um nicht sein Gesicht zu verlieren. Er steht stark unter dem Druck von Dr. Vogelsang, der die Nationalsozialisten in dem kleinen Initialsystem Schule vertritt und somit auf dem längeren Ast sitzt, wenn man an die äußeren Umstände denkt. Die Stellung von Francoir steht auf dem Spiel und er weiß, wenn er sich auf die Seite Vogelsangs stellt, kann er sich vielleicht noch etwas länger halten, aber seine Abdankung steht bereits als Vogelsang das erste Mal sein Büro betritt fest. Aus Angst um seinen Ruf traut sich Francoir weder mehr sich mit Gustav sehen zu lassen, noch die bei der Firma Oppermann gekauften Möbel von deren jüdischen Boten zustellen zu lassen. Francoir und der Geheimrat Lorenz sind Vertreter für viele, die zwar mit der Ideologie der neuen Macht nicht einverstanden war, aber trotzdem aus Angst um seine Existenz nicht den Mut aufbringt, dagegen einzustehen.

4. Das Stilmittel der Karrikatur

Die meisten Figuren erhalten typische Eigenschaften, Angewohnheiten und kleine Fehler, die sie erst zu lebendigen authentischen Personen werden lassen.

Gustav: "mit der ganzen Fußsohle auftretend", kindlich

Martin: nimmt, wenn er verlegen ist seinen Zwicker heraus und "putzt daran herum"

Jacques: hat eine unangenehme kratzende Stimme ( aufgrund einer

Kriegsverletzung am Kehlkopf), die besonders Martin sehr verhasst ist.

Heinrich: sucht sich mit Vorliebe ungewöhnliche Sitzgelegenheiten und "lässt die Beine gymnastisch hochschnellen"

Um die Familienzusammengehörigkeit noch zu unterstreichen, weist Feuchtwanger jedem Oppermann das Adjektiv "fleischig" zu. Sie haben alle ein "fleischiges Gesicht", "fleischige Hände" und im Ganzen einen "fleischigen Körper". Außerdem werden die Geschwister alle als eher schwerfällig und langsam in ihrer Erscheinung beschrieben. ( "schwerschrittig", "umständlich"...)

Sie alle haben noch etwas gemeinsam: den Sinn für Tradition und Zusammenhalt der Familie. Das symbolisiert das Portrait des Großvaters und Gründers der Firma Immanuel Oppermann. Dieses Bild ist den Geschwistern trotz der unbedeutenden künstlerischen Leistung besonders viel wert und es ist ein großes Opfer für Martin es seinem Bruder Gustav zum Geburtstag zu schenken.

Als zweites zeigt die oft erwähnte schriftliche Anerkennung eines Generalfeldmarschalls aus dem 1.Weltkrieg für die guten Dienste der Firma Oppermann für die Deutsch Armee, wie stolz die Familie auf ihre gemeinsame Vergangenheit ist. Sie sehen sich nämlich als vorbildliche Deutsche und fühlen sich auch außerordentlich wohl in ihrem Land. Besonders bei Gustav und Berthold kommt die Liebe zur Heimat stark zum Ausdruck. Sie sehen sich beide als Deutsche und das ist auch eine der Anschuldigungen, die Berthold so verwirren: er sei kein Deutscher mehr sondern ein Verräter dieses Volkes. Damit kommt der Junge nun absolut nicht zurecht. Jahrelang hat er sich als Deutscher gefühlt und tut es immer noch - doch durch seine falschverstandene Aussage soll er auf einmal kein Deutscher mehr sein? ( Parallele zur Denkweise Feuchtwangers selbst, der aus einer sehr assimilierten Familie kommt und sich ebenfalls als Deutscher fühlt ...siehe Biographie )

Diese ansich unlogische Behauptung bereitet auch Herrn Wolfsohn Probleme, dessen einziges Verbrechen es ist, Jude zu sein. Auf einmal gehört er nicht mehr in dieses Land und wird ausgestoßen von denen, die noch vor einem Jahr seine Nachbarn, Vereinsbrüder, Freunde und Landesgenossen waren. Es ist ihm völlig unverständlich wofür er diese Ausgrenzung verdient hat.

5. Absicht

Im Großen und Ganzen versucht Feuchtwanger am Beispiel der jüdischen Minderheit, mit Vertretern aus verschiedenen ihrer Schichten ( Jugendlichen, Kleinbürgern, Großbürgern, Intellektuellen, Geschäftslleuten ), modellhaft die Lügen des Regimes zu durchschauen und zu entlarven. Die zunehmende Ausgrenzung jüdischer Mitbürger, der schleichende und dann immer offensichtlichere Verrat menschlicher Beziehungen und schließlich der konsequente Weg in die Vernichtung wird von Feuchtwanger anhand vieler einzelner Personen differenziert und komplex geschildert. Das Buch wird so zu einer dramatischen Anklageschrift.

6. Aufbau

In 3 Abschnitten erzählt Feuchtwanger in erstaunlich Weitsicht 1933, was er an Tatsachen und Behandlungen der Juden bereits beobachtet und sicher auch selbst erlebt hat ( "Gestern" ). Danach folgt die Situation, wie er sie zur Zeit der Entstehung des Romans erlebt ( "Heute" ) und im Abschnitt "Morgen" berichtet er von den schrecklichen Folterungen in KZs und in den Kellern spezieller Truppen. Auch die Angst und die Nichtbereitschaft über die geschehenden Dinge zu sprechen sieht er voraus.

Der kämpferische Wille des Autors, die Lügen des Regimes zu durchschauen und sie am Beispiel der jüdischen Minderheit modellhaft zu entlarven, macht das Buch zu einer dramatischen Anklageschrift.

7. Zur Sprache

Die Erzählzeit bildet vorwiegend das Imperfekt. An manchen Stellen findet sich jedoch das historische Präsens, was den Leser näher an das Geschehen bringt und ihn direkt mit den Personen fühlen lässt.

Der allwissende Er-erzähler schlüpft von Zeit zu Zeit in die Gedankenwelt einer Figur und gibt als personaler Erzähler deren Gedanken, Gefühle und vor allem Meinungen über andere Personen wieder.

Der Roman reiht, wie oben bereits erwähnt, die einzelne Episoden der Hauptpersonen oft rein assoziativ oder auch abrupt aneinander und fällt zuweilen in trocken-nüchterne Berichterstattung.

8. Enstehung des Werks

1932 trat Feuchtwanger eine Vorlesungsreise in die Vereinigten Staaten an. Als er von seiner Ausbürgerung und der Verbrennung seiner Bücher erfuhr, kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern ließ sich in Südfrankreich nieder. Das Schicksal des jüdischen Volkes bleibt wie zuvor ein beherrschendes Thema für Feuchtwanger. Es entstand die "Wartesaaltrilogie", die sich zusammensetzt aus den Romanen "Erfolg", "Geschwister Oppenheim" und "Exil".

Dem Roman "Die Geschwister Oppenheim" gab er erst später den Namen "Oppermann". Von seinem Exil in Frankreich aus beschreibt er in 3 Teilen die Zustände in Deutschland zu seiner Zeit und wie er die Zukunft dieses Regimes nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Jänner 1933 sieht. Mit einer erstaunlichen Weitsicht sah Feuchtwanger schon damals das kommen, wovon wir aus der Geschichte wissen, dass es exakt so geschah. Schon in einem seiner früheren Romane "Erfolg" analysiert er den Charakter der NSDAP schon in ihren Anfangsstadien richtig als "dreistufiges Milieu: die Anführer, die graue Parteimasse und die Drahtzieher". Während in diesem Werk das deutsche Volk noch als dumm, träge und manipulierbar erscheint, wird es im "Oppermann"-Roman als "gut" dargestellt, dass von wenigen Terrorgruppen unterdrückt wird.

Zwischen dem Intellektuellen Gustav und Feuchtwanger selbst scheinen einige Parallelen auf

- nicht nur Gustav floh viel zu spät erst aus Deutschland.

Feutchtwanger behauptete jedoch selbst den Roman zu schnell geschrieben zu haben (in 5 Monaten), da er sich durch die Eindrücke des Augenblicks hinreißen hat lassen. Somit darf das Werk trotz seines Bekanntheitsgrades nicht als sein bestes angesehen werden!

9. Zum Autor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lion Feuchtwanger wird 1884 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in München geboren. Die Familie ist voll assimiliert. Sie pflegt zwar noch jüdische Bräuche und legt wert auf eine orthodoxe Erziehung, versteht sich aber als deutsch und bewegt sich politisch im national-konservativen Lager. Aus diesem Hintergrund heraus zieht sich das Interesse am Judentum durch den Großteil seiner Werke. Feuchtwanger verabscheut die zum Brauchtum herabgesunkene Religiosität, was auch in "Die Geschwister Oppermann" deutlich wird. ( Lediglich Jacques und Ruth sind gläubige Juden, die ihren Glauben auch leben und viel Wert auf die Zeremonien legen. Alle anderen Figuren sind nur mehr bedingt religiös und nehmen die Religion nicht besonders ernst.) Außerdem versucht er der spießigen Bürgerlichkeit des Elternhauses zu entfliehen.

Er studiert Germanistik, Geschichte, Philosophie und Anthropologie in München. Er verfasst Dramen und Theaterkritiken in dieser Zeit.

Als Theaterkritiker gründet er seine eigene Kulturzeitschrift "Der Spiegel".

Feuchtwanger heiratet Marta Löffler, mit der er eine Tochter hat, die jedoch schon nach einigen Monaten stirbt.

Als der 1. Weltkrieg ausbricht wird er in Tunis interniert, flüchtet nach Deutschland und versieht dort seinen Wehrdienst bis er krankheitshalber vorzeitig entlassen wird. Er wird zum frühen Kriegsgegner und seine Literatur bekommt mehr politischen Inhalt. Das Drama "Jud S üß" nimmt er trotz großen Erfolgs zurück und erweitert es zum Roman. 1919 lernt er Berthold Brecht kennen und unterstützt sein junges Talent von Anfang an. Es entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft und sie beeinflussen einander in ihrer Zusammenarbeit ständig. Während Brecht das epische Drama als Gattung entwickelt, beginnt Feuchtwanger sein eigenes Gener, den dramatischen Roman zu konzipieren. Er gilt auch als Widerbeleber des historischen Romans.

Nach seiner Übersiedelung nach Berlin - eine weit weltoffenere Stadt als das antisemitische München - erscheint der erste zeitgeschichtliche Roman "Erfolg".

Während der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 hält sich Feuchtwanger aufgrund einer Vortragsreise in den USA auf und kehrt nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern lässt sich in Frankreich nieder. Sein Haus in Berlin wird durchsucht, geplündert und beschlagnahmt. Viele Manuscripte gehen auf diese Weise verloren. In seinem Exil wird er wieder politisch tätig und schreibt seine "Wartesaaltrilogie", und die Hitler-Satire "Der falsche Nero".

Nach seiner Moskaureise manifestiert sich bereits seine Hinwendung zum Sozialismus. Er verteidigt sowohl die Schauprozesse sowie die gesellschaftlichen Zustände unter Stalin in der Udssr.

Während des 2. Weltkriegs kommt er ins Lager Les Milles bei Aix-en-Provence, aus dem er nach kurzer Zeit mit Hilfe seiner Frau wieder entkommt.

Er lebt versteckt in Marseille bis er schließlich über Umwege nach Amerika geht und sich in Los Angeles und später in Pacific Palisades niederlässt. In den USA wird er im Zuge der Verfolgung von Sozialisten und Kommunisten des Kommunismus verdächtigt. Da ihm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert wird verlässt er das Land nicht mehr. 1958 stirbt Lion Feuchtwanger in Los Angeles.

Er war einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die auch im Exil ihre Leserschaft fanden. "Goya" sowie "Die J ü din von Toledo" wurden zu großen Erfolgen in den USA.

Details

Seiten
12
Jahr
2000
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100506
Note
Schlagworte
Feuchtwanger Lion Geschwister Oppermann

Autor

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Titel: Feuchtwanger, Lion - Die Geschwister Oppermann