Lade Inhalt...

Der Dandy bei d'Aurevilly und Baudelaire

Hausarbeit 2001 29 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Einige Begriffserklärungen
2.1 Dandy und Dandysmus
2.2 Bohème
2.3 Der Ästhetizismus

3. d’Aurevilly, Brummel und Baudelaire
3.1 Jules Amédée Barbey d’Aurevilly
3.2 George Bryan Brummel
3.3 Charles Baudelaire

4. George Bryan Brummel und der Dandysmus bei d’Aurevilly
4.1 Entstehung
4.2 Der Dandysmus bei Brummel

5. Das Schöne und der Dandy bei Baudelaire
5.1 Das Schöne
5.2 Der Dandy
5.3 Die Frauen

6. Versuch eines Abschlusses

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Dandy ist ein bis heute vieluntersuchter und verschiedentlich interpretierter Sozialtypus des 19. Jahrhunderts. Balzac schreibt in seinem "Traktat über das elegante Leben", es gäbe drei Arten von Menschen: der Mensch, der arbeitet, der Mensch, der denkt, der Mensch, der nichts tut.[1] Zur letzteren Sorte gehört der Dandy, der in einer Zeit des Umbruchs zuerst in England bezeugt ist, später in Frankreich und Deutschland. Das Dandytum war ein Ausdruck des Protestes einer überkommenen adligen Schicht, die mehr und mehr ihre tragende gesellschaftliche Rolle an das Bürgertum und an die industrielle Massengesellschaft verlor. Äußerlich zeigte sich dies in einer distinguierten Kleidung und in betont vornehmen Umgangsformen, zum Teil auch in Marotten: so ist von Dandys bezeugt, daß sie Schildkröten an der Leine spazieren führten, um so dem Bürgertum ihr Übermaß an Zeit höhnisch zu demonstrieren.

Doch neben diesen anekdotischen Einzelheiten beschäftigten sich einige große Geister des 19. Jahrhunderts, etwa Barbey d'Aurevilly oder Charles Baudelaire, theoretisch mit dem Phänomen des Dandys, der im Innersten von narzißtischer und frauenfeindlicher Kälte geprägt war. Den Gipfel an Provokation erlaubte sich als einer der letzten Dandys der irische Dichter Oscar Wilde, von dem die bewußt absurde Sentenz überliefert ist:
"Ich bin enttäuscht über den Atlantischen Ozean."

Es hatte zu allen Zeiten dem Dandy verwandte Naturen gegeben: etwa den spätrömischen Kaiser Heliogabal, der in Stefan Georges Gedichtband "Algabal" als mythisches Vorbild wiederauferstand, oder im 17. Jahrhundert Kardinal Richelieu und Lord Buckingham. Letztere hatten unter anderem durch ihre auffällige Kleidung, ihr gepflegtes Aussehen und ihre ausgeklügelten, effektheischenden Marotten geglänzt. Von Richelieu etwa heißt es, er habe seine Pferde mit silbernen Hufen absichtlich locker beschlagen lassen, in der Hoffnung, sie lösten sich und er hätte das Vergnügen, den Pöbel sich darum schlagen zu sehen. Und Buckingham habe seine Anzüge mit locker angenähten Edelsteinen verzieren lassen, deren Verlust er großzügig mit einkalkulierte, so seinen Reichtum offen zur Schau tragend.

In der Literatur wird der Typus des Dandy so unterschiedlich und zeitbezogen interpretiert, daß ich hier keine genaue Aussage treffen möchte, ob es schon vor dem 19. Jahrhundert Dandys gegeben hat, und ob dies heute immer noch der Fall ist. Tatsache ist jedoch, daß der Begriff des Dandy aus dem 19. Jahrhundert stammt, hauptsächlich in Verbindung mit George Bryan Brummel, und das Zeitalter des Dandy kurz nach dem Tod eines weiteren Vertreters, Oscar Wilde mit dem Übergang zum Snob zu Ende ging. Auffallend ist jedoch, daß der Begriff des Dandy immer wieder, hauptsächlich im Zusammenhang mit Literaten, auftaucht. Verwiesen sein soll an dieser Stelle auf einen Artikel: „Der Imperativ des Dandy“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 9. September 1997[2] und an einige Nachrufe zum Tod von Ernst Jünger.

Ursprünglich sollte es in dieser Arbeit um die Typus des Dandy bei Charles Baudelaire gehen, was sich jedoch schon nach kurzer zeit als relativ schwieriges Unterfangen herausstellte. Zum einen fehlen mir die französischen Sprachkenntnisse, die nicht nur zum Lesen der Primärliteratur von großem Nutzen hätten sein können, sondern hauptsächlich das Verständnis der Sekundärliteratur erschwerten und teilweise unmöglich machten. Dies schränkte die mir zur Verfügung stehende Literatur stark ein. Damit bin ich bei dem zweiten großen Hauptproblem: die Sekundärliteratur. Über den Dandy und den Dandysmus gibt es einiges an Literatur, was jedoch schon ein paar Jahre älter ist und nur noch in Bibliotheken erhältlich ist, wo es teilweise auf Monate im Voraus bestellt ist. Literatur über Charles Baudelaire gibt es sehr wenig, was ich sehr bemerkenswert finde, wird er doch spätestens seit Benjamin[3] als „Schlüsselautor der Moderne“[4] bezeichnet. So mußte ich mich auf wenig Sekundärliteratur und hauptsächlich auf die Werke von Baudelaire selbst: „Der Maler des modernen Lebens“[5] und „Mein entblößtes Herz“[6] verlassen.

Zur Einleitung und zum Verständnis des Themas werde ich vorangehend einige Begriffserklärungen, wie sie in Standartlexika zu finden sind, vornehmen und auf den Ästhetizismus, eine im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dem ‘fin de siècle’ , an Einfluß auf die gesellschaftliche Kultur gewinnende Geisteshaltung eingehen. Daran anschließend ergab es sich aus der Literatur das Thema des Dandy bei Barbey d’Aurevilly[7] zu erörtern, welches dieser einige Zeit vor Baudelaire anhand George Brummels, des „König der Dandys“[8] zu erörtern, bevor ich aus Baudelaires Thesen zur Schönheit sein Bild des Dandy entwickelnd darstellen möchte.

Im Laufe meiner Literaturstudien zu diesem Thema ergaben sich einige Fragen, von denen ich hoffe, einige am Ende dieser Arbeit klären zu können. Diese Fragen beziehen sich hauptsächlich auf den schon erwähnten Aufsatz: „Der Maler des modernen Lebens“, schließen aber andere Äußerungen durchaus mit ein. Ist Baudelaire ein Dandy und schreibt mit seinem Aufsatz über Constantin Guys eine Art Lehrschrift? Ist Constantin Guys ein Dandy und wird von Baudelaire aus diesem Grund bewundert und einer solch lobenden Abhandlung für würdig befunden? Bewundert Baudelaire Guys und möchte ebenso sein wie er oder welche anderen Gründe bewegen ihn zu solch einer Lobschrift? Ist Baudelaire selber nur für kurze Zeit ein Dandy, wie Werner Ross behauptet[9] und dann ein Bohemien?

2. Einige Begriffserklärungen

2.1 Dandy und Dandysmus

Das Dandytum - der Begriff "Dandy" leitet sich evtl.[10] vom englischen "to dandle" her, was "tändeln" bedeutet - war also ursprünglich keineswegs eine selbstverliebte, stutzerhafte Zurschaustellung, vielmehr drückte sich darin auf vornehm-zurückhaltende Weise die Krise einer Gesellschaftsschicht in einem staatlichen System des Übergangs aus. Zur Zeit von Brummells Ruhm nämlich unterlag England der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre. Diese erzwungene Abschottung von Europa - ursprünglich mit dem Ziel, den Gegner wirtschaftlich in die Knie zu zwingen - zeitigte auch soziologisch gesehen Veränderungen: die Rolle des Adels in England schwand mehr und mehr und das Bürgertum nahm, auch im Zuge der industriellen Revolution, dessen Platz ein. Das Gebaren der Dandys, die überwiegend der Adelsschicht entstammten, war nun ein Protest gegen die Verbürgerlichung und gegen das materialistische und utilitaristische Denken dieser das Kapital ergreifenden Schicht. Der Dandy ist ein Rebell, der sich, ähnlich wie Karl Marx, gegen die Entfremdung in der modernen Industrie- und Massengesellschaft wendet, nur daß er im Gegensatz zum Autor des "Kommunistischen Manifestes" nicht eine Neuverteilung des Besitzes wünscht, sondern eine Rückkehr zu alten Bindungen und Normen. So ist auch das gepflegte Äußere des Dandys mehr als nur Eitelkeit: es ist vielmehr der individuelle Protest gegen die normierte Verbürgerlichung des Mannes.

Neben Barbey d’Aurevilly schrieb der französische Dichter Charles Baudelaire die zweite wichtige programmatische Schrift[11] zum Dandysmus. Mit dieser Schrift läßt sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neuer Typ des Dandys feststellen: Merkmale wie eine blasierte, kühle Haltung, elegantes Äußeres und perfektes Auftreten verbunden mit trainierter, hochdisziplinierter Gleichgültigkeit, erhalten sich. Aufbauend auf Gautier beschreibt Baudelaire den neuen Typus[12]: Der Dandy umtändelt und bricht die Regeln des Konventionellen[13], bildet stark oppositionelle, revolutionäre Charakterzüge aus und gerät damit in Schwierigkeiten, seine Bewegtheit zu unterdrücken. ,,Der Dandy in seiner idealen Gestalt wird durch Intellektualisierung in die Nähe des modernen Künstlers gerückt.“[14]

Die Bühne des Dandys wechselt. Ehemals als höherer Gesellschaftsmensch weicht er aus dem Salon zu den Boulevards und Cafés der Großstadt. Dies ist das Forum, wo er zunehmend massenhaftes Publikum für sich und seine Kunst findet. Seine Nähe zum Künstler bringt einige Konflikte mit sich: Bietet der klassische Typ als Kunstwerk sich selbst dar, so beschäftigt sich der neue Dandytyp zunehmend mit der Kunst, indem er schreibt, malt und dichtet.

Wie bei dem Wechsel vom alten zum neuen Dandytypus zu Beginn der Moderne deutlich wird, ist das Phänomen Dandytum eng an den gesellschaftlichen Kontext geknüpft: Einerseits die Nähe des klassischen Dandys zur Aristokratie, andererseits in der modernen Variante die Einbeziehung der Massen in der Metropole, durch die er allein Geltung erfährt[15] und die bereitwillig auf künstliche und künstlerische Darbietungen warten.

Um diese kurze Einleitung zum Dandy zu komplettieren möchte ich zwei Lexikonartikel anführen, die der Einfachheit halber übernommen werden sollen. Der erste stammt aus dem Brockhaus:

Dandy [Fehler! Textmarke nicht definiert. engl.] der, -s/-s,

1) allg.:

Mann, der sich übertrieben modisch kleidet.

2) Kulturgeschichte:

nach dem ind. Wort dandi >Stockträger< (hoher Beamter des Indian Civil Service) seit 1815 auf den durch Kleidung und Lebensform auffallenden Angehörigen des engl. Adels angewandter Begriff.

Das Dandytum (Dandyismus) entwickelte sich aus einer geistreichen Clique extravaganter Adliger mittleren Alters unter Führung des aus dem Bürgertum stammenden eleganten. Typisch waren ein gewandter Konversationston, eine gleichgültig überlegene, auch arrogante Haltung in jeder Lebenssituation, Neigung zu provozierendem Müßiggang, zur Ästhetisierung des Lebens. Glücksspiele, Wetten und Gelage in den Klubs, zus. mit den >Dandizettes<, den weibl. Dandys, Bälle bei >Almack's<, einer 1765 für exklusive Londoner Kreise errichteten Versammlungs- und Vergnügungsstätte, kennzeichneten weiter das Dandytum. Es lieferte den Stoff für viele >Fashionable novels< (Moderomane), die 1825-35 die engl. Lit. beherrschten. - Eine geistesgeschichtl. Deutung erfuhr der Dandyismus etwa seit 1830 durch frz. Romantiker (grundlegend: J.-A. Barbey d'Aurevilly, >Du dandysme et de Georges Brummell<, 1845). Eine Anzahl von Dandys wurden bedeutende Schriftsteller und entwickelten einen literar. Dandyismus (auch Nicht-Dandys: Symbolisten, P. Mérimée, z. T. H. de Balzac, G. Flaubert), der sich vielfach mit den Ausprägungen anderer romant. Strömungen berührt. In Großbritannien vertraten diesen Dandyismus etwa B. Disraeli, Edward G. Bulwer-Lytton, Thomas Griffiths Wainewright (* 1794, † 1852), O. Wilde (>Dorian Gray<), in Frankreich z. T. C. Baudelaire, J.-K. Huysmans, A. de Musset, M. Barrès, P. Bourget, A. Gide u. a. In Dtl. ist der Dandyismus eine seltene Erscheinung.[16]

Der zweite Artikel stammt aus dem Fremdwörterbuch des Duden[17]:

Dan|dy [‘dendi] der; -s, -s (aus gleichbed. Engl. Dandy): 1. Mann, der sich übertrieben modisch kleidet. 2. Vertreter des Dandyismus

Dan|dy|is|mus der; -(aus gleichbed. Engl. Dandyism; vgl. ...ismus): Lebensstil reicher junger Leute, für den Exklusivität, z.B. in der Kleidung, zur bewußten Unterscheidung von der Masse sowie ein geistreich-zynischer Konversationston u. eine gleichgültig-arogante Haltung gegenüber der Umwelt typisch ist (gesellschaftliche Erscheinung in der Mitte des 18. Jh.s in England u. später auch in Frankreich)

Was bei diesen Artikeln auffällt, ist die immer noch starke Betonung des modisch gekleideten Mannes, der sich so und so verhält. Das starke Augenmerk auf die Kleidung des Dandy kritisierte schon d’Aurevilly:

„Es ist dies fast ebenso schwer zu beschreiben wie zu erklären. Die Geister, die an den Dingen immer nur die geringfügigste Seite ins Auge fassen, bilden sich ein, Dandytum sei vor allem die Kunst der Kleidung, eine glückliche und kühne Herrschaft auf dem Gebiete des Anzugs, der äußerlichen Eleganz. Sicherlich gehört das dazu, aber der Dandy ist weit mehr.“[18]

Auch die Anmerkung des Duden für die „Exklusivität, z.B. in der Kleidung fällt auf, wenn ich an Brummel denke, der zwar immer modisch, aber doch eher „einfach“ gekleidet war, um sich so von der Masse abzuheben. Die Art sich zu kleiden, die in beiden Artikeln genannt wird, stammt meiner Meinung nach eher von den späteren Vertretern des Dandysmus, wie etwa Oscar Wilde. Die Beziehung und die Anforderungen an die Kleidung, hauptsächlich bei Brummel und Baudelaire soll aber im weiteren noch zu genauer untersuchender Aspekt dieser Arbeit sein.

2.2 Bohème

Bei Marx, der sich in der Anzeige der Memoiren des Polizeiagenten de la Hodde mit der Bohème beschäftigt[19], heißt es, daß das Bedürfnis zur Teilung der Arbeit mit der Ausbildung der proletarischen Konspiration eintrat. Dies hatte eine Teilung der Mitglieder in zwei Gruppen zufolge, in Gelegenheitsverschwörer, d.h. Arbeiter, die die Verschwörung nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben und in professionelle Konspirateure, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten. Diesen Kreis Leute nannte man in Paris la bohème. So weit zur Anmerkung von Marx aus dem Buch von Benjamin, der Marx zitiert, um Baudelaire mit diesem, von Marx zitierten politischen Typus verglichen zu können[20]. Auch Werner Ross bezeichnet Baudelaire in seinem schon erwähnten Buch als Bohemien[21], doch an dieser Stelle soll es noch nicht um eine Zuteilung Baudelaires zu diese Gesellschaftsschicht gehen, sondern nur um die grundlegende Voraussetzung, eventuell eine Unterscheidung des Dandy vom Bohemien vornehmen zu können.

Auch hier möchte ich noch den Brockhaus mit seinen Ausführungen zur Boheme zitieren:

Boheme [ frz.; zu mlat. bohemus >Böhme<, (dann auch:) >Zigeuner<] die, -,

der unkonventionelle Lebensstil der Studenten, Künstler, Literaten (Bohemiens) v. a. des Pariser Quartier latin; Bez. auch für diese Gruppen selbst. Mit dem Begriff wurden insbesondere die Mitgl. einer Gruppe von romant., antibürgerl. Schriftstellern und Künstlern bezeichnet, die sich um 1830 in Paris zusammenfanden (T. Gautier, G. de Nerval u. a.); in Dtl. gab es bes. die Münchener und Berliner Boheme während des Naturalismus; vergleichbare Erscheinungen fanden sich in London und Mailand; auch jüngere Lebensformen dieser Art (Pariser Existenzialistenkeller, Beatgeneration) werden gelegentlich noch als Boheme bezeichnet. - H. Murger schilderte das Leben der Pariser Boheme in seinen >Scènes de la vie de Bohème< (1851); danach Opern von G. Puccini (>La Bohème<, Uraufführung 1. 2. 1896 in Turin), R. Leoncavallo (>La Bohème<, Uraufführung 6. 5. 1897 in Venedig). O. J. Bierbaum schrieb den Roman >Stilpe< (1897) über einen dt. Bohemetyp[22]

2.3 Der Ästhetizismus

Im westlichen Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dem ,,fin de siècle``, gewinnt eine Geisteshaltung Einfluß auf die gesellschaftliche Kultur: der Ästhetizismus. In der Kunst nimmt diese Strömung ihren Ursprung, die ihre Werte, anstatt pragmatisch an den Normen der Gesellschaft auszurichten, vorrangig im Ästhetischen und schönen Schein bis zu einer übermäßigen Verfeinerung der Sinne sucht. Der Künstler wie der bürgerliche Kunstrezipient eignen sich diese Anschauung als Reaktion auf den beschworenen kulturellen Verfall, lähmenden Pessimismus und die Resignation zum Ende des Jahrhunderts[23] an. Da diese Anschauung nicht auf die Entwicklung der Kunstwerke beschränkt bleibt, entwickeln sich Formen einer ästhetischen Existenz wie beispielsweise der Bohèmian, Snob oder aber der Dandy, die in ihrer Lebensgestaltung einen artifizierenden Stil zur Maxime erheben.

Der Ästhetizismus ist eine in der Romantik entstandene und im Symbolismus, Impressionismus und der literarischen Décadence um 1900 auch dichterisch kultivierte Lebensform, die sich in Opposition zur urbanen Geschäftigkeit und ohne Rücksicht auf politische, moralische, soziale oder religiöse Normierung ganz der genusshaften Betrachtung des Wirklichen verschrieb. Schon im 18. Jahrhundert, durch den ästhetischen Amoralismus[24] Wilhelm Heinses und sein Renaissanceideal des Sinnesmenschen vorweggenommen, fand die Anschauung u. a. bei Françoise Chateaubriand, Novalis, Friedrich Schlegel und in der Forderung des jungen Ludwig Tieck seine Ausformung, das Leben gänzlich in Kunst zu verwandeln. Zur Jahrhundertwende wurde dieser Gedanke von Oscar Wilde in dem berühmten Aphorismus, daß nicht die Kunst das Leben, sondern das Leben die Kunst nachahme, radikalisiert. Des Weiteren suchten John Ruskin, Gabriele D’Annunzio, Hugo von Hofmannsthal, Joris-Karl Huysmans und Paul Valéry die Position dichterisch zu fassen. In den Strömungen des l’art pour l’art und der so genannten absoluten Dichtung um Stéphane Mallarmé und André Gide fand der Ästhetizismus sein poetologisches Programm. Seine stärkste Ausprägung fand diese Form im Dandysmus.

Ästhetizismus meinte nicht allein die Flucht in pure Schönheit, vielmehr zielte er ab auf ein distanziert-anschauendes Weltgefühl. Ideal ist diese Form des Lebens in der Gestalt des Flaneurs ausgeprägt, der im 19. Jahrhundert seine Bühne auf den Prachtstraßen der europäischen Großstädte und sein Asyl in den dortigen Geschäftspassagen fand. Ohne Kaufwunsch auf die Lockungen der Konsumwelt schauend, gab er sich, Walter Benjamin zufolge, im Schutz der Menschenmasse rauschhaft-ziellos ganz ihren ständig wechselnden Reizen hin: "Das Gehen gewinnt mit jedem Schritt wachsende Gewalt, immer geringer werden die Verführungen der Läden, der Bistros, der lächelnden Frauen, immer unwiderstehlicher der Magnetismus der nächsten Straßenecke"[25].

[...]


[1] vgl. http://www.br-online.de/bayern2/duwelt/manuskripte/27_9_massenkultur.html

[2] vgl. http://www.newsign.de/tugend/presse/sued2.html

[3] vgl. Grimminger, Rolf, Jurij Muraov, Jörn Stückrath (Hrsg.): Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. Und 20. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 43

[4] ebd. S. 43

[5] Baudelaire, Charles: Der Maler des modernen Lebens in: Kemp Friedhelm, Claude Pichois (Hrsg.): Charles Baudelaire. Sämtliche Werke / Briefe. Band 5: Aufsätze zur Literatur und Kunst. 1857-1860. München 1989

[6] Baudelaire, Charles: Mein entblößtes Herz. Franffurt a.M. 1995

[7] d’Aurevilly, Jules Amédée Barbey: Vom Dandytum und von G. Brummel. Nördlingen 1987

[8] ebd. S. 59

[9] vgl. Ross, Werner: Baudelaire und die Moderne. München 1993. S. 152

[10] d’Aurevilly allerdings verweist in seinem Buch „Vom Dandytum und von G. Brummel“ darauf, daß die Entwicklung des Dandytums schneller voranschritt, als hierfür ein Name gefunden wurde. Für ihn ist die Herkunft des Namen ungeklärt, wahrscheinlich aber französischen Ursprungs.

[11] Baudelaire, Charles: Der Maler des modernen Lebens in: Kemp Friedhelm, Claude Pichois (Hrsg.): Charles Baudelaire. Sämtliche Werke / Briefe. Band 5: Aufsätze zur Literatur und Kunst. 1857-1860. München 1989

[12] vgl. http://infosoc.uni-koeln.de/~krajewsk/Dandy/node4.html

[13] vgl. Wuthenow, Ralph-Rainer: Der Dandy als Verkleidungsform des Künstlers. In: Muse, Maske und Meduse. Europäischer Ästhetizismus, Band 897, Seiten 185--199. Frankfurt am Main 1978. S. 187

[14] http://infosoc.uni-koeln.de/~krajewsk/Dandy/node4.html

[15] vgl. http://infosoc.uni-koeln.de/~krajewsk/Dandy/node4.html

[16] Brockhaus - die Enzyklopädie: in 24 Bänden. Band 5. F.A. Brockhaus GmbH. Leipzig/Mannheim 1988

[17] Duden - Das droße Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Mannheim /Leipzig/ Wien/ Zürich 1994. S. 297

[18] d’Aurevilly, Jules Amédée Barbey: Vom Dandytum und von G. Brummel. Nördlingen 1987. S. 47

[19] vgl. Benjamin, Walter: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Frankfurt a.M. 1997. S. 9

[20] vgl. ebd. S.9

[21] vgl. Ross, Werner: Baudelaire und die Moderne. München 1993. S. 152

[22] Brockhaus - die Enzyklopädie: in 24 Bänden. Band 3. F.A. Brockhaus GmbH. Leipzig/Mannheim 1988

[23] Herzfeld, Marie: Fin-de-siècle. In: Asholt, Wolfgang und Walter Fähnders (Hrsg.): Fin de siècle . Band 8890 Reclam Universal Bibliothek. Stuttgart 1993. S. 175f.

[24] http://www.cpw-online.com/sthetizi.htm

[25] Benjamin, Walter: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Frankfurt a.M. 1997. S. 51

Details

Seiten
29
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638166027
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10047
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Sprache und Kommunikation
Note
1,2
Schlagworte
Baudelaire Sprachtheorie Dandy

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Dandy bei d'Aurevilly und Baudelaire