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Imperialismus, Dekolonisation und koloniales Erbe

Facharbeit (Schule) 2000 47 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil:
2.1. Erster Themenkomplex: IMPERIALISMUS
2.1.1. Imperialismus - Was ist das? - Begriffsklärung
2.1.2. Die Vorraussetzungen und Ursachen des Imperialismus
2.1.2.1. Das 19. Jahrhundert bis ca. 1870: Das Zeitalter der Nationalstaaten
2.1.2.2. Der damalige Zeitgeist
2.1.2.3. Die wirtschaftlichen Hintergründe des Imperialismus und der Zusammenhang mit der Sozialen Frage
2.1.3. Die Kolonialreiche bis ca. 1880
2.1.4. Der Übergang zum Hochimperialismus
2.1.4.1. Die Kongokonferenz 1884/85 - Die Aufteilung Afrika
2.1.4.2. Das Deutsche Reich: Die verspätete Kolonialmacht
2.1.5. Imperialistische Bestrebungen in Asien
2.1.6. Der Aufstieg der Staaten Italien, USA und Japan zu Kolonialmächten
2.1.7. Die deutsche Weltpolitik unter Wilhelm II. Teil I
2.1.8. Kriegsgefahr durch den Imperialismus - Faschodakrise
2.1.9. Kritik am Imperialismus
2.1.10. Die deutsche Weltpolitik unter Wilhelm II. Teil II
2.1.10.1. Die Mitwirkung des Imperialismus am Bankrott der deutschen Außenpolitik
2.1.10.2. Kolonialer Anspruch und Imperiale Wirklichkeit
2.1.11. Verwaltung und Ausbeutung von Kolonien - Typen von Kolonien
2.1.12. Imperialismus und Erster Weltkrieg
2.1.13. Die Kolonialreiche zwischen den Weltkriegen
2.2. Zweiter Themenkomplex: DEKOLONISATION
2.2.1. Die Fehler der Kolonialmächte
2.2.2. Vorboten der Unabhängigkeitsbewegungen
2.2.3. Die Unabhängigkeitsbewegungen in der Zeit von 1914 bis 1945
2.2.3.1. Fortdauer der Kolonialherrschaft nach dem Weltkrieg
2.2.3.2. Aufgreifen der Probleme der abhängigen Gebiete
2.2.3.3. Großräumige antikoloniale Bewegungen - Krise der Kolonialreiche
2.2.3.4. Der Zweite Weltkrieg in den Kolonien und seine Auswirkungen auf die Unabhängigkeitsbestrebungen Seite:
2.2.4. Die Unabhängigkeit Indiens Seite:
2.2.5. Der Zusammenbruch des Kolonialsystems aller Kolonialmächte und der Aufbau neuer Staaten
2.2.5.1. Süd- und Südostasien
2.2.5.2. Arabische Welt
2.2.5.3. Schwarzafrika
2.2.6. Exkurs: Dekolonisation bis heute und die restlichen, noch heute bestehenden Kolonien 2.3. Dritter Themenkomplex: KOLONIALES ERBE
2.3.1. Sofortige Probleme der neuen Staaten nach der Unabhängigkeit
2.3.2. Die ehemaligen Kolonien als Spielball der Supermächte
2.3.3. Künstliche Grenzen - Neue Konflikte
2.3.4. Wirtschaftliche undökologische Probleme infolge der Kolonialherrschaft
2.3.5. Belgisch-Kongo: Prägnantes Beispiel für den Kreislauf der Armut
2.3.6. Das Engagement der ehemaligen Kolonialmächte in den ehem. Kolonien

3. Schlussteil
3.1. Ergebniszusammenfassung
3.2. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zunächst einmal werde ich versuchen mein sehr umfangreiches Thema „Imperialismus - Dekolonisation und Koloniales Erbe“, in das Gesamtthema des Unterrichts, „Internationale Beziehungen und auswärtige Politik Teilbereich Entwicklung/Welt im Wandel“, einzuordnen. Was haben beide Themen miteinander zu tun? Nun, das Wortspiel „Koloniales Erbe“ sagt bereits eine Menge dazu aus. Man erfährt dadurch, dass man noch heute mit den Folgen des Kolonialismus in dieser Welt zu kämpfen hat. Aus dem Kolonialismus sind viele Strukturen und Probleme hervorgegangen, auf die ich hier noch nicht näher eingehen möchte. Zumindest bis zum Zusammenbruch des Ostblocks und wenn nicht sogar noch heute war (und ist) der Begriff des Imperialismus unerlässlich im Kampf der Systeme und Mächte.

Das Zeitalter des Imperialismus bedeutete einst den Übergang von der Epoche der Kolonialpolitik zur Epoche der Weltpolitik, die ihrerseits in das Zeitalter der Weltkriege und Weltkrisen einmündete, in dem wir uns heute noch befinden.

Die beiden ersten Themenkomplexe sollen nicht nur den historischen Hintergrund zu den daraus resultieren- den Folgen (Koloniales Erbe) liefern, sondern vie lmehr etwas anderes klar werden lassen. „Warum kam es im 19. Jahrhundert zu den immensen, heute unfassbaren imperialistischen Bestrebungen?“, „Was wollte man damit bezwecken und was erreichte man tatsächlich damit?“ „Was waren die Beweggrün- de der Unabhängigkeitsbewegungen?“, und viele andere Fragen mehr sollen in diesem Referat geklärt wer- den.

Es soll also zunächst einmal das Gegenstück zu unserer heutigen Welt gezeigt werden. Eine nationalistische Welt ohne Toleranz gegenüber anderen Völkern und voll von Sendungstheorien der Großmächte. Mit dem Komplex Dekolonisation soll dann die Befreiung von dieser imperialistischen Ordnung gezeigt werden. Dem Leser soll dabei auch klar werden, dass die Widerstands- und Unabhängigkeitsbewegungen, aber auch die Unabhängigkeit selber nicht gleichzusetzen sind mit Friede und Freude, also etwas Positivem, sondern dass auch sie negative Seiten besitzen.

Da ich mich aus rein privatem Interesse schon vor diesem Referat mit alledem beschäftigt habe, weiß ich, wie faszinierend diese Themen sein können. Oftmals stößt man auf Dinge, die einen in Erstaunen versetzen. So ist vielen manchmal gar nicht bewusst, dass Deutschland einst ein Kolonialreich besaß. Angesichts der Tatsache, dass die von mir gewählten Themen in den Lehrplänen nur eine untergeordnete Rolle spielen, will ich mit diesem Referat auch ein wenig dazu beitragen, dass die Bereiche „Imperialismus, Dekolonisation und Koloniales Erbe“ in unseren Köpfen nicht in Vergessenheit geraten.

Anstatt einfach nur historische Fakten herunterzurasseln, werde ich versuchen, in jedem Themenbereich jeweils ein paar prägnante Beispiele anzuführen. Über das gesamte Referat verteilt sollen die ehemalige deutschen Kolonien eine besondere Rolle spielen. Ihnen wird ein erheblicher Teil dieses Referats gewidmet sein.

Damit wären wir bei einem weiteren Aspekt, nämlich dem des zeitlichen Rahmens. Obwohl das Thema Im- perialismus und Kolonialismus noch weit in die Zeit vor dem 19. Jahrhundert auszudehnen wäre, bezieht sich mein Referat hauptsächlich auf die Zeit des Hochimperialismus im 19. und im 20. Jahrhundert. Die bei- den anderen Themenkomplexe Dekolonisation und Koloniales Erbe reichen beide bis in die Gegenwart hin- ein, wobei der Höhepunkt der Dekolonisation deutlich in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sehen ist.

2. Hauptteil

2.1. Erster Themenkomplex: IMPERIALISMUS

2.1.1. Imperialismus was ist das? - Versuch einer Begriffsklärung

Der Begriff Imperialismus kann im weitesten Sinne mit dem Begriff Großreichspolitik umschrieben werden. Im Laufe meiner Recherchen bin ich immer wieder auf die verschiedensten Definitionen von Imperialismus gestoßen, wobei ich die zwei Folgenden als die Sinnvollsten ansehe.

„Bezeichnung für die Bestrebungen einer polit. bzw. territorialen Macht, die Herrschaft oder zumindest dieKontrolleüber andere Länder oder Völker zu erhalten. Letzteres kannüber politische,ökonomische oder kulturelle Einflussnahme geschehen. Geprägt wurde der Begriff im Zusammenhang mit der europäischen Expansionswelle nach 1870.“ENCARTA 98

„Streben nach weltweiter politischer und wirtschaftlicher Macht oder wenigstens Geltung. Als Mittel dienten Eroberung, Annexionen und wirtschaftliche Durchdringung fremder Gebiete. Im engeren Sinne werden als Zeitalter des Imperialismus die Jahre von etwa 1890-1914 angesehen, für die die Verbindung von Politik,wirtschaftlicher Expansion und Nationalismus charakteristisch war; expansive Politik im Dienst expansiverWirtschaft." OLDENBOURG GESCHICHTSBUCH

Man sieht also wie schwierig es ist, den Begriff einigermaßen treffend zu definieren. So divergieren beide Definitionen im Zeitraum des Hochimperialismus (ab ca. 1870 oder ab ca. 1890). Meiner Meinung nach muss man das Zeitalter des Hochimperialismus bereits ab 1870 betrachten. Fakt ist, dass die imperialistische Politik nach 1890 immer aggressivere Züge trug.

Es fällt auf, dass das Oldenbourg Geschichtsbuch die drei Aspekte Politik,ökonomie und Nationalismus vielmehr in Verbindung zueinander sieht, anstatt alle drei Aspekte zu trennen. Des Weiteren fehlt dort die Erwähnung kultureller Einflussnahme.

Es wird einem auch bewusst, dass eine Definition von Imperialismus oft auch eine Ansichtssache ist.

Wenn man die beiden Definitionen ansieht und sie auf die verschiedensten Geschichtsepochen überträgt, so merkt man, dass es imperialistische Bestrebungen schon seit der Antike gibt. Das Imperium Romanum als Beispiel, war ein Produkt des Imperialismus in Reinkultur.

Dagegen steht der frühe europäische Imperialismus aus den Jahren von ca. 1400 - 1750, bei dem es den europäischen Mächten weniger darauf ankam eine politische Weltherrschaft anzustreben, sondern vie lmehr, sich ihre politische Kontrolle in der neuen Welt, aber auch in Süd- und Südostasien sowie an den afrikani- schen Küsten zu sichern.

Die Kolonien dienten bereits damals dem ausbeuterischen europäischen Wirtschaftssystem des Merkantilismus. Man versuchte sich über die exotischen Wirtschaftsgüter aus den Kolonienökonomische Vorteile in Europa zu verschaffen.

Damit möchte ich meine kurze Darstellung des Imperialismus in den früheren Jahrhunderten abschließen.

Ich wollte einfach nur zeigen, dass der Imperialismus kein Produkt jenes ereignisreichen 19. Jahrhunderts ist, sondern etwas, was schon seit Langem existiert.

Der Begriff Imperialismus als Bezeichnung für das Zeitalter entstammte dem Tageskampf der englischen Parteien um die britische Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts.

Wie kam es also, dass man nun im 19. Jahrhundert begann ein „neues“ Zeitalter des Imperialismus einzulÄu- ten und was waren die Beweggründe dafür?

2.1.2. Die Vorraussetzungen und Ursachen des Imperialismus

2.1.2.1. Das 19. Jahrhundert bis ca. 1870: das Zeitalter der Nationalstaaten

Das 19. Jahrhundert war in der Tat ein besonderes Jahrhundert. Ausgehend von der französischen Revolution 1789 war ein Ruck durch die bestehende Weltordnung gegangen. Frankreich hatte seinen absolutistischen, volksfremden Monarchen gestürzt. Nach einer Zeit der Unordnung und der Schreckensherrschaft extrem radikaler Revolutionäre, konnte der gemäßigte General Napoleon die Macht übernehmen, der ein ganz besonderes Herrschaftssystem, nämlich das des Bonapartismus, zu etablieren versuchte. Dieses Herrschaftssystem war zwar ebenfalls autoritär und diktatorisch und dennoch wollten die bürgerlich-liberalen Schichten nicht dagegen aufbegehren, da ihnen Napoleon als Kaiser der Franzosen weitreichende Zugeständnisse machte, die seine starke Exekutivposition nicht gefährdeten.

Nachdem Napoleon mit dem Versuch gescheitert war, seine Herrschaft durch Eroberungskriege bis hin nach Russland, auszubreiten, stand man in ganz Europa vor dem Problem einer Neuordnung der Verhältnisse. In den Befreiungskriegen von der napoleonischen Herrschaft hatten sich die traditionelle n Monarchien unter der Führung Russlands,österreichs und Preußens etablieren können. In Frankreich und auch in den anderen Staaten Europas, die Napoleon in seine Vasallenstaaten umgewandelt hatte, setzte man die alten „legitimen“ Herrscherhäuser wieder ein.

Unter dem Schlagwort „Restauration“ verfolgte man auf dem Wiener Kongress 1815, bei dem sich die Ver- treter aller europäischen Staaten trafen, die Wiederherstellung der alten Verhältnisse soweit dies möglich war.

Auch den Kongressvertretern war klar, dass man alle Errungenschaften der Revolutionsjahre nicht beseitigen könne, weswegen man einige Dinge, wie z.B. Verfassungen, die preußischen Reformen (u.a. Bauernbefrei ung, Bildungsreform...) und auch territoriale Fragen betreffende Neuerungen respektierte. So wurden dieje- nigen Staaten, die die Wirren der Revolutionszeit nicht überstanden hatten, bis auf wenige Ausnahmen, nicht restauriert.

Ganz besondere Verhältnisse herrschten in Deutschland und Italien.

In Deutschland schuf man auf Initiativeösterreic hs kein neues Deutsches Reich, da dieses ein zu starker Machtfaktor in der Mitte Europas geworden wäre, sondern einen Staatenbund mit dem Namen Deutscher Bund. Dieser war kein Bundesstaat sondern ein Staatenbund, dem 35 Staaten und 4 freie Städte angegliedert waren. Das einzige Organ des Bundes war der Bundestag in Frankfurt, welcher jedoch, im Gegensatz zu der heutigen Bedeutung des Wortes, nur ein ständiger Gesandtenkongress war. Die beiden dominierenden Staa- ten im Bund waren Preußen undösterreich, wobeiösterreich der Staat mit den größeren Machtbefugnissen innerhalb des Bundestages war, weswegen es bald zu einer Konkurrenz zwischen beiden Staaten kam.

In Italien wurden ebenfalls die alten Partikularstaaten wiederhergestellt. Dort wurden auch die Neuerungen der französischen Revolution restlos beseitigt.

Das gesamte neue Ordnungssystem sollte auf der Solidarität der Monarchien beruhen. Gemeinsam wollte man u.a. in der Heiligen Allianz den Frieden im Innern sowie von Außen wahren. Man sah die Ursache von Revolutionen in der Unfähigkeit der Herrscher diese abzuwehren, weswegen man gegen revolutionäre Umtriebe radikal vorgehen wollte.

Das war nun der Knackpunkt, der diese dem Volk aufgezwungene Ordnung bald ins Wanken geraten ließ. Die durch die französische Revolution freigesetzten Kräfte ließen sich nicht einfach beseitigen. Es entstand eine liberale Bewegung, die vom Untergrund aus operieren musste. Einzig und allein in England, wo bereits das System der parlamentarischen Monarchie herrschte, ging man mit solchen Ideen offener um. Liberalismus bedeutet, wie das Wort zunächst einmal sagt, das Streben nach Freiheit. Die Liberalen forderten sowohl die Freiheit der Person gekoppelt mit einer freiheitlichen Wirtschaftsord- nung. Man forderte die endgültige Abkehr von der feudalen, angeblich gottgewollten Gesellschaftsordnung und die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie, d.h. die Monarchengewalt sollte zugunsten des Volkes mit einer Verfassung beschnitten werden.

In Deutschland und Italien ergänzten sich die Forderungen nach politischer Freiheit noch mit den Forderun gen nach nationaler Einheit. Dies sind zwei Aspekte, die für das spätere Verständnis des expansiven Nationalismus unerlässlich sind.

In der Zeit der Befreiungskriege war den Deutschen nämlich klar geworden, dass sie trotz ihrer Unterteilung in zahlreiche Kleinstaaten, doch Teil einer riesigen Kulturnation waren. In kleinen Guerillaarmeen, den Freikorps, kämpften sie für die Befreiung Deutschlands von den Franzosen. Dabei entstand jener deutsch- französische Gegensatz, der unüberwindbar zu sein schien.

Das Bewusstsein, einer einzigen Kulturnation anzugehören, ließ die Forderung nach einem neuen deutschen Einheitsstaat sowohl in Deutschland als auch in Italien wieder auferstehen.

Die Deutschen wollten damit an ihr altes Reich anknüpfen, während die Italiener die Auferstehung des Imperium Romanum vor Augen hatten (Risorgimento = Wiedererstehen).

Der neue Nationalismus der Deutschen und Italiener war konstruktiv, da er die Forderungen nach nationaler Einheit mit denen der Liberalen nach Freiheit verband, so dass Einheit und Freiheit so zu zwei zusammengehörenden Schlagworten wurden.

Es ist offensichtlich, dass beide Forderungen durch den Wiener Kongress restlos enttäuscht wurden, weswegen die liberalen Bewegungen nun den Kampf gegen die Restauration aufnahmen. Die Anhänger der Liberalen rekrutierten sich meist aus dem Bürgertum und aus den Studenten.

Die Zeit zwischen 1815 und der Märzrevolution 1848 wird nun als Vormärz bezeichnet, in dem die liberalen Bewegungen oft unter den schwersten Repressalien der Obrigkeit zu leiden hatten. Sie schafften es trotzdem sich Gehör zu verschaffen und ihre Anhängerzahl wuchs rapide.

Nachdem in Frankreich 1830 erneut eine Revolution ausgebrochen war, bekam auch die nationalliberale Bewegung in Deutschland wieder neue Energie und zahlreiche deutsche Staaten mussten ihre bereits bestehenden Verfassungen noch verbessern.

Bis 1847 gesellten sich zu der liberalen Bewegung auch immer mehr radikale Demokraten und auch die Vorläufer der späteren Sozialisten (siehe 2.1.2.3.).

Es war klar, dass die Verhältnisse nicht ewig so bleiben konnten, so dass es 1848 zum großen Knall kam. Wieder ausgehend von einer Revolution in Paris, griff die Revolution auf Deutschland über. Sowohl in den Kleinstaaten, als auch in den Machtzentren Berlin und Wien erkannte man nach oft heftigen Kämpfen bis zum Mai die Märzforderungen an. Damit war die liberale Bewegung zufrieden gestellt, womit sich die Hauptakteure der Revolution zurückzogen. Das war auch der Grund, weswegen ein weiteres Aufbegehren radikaler Arbeiter und Revolutionäre problemlos niedergeschlagen werden konnte.

In der Frankfurter Paulskirche wurde eine Nationalversammlung einberufen, die eine gesamtdeutsche Verfassung ausarbeiten sollte.

Nachdem die Bürger und die Liberalen zufriedengestellt waren, machten sich die Monarchen daran, die alten Verhältnisse wiederherzustellen. Der preußische König nahm seinen Gegnern den Wind aus den Segeln, indem er für Preußen eine überraschend moderne Verfassung erließ und somit freie Bahn hatte seinen Kurs durchzusetzen. Ähnlich verhielt sich auch derösterreichische Kaiser.

Im März 1849 war durch die Frankfurter Nationalversammlung eine gesamtdeutsche Verfassung ausgearbeitet worden, die für den preußischen König die Kaiserkrone vorsah, welche dieser jedoch ablehnte. Obwohl die 48er Revolution gescheitert war, so hatte sie dennoch einiges erreicht und das Bewusstsein der Menschen wieder einmal verändert.

Abgesehen vonösterreich wurde überall in Deutschland der Verfassungsstaat beibehalten. Des Weiteren blieb die Pressezensur aufgehoben und Dinge wie die Bauernbefreiung und das Ende das Adels als Sonderstand wurde von den Regierungen nicht mehr in Frage gestellt.

Die Menschen waren nun politisch interessierter und konnten sich in Fraktionen der Parlamente, aber auch im Vereinswesen engagieren. Das Bürgertum war in weiten Teilen zufriedengestellt. Die Grundrechte wur- den weitestgehend garantiert und die politischen Verhältnisse entsprachen weitestgehend den Wünschen der Mehrheitsliberalen (so wünschten weite Teile des Bürgertums sogar die Beibehaltung des Zensuswahlrechts da so die aufkommende „rote Gefahr“ unterdrückt werden konnte). Für weite Bevölkerungskreise gab es nun einfach keinen Anlass mehr die bestehenden politischen Verhältnisse anzuzweifeln. Dennoch blieb die nati- onale Frage weiterhin ungelöst.

Das Revolutionsjahr 1848 bedeute überhaupt das Ende der außen- wie innenpolitischen Wirksamkeit der restaurativen Prinzipien der heiligen Allianz (Preußen,österreich, Russland).

Mit der erneuten Einführung des Bonapartismus in Frankreich durch Napoleon III. im zweiten französischen Kaiserreich, schien es nur noch eine Frage der Zeit bis das auf Solidarität der Monarchen beruhende Ordnungssystem des Wiener Kongresses zusammenbrechen würde.

Dazu trug auch die Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse in den europäischen Staaten, ausgehend von England bei, da diese andere innen- und außenpolitische Notwendigkeiten erforderten, als sie nach dem Wiener Kongress für fast ein halbes Jahrhundert bestimmend waren.

Die Vorraussetzung für die volle Ausformung und Vollendung des neuen Wirtschaftssystems war die Schaffung eines Nationalstaates (in Dtld. und Italien nicht vorhanden: Grund weswegen dort die Industrialisierung nur langsam in Gang kam), da nur er einen einheitlichen Binnenmarkt und eine starke machtpolitische Repräsentation des Staates in allen Teilen der Welt zur Eroberung und Sicherung von Absatzmärkten und Rohstoffquellen garantie ren konnte. Zugleich benötigte man einen spezifischen Rahmen innerhalb dessen sich seine Produktivkräfte frei entfalten konnten.

Ich möchte den Prozess der Industrialisierung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen lieber in Pkt. 2.1.2.3. fortführen und hier eigentlich nur aufzeigen, dass es nun neben Umwälzungen in der europäischen Staatenwelt auch zu einer unvorstellbaren Wandlung derökonomischen Produktionsverhältnis- se in den zuvor überwiegend agrarisch bestimmten Wirtschaftsordnungen Europas kam. Mit dem aus Frankreichs Großmachtstreben resultierenden Krimkrieg (Russland gegen Tür- kei/Frankreich/Großbritannien/Sardinien-Piemont) zeigten sich nun die Vorboten der von nun an alles bewe- genden Faktoren Nationalismus und Imperialismus. Mit dem Sieg der von Frankreich angeführten Allianz, veränderte sich das europäische Staatensystem grundlegend. Frankreich überwand seine außenpolitische Isolation und näherte sich England an.

In Italien ergriff Napoleon III. Position für das Kgr. Sardinien-Piemont, welches die Errichtung eines geeinten Königreiches Italien unter seiner Führung als Ziel hatte. Es kam 1859 zum Krieg zwischenösterreich und Sardinien-Piemont/Frankreich, da derösterreichische Kaiser eine Einigung Italiens nicht befürwortete.österreich unterlag in dem Krieg und die Einigung Italiens konnte 1861 vollzogen werden. Einzig und allein der Kirchenstaat und der Staat Venetien wiedersetzten sich einem Beitritt.

Diese damalige Schwächeösterreichs nutzte das militärisch starke Preußen nun aus.

Dort bestimmte bereits seit Langem ein Mann die Politik, der bis heute unvergessen ist: Otto von Bismarck, der 1862 preußischer Ministerpräsident wurde. Dieser vertrat konsequent die Interessen Preußens und des preußischen Königshauses. Die großen Fragen der Zeit wollte er mit „Eisen und Blut“ lösen und in dem preußisch-österreichischen Dualismus im Bund sah er eine Krankheit. In der Innenpolitik und in der Außen- politik besaß er einen ganz eigenen Stil und auch seine Erscheinung war sehr imposant. Die Frage der Erbfolge in Holstein (man hatte bereits zwei siegreiche Kriege gegen Dänemark geführt und sich so die Kontrolle über Schleswig gesichert), nahm Bismarck nach einemösterreichischen Affront im Bundestag 1866 zum Anlass der Donaumonarchie den Krieg zu erklären. Zuvor hatte man sich der Unter- stützung Italiens versichert, dasösterreich von Süden her angriff und sich so Venetien sicherte. Der „Deutsche Krieg“ war schnell für Preußen entschieden und der Deutsche Bund im August aufgelöst. Preußen nutzte die Gunst der Stunde und vergrößerte sein Territorium durch die Annexion weiterer deut- scher Klein- und Mittelstaaten, um dann gemeinsam mit 22 weiteren Staaten den Norddeutschen Bund zu bilden, in dem Preußen deutlich dominierte. Die süddeutschen Staaten undösterreich schlossen sich dem Bund nicht an.österreich wurde 1867 in die Doppelmonarchieösterreich-Ungarn (k.u.k.) umgewandelt. Kaiser Napoleon III. hatte in der Folgezeit mit schweren innenpolitischen Problemen in Frankreich zu kämp- fen, weswegen seine Herrschaft auf dem Spiel stand. Bismarck wusste dies und rechnete bald mit einem Kriegsausbruch zwischen Frankreich und Preußen, da ein eventueller Sieg Napoleons III. auch den Fortbe- stand seines illegitimen Kaiserreiches bedeutet hätte. Es bedurfte nur noch eines banalen Anlasses für einen Kriegsausbruch, den im Juli 1870 die Emser Depesche lieferte, die in Frankreich als eine Beleidigung gewer- tet wurde, so dass es am 19.07.1870 zum Kriegsausbruch zwischen den beiden Staaten kam. Der Krieg ver- lief für Preußen äußerst siegreich, zumal man bei Sedan den französischen Kaiser persönlich gefangen neh- men konnte.

Bevor man am 19.01.1871 mit den Franzosen Kapitulationsverhandlungen aufnahm, war es tags zuvor zu einem Ereignis gekommen, das die europäische Ordnung einmal mehr durcheinanderbringen sollte: Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal des Versailler Schlosses.

Dieses Kaiserreich stellte nun einen Bundesstaat dar, in welchem der preußische König als Deutscher Kaiser das Präsidium des Bundes inne hatte. Die Verfassung des neuen deutschen Reiches war von Bismarck per- sönlich zusammengeschneidert worden. Auf der einen Seite gab sie sich recht fortschrittlich. So sollte zum Beispiel der Reichstag als die Volksvertretung an der Gesetzgebung der Reichsgesetze teilhaben und über ein allgemeines Wahlrecht gewählt werden. Problematisch war jedoch vor allem, dass die Strukturen in den Bundesstaaten nicht angetastet wurden und die dortigen oftmals überkommenen Einrichtungen, wie z.B. die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Ständeversammlungen in einigen kleineren Herzogtümern, unangetas- tet blieben.

Auch die Tatsache, dass man die Wahlkreise nicht der späteren Bevölkerungsentwicklung anpassen wollte, zeugte nicht gerade von Fortschrittlichkeit.

Bismarck hatte die Verfassung zudem so entworfen, dass Preußen ein deutliches Übergewicht im Reich besaß und dass auch seine Machtposition als der neue Reichskanzler recht umfangreich ausfiel. Ich werde auf die Mängel der Verfassung des Deutschen Reiches im Laufe des Referats noch zurückkommen, da es einfach wichtig ist zu sehen, dass das Deutsche Reich in seiner gesamten Geschichte die Verfassung in ihren Grundzügen nicht änderte und dem Lauf der Zeit anpasste.

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches stellte die Großmächte vor viele Fragen. Insbesondere England blickte misstrauisch auf den neuen militärisch starken Staat.

Österreich-Ungarn und vor allem Frankreich waren geschwächt und der deutsch-französische Gegensatz schien nun für immer als unüberwindbar.

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches bedeutete auch, dass auch für Deutschland mit der Bildung eines Nationalstaates, die Vorraussetzung für eine eventuelle Kolonialpolitik gegeben waren. Eine weitere wichti- ge Tatsache war, dass das deutsche Reich nicht durch das Volk oder durch eine Volksbewegung entstanden war, sondern „von oben her“, also von der deutschen Obrigkeit, von den deutschen Herrscherdynastien im Einverständnis miteinander geschaffen wurde. Doch viele störte diese Tatsache nicht. Die Reichseinigung wurde von den Angehörigen aller Gesellschaftsschichten gefeiert, sogar von denen der Arbeiterklasse. Viele waren jedoch nicht mit der Verfassung und der Gesellschaftsstruktur des Reiches einverstanden, was jedoch ein anderes Thema ist.

Mit dieser Zusammenfassung der Ereignisse im Europa des 19. Jahrhunderts, die ich bereits für den Ge- schichtsunterricht verfasst hatte (deswegen die Länge) möchte ich eine Ausgangsposition für die weiteren Darstellungen in meinem Referat schaffen. Ich hoffe mir ist es gelungen, die Mächtekonstellationen bis zur Deutschen Reichsgründung darzustellen, aber auch die gesellschaftlichen Veränderungen und insbesondere die Stellung des Bürgertums und des Liberalismus bis 1870 in Deutschland aufzuzeigen. In den folgenden Punkten soll es nun um die konkreten Ursachen der imperialistischen Bestrebungen der verschiedenen Staaten gehen.

2.1.2.2. Der damalige Zeitgeist:

Nationalismus, chauvinistische Sendungstheorien und sonstige Ausdrucksweisen nationaler Überhöhung Unter diesem Punkt möchte ich nun endlich beginnen die konkreten Ursachen für das Zeitalter des Imperialismus aufzuzeigen. Ich möchte des Weiteren darauf hinweisen, dass dieser Punkt auch eine Hinführung zu den folgenden Punkten sein soll. Man wird zum Beispiel in den Punkten über die deutsche Weltpolitik weiterführende und ergänzende Aussagen zu Punkt 2.1.2.2. erhalten.

Wie wir im vorhergegangenen Punkt erfahren haben, war es endlich zur deutschen Einigung gekommen. Das Nationalgefühl vieler Deutscher stand nun auf einem Höhepunkt. Doch nicht nur in Deutschland war dies so. Von jeher herrschte in allen europäischen Staaten ein ausgeprägtes Nationalbewusstsein. So in England, wo man bereits seit Jahrhunderten von jenem typisch britischen Stolz erfüllt war, aber auch in Frankreich, wo sich das Nationalbewusstsein auf dem Willen zur Bürgerfreiheit und den Staat der Revolution seit 1789 gründete (Staatsnation).

Auch in Russland war man begeistert von der panslawistischen Idee, die bedeutete, seinen Einfluss auf den Balkanraum auszudehnen um so die Kontrolle über alle slawischen Bruderstaaten zu erlangen, um damit den seit Ewigkeiten ersehnten Zugang zum Mittelmeer zu erhalten.

In Italien herrschte ebenso wie in Deutschland jener konstruktiver Nationalismus, der die Forderungen nach Freiheit und Einheit verbunden hatte und nun nach der Gründung des italienischen Königreiches auf seinem Höhepunkt angelangt war.

Man kann also sagen, dass in allen Staaten ein ausgeprägtes Bewusstsein von der Überlegenheit seines eigenen Staates gegenüber den anderen vorlag. Die Nationen hatten allesamt den Drang, „ihr Anders-Sein in ein Relief zu setzen“ (Th. Geiger in „Demokratie ohne Dogma“), was nun mannigfaltige Formen annahm, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde.

Bereits kurz nach der deutschen Reichseinigung bildeten sich erste Gruppierungen, Vereine und Interessengruppen denen das bisher erreichte noch nicht weit genug ging. Äußerungen wie „Es soll am Deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen!“ machten die Runde.

Doch waren solche Dinge keine typisch deutsche Erscheinung, sondern existierten sie in vielen anderen Staa- ten schon lange. Gerade solches Gedankengut bildete nun die Grundlage für eine Ausdehnungspolitik der Großmächte.

Das Bestreben der Nationen, sich voneinander abzuheben erreichte langsam aber sicher seinen Höhepunkt in dem Glauben, eine Nation überlegenen Wertes und von der Geschichte für eine besondere kulturelle oder politische Sendung auserkoren zu sein.

Obwohl alle Staaten andere Motive bei ihren Herrenvolksmentalitäten hatten, entstammten sie doch einer Wurzel.

Nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Deutschland entschloss man sich als Ausgleich für die verlorene Vormachtstellung verstärkt Kolonialpolitik zu betreiben.

Die deutsche Reichsgründung hatte also mit zu der Welle der verstärkten kolonialen Aktivität nach 1870 beigetragen, da die Mächte in einer Zeit wo in Europa Spannungen zwischen den Großmächten herrschten, durch den Erwerb großer überseeischer Besitzungen versuchten, sich gegenseitig zu beeindrucken. Die Kolonien wurden also zu Prestigeobjekten, die man zunehmend als Bedingung für den Großmachtstatus ansah.

Schließlich gipfelte der Nationalismus gar in einem gefährlichen Sendungsbewusstsein, welches man im Sozialdarwinismus sogar wissenschaftlich zu begründen versuchte. Man fühlte sich allen anderen Völkern gegenüber überlegen und glaubte sich nicht selten von Gott dazu auserkoren, den „niederen Rassen“ die wahre Zivilisation zu bringen.

So sagte der britische Forscher und Kolonialist Cecil Rhodes über die Briten: „..., dass wir die erste Rasse sind und dass es für die Menschheit um so besser ist, je größere Teile der Welt wir bewohnen.“ Diese Form des Nationalismus, die das eigene Volk über andere stellt bezeichnet man als Chauvinismus. Der konstruktive Nationalismus kehrte sich nach und nach in einen destruktiven Nationalismus um. Er äußerte sich in der Selbsterhöhung der eigenen Rasse (Chauvinismus) und durch die Abwertung der fremden Rassen in den Kolonien als Rassismus.

Der Begriff Sozialdarwinismus leitete sich von der Übertragung der biologischen Thesen Darwins von der natürlichen Auslese und dem Sieg des Stärkeren im Kampf ums Dasein auf das gesellschaftlich-politische Leben ab. Der Sozialdarwinismus ist noch heute eines der besten Beispiele dafür, wie leicht sich einflussreiche Ideen mit der gesellschaftlichen Entwicklung verschränken lassen. Er eignete sich geradezu ideal als Legitimationsideologie für den Imperialismus.

Zu guter letzt will ich noch jene Motive für den Imperialismus anführen, die ihren Ursprung in der Religion haben. So hegten viele Befürworter des Imperialismus den Wunsch, die afrikanischen und asiatischen Völker zu christianisieren. Dabei wollte man auch den Sklavenhandel unterbinden. Oftmals die nten aber auch solche Absichtsbekundungen als bloße Rechtfertigungsgründe für koloniale Ambitionen.

2.1.2.3. Die wirtschaftlichen Hintergründe des Imperialismus und der Zusammenhang mit der Sozialen Frage

Wie bereits gesagt, gab es im späten 18. und im 19. Jahrhundert nicht nur große politische Reformen, sondern es vollzog sich - zunächst schleichend und von den Menschen unbemerkt - die Industrielle Revolution. Sie veränderte die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen derart tiefgründig, wie kaum eine politische Revolution. Sie brachte radikale Umwälzungen in der Wirtschaft und zog große soziale und demographische Veränderungen nach sich.

Das äußere Erscheinungsbild des 19. Jahrhunderts wurde bestimmt durch den Siegeszug der Technik, der Ausbildung der Industrie, das Entstehen einer Massenproduktion und den Prozess der Kapitalanhäufung. Getragen wurde diese Entwicklung meist vom Großbürgertum, durch die besitzende „Bourgeoisie“, die sich im Laufe des Jahrhunderts genug politische Mitbestimmung und ein liberales Wirtschaftssystem in fast allen Staaten erkämpft hatte.

Mit der industriellen Revolution einher ging eine gewaltige Bevölkerungsexplosion und die damit verbundene Landflucht und Verstädterung. Man braucht nicht zu erwähnen wie viel Elend die Industrialisierung mit sich brachte. Noch schlimmer als die Lebensverhältnisse waren meist die Arbeitsbedingungen. Die liberale Wirtschaftspolitik mit ihrem Programm der freien wirtschaftlichen Entfaltung des Einzelnen und dem System des Freihandels, ermöglichte den Großunternehmern erst ihre Stellung des absoluten Herrschers in ihrem Betrieb. Der Wille des Unternehmers war Gesetz.

Die liberale Bewegung hatte sich einst verschätzt, als sie glaubten, eine freiheitliche Wirtschaftsordnung würde zur Verbesserung der Lebensumstände in allen Schichten führen.

Man merkte bald, dass dies Illusion war. Es war eine extrem verarmte Arbeiterschicht entstanden, genannt Proletarier. Deren dürftige Lebensverhältnisse wurden bald als die Soziale Frage der Zeit empfunden. Es wurden nun Lösungen für die Soziale Frage gesucht. Erst einmal gab es dort die Möglichkeit unternehmerischer Fürsorge und viele weitere Ansätze von Hilfe und Selbsthilfe, die sich jedoch bald als ungeeignet herausstellten, um die soziale Frage zu lösen. Die Liberalen erarbeiteten fortschrittliche Programme und auch die Kirchen versuchten etwas zur Lösung der Probleme beizutragen.

Da auch diese beiden Wege keine Lösung versprachen, wandten sich immer mehr Arbeiter dem Sozialismus und dem Kommunismus zu, der untrennbar mit den Namen der Gesellschaftstheoretiker Marx und Engels verbunden ist. Neben dem Bürgertum zeigte sich nun auch, dass die besitzlosen Massen vom Drang nach Emanzipation erfüllt waren.

Die Arbeiterbewegung begann sich nun in allen Staaten politisch zu formieren, egal ob in Parteien oder in Gewerkschaften. Die schon seit langem von den herrschenden Klassen und auch von den Bürgern gefürchtete „rote Gefahr“ schien ihre Stellung im Staat immer mehr zu bedrohen.

Der Staat hatte die Entwicklung individueller Profitmaximierung und kollektiver Arbeitsteilung auf Basis von Mechanisierung und Privatisierung fast uneingeschränkt gefördert. Aus diesem Prozess waren nun zwei in ihrem Bewusstsein total gegensätzliche Klassen entstanden: Die Bourgeoisie und das Proletariat. Die Staaten schlugen verschiedene Wege ein, um das Problem zu lösen.

Deutschland nahm im Zeitalter der Industrialisierung eine Kleinstaaterei konnte die industrielle Revolution hier erst langsam Fuß fassen. Erst das verstärkte Engage- ment der Fürstenhäuser und die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834, sowie die Errichtung eines deut- schen Schienennetzes, schafften es, dass Deutschland begann, den Rückstand gegenüber den anderen Staaten aufzuholen.

Nun da man die Reichseinigung vollzogen hatte, nahm die deutsche Wirtschaft volle Fahrt auf. Das lag u.a. auch daran, dass man in Deutschland zahlreiche der weltbesten Forscher und Techniker finden konnte. Das Deutsche Reich sollte bald zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht nach Großbritannien werden, worauf ich später noch zurückkommen werde.

Bismarck versuchte die Soziale Frage nun über zwei Wege zu lösen. Zum Einen unterdrückte er die Arbei- terbewegung mit seinem Sozialistengesetz mit allen Mitteln, so z.B. Gewalt und Verhaftungen. Zum Anderen aber versuchte er mit seinen zahlreichen Sozialgesetzen der Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Unter den Sozialgesetzen verstand man z.B. ein Gesetz welches eine Krankenversicherung für den Arbeiter vorschrieb. Damit stand die deutsche Sozialgesetzgebung in der gesamten Welt für lange Zeit unerreicht da. Dennoch gelang es Bismarck nicht die Arbeiterbewegung entscheidend zu schwächen, da sie ihren Stimmenanteil in allen Wahlen stetig vergrößern konnte.

Die innenpolitische Entwicklung im Hinblick auf die Soziale Frage ähnelte sich in fast allen Staaten. Wäh- rend die Arbeiterschaft als politische Kraft aufstieg, erlebte der Liberalismus nach und nach eine Schwä- chung.

Nachdem sich die Anhänger der liberalen Bewegung ihre Rechte erkämpft hatten, waren sie nun mit dem Erhalt ihrer gesellschaftlichen und politischen Stellung gegenüber der aufsteigenden Arbeiterschaft beschäftigt. So wurde der Liberalismus durch die Arbeiterbewegung selber geschwächt.

Eine weitere Schwächung erfuhr der Liberalismus durch den Übergang der Staaten vom Freihandel zur Schutzzollpolitik, so auch im Deutschen Reich. Durch die Schutzzölle verfolgte man ganz einfach das Ziel die heimische Wirtschaft zu stärken, was man auch als Ausdruck der damaligen Tendenz zur nationalen Überhöhung sehen kann.

Des Weiteren spaltete sich der Liberalismus in die verschiedensten Gruppierungen auf, wie z.B. in Linksliberale, konservativ orientierte Liberale usw., was auch eine Schwächung der bisher einheitlic h auftretenden liberalen Bewegung bedeutete.

Uns soll jetzt ein weiterer Lösungsweg zur Lösung der Sozialen Frage interessieren, nämlich der des Imperi- alismus.

Das Zeitalter der verstärkten imperialistischen Aktivität ging einher mit dem rasanten Aufbau der Weltwirtschaft. In England, dem wirtschaftlich und industriell führenden Staat, kam es deswegen auch zuerst zu einer verstärkten imperialistischen Aktivität.

Der Imperialismus sollte ganz einfach ein Mittel zur Konfliktentschärfung innerer Probleme der Staaten werden. Man hoffte die innenpolitische Unzufriedenheit durch beeindruckende außenpolitische Erfolge abschwächen zu können. Gleichzeitig erhoffte man sich aber durch die Ausbeutung der Kolonien die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeiter zu verbessern.

Man sah also im Imperialismus ein Heilmittel, „das den Markt erweiterte, die Wirtschaft sanierte, ihr weite- res Wachstum ermöglichte, die Gesellschaftsverfassung damit ihrer Zerreisprobe entzog und die inneren Machtverhältnisse aufs Neue stabilisierte“ (H.U. Wehler in „Bismarck und der Imperialismus“). Neben der Arbeiterschaft wollte man auch die politischen Ambitionen der Mittelschicht, die sich von der Teilhabe am politischen Geschehen oftmals ausgeschlossen fühlten, auf die Kolonialpolitik ablenken. Damit verfolgte man schließlich das Ziel überkommene politische Strukturen zu stabilisieren. Obwohl Bür- gertum und Arbeiterschaft die tragenden Gesellschaftsschichten waren, wurden die höheren Ämter allesamt mit Aristokraten besetzt. Das ist eine Tatsache die besonders später im Wilhelminischen Deutschland noch zu sehen war.

Die Kolonien sollten des Weiteren nicht nur Absatzmarkt für die überschüssige Produktion der Mutterländer werden, sondern auch als Anlagemöglichkeit für Kapital sowie als Siedlungsgebiet für die eigene Bevölke- rung dienen.

Durch die Industrialisierung und die damit verbundene Einsetzung neuer Technologien, die eine Kolonisie- rung erst möglich machten, herrschte auch ein Fortschrittsoptimismus vor, den die Kolonialpropaganda aus- nutzte. Später als dieser Fortschrittsoptimismus nachließ und an seine Stelle in vielen Staaten ein Krisenbe- wusstsein trat, verkündete die Kolonialpropaganda die wirtschaftliche Unabdingbarkeit von Kolonien.

2.1.3. Die Kolonialreiche bis ca. 1880

Die europäische Kolonialgeschichte begann nicht erst im 19. Jahrhundert, sondern bereits im 15. bis 18. Jahrhundert. Die damals erworbenen Kolonialgebiete waren hauptsächlich Ländereien auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent gewesen. Die meisten südamerikanischen Staaten waren im 19. Jahrhundert bereits unabhängig, genauso die Vereinigten Staaten von Amerika, die einst Teil des britischen, französischen und auch spanischen Kolonialreiches waren.

Wenn man sich eine Weltkarte aus der Zeit um 1830 ansieht, so findet man dort die Reste jener Kolonialreiche aus den vorhergehenden Jahrhunderten. Unbestrittene Weltmacht Nummer 1 war Großbritannien, welches im Besitz Kanadas und Australiens war. Beide besaßen jedoch einen besonderen Autonomiestatus innerhalb des British Empire. Neben Kanada und Australien besaß man noch die Kapkolonie in Südafrika und Neuseeland als klassische Auswanderungskolonien für britische Siedler.

Dem Ganzen setzte der britische Kolonialbesitz in Indien die Krone auf. In der Tat war Indien etwas ganz fantastisches und exotisches, um das viele Staaten die Briten beneideten. Indien war keine Auswanderungskolonie, sondern vielmehr eine typische Handelskolonie, die als Rohstofflieferant diente. Indien hatte mit all seinen wertvollen Waren viel zum damaligen Wohlstand Großbritanniens beigetragen. Um die zahlreichen Handelsrouten und Schifffahrtswege, die die Lebensadern des Empire waren, zu sichern und am Leben zu halten, besaß England bereits damals unzählige Stützpunkte auf Inseln, aber auch auf dem afrikanischen, südamerikanischen (Guyana, Belize) und asiatischen Festland.

Die mit Großbritannien in Konkurrenz stehende Macht war zum damaligen Zeitpunkt Russland, dass mit seinem unstillbaren Expansionsdrang in den asiatischen Raum und nach Persien/Afghanistan das britische Kolonialreich in Indien zu bedrohen schien. Die Rivalität zwischen beiden Staaten schien seit Jahrzehnten unüberwindbar zu sein.

Dann waren dort noch die vier europäischen Seefahrerstaaten, die einst versucht hatten ein großes Kolonia l- reich zu errichten.

Das war zum Einen Spanien, dass alle seine Besitzungen in Süd- und Nordamerika verloren hatte. Einzig und allein einige der westindischen Inseln, darunter Kuba und die Philippinen in Asien unterstanden seiner Kontrolle. Einige wenige Stützpunkte auf anderen Inseln der Welt zeugten von der ehemaligen Größe der spanischen Schifffahrtswege.

Ähnlich ergangen war es Portugal, das seine gesamten südamerikanischen Besitzungen verloren hatte.

Nur einige kleinere Inseln zeugten noch von der ehemaligen Größe des Kolonialreiches.

Auf dem afrikanischen Festland war Portugal dank einiger christlicher Missionare bereits seit dem 16. und

17. Jahrhundert vertreten. So an der Küste Angolas, an der Küste Mosambiks und an der Küste des heutigen Guinea-Bissau.

Die dritte europäische Seefahrernation, die Niederlande, hatte bis auf Guyana, ihre Kolonien in Südamerika verloren. Im Gebiet des heutigen Indonesien besaß man jedoch noch die Überreste der legendären holländischen Ostindienkompanie.

Die vierte Seefahrernation war Dänemark, das außer einiger Inseln und einer kleinen Besetzung an der Goldküste nur Kolonialbesitz in Grönland hatte.

Eine weitere Kolonialmacht war Frankreich, welches ebenfalls sein Kolonialreich in Nord- und Südamerika aufgeben musste. Einzig und allein Französisch-Guayana und einige Inseln um den amerikanischen Kontinent gehörten zu Frankreich.

In Afrika war lediglich die Besitzung an der senegalesischen Küste nennenswert.

In Nordafrika und in der arabischen Welt standen weite Teile unter der Kontrolle des osmanischen Reiches, das jedoch vom Zerfall durch Misswirtschaft und Korruption bedroht war.

Im 19. Jahrhundert kam es dann zu zahlreichen neuen Impulsen in der Kolonialpolitik insbesondere durch die Mächte Frankreich und Großbritannien.

Bereits seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten die Briten in China einen äußerst hinterhältigen Handel mit Opium betrieben. Man tauschte billiges Opium gegen teure chinesische Waren, wie z.B. Porzellan oder Silber. In den Augen der restlichen Welt war das Kaiserreich China ein Staat zweiter Klasse, in dem sich ein unermessliches Feld für wirtschaftliche und finanzielle Expansion zu eröffnen schien. Als sich die Chinesen aufgrund der Tatsache, dass immer größere Teile der chinesischen Bevölkerung von dem briti- schen Opium abhängig wurden, sich gegen den Handel mit den Briten zur Wehr setzten, wurden sie in den Jahren 1840-42 und 1857-60 von den Engländern im Opiumkrieg zurechtgewiesen. Der Handel mit dem Opium konnte von den Briten fortgesetzt werden.

Dies ist ein erschreckendes Beispiel für die Tatsache mit welcher Aggressivität die europäischen Regierungen nun in ihrer Kolonialpolitik vorgingen.

Nach dem Erwerb der dänischen Besitzungen an der Goldküste (Ghana) 1851, begann man dort nun 1872 ins Landesinnere vorzudringen, wozu man den Widerstand des dortigen Stammes der Aschanti brutal nieder- schlug.

Diese Anfänge imperialistischer Politik waren alle Teil eines neuartigen Programms des britischen Premie r- ministers Disraeli, der 1874 die Absicht Großbritanniens verkündete sein Weltreich auf föderaler Basis immens auszubreiten. Ganz offen sprach er von der englischen Vorstellung, den Fortschritt und die Zivilisation Großbritanniens in die entlegensten Teile der Welt zu tragen, was sich als gefährliches Sendungsbewusstsein entpuppte. 1874 erwarb man daraufhin 41% der Suezkanalaktien und 1878 die Verwaltungsrechte über die der Türkei angehörende Insel Zypern. Zur selben Zeit dehnte man seinen Einflussbereich auf Afghanistan aus, welches zum Zankapfel zwischen Russland und Großbritannien wurde.

Auch Frankreich hatte in den Jahren vor 1880 begonnen eine aggressivere Kolonialpolitik zu betreiben 1830 hatte man Algier in Nordafrika erobert und man begann nun mit der Besiedelung des Landesinnern von Algerien. 1854 erhob man weite Teile des Senegals zur französischen Kolonie und 1859 setzte man mit der Einnahme Saigons in Vietnam den Grundstein für ein französisches Kolonialreich in China.

2.1.4. Der Übergang zum Hochimperialismus

Die Jahre ab 1881 werden von den Historikern allgemein als die Zeit angesehen, in der die Staaten endgültig den Übergang vom traditionellen Kolonialismus zum Imperialismus vollzogen.

Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war überall eher eine Abwendung von kolonialer Politik festzustellen, da man Kolonialpolitik als kostspielig ansah. Des Weiteren bedurfte der durch England in Gang gesetzte Freihandel keiner merkantilistischen Politik der Staaten.

Nun, da man jedoch immer mehr zur Schutzzollpolitik überging und erkannte, dass sich der Staat in der Wirtschaftspolitik seiner Nachtwächterrolle entziehen musste, um die gewaltigen Kräfte des Kapitalismus noch zu steuern, suchte man im Imperialismus den Ausweg aus Wirtschaftskrisen und die Lösung der Sozia- len Frage.

Das Verhalten der Staaten zeichnete sich nun dadurch aus, dass sie ihr gesamtes nationales Ansehen für den zielbewussten Erwerb außereuropäischer Einflusssphären in die Waagschale warfen. Warum sieht man nun gerade das Jahr 1881 als Startpunkt des Hochimperialismus an? In diesem Jahr erhielten die Franzosen die außenpolitische Vertretung Tunesiens und im Jahre 1883 wurde Tunesien französisches Protektorat. Der Widerstand der Einheimischen wurde mit Hilfe von Truppen gebro- chen. Die französische Regierung hatte die ausweglose finanzielle Situation Tunesiens schamlos ausgenutzt und den Protektoratsvertrag geradezu erzwungen. Man sieht also eine der klassischen Vorgehensweisen der Kolonialmächte bei der Erwerbung neuen Landes, wie sie von nun an typisch waren. Ähnlich war die Situation in Ägypten, welches als Teil des osmanischen Reiches von einem Khediven (Vi- zekönig) regiert wurde. 1869 hatte man mit Hilfe französischer und britischer Geldgeber den Suezkanal er-öffnen können. Doch Ägypten konnte sich von seinem finanziellen Bankrott nicht mehr erholen. Systema- tisch trieben Großbritannien und Frankreich das Land in den Staatsbankrott. Auch eine neue ägyptische Re- gierung konnte nichts mehr ändern. Nachdem England seine Ansprüche auf Tunesien aufgegeben hatte, ü- berließ Frankreich Ägypten den Briten. Einen Staatsstreich ägyptischer Offiziere gegen die Vorherrschaft Großbritanniens, nahm man 1882 zum Anlass Ägypten durch britische Truppen zu besetzen. Die britische Besetzung wurde entgegen mehrerer Zusagen nicht mehr aufgehoben und Aufstände ägypti- scher Oppositioneller gewaltsam niedergeschlagen.

Ein weiteres Zeichen für die neue Aggressivität in der britischen Kolonialpolitik war das Vorgehen Großbri- tanniens in Südafrika. Dort geriet man nicht mit Einheimischen aneinander, sondern mit den Buren, welche Nachfahren weißer Siedler in der Kapkolonie (meist Niederländer) aus dem 17. Jahrhundert darstellten. Als Reaktion auf die Ausweitung des britischen Einflussbereiches in Südafrika und auf das britische Verbot der Sklaverei, wanderten die Buren bis 1838 im „großen Treck“ ins Landesinnere aus, wo sie mehrere souveräne Burenrepubliken gründeten. Als man jedoch in Südafrika und auch in den Burenrepubliken Goldvorkommen entdeckte, weckte dies natürlich das Interesse Großbritanniens. Besonders der britische Afrikaforscher und Kolonialist Cecil Rhodes forderte deswegen die Erwerbung der Burenrepubliken, doch die Annexion Trans- vaals durch die Briten scheiterte 1881 an einem Aufstand der Buren. Ein neuer Konfliktherd war entstanden.

2.1.4.1. Die Kongokonferenz 1884/85 als Reaktion auf erste Interessenskonflikte zwischen den Kolonialmächten

Die Aufteilung Afrikas -

Es wurde nun langsam zur Gewissheit, dass dieser Wettlauf um den afrikanischen Kontinent noch zu ernsthaften Konflikten führen würde.

Brenzlig wurde es in den Jahren 1881 bis 1884 zwischen Belgien und Frankreich. Der Afrikaforscher Stan- ley hatte in diesen Jahren, nicht selten mit Gewalt, von rund 400 Stammeshäuptlingen im Kongobecken Schutz- und Freundschaftsverträge mit dem belgischen König Leopold II. erzwungen. Der daraus entstande- ne Kongofreistaat war quasi die Privatkolonie des belgischen Königs. Mit oft menschenunwürdigen Metho- den beutete er die Kolonie aus, um seinen Reichtum zu vergrößern („Kongogräuel“). Dabei geriet er in Konflikt mit Frankreich, das ebenfalls Ansprüche auf das Kongobecken erhob, da dort bereits seit 1766 französische Missionare tätig waren. Frankreich nahm Gebiete bis zum Unterlauf des Kon- gos in Besitz (Kongo-Brazzaville).

Auch in Guinea kam es zu einem Interessenkonflikt zwischen Frankreich und Portugal, da beide Staaten dort versuchten eine größere westafrikanische Kolonie zu gründen.

Konsequenz dieser Konflikte war die Einberufung der Kongokonferenz in Berlin, die bis zum Februar 1885 tagte. Otto von Bismarck hatte die kolonialen Interessenskonflikte der Großmächte zugunsten seiner europäischen Bündnispolitik verwendet und hoffte nun als Gastgeber der Konferenz, wie schon einst beim Berliner Kongress 1878, als „ehrlicher Makler“ aufzutreten und dem Deutschen Reich so Sympathien zu sichern, da man auch hier daran ging aktiv Kolonialpolitik zu betreiben (siehe nächster Punkt). An der Kongokonferenz nahmen Vertreter von 14 europäischen Staaten und den USA teil, die sich vor einer riesigen Afrikakarte versammelten, um sich dort handelseinig zu werden. Diese Tatsache mutet uns heute als etwas unvorstellbares an. Man setzte Grenzlinien willkürlich fest und entschied über das Schicksal vieler Völker, ja sogar über einen ganzen Kontinent.

In der Kongoakte kam man dann zu einer Übereinkunft über das Kongobecken. Man gründete eine angeblich humanitär gesinnte internationale Afrikagesellschaft, deren Inhaber der belgische König war und die das Anrecht auf den größten Teil des Kongobeckens zugesprochen bekam. Die absolute Stellung des belgischen Königs in seinem Privatbesitz wurde also nicht angetastet. Um die Interessen aller anderen Großmächte zu- friedenzustellen, wurde der Unterlauf des Kongos und diverse für den Handel wichtige Flüsse zu einer Frei- handelszone erklärt.

Von viel größerer Tragweite waren die ebenfalls verabschiedeten Maximen der „effective occupation“ und der Hinterlandszugehörigkeit. Demnach durfte jede Macht die Gebiete ihr Eigen nennen, die sie selbst be- setzt und erschlossen hatte. Besaß eine Macht Küstenniederlassungen, so hatte sie das Recht, ihre Herrschaft auf das Hinterland auszudehnen und zwar solange, bis sie an den Herrschaftsbereich einer anderen Macht herantrat.

Afrika wurde also am runden Tisch aufgeteilt, ohne die dortigen Strukturen und die dortige Bevölkerung zu berücksichtigen.

Die Tatsache, dass die einzigen Bedingungen für den Erwerb von Kolonien die Besetzung von fremdem Land und die anschließende Bekanntgabe dieses Aktes waren, beschleunigte den Run auf die letzten „weißen Flecken“ Afrikas ungemein.

2.1.4.2. Das Deutsche Reich: Die verspätete Kolonialmacht

Die Tatsache, dass das Deutsche Reich erst ziemlich spät, nämlich 1884, in den Wettlauf um die Kolonien einstieg, liegt zunächst einmal daran, dass es bis zur Reichsgründung kein deutscher Kleinstaat außer Preu- ßen im 17. Jahrhundert (das Unternehmen wurde 1717 jedoch aufgegeben), versucht hatte, Kolonialbesitz zu erwerben.

Nach der Reichsgründung hatte das Deutsche Reich endlich den ersehnten Großmachtstatus erreicht, der zum Erwerb von Kolonien notwendig war. Es bildeten sich auch bald Interessenverbände und Vereine die einen Einstieg in die deutsche Kolonialpolitik befürworteten.

Von den politische Parteien fanden sich hauptsächlich in der Partei der Nationalliberalen Befürworter, aber auch in der Zentrumspartei. Dort waren es jene Befürworter eines Imperialismus mit religiösem Hintergrund. Unter den konservativen Parteien waren die Meinungen verschieden. So fürchteten die durch sie z.T. vertre- tenen Großagrarier die Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten aus den Kolonien. Doch die Parteien waren nicht das Hauptsammelbecken für die Kolonialbefürworter. Dafür gab es die Kolo- nialgesellschaften und -vereine. Deren bekannteste waren der 1882 gegründete Deutsche Kolonialverein und die 1884 gegründete Gesellschaft für Deutsche Kolonisation. Beide Vereine vereinigten sich 1887 zur Deut- schen Kolonialgesellschaft.

Dieöffentliche Diskussion über die koloniale Frage war jedoch nicht durch diese Vereine ausgelöst worden, sondern durch die Schrift des Inspektors der Rheinischen Missionsgesellschaft, Friedrich Fabri, „Bedarf Deutschland Kolonien?“ von 1879.

Die Motive des Imperialismus habe ich bereits ausgiebig vorgestellt und die Motive der Kolonialvereine für einen deutschen Imperialismus waren weitestgehend deckungsgleich mit meinen Ausführungen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass man in den Vereinen hauptsächlich Vertreter der Großindustrie finden konnte. Neben der allgemein herrschenden Meinung, man könne die Soziale Frage mit den Kolonien lösen, spie lten auch jene nationalpsychologischen Motive eine Rolle, so dass man in der Kolonialpropaganda Sätze wie „Überseeische Politik allein vermag auch den Grund zu legen zu einer Weltmacht Deutschland!", finden konnte.

Doch bisher hatten die Kolonialvereine wenig Aussicht auf Erfolg, da sich Reichskanzler Bismarck einem Einstieg Deutschlands in die Kolonialpolitik beharrlich wiedersetzte, so dass die Deutsche Gesellschaft für Kolonisation 1884 betrübt feststellte, dass Deutschland bei der Verteilung der Welt leer ausgegangen sei. Der Traum von einem „Deutschen Indien in Afrika“ schien sich nicht zu bewahrheiten.

Der Grund für Bismarcks bisheriges ablehnendes Verhalten lag in seinem Bemühen den Frieden für das Deutsche Reich durch seine meisterhafte Bündnispolitik zu sichern. Für ihn war das Deutsche Reich ohnehin saturiert, d.h. es hatte keinerlei Bedürfnis nach einer territorialen Ausdehnung. Seine Hauptangst bestand darin, dass ein möglicher deutscher Kolonialerwerb die anderen Großmächte verärgern könne. Die europäische Außenpolitik ging Bismarck über alles.

Des Weiteren sah der „alte Herr“ das gesamte imperialistische Gehabe als eine Modeerscheinung an, die bald wieder vorbei sein würde. Dies war eine der wenigen Fehle inschätzungen in Bismarcks Leben. Bereits 1871 boten ihm die Franzosen nach dem verlorenen Krieg in den Friedensverhandlungen ihr Kolonialreich in Asien an, worauf er jedoch entgegnete: „O! O! Cochinchina. Das ist aber ein sehr fetter Brocken für uns. Wir sind aber noch nicht reich genug, um uns den Luxus von Kolonien leisten zu können.“ Bismarck erkannte genau wie kostspielig die Kolonien waren. Ihm nach standen die Kosten in keinerlei Relation zu ihrem Nutzen. 1881 erklärte er schließlich nochmals: "So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann... und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht".

Wie kam es dann, dass er die koloniale Frage 1885 sogar als eine Lebensfrage für Deutschland bezeic hnete? Das lag zum Einen daran, dass er sich von der Idee, den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln zu nehmen, anstecken ließ. Pünktlich vor den Reichstagswahlen 1884 stie g das Deutsche Reich in die Kolonia l- politik ein, was Bismarck hoffen ließ, dass die ihm wohlgesonnenen Parteien Stimmenzuwächse erhalten würden.

Des Weiteren wollte er mit den Kolonien „... den Deutschen ein neues Ziel geben, für das sie sich begeistern können“, also ein Ventil zum Ablassen innenpolitischer Spannungen schaffen.

Der zweite Grund lag ganz klar in der Wirtschaft und der dritte in der damals günstigen außenpolitischen Situation. Frankreich, England und Russland lagen allesamt im Clinch wegen ihrer imperialistischen Aktivi- täten.

Wieder einmal ist die Raffinesse Bismarcks beim Einstieg in die Kolonialpolitik bemerkenswert. Anstatt den Terminus Deutsche Kolonien zu verwenden, lautete die Bezeichnung für die deutschen Besitzungen in Über- see „Deutsche Schutzgebiete.“ Damit wollte er deutlich machen, dass sie Deutschland nicht zur Machterwei- terung dienten, um sich gegenüber anderen Kolonialmächten nicht als provokant zu präsentieren. Nun darf man sich die Inbesitznahme deutscher Schutzgebiete nicht so vorstellen, wie dies z.B. Großbritan- nien mit Ägypten tat. Bismarck verfolgte vielmehr die Politik, „dem Handel die Flagge folgen zu la ssen.“ Das bedeutete, dass bereits Jahre vor dem eigentlichen Engagement des deutschen Staates in Übersee, zahl- reiche findige Geschäftsleute und Forscher nach Übersee ausgewandert waren, um dort ihr Glück zu machen. Diese Kaufleute und Forscher hatten sich in den Kolonialgesellschaften zusammengeschlossen und erhielten nun die Möglichkeit unter dem Schutz des deutschen Staates sicher in Afrika zu agieren. Alles begann 1884 mit der Erwerbung einer Bucht im Südwesten Afrikas durch den Kaufmann Adolph Lü- deritz, der den einheimischen Häuptling Joseph Fredericks mit 500 Pfund und 60 Gewehren entlohnte. Dem folgte wenig später die Herstellung der Reichshoheit über Togo und Kamerun durch den deutschen Generalkonsul in Tunis, Gustav Nachtigal. Dieser hatte Schutzverträge mit den einheimischen Herrschern geschlossen, da sich diese durch die herannahenden Briten und Franzosen bedrängt sahen. Das ist auch der Grund weswegen die Deutschen dort gern gesehen waren. Sah man sie doch weniger als Unterdrücker, son- dern mehr als Beschützer an.

1884 hatte der in Deutschland hinlänglich bekannte Kolonialforscher und Kaufmann Carl Peters private Gebiete in Ostafrika in Besitz genommen. Aufgrund persönlicher Differenzen zwischen Peters und Bismarck, verweigerte der Reichskanzler aber die Erhebung des Landes zum Deutschen Schutzgebiet. Peters startete inzwischen eine Expedition ins Landesinnere, wo er den dortigen Häuptlingen mit Hilfe dubioser Geschäftspraktiken ein riesiges Territorium abhandelte.

Erst als Peters 1885 drohte sein Gebiet an Belgien zu verkaufen, erhob Bismarck auch dieses Territorium zum Deutschen Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika. Damit verärgerte er Großbritannien aufs äußerste, da dieses Territorium ihr Vorhaben eine Linie von kolonialen Besitzungen vom Kap bis nach Kairo zu schaffen, durchkreuzte. Das Land besaß für Großbritannien eine strategisch wichtige Bedeutung. Neben den Gebieten Kamerun, Togo, DOA und DSWA sicherte man sich noch das kleine Wituland, ein heute fast schon in Vergessenheit geratenes Schutzgebiet an der afrikanischen Ostküste vor Sansibar auf dem Gebiet des heutigen Tansanias. Dort hatten die deutschen Gebrüder Denhardt schon seit langem Kontakt mit dem dortigen Sultan aufgenommen. Im April 1885 handelte man mit ihm einen Vertrag aus und stellte das kleine Gebiet unter deutschen Schutz. Dem Sultan von Wituland kam dieser Vertrag sogar recht, da er sich immer mehr durch das vor seinem Land gelegene Sultanat Sansibar bedroht fühlte. Doch nicht nur in Afrika erwarb man Kolonien, sondern auch im Pazifik.

So schuf man 1884 die Neuguinea-Kompanie, der Teile Neuguineas und die Marshallinseln angehörten.

1885 wurden die Gebiete unter dem Namen Deutsch-Neuguinea deutsches Schutzgebiet, dem man 1885 die nördlichen Salomonen und 1888 die kleine Insel Nauru angliederte. Neuguinea war auch unter dem Namen „Kaiser-Wilhelms-Land“ bekannt. Ihm gehörte auch der noch heute existierende Bismarck-Archipel an. Auch in Deutsch-Neuguinea waren bereits lange vor der deutschen Annexion deutsche Kaufleute tätig, deren bekanntester der Hamburger Adolph von Hansemann war.

Zwischen England, den USA und Deutschland schwelte außerdem seit langem auch der Streit um die Samoainseln. Dort hatte das deutsche Handelshaus Godeffroy bereits seit etwa 1860 Plantagen angelegt und war zum führenden Handelshaus auf den Inseln aufgestiegen. Auch England und die USA erhoben Ansprüche auf Samoa, da auf den Inseln nicht nur deutsche, sondern auch amerikanische und englische Handelshäuser tätig waren. 1879 und 1889 einigte man sich in zwei Abkommen zwischen den drei Mächten auf eine Art Protektorat der drei Staaten über die Inseln.

Der deutsche Generalkonsul in Samoa ließ 1884 die Hafenstadt Apia durch deutsche Marinesoldaten besetzen und bekräftigte damit die deutschen Ansprüche.

Bald stellte sich heraus, dass die von Bismarck favorisierte Organisationsform der Handelskolonie, die von privaten Gesellschaften getragen wurde, nicht wie gewünscht funktionierte.

Der Staat wurde nach und nach zum größten Anteilseigner bei allen Kolonialgesellschaften. Bis zum 01.01.1891 waren schließlich alle Kolonien zu Kronkolonien geworden. Es hatte sich gezeigt, dass sich die Kolonien für die Betreiber nicht rentierten. Die Last blieb nun am deutschen Staat hängen - ein Thema auf das ich später noch zurückkommen werde.

2.1.5. Imperialistische Bestrebungen in Asien

Nicht nur in Afrika, sondern auch in Asien hatten die Kolonialmächte ihren Herrschaftsbereich ausgedehnt. 1886 annektierte Großbritannien Burma und gliederte es Britisch-Indien an. Am 1. Januar 1877 war Königin Victoria zur Kaiserin von Indien ausgerufen worden, was die Schlüsselrolle Indiens im British Empire nochmals unterstrich. Auf Borneo/Sarawak (heute Raum Malaysia/Indonesien) erhob man das Sultanat Brunei 1888 zum britischen Protektorat.

Auch Frankreich unter seinem neuen republikanischen Ministerpräsidenten Ferry, erweiterte sein Kolonia l- reich in Cochinchina. Man eroberte 1884 das unter chinesischer Herrschaft stehende Tonkin und die Gegend um die Stadt Hanoi. Ab 1887 wurde das Kolonialreich Frankreichs in Ostasien als Indochinesische Union bezeichnet.

Das Vorgehen Frankreichs in Asien demonstrierte nochmals die Ohnmacht des chinesischen Kaiserreiches gegen die Kolonialmächte. China wurde zum Musterbeispiel imperialistischer Durchdringung, seine Souveränität systematisch ausgehöhlt.

Neben Frankreich waren an der Ausbeutung Chinas zunächst auch England (Opiumkrieg und Erwerb zahlreicher Häfen, z.B. Hongkong) und Russland (Erwerb des Gebietes nördlich des Amurs mit Wladiwostok) beteiligt. Die Europäer unterstanden in ihren Vertragshäfen nur ihrer eigenen Gerichtsbarkeit und China durfte Einfuhrzölle nur mit der Zustimmung der Großmächte erheben. Christliche Missionare waren unter dem Schutz der chinesischen Regierung tätig.

2.1.6. Der Aufstieg der Staaten Italien, USA und Japan zu Kolonialmächten

Das Königreich Italien war bereits seit 1861 geeint. Es teilte das deutsche Schicksal insofern, als dass kein italienischer Kleinstaat bisher versucht hatte Kolonialpolitik in einem größeren Maße zu betreiben. Italien litt zudem darunter, dass man es immer noch nicht als dem Kreis der Großmächte zugehörig sah. Wie in allen Staaten herrschte auch in Italien eine stark nationalistische Stimmung, die sich aus dem Hochgefühl bei der Einigung Italiens entwickelt hatte. Die Italiener waren sich ihrer einst glorreichen Vergangenheit bewusst. So steckten die Nationalisten weite Kreise der Bevölkerung mit ihrer Forderung nach einer Widerauferstehung des römischen Imperiums an. Man ging sogar soweit, irgendwann von einer Herrschaft über den gesamten Mittelmeerraum zu träumen.

Um endlich als Großmacht zu gelten war Kolonialbesitz unerlÄsslich, weswegen man 1889 in den Wettlauf um die Kolonien, wenn auch verspätet, einstieg.

So schloss man mit dem äthiopischen Kaiser einen Vertrag, der Italien zur Schutzmacht Äthiopiens (Abessinien) machte. Beide Seiten verfolgten jedoch andere Ziele mit dem Vertrag. Italien sah Äthiopien nun als ein klassisches Protektorat an, während der dortige Kaiser vielmehr verfolgte, sein Land zu moderni- sieren. Neben Äthiopien besetzten die Italiener Gebiete im heutigen Eritrea und Teile des heutigen Somalias. Damit standen sie in der Konkurrenz zu Großbritannien, das ebenfalls Teile Somalias in Besitz genommen hatte und Frankreichs, welches jedoch nur das kleine Djibouti besetzt hatte.

Wie gesagt gab es Differenzen zwischen der italienischen Regierung und dem äthiopischen Kaiser. Diese gipfelten 1896 in einer bewaffneten Auseinandersetzung. In der Schlacht bei Adua konnten die Äthiopier einen grandiosen Sieg verbuchen, so dass Italien das Land verlassen musste. Äthiopien war es als einzigem Staat gelungen, die Kolonialherren nach einem Aufstand zu vertreiben und seine Unabhängigkeit zu sichern eine Leistung die auch heute noch unserer Anerkennung verdient.

Kommen wir nun zu Japan. Das kleine Kaiserreich Japan hatte sich, ähnlich wie China, jahrhundertelang dem Westen gegenüber verschlossen. 1854 entschloss sich Japan dann doch zu eineröffnung des Landes durch weitreichende politische, wirtschaftliche und militärische Reformen. Innerhalb weniger Jahre hatte Japan den Rückstand zum Westen soweit aufgeholt, dass es in der Welt konkurrenzfähig blieb und die Gefahr, selber Teil eines Kolonialreiches zu werden, nicht mehr ausgesetzt war.

Vielmehr begann Japan, ganz nach dem Vorbild des Westens, eine nationalistische und aggressive Außenpolitik zu betreiben, die sich vor allem gegen China richtete.

1894 war die Versenkung eines von Chinesen gecharterten britischen Schiffes durch die japanische Marine, schließlich der unmittelbare Anlass für einen Krieg zwischen beiden Staaten. In Wahrheit ging es jedoch um die Unabhängigkeit Koreas. Nach einem Friedensschluss 1895 musste China schließlich die Unabhängigkeit Koreas anerkennen und zahlreiche Gebiete an Japan abtreten. Korea selber wurde zu einem japanischen Va- sallenstaat. 1904 eskalierte das schlechte japanisch-russische Verhältnis ebenfalls in einem Krieg zwischen beiden Staaten. Anlass war die Besetzung der Mandschurei durch Russland, die auch Japan als sein Interes- sengebiet ansah. Höhepunkt der Kampfhandlungen war im Mai 1905 die Vernichtung der gesamten russischen Ostseeflotte, die von der Ostsee bis nach Ostasien gefahren war, durch die japanische Marine. Das hatte u.a. zur Folge, dass sich das russische Volk in einer Revolution gegen das marode Zarenregime auflehnte. Im 1905 geschlossenen Friedensvertrag erhielt Japan den russischen Hafen Port Arthur, die Insel Sachalin sowie das Protektorat über Restkorea und die Mandschurei.

Auch die USA stiegen nun zu einer imperialistischen Großmacht auf. Dort berief man sich in der Außenpolitik auf die Monroe-Doktrin von 1823, wonach sich kein europäischer Staat in die Angelegenheiten des gesamten amerikanischen Kontinents einschl. Südamerika einmischen durfte.

Anstatt eine direkte Schutzherrschaft über Gebiete aufzubauen, verfolgte die USA einen „Dollarimperialis- mus“, der auf die wirtschaftliche Durchdringung von Gebieten abzielte. Diesen Dollarimperialismus wendete man in zahlreichen südamerikanischen Staaten an, so auch auf der unter spanischen Kontrolle stehenden Insel Kuba. Nachdem Spanien dort 1898 massiv gegen Unabhängigkeitsbestrebungen vorgegangen war, protestierten die USA dagegen. Die Entsendung des Schlachtschiffes Maine in den Hafen von Habana sollte die amerikanischen Bürger auf Kuba schützen. Im April 1898 sank dieses Schiff jedoch aus ungeklärten Gründen im Hafen, weswegen die Amerikaner einen Sabotageakt der Spanier vermuteten und so Spanien den Krieg erklärten.

Der Krieg war schnell zugunsten der USA entschieden und konzentrierte sich auch auf die Gegend um die Philippinen, vor denen die spanische Pazifikflotte vernichtend geschlagen wurde.

Bereits im Juli endeten die Kampfhandlungen und in dem im Dezember geschlossenen Friedensvertrag wurden Kuba und Puerto Rico in die Unabhängigkeit entlassen. Der größte Teil des spanischen Kolonialreiches ging in den Besitz der USA über, darunter die Philippinen, Guam und Hawaii.

In einer Schrift vom damals amtierenden amerikanischen Präsidenten McKinley wird deutlich, dass auch die USA dem Reiz des Imperialismus ausgesetzt waren.„Als wir sie (die Philippinen) schließlich doch erhiel-ten, war es ein Geschenk der Götter...“;„... dass wir sie nicht an Spanien zurückgeben - das wäre feige und unehrenhaft“;„... dass wir sie nicht sich selbstüberlassen - sie wären unfähig sich selbst zu regieren“;„... dass uns nichts anderesübrigbleibt,(...), den Filipinos Bildung, Zivilisation und den christlichen Glauben beizubringen...“

Diese Aussagen brauchen nicht mehr großartig zu kommentiert werden. Die USA waren zu einer Weltmacht mit Kolonialbesitz geworden und Spanien bis auf seine Besitzungen in Nordafrika und einige wenige Inseln, keine Kolonialmacht mehr, mit der man rechnen musste.

Die USA übten ab diesem Zeitpunkt großen Einfluss auf Südamerika aus. In der Zeit bis zum Ende des Ers- ten Weltkrieges und auch noch bis 1945, intervenierten sie mehrmals militärisch in Staaten wie Kuba, Puerto Rico, Haiti, Mexiko und Nicaragua. Panama, Nicaragua, Kuba und Puerto Rico wurden zu Protektoraten und Besitzungen der USA. Äußerst berühmt wurde der Panamakanal, der bis vor kurzem noch unter der Kontrol- le der USA stand.

2.1.7. Die deutsche Weltpolitik unter Wilhelm II. Teil I

In Deutschland war es derweil zu weitreichenden Veränderungen gekommen. Nachdem Kaiser Wilhelm I. 1888 starb und 99 Tage später auch sein Thronerbe Friedrich III., war dessen Sohn Wilhelm als Kaiser Wilhelm II. auf den Thron gekommen. Hatten andere Thronerben ihr halbes Leben lang Zeit sich auf ihre Regentschaft einzurichten, so konnte dies Wilhelm nicht. Der 29 Jahre junge Wilhelm war ein Hitzkopf und unberechenbar, aber dennoch intelligent und für sein Alter sehr erfahren.

Es waren viele Dinge die ihn prägten, egal ob dies seine exzentrische Vorliebe für Uniformen und das Militär waren, oder sein Interesse am Flottenbau, woran auch seine britische Verwandtschaft, immerhin war die englische Königin seine Großmutter, nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte.

Mit dem Amtsantritt Wilhelms II. wurde in Deutschland eine neue Epoche eingeläutet: Das wilhelminische Zeitalter. Wilhelm II. strebte ein „persönliches Regiment“ an, um seinen programmatischen neuen Kurs durchzusetzen. Was seine Herrschaftsauffassung betraf, so gab er sich äußerst konservativ, weswegen er demokratische Reformen weitestgehend ablehnte. Vielmehr versuchte er das Volk auf andere Art und Weise auf seine Seite zu ziehen, was ihm mal mehr und mal weniger gelang.

Das erste Opfer, welches der neue Kurs Wilhelms forderte, war der mittlerweile 75 Jahre alte Reichskanzler Bismarck, der sich in seiner Position mittlerweile ein eigenes System errichtet hatte, das ihm erlaubte am Kaiser auch mal vorbeizuregieren. Zu Zeiten Wilhelms I. war Bismarck quasi der eigentliche Regent des Reiches. Mit der Entlassung Bismarcks 1890 brach eine neue Epoche an, auch in der deutschen Kolonialpoli- tik.

Bereits Bismarcks Nachfolger Caprivi schaffte es mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertra- ges mit Russland, Bismarcks Albtraum von einem französisch-russischen Bündnis wahr werden zu la ssen. Deswegen verfolgte man eine britisch-deutsche Annäherung, die sich 1890 im Helgoland-Sansibar-Vertrag äußerte. Hierbei ging es keineswegs um einen Tausch Sansibars gegen Helgoland. Sansibar war nie eine deutsche Kolonie. Wie bereits erwähnt stand die deutsche Kolonie DOA dem briti- schen Ziel der Kap-Kairolinie im Weg. Das Deutsche Reich gestattete mit dem Vertrag den Briten, die Insel Sansibar zu besetzen. Daneben wurde die kleine deutsche Kolonie Wituland auf dem Festland an die Briten übergeben, woraufhin dort Aufstände gegen die Deutschen losbrachen, da man sie nun als Verräter ansah. Der Sultan von Wituland wurde daraufhin von den Briten gefangengenommen und vergiftet. Um zu DOA eine Verbindung von der Seeseite her zu bekommen, die durch den Verlust Witulands nicht mehr vorhanden war, kauften die Deutschen vom Sultan von Sansibar einen Küstenstreifen, auf dem die heutige Hauptstadt Tansanias, Daressallaam, lag.

Als Kompensation erhielten die Deutschen von England die Nordseeinsel Helgoland, einen wichtigen Mari- nestützpunkt, sowie den Caprivizipfel in DSWA, der einen Zugang zum Sambesi-Fluss ermöglichte. Der Name Helgoland-Sansibar-Vertrag ist ein einziges Missverständnis, das vermutlich auf Bismarck zu- rückzuführen ist, der von seinem Landgut die Politik seines Nachfolgers kommentierte und schlecht machte. So auch damals als er leichtfertig behauptete, Deutschland habe das kleine Helgoland gegen das große San- sibar getauscht. Alle Dementis des neuen Kanzlers halfen nichts, die Meinung von einem Ausverkauf deut- scher Interessen setzte sich durch und somit auch der Name für dieses Vertragswerk. Als Reaktion auf den Helgoland-Sansibar-Vertrag gründeten Nationalisten (meist Großindustrielle) 1891 den Alldeutschen Verband. Dieser war das Sammelbecken aller hochgradigen Nationalisten, Rassisten, Imperia- listen, Militaristen und Antisemiten im Reich und stellte somit eine jener typischen Erscheinungen der Zeit dar. Dieser Verband trat nicht nur für eine aggressive Expansionspolitik auf der ganzen Welt ein, sondern auch für eine expansive Außenpolitik in Europa, womit er sämtliche Prinzipien Bismarcks missachtete. Ob- wohl Wilhelm II. immer mehr auf die Linie des alldeutschen Verbandes einging, so hatte er mit ihm nichts am Hut. Er missbilligte den Eintritt des Kronprinzen in die Vereinigung sogar aufs Härteste. Doch im wilhelminischen Deutschland hatte sich ein Wandel innerhalb der Gesellschaft vollzogen. Es ist unbestritten, dass Nationalismus, Militarismus, Rassismus und Antisemitismus im Reich immeröfter zum Tragen kamen, oft auch durch die Person des Kaisers. Viele Biografen sind sich jedoch darin einig, dass Kaiser Wilhelm weder ein Antisemit noch kriegslüstern war. Viele ihm nachgesagte Eigenschaften hatte der Kaiser auch seinem Talent zu verdanken, dass seine oft nicht ernstgemeinten Äußerungen und Peinlichkei- ten, die ihm im Eifer des Gefechts passierten, immeröfter an dieöffentlichkeit drangen und so das Bild des Reiches vor allem im Ausland schädigten.

Insofern soll dies genügen, um die aggressivere Kolonialpolitik des Deutschen Reiches ab ca. 1890 zu be- gründen, auf die ich noch genauer eingehen möchte. Nochmals möchte ich jedoch betonen, dass dies alles nicht nur eine deutsche Begebenheit war, sondern dass Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus über all in Europa eine immer größere Anhängerschaft fanden und dass die Regierungen in ihrer Politik allesamt in diese Richtungen tendierten.

Ich möchte nun der Frage nachgehen, was die Deutschen mit ihren Kolonien überhaupt anfingen.

Die deutsche Kolonialpolitik war bis etwa 1900 von einem Verzicht auf Raubbau und großzügige Investitionen gekennzeichnet. Das Ziel, ein „deutsches Indien“ in Afrika zu erschaffen, war immer noch in weiter Ferne. Die von Deutschland erworbenen Gebiete eigneten sich jedoch auch gar nicht zu solch einem Vorhaben, was an den geographischen Gegebenheiten, der Vegetation oder dem Klima lag. Nachdem, wie gesagt, die privaten Unternehmer an ihren Vorhaben gescheitert waren, versuchte nun der Staat als größter Anteilseigner der Kolonialgesellschaften die Kolonien sinnvoll zu nutzen. Die Schutzgebiete wurden 1891 direkt dem deutschen Staat unterstellt.

In DSWA versuchte man den wirtschaftlichen Erfolg mit Hilfe der Gründung der Deutschen Kolonialgesell- schaft für DSWA (DKGfSWA) zu erreichen. Langfristig wollte man dem Reich nicht mehr finanziell zur Last fallen. Das Land eignete sich aufgrund seiner Wüste und Dornstrauchsavanne kaum für die Landwirt- schaft und allerhöchstens für die Viehzucht. Ein Goldfund im Jahre 1887 erwies sich bald als ein Betrugs- manöver. Dennoch fand man zahlreiche andere Bodenschätze, die man auch abbaute, wie z.B. Kupfererz, Blei, Kohle, Marmor und Diopsid (Kristalle die als Edelsteine verarbeitet werden). Die Hoffnung auf Gold- und Diamantenfunde trieb dennoch einige Deutsche nach DSWA. Dank seiner Bodenschätze war DSWA auch die Kolonie, in der 1910 mit 9.283 Deutschen die meisten Auswanderer aus dem Deutschen Reich an- sässig waren.

Allen Versuchen zum Trotz konnte man die Wirtschaft in DSWA nicht ankurbeln. Erst durch den Hereroauf- stand, auf den ich später noch genauer zu sprechen kommen werde, und die dazugehörige Kriegswirtschaft konnte die DKGfSWA Gewinne verbuchen, was sie bei der leidenden Bevölkerung nicht sonderlich beliebt machte.

In DOA führte man, aufgrund der besonders in Küstennähe günstigen Bedingungen, die Plantagenwirtschaft u.a. für den Anbau von Tee und Kautschuk ein. Problematisch war des Weiteren der Sklavenhandel. Das Landesinnere war aufgrund seiner Pflanzen- und Tierwelt ein Paradies für Forscher und Wissenschaftler. Auch in DOA hatte man mit gewaltsamen Aufständen der Einheimischen zu kämpfen. In DOA lebten 1910 2.384 Deutsche, womit das Schutzgebiet nach DSWA Platz Zwei in der Statistik ein- nahm.

Weniger erfolgreich verliefen erste Anbauversuche in Togo und Kamerun. Nach und nach gelang es den Deutschen jedoch auch dort die Plantagenwirtschaft (z.B. Kakao undölpalmen) einzuführen. Aufstände waren dort selten, da sich die Einheimischen von den Deutschen beschützt fühlten. In Kamerun und Togo lebten 1910 zusammen etwa 1.200 Deutsche.

Das Verwaltungssystem in den deutschen Schutzgebieten wird in späteren Punkten genauer betrachtet.

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt der Kolonien müssen wir unseren Blick auch auf die Bildungs- und Gesundheitspolitik der Deutschen in den Kolonien richten.

Die Schulbildung für die Einheimischen war mit 2-4 Jahren mehr als ungenügend und in deren Genuss kam wiederum nur ein kleiner Teil der Einheimischen. Es gab des Weiteren noch die Möglichkeit einer sechsjÄh- rigen Ausbildung an deutschen Schulen, doch wurde auch durch sie das Niveau deutscher Volksschulen nicht erreicht.

Die Bildungsarbeit lag meist in der Hand der Missionen. Die Missionen waren oft schon länger in den Kolonien tätig als die Staatsmacht und waren so oftmals Vertraute der einheimischen Machthaber und Stämme. Die Missionare wollten mit ihrer Arbeit den Frieden unter den sich oftmals uneinigen Stämmen sichern. Die Missionen waren hauptsächlich in den Handel und die Wirtschaft der Schutzgebiete verstrickt. So besaß die in DSWA erfolgreich agierende Rheinische Missionsgesellschaft bis 1884 das Handelsmonopol und sicherte so dem deutschen Handel eine Vormachtstellung. Es mutet geradezu paradox an, dass gerade die Missionen, die den Frieden sichern wollten, hauptsächlich mit Waffen und Munition handelten.

Die Missionen hatten jedoch nicht nur wirtschaftliche Interessen. So wollte man die Einheimischen christianisieren und ihnen so die neuen Werte wie Fleiß, Pflichterfüllung und Unterordnung beibringen, was besonders die deutschen Verwaltungen in den Kolonien begrüßten. Bis auf wenige Ausnahmen verhielten sich die Missionare gegenüber der deutschen Staatsmacht loyal.

Doch nun zur Bildungsarbeit der Missionsschulen. Waren sie ursprünglich reine Bekehrungsanstalten, so vermittelten sie neben Religionsunterricht auch Dinge wie Lesen, Schreiben, Rechnen und handwerkliche Arbeiten. Die deutsche Kolonialmacht waren den Missionsschulen gegenüber wohlgesinnt, da durch sie de- mütige, gehorsame und in gewisser Weise auch unterwürfige Untertanen herangebildet wurden, die auch vor körperlicher Arbeit nicht zurückschreckten. Also genau die Menschen, die die man benötigte. Die Missionen siedelten des Weiteren Nomadenstämme in festen Stationen an, wo man sie in der Kunst des Ackerbaus lehr- te.

Problematisch war jedoch die Tatsache, dass die Einheimischen in den Missionsschulen Lesen und Schrei- ben beigebracht bekamen, was für die Kolonialmacht die Gefahr barg, dass sich die Eingeborenen ihrer Lage durch Bildung langsam bewusst wurden.

Das Menschenbild, welches nicht nur die Deutschen von den Schwarzen hatten, war äußerst rassistisch und geringschätzig. Die farbigen Rassen waren schlichtweg minderwertig und sollten dauerhaft degradiert werden. In einem Punkt waren die Deutschen aber schlimmer als z.B. Frankreich oder Großbritannien. So war es Afrikanern, die über Jahre hinweg in Deutschland lebten unmöglich die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen. Afrikaner in Deutschland besaßen die deutsche Schutzgebietsangehörigkeit und nicht die Rechtsstaatszugehörigkeit, was im Pass extra vermerkt wurde.

Kommen wir nun noch zu der Gesundheitspolitik der Deutschen in den Schutzgebieten. Die medizinische Fürsorge war nur einem Bruchteil der Einheimischen zugänglich. Die Europäer hatten zahlreiche Infektionskrankheiten nach Afrika gebracht, die einen Großteil der afrikanischen Bevölkerung dahinraffte. Abgesehen von weiträumigen Pockenimpfaktionen war die medizinische Vorbeugung und Fürsorge hauptsächlich auf Orte beschränkt in denen Europäer lebten.

Ich hatte mehrmals angedeutet, dass es ab 1890 einen Kurswechsel in der deutschen Weltpolitik gab und ich möchte nun noch die konkreten Ergebnisse der wilhelminischen Weltpolitik bis ca. 1900 aufführen. Das Motto: „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, doch wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne!“, wie es 1897 der spätere Reichskanzler von Bülow formulierte, trifft die damalige Mentalität der Deutschen Außenpolitik genau. Kaiser Wilhelm II. ließ keine Gelegenheit aus, in der das Deutsche Reich nicht auch noch den kleinsten weltpolitischen Vorteil herausschlagen konnte. Dass er dabei die anderen Großmächte verärgerte und den Bankrott der bismarckschen Außenpolitik immer weiter vorantrieb schien die deutsche Regierung nicht zu stören.

1896 beglückwünschte Kaiser Wilhelm den Präsidenten der Republik Transvaal, Paulus Ohm Krüger, in der berühmten Krügerdepesche zu seinem Sieg über britische Freischärler, die versucht hatten Transvaal zu er- obern. Bereits 1884 hatten deutsche Firmen trotz britischen Protestes eine Eisenbahnlinie zwischen der De- lagoabucht in Mosambik und Transvaal gebaut. Die Krügerdepesche trieb Deutschland und Großbritannien an den Rand eines Krieges, doch Wilhelm verärgerte die Briten in den Folgejahren nochöfter, nämlich mit seiner Parteinahme für die Türkei im türkisch-griechischen Krieg 1898 und dem neuen deutschen Flotten- bauprogramm.

Mit seiner Orientreise 1898 präsentierte sich Wilhelm II. als Freund der islamischen Welt. Nicht zuletzt dachte er auch an die deutsche Wirtschaft und deren Interesse am rückständigen osmanischen Reich. 1899 erhielten deutsche Banken schließlich die Konzession zum Bau der Bagdad-Bahn, die von Konstantinopel bis Bagdad reichen sollte. Da die Orientreise des deutschen Kaisers maßgeblich zu dieser Entscheidung beigetragen hatte, erhielt die Sache einen politischen Charakter.

Das Engagement des Deutschen Reiches im Orient wurde nicht nur von Großbritannien, sondern auch von Russland misstrauisch beäugt.

Doch die Befürworter der deutschen Weltpolitik wollten nicht nur solche Erfolge sehen, sondern auch Gebietsgewinne. Diese fielen jedoch eher mager aus.

Nachdem in der chinesischen Provinz Shantung 1897 zwei deutsche Missionare durch Chinesen ermordet wurden, ließ Kaiser Wilhelm II. zur Durchsetzung von Sühneforderungen die Bucht von Kiautschou in China besetzen. Das Deutsche Reich beteiligte sich nun auch an der Aushöhlung der chinesischen Souveränität. Am 06.03.1898 pachtete man nach langen Verhandlungen mit der chinesischen Regierung ein 550qkm großes Areal an der Bucht von Kiautschou mit der Stadt Tsingtau.

Das gepachtete Gebie t sollte der deutschen Handels- und Kriegsflotte als Stützpunkt dienen, weswegen man mit dem Ausbau des Hafens begann. Die Stadt Tsingtau entwickelte sich bis 1914 zu einem blühenden Zent- rum mit 200.000 Einwohnern, wobei 1910 nur 1.412 davon deutsche waren. Des Weiteren errichtete man Eisenbahnlinien, eine Deutsch-Chinesische Universität und eine moderne Trinkwasserversorgung. Ansonsten konnte man das Territorium Deutsch-Neuguinea durch die Niederlage der Spanier im Krieg gegen die USA erweitern. Für 16 Millionen Reichsmark kaufte man Spanien die Palauinseln, die Mariannen sowie die Karolinen ab. Des Weiteren gingen auch in Deutsch-Neuguinea die Hoheitsrechte der Neuguineakompa- nie auf das Reich über.

1899 wurde auch endgültig die Samoafrage gelöst. Die Inseln wurden zwischen den Mächten USA und Deutschland aufgeteilt, wobei Deutschland die Inseln Sawaii und Upolu erhielt.

Großbritannien hatte man zu einem Verzicht bewogen, indem man ihm Teile der Salomonen überließ und Grenzkorrekturen zu seinen Gunsten in Togo durchführte. Zum Dank nahm der Deutsche Kaiser im 1899 ausgebrochenen Burenkrieg in Südafrika eine neutrale Position ein.

Dennoch war der außenpolitische Schaden groß. Durch seine Äußerungen die Samoafrage betreffend, hatte der Deutsche Kaiser (u.a. zum britischen Botschafter: „Sagen sie ihrem Volk es soll sich anständig beneh- men!“) das Verhältnis zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich noch weiter verschlechtert. Auch die Neutralität im Burenkrieg konnte das schlechte Verhältnis nur mühsam wieder relativieren. Heute belächelt man die wilhelminische Weltpolitik schon fast, doch versetzt man sich einmal in die Lage des Deutschen Reiches vor etwa 110 Jahren so kann man viele Schritte der Deutschen verstehen. So fühlte man sich von den Briten schlichtweg ungerecht behandelt, was in gewisser Weise auch stimmte.

2.1.8. Kriegsgefahr durch den Imperialismus - Faschodakrise)

Es hatte sich bereits desöfteren gezeigt, dass sich die Großmächte mit ihren imperialistischen Bestrebungen im Weg standen, so dass die Verhältnisse zwischen vielen Staaten gespannt waren. So zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien, zwischen Großbritannien und Russland, zwischen Japan und Russland und schließlich zwischen Frankreich und Großbritannien.

Im Zeitalter des Imperia lismus war es bereits zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen, wie z.B. dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898 oder dem chinesisch-japanischen Krieg, doch sollen diese Konflikte nun einmal ausgeklammert werden.

Im Jahre 1898 sollte ein kleiner Ort namens Faschoda im Sudan Geschichte schreiben, als dort französische und englische Kolonialtruppen aufeinander trafen.

Wie bereits erwähnt, verfolgte Großbritannien das Ziel der Kap-Kairo-Linie, was schlichtweg bedeutete, einen Koloniengürtel von Ägypten bis hinunter nach Südafrika zu errichten. Damit wollte man erstens den ungestörten Handelsverkehr mit Indien ermöglichen, da alle britischen Schifffahrtswege an britischen Kolonien vorbeiführen würden, und zweitens wollte man einen regen Binnenhandel in Gang bringen. Bisher störte dieses Vorhaben nur Deutsch-Ostafrika (relativiert durch „Helgoland-Sansibar“-Vertrag 1890), Portugiesisch-Mosambik und der belgische Kongofreistaat.

Auch Frankreich hatte sich solch ein gewaltiges Ziel gesetzt, welches lautete, ein riesiges Zusammenhängen- des Kolonialreich von Dakar im Senegal bis nach Djibouti, in Französisch-Somaliland zu errichten. Bei der Betrachtung beider Zielsetzungen fällt nun auf, dass sich beide Konzeptionen überschneiden, was zwangsläufig zu Konflikten führen musste. Nachdem die Briten mit ihrem Sieg bei Omdurman den Wider- stand des sudanesischen Mahdireiches gebrochen hatten zogen die britischen Truppen Nilaufwärts bis in den Ort Faschoda, wo man zu ihrer Überraschung französische Truppen vorfand. General Kitchener, der Be- fehlshaber der britischen Truppen, veranlasste die Franzosen friedlich zum Rückzug, was in Frankreich mit äußerster Empörung aufgenommen wurde.

Wäre in Frankreich zum damaligen Zeitpunkt ein anderer Außenminister als der englandfreundlic he Delcassé im Amt gewesen, so hätte die Faschodakrise in einem Krieg münden können.

Doch Frankreich verzichtete auf Gebiete am oberen Nil und erhielt dafür Teile des Tschads. Die beiden Staaten Großbritannien und Frankreich hatten ihre kolonialen Interessensphären mit der Beilegung der Krise festgelegt. Besonders für das Deutsche Reich war dieser Schritt einer beginnenden Annäherung zwischen Briten und Franzosen unglaublich, da die deutsche Außenpolitik den Konflikt zwischen den beiden Staaten fest einkalkulierte, da man nur so die damals praktizierte „Politik der freien Hand“ auf die ich gleich noch einmal zu sprechen komme, betreiben konnte.

2.1.9. Kritik am Imperialismus

Kritik am Imperialismus kam zunächst von den Liberalen. In England setzte man Imperia lismus gleich mit der Regierungsform des Bonapartismus, also der Regierungsform Napoleons I. und besonders die Napoleons III.. Die Liberalen sahen in ihr eine auf „paternalistischem Despotismus beruhende soziale Gleichmacherei“. Der Ausdruck „British Empire“ war damals noch so gut wie unbekannt und als Premierminister Disraeli 1876 das Kaiserreich von Indien errichten ließ, kam die schärfste Kritik von den Liberalen. Kolonien bedeu- teten damals eine für den Steuerzahler kostspielige Politik, die im Militarismus münde und war deswegen verpönt. Im Tageskampf der britischen Presse zwischen Liberalen und Konservativen wurde dann auch erstmalig der Begriff Imperialismus für den neuen Weg in der Kolonisierung gebraucht. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es dann jedoch zu einem Stimmungswandel in England und auch in anderen Staaten aufgrund der bereits genannten Faktoren, wie z.B. der Aufstieg des deutschen Rei ches und die Überwindung von Wirtschaftskrisen, sowie die immer stärker werdende kolonialpolitische Ri- valität.

So kam es dann zu einem Bündnis zwischen Liberalismus und Imperialismus. Nur wenige Liberale wider- setzten sich dieser Tendenz. Der Imperialismus erhielt so auch einen positiven Sinngehalt. Die Liberalen in England, aber auch in Frankreich verfolgten mit dem Imperialismus hauptsächlich, ihre Vorstellungen von einer besseren Welt in alle Teile der Welt zu tragen, was sich als gefährliches Sendungs- bewusstsein erwies.

Dagegen standen die Befürworter einer imperialistischen Politik im Deutschen Reich. Dort dominierte das Motiv, Weltpolitik zu betreiben, um den Fortbestand des Reiches zu sichern und um im Kampf gegen die älteren Nationen und ihre Vormachtstellung zu bestehen.

Im Deutschen Reich gab es im wesentlichen nur zwei Parteiströmungen die den Imperialismus nicht unterstützen. Dies waren zum Einen die linksliberalen Parteien und zum Anderen die Sozialdemokraten. Eugen Richter, ein Abgeordneter der Freisinnigen Volkspartei erkannte 1898 richtig:

"Die 1884 eingeleitete Kolonialpolitik hat dem deutschen Volke bis jetzt ca. 100 Millionen Mark Kosten verursacht, einer erheblichen Anzahl von deutschen Offizieren und Beamten das Leben gekostet, Streitigkeitenmit anderen Kolonialstaaten veranlasst, das Ansehen Deutschlands durch das Verhalten deutscher Beamtenin den Kolonien geschädigt, ohne dass der Zweck einer Kolonialpolitik, wirtschaftliche Vorteile aus dem Kolonialbesitz zu ziehenerreicht worden wäre."

Erst nach der Jahrhundertwende begann auch der größte Teil der Linksliberalen die Weltpolitik des Reiches zu tolerieren.

Die größte antikoloniale Gruppierung waren immer die Sozialdemokraten. Bereits 1885 stellte der Sozialdemokrat Liebknecht fest, was die wahren Ursachen für die Kolonialpolitik waren, nämlich der Versuch der herrschenden Klasse, die rote Gefahr ihrer Gefährlichkeit zu berauben. Überbevölkerung und Überproduktion könne man nicht durch den Kolonialismus lösen, so Liebknecht damals.

Er sah deutlich die Konsequenz, dass nicht das Volk durch den Imperialismus gewinnen werde, sondern die Großindustrie. Es war Teil der marxistischen Theorie, dass man das Wettrennen um die Kolonien als ein Anzeichen für den „Totentanz der heutigen bürgerlichen Gesellschaft“ ansah.

Der Sozialdemokrat Bebel sagte 1889:„Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in der höchsten Potenz.“ Des Weiteren sah man die Kosten in keinerlei Relation zum Nutzen. Das Geld der Steuerzahler war den Sozialdemokraten zu Schade um es für den Erwerb „afrikanischer Fieberküsten“ zu verschwenden.

Nach der Jahrhundertwende konnte man im rechten Flügel der SPD auch andere Stimmen hören. So stellte August Bebel 1906 fest, dass„Kolonialpolitik an und für sich kein Verbrechen sei (...). Es käme nur darauf an, wie die Kolonialpolitik betrieben wird."

Auch in anderen Staaten gab es weiterhin Kritiker am Imperialismus. So z.B. der deutsche Demokrat Karl Schurz, der in den USA lebte. Er verurteilte die imperialistischen Aktivitäten der USA aufs Härteste. Ähnlich dachte auch der amerikanische Stahlmagnat Andrew Carnegie.

Neben den Kritiken am Imperialismus gab es auch zahlreiche Imperialismustheorien, die eine genaue Analyse des Imperialismus darstellen und somit auch Kritik enthielten.

Den ersten Versuch einer solchen Theorie aus dem bürgerlichen Lager stammt von dem englischen Natio- nalökonom John A. Hobson. 1902 versuchte er als erster eine kritische Bewertung des Imperialismus. Dabei betrachtete er zunächst die Ursachen und ging dann dazu über, die Folgen sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht zu überdenken, wobei er auch Lösungsvorschläge machte. Hobsons Überlegungen waren geprägt vom vorhergegangenen Zeitalter des Imperialismus mit all seinen Problemen. Er sah im Imperialismus nicht die notwendige Folge von wirtschaftlicher Expansion und Überbevölkerung, sondern das Wirken parasitärer Kräfte der Wirtschaft und des Bankkapitals. Der Imperialismus habe des Weiteren seine Ursachen in den Absatzproblemen der Großindustrie in den Mutterländern (Unterkonsumti- onstheorie). Diese Absatzprobleme könne man auf eine enorme Anhäufung des Bankkapitals zurückführen, welche jedoch in keiner Relation mehr zum Bevölkerungswachstum stehe. Die vorhandene Produktivkraft sei damals viel höher als der effektive Konsumtionsbetrag (d.h., das was die Leute konsumieren) gewesen, was deswegen zu einer exzessiven Fabrikation von Waren und überschüssigem Kapital geführt habe. Eine Lösung dieser Probleme glaubte Hobson in einer Neuverteilung des Sozialprodukts und dazugehörigen sozialpolitischen Maßnahmen gefunden zu haben. Im Klartext glaubte Hobson, dass eine Umverteilung des Kapitals auf die Konsumenten, diesen die Möglichkeit gebe den Warenüberschuss aufzukaufen. Heute wie damals waren diese Lösungsvorschläge jedoch illusorisch und praktisch kaum durchführbar.

Wichtig sind auch die politischen Auswirkungen des Imperialismus, die Hobson sah. So sah er mit dem Im- perialismus den Militarismus, eine Bedrohung der Freiheit, die Antidemokratie, eine Gefährdung des Frie- dens sowie die Tyrannei einhergehen. Mit diesen Punkten landete Hobson einen Volltreffer. Es würde den Rahmen dieses Referats sprengen, wenn ich nun noch auf die Imperialismustheorien J. Schumpeters von 1919 und die berühmten Theorien Lenins und anderer Marxisten eingehen würde. Zu den Marxisten sei nur noch eines gesagt. Diese unterschieden sich zu den bürgerlichen Theoretikern in der Hauptsache darin, dass sie im Imperialismus einem notwendigen Ausdruck des Kapitalismus sahen. Sie sahen im Imperialismus konsequent eine Folge der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und erkannten in ihm den letzten Atemzug der Kapitalgesellschaft.

Was ich mit diesem Teil des Referats zu zeigen versucht habe, ist, dass es trotz aller Euphorie, immer noch Menschen gab, die Kritik am Imperialismus ausübten. Des Weiteren möchte ich zeigen, dass dies damals wenn auch nicht immer, noch ungehindert möglich war. Die Theorie Hobsons als die Erste ihrer Art soll stellvertretend für die vielen Imperialismustheorien stehen, in denen viel richtiges aber auch viel falsches festgestellt wurde.

2.1.10. Die Deutsche Weltpolitik unter Wilhelm II. Teil II

2.1.10.1. Die Mitwirkung des Imperialismus am Bankrott der deutschen Außenpolitik

Wie ich bereits mehrmals angedeutet hatte, war es den Nachfolgern Bismarcks gelungen sein Bündnissystem in den Grundsätzen zu zerstören. Bismarck hatte in der Außenpolitik drei wesentliche Grundsätze. Erstens sollte das Bündnis mit Russland aufrechterhalten werden, was bereits 1892 nicht mehr gemacht wurde. Zweitens sollte man niemals weniger als drei verbündete Großmächte an seiner Seite haben. Das Deutsche Reich war im Dreibund mitösterreich-Ungarn und Italien zusammengeschlossen. Doch konnte man bald nur noch von einem Zweibund sprechen, da sich Italien mit zahlreichen Zusatzverträgen immer mehr den anderen Großmächten annäherte. Zudem galt Italien immer noch nicht als Großmacht. Der dritte Eckpfeiler war, sich nie in einen Balkankonflikt hineinziehen zu lassen. Zumindest diesen Punkt hatten Bismarcks Nachfolger bis zu Jahrhundertwende befolgt.

Von vorneherein sei eines gesagt: Territoriale Zugewinne gab es für das Deutsche Reich nach 1900 nicht mehr, da die Welt so gut wie aufgeteilt war. Kaiser Wilhelm konnte nun nur noch Stärke zeigen, indem er z.B. wirtschaftlich in der islamischen Welt operierte.

Obwohl 1894 Russland mit Frankreich eine Militärkonvention geschlossen hatte, was Bismarcks Albtraum war (Zweifrontenkrieg), waren die deutschen Regierungen nach Bismarck darüber alles andere als beunru- higt. Man glaubte ohnehin eine „Politik der freien Hand“ betreiben zu können. Das bedeutete im Detail, dass man sich auf die zahlreichen Konflikte der anderen Großmächte in der Welt verließ und diese für unüber- windbar hielt, wie z.B. den britisch-französischen Gegensatz in kolonialen Fragen. Das fehlende Bündnis mit Russland glaubte man mit dem freundschaftlichen Verhältnis der beiden Cousins Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II. ausgleichen zu können. Als potentieller Bündnispartner kam theore- tisch nur noch Großbritannien in Frage, doch war es zu Konfrontationen zwischen Deutschland und England gekommen. Die Deutschen glaubten nun ewig so weitermachen zu können. Irgendwann so hoffte man wür- den die Briten schon zu ihnen kommen. Man ging sogar so weit zu glauben, dass die Schaffung einer großen deutschen Flotte die Briten eher zu Deutschland hin- als wegtrieb, da das Deutsche Reich nur mit einer Flotte „weltpolitische Allianzkraft“ besitze.

In der Wirklichkeit sah jedoch alles anders aus. Großbritannien blickte voller Misstrauen auf Deutschland und seinen Kaiser mitsamt seiner Flotten- und Weltpolitik. Auch in der britischenöffentlichkeit herrschte eine enorme antideutsche Stimmung. Nicht zuletzt waren die Briten auch neidisch auf den enormen wirt- schaftlichen Aufschwung des Deutschen Reiches, der die wirtschaftliche Vormachtstellung der Briten ge- fährdete.

Besonders der Reichskanzler Bernhard Heinrich Martin Fürst von Bülow, der von 1900 bis 1909 regie rte, baute im wahrsten Sinne des Wortes solch einen Mist, dass man heute nur mit dem Kopf schütteln kann. Im April 1904 wurde Bismarcks alter Albtraum der Koalitionen noch ein Stück mehr Wirklichkeit. Großbri- tannien und Frankreich schlossen mit ihrer Entente Cordiale, zu deutsch herzliches Einverständnis, zwar noch kein festes Bündnis, aber aus der bisherigen Politik kolonialpolitischer Gegensätze wurde eine Politik der kolonialpolitischen Zusammenarbeit. Die Entente markierte den Zeitpunkt, an dem Großbritannien seine Politik der splendid isolation (glanzvolles Alleinsein) endgültig aufgab und auch bei Auseinandersetzungen auf dem Kontinent Partei ergriff.

1905 begann Frankreich dann in Marokko aktiv zu werden. Marokko war bis 1905 bis auf wenige spanische Stützpunkte an der Mittelmeerküste ein unabhängiger Staat, der jedoch mehr und mehr französisches Interes- sengebiet geworden war, was mit der Entente Cordiale auch von Großbritannien anerkannt wurde. Aus Pro- test gegen die französischen Bestrebungen in Marokko ein Protektorat zu errichten, stattete Wilhelm dem marokkanischen Sultan im Sommer 1905 einen Besuch ab. Dabei machte er klar, dass er den Sultan als den Herrscher eines souveränen Staates anerkannte. Vorrangiges Ziel der deutschen Politik war es jedoch die vielschichtigen deutschen Handelsinteressen in Marokko vor den Franzosen zu schützen, was der Kaiser offen zugab - ein Interesse an Marokko als eine weitere Kolonie habe er nicht gehabt, was ihm die anderen Großmächte jedoch nicht abnahmen.

Die Konfrontation Wilhelms hatte zwar ihre Wirkung nicht verfehlt, da Frankreich von seinem Vorhaben in Marokko ein Protektorat zu errichten vorerst abließ und dennoch hatte die erste Marokkokrise die Entente gefestigt.

Über den Konflikt beratschlagte 1906 die Algericas-Konferenz in Spanien. Ziel Deutschlands war es, die Entente zu zerschlagen, was jedoch an der Unfähigkeit der deutschen Vertreter scheiterte, aber auch an der Fähigkeit der britischen Vertreter, Deutschland innerhalb der Konferenz zu isolieren. AußerösterreichUngarn und dem osmanischen Reich sowie dem Sultan von Marokko hatte Deutschland auf dieser Konferenz keine Verbündeten mehr.

Die Polizeigewalt in Marokko wurde in die Hände der Franzosen und Spanier unter der Leitung eines schweizer Generalinspekteurs gegeben. Deutschland erhielt dafür Konzessionen in Wirtschaftsfragen und die Gewissheit, dass Marokko nun unter internationaler Kontrolle stand.

Ein Jahr darauf war dann schließlich auch noch die letzte Stütze zusammengebrochen, auf die sich die bülowsche Außenpolitik verlassen hatte. Mit dem St. Petersburger Vertrag von 1907 war aus der Entente Cor- diale faktisch eine Triple -Entente geworden. Bei diesem Vertrag handelte es sich um einen kolonialpoliti- schen Ausgleich zwischen Russland und Großbritannien. Man teilte Persien in eine britische und russische Einflusssphäre auf, sprach Afghanistan England zu und garantierte gemeinsam die Unverletzlichkeit Tibets. Die neue Triple -Entente manifestierte nochmals das Versagen der deutschen Außenpolitik. Doch damit nicht genug. Aufgrund seiner unbedingten Bündnistreue zuösterreich-Ungarn wurde das Deut- sche Reich in der Annexionskrise, die sich um die Annexion Bosnien-Herzegowinas durchösterreich- Ungarn drehte, auch noch in einen Balkankonflikt hineingezogen, womit man alle Grundsätze Bismarcks hintergangen hatte.

Der verzweifelte Versuch Kaiser Wilhelms den Bankrott der Außenpolitik durch ein Interview im britischen Daily Telegraph aufzuhalten, verkehrte sich genau in das Gegenteil. Die Engländer wurden darin als „toll wie Märzhasen“ bezeichnet und Wilhelm stellte die Behauptung auf, dass er eine antibritische Allianz der Großmächte verhindert habe. Das Interview wurde nicht nur in England nicht ernst genommen, sondern auch in Deutschland. Die Daily-Telegraph-Affäre trieb das Reich an den Rand einer Verfassungskrise, da sowohl die Rechten, als auch die Linken Wilhelms Interview missbilligten. Zu allem Überfluss fiel dem Kaiser auch noch sein Kanzler in den Rücken, weswegen dieser wenig später zurücktrat.

Doch auch die Nachfolgeregierung Bülows hielt an dessen Kurs in der Weltpolitik fest. Das Deutsche Reich hatte nun einen wesentlichen Unterschied zu den anderen Kolonialmächten. Da diese allesamt nach und nach zufriedengestellt waren, gingen sie zu den feineren Mitteln des machtpolitischen Spiels über. Das hieß, dass es zu internationalen Absprachen zur Festigung der nationalen Position kam. Das Deutsche Reich begann immer mehr zum Störenfried auf der Bühne der Weltpolitik zu werden, da es in der Verteilung der Welt ein- deutig zu kurz gekommen war.

Doch nicht nur außenpolitisch standen die Mittelmächte Deutschland undösterreich-Ungarn im Rückstand zu den anderen Großmächten, sondern auch innenpolitisch. In ihren Staaten konnte sich das demokratische Prinzip nicht richtig entfalten und die Verfassungen beider Staaten muteten altmodisch an, insbesondere die bismarcksche Reichsverfassung. Deutschland war ein „politisches Wolkenkuckucksheim“ wie es zeitgenös- sische Kritiker formulierten.

Auch der Konflikt um Marokko war noch nicht beigelegt. Im Deutschen Reich gab es nach 1906 immer noch Kreise, die mit Nachdruck behaupteten, dass die deutschen Interessen in Marokko weiterhin nicht berück- sichtigt würden. Spätestens jetzt war es unmöglich ohne Prestigeverlust auf das nordafrikanische Land zu verzichten. Die deutsche Regierung stand nun vor einem Problem. Einerseits konnte man nun eine neue dip- lomatische Krise für den Erwerb einer völlig überflüssigen Kolonie riskieren, oder gewaltig an Ansehen verlieren.

Es bedurfte nur wieder einer Lappalie und die Deutschen konnten ihren Interessen Nachdruck verleihen. Am 20.04.1911 wurde die marokkanische Hauptstadt Fez auf Bitten des Sultans von französischen Truppen besetzt, da dort Aufstände, unter anderem gegen die Franzosen, herrschten.

Das Deutsche Reich bot in dieser Situation seinen Verzicht auf seine Interessen in Marokko an, forderte aber als Gegenleistung Territorien in Zentralafrika. Unnötigerweise wurde das Deutsche Kanonenboot „Panther“ im Juli in den Hafen von Agadir verlegt, um die deutschen Forderungen nochmals zu bekräftigen. Mit die- sem „Panthersprung nach Agadir“ war das Deutsche Reich für die restlichen Großmächte wieder einmal zu weit gegangen. Die Briten fürchteten sogleich einen neuen Marinestützpunkt der Deutschen im Mittelmeer und waren entsetzt. Sowohl auf Seiten der Entente als auch auf Seiten Deutschlands fürchtete man einen Krieg, vor allem als die Deutschen das gesamte französische Kongogebiet als Kompensation forderten. Schließlich erzielte man im November 1911 ein deutsch-französisches Abkommen. Als Gegenleistung er- hielt Deutschland von den Franzosen wichtige Teile des Kongos, die dem deutschen Kamerun angegliedert wurden. Die Franzosen machten Marokko daraufhin zu ihrem Protektorat und gestanden Spanien das Rif- Gebiet im Norden Marokkos zu.

Die deutsche Außenpolitik steckte nun noch tiefer in der Sackgasse, da man sich bewusst war, dass man seine Interessen in Übersee nur mit der Zustimmung Englands oder Frankreichs durchsetzen konnte. Es gab nun noch zwei Möglichkeiten. Erstens ein Zusammengehen mit der Entente oder zweitens durch erhöhte Rüstungsanstrengungen gegen alle Welt die eigenen Weltmachtvorstellungen durchzusetzen. Das Deutsche Reich entschied sich für letzteres. Ein letzter Versuch 1912 ein britisch-deutsches Bündnis auf Basis einer Rüstungsbeschränkung zu schmieden, scheiterte erneut an der ablehnenden Haltung Deutsch- lands.

2.1.10.2. Kolonialer Anspruch und Imperiale Wirklichkeit

Dieser Aspekt ist äußerst wichtig für das Verständnis des imperialistischen Zeitalters, da er beweist, dass die kolonialen Anstrengungen in keinerlei Relation zu deren Nutzen standen. Das war auch den damaligen Regierungen bewusst, doch gab es für sie kein Zurück mehr.

Eines ist sicher. Die hochgesteckten Ziele wurden bei keiner Kolonialmacht erreicht und der Imperialismus war keine Lösung für die innenpolitischen Probleme der Staaten sowie für die soziale Frage. Auch die Illusion mit den Kolonien ein Ventil für außenpolitische Spannungen zu schaffen erwies sich als falsch. Vielmehr hatten die Kolonien zu Konflikten geführt anstatt sie zu vermindern. Insbesondere England, bei dem der Aspekt des Handels immer im Vordergrund stand konnte durch seine gezielte Ausbeutung der Kolonien wirtschaftliche Vorteile aus den Kolonien herausschlagen. Für die anderen Staaten waren die Kolonien jedoch weiterhin kostspielige Abenteuer ohne einen großartigen Nutzen, was man nicht wahrhaben wollte.

An unserem Fallbeispiel Deutschland kann man die imperiale Wirklichkeit besonders deutlich sehen. Erst im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg hatte das Deutsche Reich in seinen Kolonien mit einer klug ge- leiteten Entwicklung begonnen. Dieses späte Engagement führte schließlich dazu, dass die deutschen Kolo- nien nur mit ca. 0,5% am deutschen Außenhandel teilhatten. Dafür hatten sie bis dahin jedoch Aufwendun- gen von 700 Millionen Mark verschlungen. Die Zahlen zeigen deutlich, dass die wirtschaftlichen Motive dem weltpolitischen Prestigedenken Deutschlands nur eine reale Basis geben sollten. Auch der Gedanke, in den Kolonien Auswanderer anzusiedeln scheiterte (siehe die bereits genannten Zahlen der in den Kolonien ansässigen Deutschen). Die klassischen Auswanderungsländer blieben die USA und Australien/Neuseeland.

Der deutsche Außenhandel konzentrierte sich vor allem auf Exporte in die restlichen europäischen Staaten sowie in die Balkanstaaten und den nahen Osten. Um 1914 hatte das Deutsche Reich zwischen 7,5 und 8,5 Mrd. Mark im Ausland angelegt. England hatte etwa 23% der Gesamtanlagen der Nation im Ausland investiert und Frankreich etwa 37%. Sollten finanzschwache Staaten zahlungsunfähig werden, so musste man die Zahlung erzwingen oder entsprechende Gegenleistungen erzwingen (z.B. Entsendung von Finanzberatern, Protektoratsverfahren wie z.B. im zahlungsunfähigen Ägypten).

Besonders die Bodenschätze waren das Objekt der Begierde für die Kolonialmächte. Wieder waren es Eng- land und Frankreich die hier Glück hatten. Das Deutsche Reich hingegen hatte jedoch nur Gebiete ergattert in denen Bodenschätze eine Seltenheit waren. Erst als man 1908 in DSWA Diamanten fand, keimte neue Hoffnung. Einige wenige deutsche Auswanderer konnten so ihren Traum vom schnellen Reichtum wahrma- chen. Durch die Diamantenfunde konnte die DKGfSWA und ihre Tochtergesellschaft DDG (Deutsche Dia- manten Gesellschaft) endlich Gewinne einstreichen. 1914 sollte der Erste Weltkrieg schließlich einen Schlussstrich unter die deutsche Kolonialgeschichte setzen.

2.1.11. Verwaltung und Ausbeutung von Kolonien - Typen

von Kolonien Zwischen den Kolonialsystemen der verschiedenen Mächte gab es nur wenige Unterschiede. Man konnte allgemein zwischen zwei Typen von Kolonien unterscheiden. Zum Einen gab es diejenigen, die hauptsäch- lich zur Besiedelung dienten, also die klassischen Auswanderungsländer wie z.B. Kanada, Neuseeland, Aust- ralien und auch Südafrika. Diesen Typ von Kolonien fand man hauptsächlich bei den Briten. Da dort Aus- wanderer aus Europa lebten, wollte man ihnen auch so viel wie möglich Selbstbestimmungsrechte verleihen. Die Briten gewährten den Auswanderungskolonien den Dominion-Status, der bedeutete, dass sich die Kolo- nien weitestgehend selbst verwalten durften. Die Dominions besaßen ein eigenes Regierungssystem und unterstanden der britischen Krone, waren also sozusagen autonome Staaten, die eng mit England verbunden waren, insbesondere was die wirtschaftlichen Beziehungen betraf. Den Ureinwohnern wurden Selbstbestim- mungsrechte weitestgehend verwehrt, zumindest in der frühen Kolonialzeit. In Südafrika gipfelte diese Poli- tik später im Zeitalter der Apartheid. Oft wurde versucht die Urbevölkerung zu dezimieren. Der zweite Typ von Kolonie war die Handelskolonie. Typische Beispiele hierfür sind Indien und alle afrika- nischen Staaten. Reich an Rohstoffen, versuchte man so viel wie möglich aus ihnen herauszuholen. Oft wa- ren es private Gesellschaften, die von der geschäftlichen Nutzung der Kolonien profitierten. Die Ausbeu- tungspolitik der Kolonialmächte nahm manchmal barbarische Formen an. Den Einheimischen wurden Selbstbestimmungsrechte verwehrt und aus Verzweiflung entstandene Wiederstandsbewegungen gewaltsam unterdrückt. Privilegien konnten die Einheimischen in geringem Maße erhalten, wenn sie sich mit den Kolo- nialherren arrangierten. Oft wurde versucht den Einheimischen die Annehmlichkeiten der westlichen Gesell- schaft näherzubringen. Dabei wurde allerdings keine Rücksicht genommen auf die Tradition und Kultur der Eingeborenen. Positiv waren die Neuerungen im Gesundheits- und Bildungswesen, die man den Einheimi- schen näherbrachte.

In den meisten Kolonien wurde die Bevölkerung gezwungen nur devisenbringende Dinge anzubauen, was oft zur Entstehung von Monokulturen führte, die bis heute die einheimische Wirtschaft der Selbstversorgung stören. Auch ehemalige Erwerbsquellen der Einheimischen, wie z.B. Viehzucht, wurden oft zunichte ge- macht.

Dies alles stellt jedoch nur eine grobe Gliederung von Kolonien in zwei Typen dar. Das beste Beispiel wie viele Arten von Kolonien es gab stellt das riesige British Empire dar. Es gliederte sich in das kleine Mutterland Großbritannien und Nordirland, Kronkolonien ohne Selbstverwaltung, Kronkolonien mit beschränkter Selbstverwaltung, Kolonien mit eigener, parlamentarisch kontrollierter Selbstregierung (Dominion), unzählige Protektorate, Gebiete in denen die Hoheitsrechte von Gesellschaften mit königlichem Freibrief ausgeübt wurden, wie z.B. Rhodesien, Dependenzen und Gebiete ohne Kolonialverwaltung, okkupierte Gebiete, Kondominate, d.h. von mehreren Staaten beherrschte Gebiete, das in Personalunion mit der britischen Krone regierte Kaiserreich Indien sowie sonstige Pachtgebiete.

Als Beispiel für ein Verwaltungssystem in Kolonien soll uns das deutsche Verwaltungssystem in DSWA dienen, welches zahlreiche Besonderheiten aufweist. Die zivile Verwaltung entwickelte sich zunächst aus dem militärisch-strategischen Stationssystem.

Hierzu müssen wir erst einmal einen Blick auf das deutsche Militär in den Kolonien werfen. Dem Deutschen Reich ist es nie gelungen eine reguläre Kolonialarmee zu bilden, wie es z.B. die Briten taten, was politische, finanzielle und militärische Gründe hatte. Der koloniale Streubesitz eignete sich einfach nicht für die Durchführung größerer Operationen.

Die Verwendung von Kolonien als Rekrutierungsgebiete wurde durch die ablehnende und unloyale Haltung der Bevölkerung unmöglich gemacht.

Man schuf deswegen relativ kleine Schutztruppen, dessen Offizierskorps ein Sammelbecken für in Deutschland nicht mehr tragbare Militärs war. Die Schutztruppe war ebenfalls eine Brutstätte von nationalistischem Gedankengut. Diejenigen Einheimischen, die in den Schutz- und Polizeitruppen dienten, erhielten Privilegien und bessere Verdienstmöglichkeiten als ihre Mitmenschen. Durch spezielle Ausbildungsmaßnahmen erzog man sie zu wirksamen Werkzeugen der Kolonialmacht.

Aus Etatgründen wurden in den ersten Jahren die Bezirks- und Distriktämter in DSWA mit Berufssoldaten besetzt und auch der Gouverneur in DSWA, Major Leutwein, war ein hochrangiger Soldat. Zivile Beamte waren eine Seltenheit. Diejenigen Teile der Truppe, die verwaltungstechnische Aufgaben hatten, wurden schlichtweg als Distrikttruppe bezeichnet. Erst 1897 besetzte man die Bezirksämter mit fach- lich vorgebildeten Beamten.

Die anfängliche Verbindung von Militär- und Zivilverwaltung verlieh Major Leutwein eine Schlüsselstel- lung. Die von ihm geschaffene Verwaltung spiegelt deutlich den deutschen Militarismus wieder, den man auch in deutschen Ämtern fand und wurde so als ein Erfolg in der deutschen Kolonialpolitik gewürdigt. Eine weitere Besonderheit war die deutsche Justiz in den Kolonien. Diese war dreigeteilt. Erstens in die Ge- richtsbarkeit für Weiße, zweitens in die Militärgerichtsbarkeit und drittens in die Gerichtsbarkeit für Schwar- ze.

Besonders der letzte Punkt verdient unsere Aufmerksamkeit. Brutale Strafmassnahmen und Repressalien gegen die Bevölkerung waren an der Tagesordnung. In den Anfangsjahren lag die Gerichtsbarkeit oft bei der Zivil-/Militärverwaltung und deren Beamten, so dass es zu willkürlichen Urteilen ohne Untersuchungen kam. Grundsätzlich galt das Prinzip der Minderwertigkeit der farbigen Rassen gegenüber den Weißen. Die Trennung von Justiz und Verwaltung erfolgte in DSWA z.B. erst 1897 und erst 1903 wurden die dortigen Gerichte mit kaiserlichen Richtern besetzt. 1898 schuf man eine Staatsanwaltschaft. Den Afrikanern räumte während der gesamten deutschen Herrschaft keiner ein Recht auf juristische Selbst- verteidigung ein.

Damit wären wir bei einem weiteren wichtigen Punkt, nämlich dem der Stellung der Eingeborenen in den Kolonialsystemen. Hierbei reicht die Spanne der verschiedenen Modelle vom portugiesischen assimilado über das französische Ideal der identité, welches bestrebt war, aus den Einheimischen französische Staats- bürger zu machen, bis hin zur britischen Rücksicht auf Bräuche und Traditionen sofern sie den Frieden und den Handel nicht beeinträchtigten. Doch hatte diese britische Toleranz auch ihre Schattenseite, da man sie nicht aus Freundlichkeit gegenüber den Eingeborenen anwandte, sondern um sie schlichtweg von den briti- schen Traditionen fernzuhalten - kurz: man wollte die strikte Rassentrennung beibehalten.

Durch die wenigen Erziehungsanstalten der Kolonialmächte entstand eine kleine Schicht heimischer Intelle k- tueller, die später die Träger der Unabhängigkeitsbewegungen werden sollten.

Nutznießer des Imperialismus waren die einheimischen Machthaber, die mit den Kolonialmächten Schutzverträge schlossen. Sie verzichteten auf die direkte Ausübung ihrer Macht und erhielten von den Kolonia l- herren zahlreiche Privilegien und Sachgüter.

Kommen wir nun wieder zu unserem Fallbeispiel Deutschland. Über das Menschenbild welches die Deut- schen von den Einheimischen, insbesondere über die Schwarzen, hatten, habe ich bereits berichtet. Die Afrikaner wurden meist zur Zwangsarbeit eingesetzt und arbeiteten unter kümmerlichen Lohn- und Ar- beitsbedingungen. Körperliche Züchtigung, keine Gesundheitsvorsorge und die hohe Sterblichkeitsrate wa- ren nur wenige Grausamkeiten denen vor allem Plantagen-, Minen- und Eisenbahnbauarbeiter ausgesetzt waren.

Es ist erwiesen, dass sich deutsche Siedler an afrikanischen Frauen vergingen und nur selten dafür bestraft wurden. Die Frauen wehrten sich mit dem Mittel keine Kinder mehr zu bekommen, was den Nachschub an billigen Arbeitskräften ins Stocken geraten ließ.

Problematisch wirkte sich die Zwangsarbeit auch auf die traditionelle Lebensweise der Menschen aus. So musste neben der Arbeit für die Deutschen auch noch die Arbeiten innerhalb der traditionellen Dorfgemeinschaften übernommen werden. Das Problem, dass dafür oft keine Zeit mehr blieb, führte zur Verödung der Ackerflächen und zu einem Mangel an Lebensmitteln.

Die Afrikaner versuchten sich gegen die Repressalien mit primitiven Mitteln zu wehren, wie z.B. durch Flucht, Geheimsprachen u.v.a.

Die hieraus resultierenden Widerstandsbewegungen sollen Teil des Themenkomplexes 2.2. sein.

2.1.12. Imperialismus und Erster Weltkrieg

Die Welt befand sich im Jahre 1912 auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Kolonialisierung. ¼ der Erdober- fläche standen zu diesem Zeitpunkt unter britischer, 1/6 unter russischer, 1/8 unter französischer und fast 1/20 unter deutscher Herrschaft. Die Welt war also fast aufgeteilt. Der Wettlauf der europäischen Staaten um die Kolonien hatte viele Momente der Bedrohung und Unsicherheit in die internationalen Beziehungen ge- bracht. Die klassischen Machtgegensätze hatten sich mit den neuen schwer kontrollierbaren imperialistischen Zielsetzungen verbunden, womit sich die politischen Reibungsflächen in die ganze Welt vergrößerten und koloniale Konflikte so rückwirkend auf das europäische Machtsystem wirkten. Der hektische Konkurrenz- kampf fand seinen Ausdruck im Wettrüsten und in einer Reihe von Krisen, die dann direkt in den Welten- brand von 1914 mündeten.

Die letzten nennenswerten Ereignisse im Hinblick auf die Kolonien vor dem Ersten Weltkrieg war der italie- nisch-türkische Krieg 1911/12 bei dem Italien nach einer Absprache mit Frankreich das osmanische Libyen eroberte. Daneben eroberte man den Dodekanes, eine türkische Inselgruppe in der Ägäis. Nach dem Frie densschluss wurde der Zerfall des osmanischen Reiches manifestiert, da das Osmanische Reich beide Gebiete an Italien verlor. Für Italien war dieser Sieg ein weiterer Schritt in Richtung Beherrschung des Mittelmeerraums und er heizte die dortige nationalistische Stimmung weiter an.

Nachdem im Nahen Ostenölvorkommen entdeckt wurden, schauten besonders Großbritannien und Frankreich interessiert auf die dortigen Gebiete. In einem Geheimabkommen mit dem Sherifen von Mekka versprach Großbritannien die Wiedererrichtung des Kalifenreiches für den Fall, dass sich die arabischen Teile des osmanischen Reiches im Falle eines britisch-deutschen Krieges (die Türken waren mit dem Deutschen Reich verbündet) gegen die osmanische Herrschaft auflehnen sollten.

Die erhöhte Kriegsgefahr im Zeitalter des Imperialismus machte erhöhte Rüstungsanstrengungen für alle Staaten zur Pflicht. Dass dabei insbesondere das Deutsche Reich die Rolle des Säbelrasslers erhielt, ist dem dortigen Militarismus zu verdanken. In Wahrheit waren die anderen Staaten, was die Rüstung betraf, jedoch auch nicht besser. Fakt war, dass das Deutsche Reich die am besten ausgerüstete und vor allen Dingen aus- gebildete Armee seiner Zeit besaß. Aussagen des deutschen Kaisers wie die zur Haager Friedenskonferenz („In meiner Praxis werde ich mich für später aber nur auf Gott und mein scharfes Schwert verlassen und berufen! Und Sch... auf die ganzen Beschlüsse!“) förderten das Image vom kriegslüsternen Reich in Europas Mitte nur.

In Sachen Flotte war trotz vergeblicher deutscher Anstrengungen Großbritannien die Nummer 1. In den Jahren vor 1914 hatten die europäischen Militärs zahlreiche Aufmarschpläne für die verschiedensten Kriegsfälle entwickelt und alles wartete eigentlich nur noch auf deren Einsatz. In allen Staaten hatten die Militärs auch immer stärkeren Einfluss auf die Politik genommen und waren desöfteren mit Präventivkriegsplänen vorgeprescht, die jedoch meist fallengelassen wurden.

Neben der militärischen Aufrüstung war es in den meisten Staaten auch zu einer psychologischen Aufrüstung durch nationale Gruppen und Verbände und eine chauvinistische Presse gekommen, die den Krieg und die Gewalt als die eigentlichen Mittel der Politik verherrlichten. Überall fanden sich Motive für nationalistisch und imperialistische Tendenzen: Revanchegeist in Frankreich, Konkurrenzneid in England, Irredenta in Italien, Panslawismus in Russland und schließlich der deutsche Platz an der Sonne. Die Stimmen der Vernunft verhallten zunehmend ungehört. Egalisierung, Solidarisierung und Aktivierung waren die drei Dinge die der Nationalismus in den Nationen bewirkte. Alle Angehörigen einer Nation waren gleich, egal welcher politischen Gruppierung oder Minderheit sie angehörten. Alle waren solidarisch zueinander, man fühlte sich als „Wir-Gruppe“, was auch eine gewisse Unfähigkeit des Volkes sich zu emanzipieren erforderte. Jeder Angehörige einer Nation sollte an deren Schicksal auch tätig Anteil nehmen.

Neben den Kolonien war und blieb der Balkan der Krisenherd in Europa. Hier herrschte ein kleinstaatlicher Imperialismus jahrhundertelang unterdrückter Völker, der vom machtpolitischen Imperialismus Russlands und dem wirtschaftlichen Imperialismusösterreich-Ungarns und des Deutschen Reiches überschattet wurde. Nur das Eingreifen Deutschlands und Englands hatte bis 1914 einen bewaffneten Konflikt zwischenösterreich-Ungarn und Russland wegen Serbien verhindert.

In den Jahren vor 1914 hatte Europa noch einmal kräftig aufgerüstet. Der Funke, der das Pulverfass Balkan schließlich zur Explosion brachte war das Attentat von Sarajevo und die gescheiterten Bemühungen die darauf folgende Julikrise diplomatisch beizulegen.

Der nun entbrannte Krieg sollte entgegen aller Erwartungen 4 Jahre lang dauern und das Gesicht der Welt erneut verändern. Der Krieg erreichte bisher ungekannte Dimensionen. Die anfängliche Kriegsbegeisterung wich bald Ernüchterung und Verbitterung. Das Jahr 1917 markierte schließlich die Wende. Aus dem zaristi- schen Russland wurde Sowjetrussland und mit der USA trat eine neue Großmacht in dem Krieg auf den Plan. Die Mittelmächte Deutschland,österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich waren den Alliierten vor allem durch Probleme im Innern nicht mehr gewachsen. Überall brachen Revolutionen los. Im November 1918 wurde das Deutsche Reich zur Republik genau wie die uralte Donaumonarchie. Der Krieg war für die Mittelmächte verloren.

Im Versailler Vertrag wurde die Verstümmelung des Deutschen Reiches undösterreichs beschlossen. Ein unbeschreiblicher Hass schlug den Mittelmächten von Seiten der Alliierten entgegen. Im Osten wurden zahlreiche Völker in die Unabhängigkeit entlassen - die Tage der Vielvölkerstaaten schienen vorerst gezählt. Wie wirkte sich der Krieg nun auf die Kolonien aus?

Insbesondere die Kriegsziele Großbritanniens und Japans richteten sich auf die wenigen Deutschen Kolo- nien. Die deutsche Armeeführung hoffte nun, dass sich ihre jahrelange Flotten- und Weltpolitik lohnen wür- de. Doch bis auf die U-Bootwaffe erwies sich die deutsche Flotte als kaum wirksam gegen die Flotten der Alliierten. Die deutsche Nordseeflotte wurde in den vier Kriegsjahren weitestgehend zurückgehalten, da das Risiko eine Entscheidungsseeschlacht gegen Großbritannien zu führen einfach zu groß war. Erfolgreich war in den ersten Kriegsmonaten das in Tsingtau stationierte deutsche ostasiatische Kreuzergeschwader, das am 08.12.1914 jedoch vor den Falklandinseln von den Briten versenkt wurde. So musste die deutsche Armeeführung eingestehen, dass es ihnen trotz ihrer jahrelangen Flotten- und Weltpolitik unmöglich war den Feind zur See entschieden zu schwächen.

Auch die deutschen Kolonien erwiesen sich als kaum haltbar. Bereits am 26.08.1914 kapitulierte die deutsche Schutztruppe in Togo angesichts der übermächtigen Briten und Franzosen. Franzosen und Briten teilten das Land daraufhin auf und erhielten 1922 ein Völkerbundsmandat (Der Völkerbund stellte eine auf Initiative des damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson errichtete Vorläuferorganisation der heutigen UN dar) über das Gebiet zugesprochen.

Auch in Kamerun konnte die Entente Erfolge verbuchen, doch konnten sich Teile der dortigen Schutztruppen im Landesinneren bis Februar 1916 halten. Die Reste der Schutztruppe flohen ins benachbarte spanische Rio-Muni, wo sie unter spanischen Schutz gestellt und entwaffnet wurden. Kamerun wurde Mandatsgebiet des Völkerbundes. Die Verwaltung von 4/5 des Landes fiel den Franzosen zu, das andere Fünftel ging an Großbritannien.

Im Frühjahr 1915 fiel auch in Deutsch-Südwestafrika eine Interventionsarmee aus Buren und Briten ein.

Aufgrund ihrer zehnfachen Übermacht gegenüber den deutschen Schutztruppen musste die deutsche Kolonie am 06.06.1915 kapitulieren.

Auch DSWA kam mit dem Versailler Vertrag über ein Mandat des Völkerbundes unter die Verwaltung der Südafrikanischen Union (Britisches Dominion).

Insbesondere in Deutsch-Ostafrika war der deutsche Widerstand erfolgreich. Die dortigen Schutztruppen wurden nämlich durch schwarze Askarikrieger und Träger verstärkt. In der Schlacht bei Tanga vom 02. bis zum 05.11.1914 konnte die deutsche Afrikatruppe unter General Lettow-Vorbeck ein britisch-indisches Expeditionskorps schlagen. Nach dem Einmarsch britischer Truppen 1916 zog sich die deutsche Schutztruppe in den Süden des Landes zurück, von wo aus sie einen äußerst wirksamen Guerillakrieg gegen die Briten führte. Bisweilen wich die deutsche Schutztruppe auch ins portugiesische Mosambik aus.

Erst am 14.11.1918 unterzeichnete man einen Waffenstillstand. Lettow-Vorbeck war es durch seine erfolgreichen Aktionen gelungen eine Kapitulation bis 1918 zu vermeiden.

Trotz des deutschen Erfolges wurde ein Großteil des Landes unter britische Verwaltung gestellt. Der andere Teil kam als Ruanda-Urundi unter die Mandatsherrschaft Belgiens. Beides geschah wieder im Auftrag des Völkerbundes. Von den Deutschen wurde besonders dieser Akt als große Ungerechtigkeit aufgenommen. Auch die deutschen Kolonien im Pazifik und in Asien wurden bald von den Briten und den Japanern einge- nommen.

Hierbei verdient besonders das deutsche Pachtgebiet Kiautschou unsere Anerkennung. Von August bis November 1914 konnten die deutschen Truppen und die deutsche Marine sowie einösterreichischer Kreuzer das Pachtgebiet halten. Auch ein deutscher Kampfflieger leistete mit einem Flugzeug erbitterten Widerstand gegen die britisch-japanische Belagerung zur See und zu Land. Trotz mehrerer Landungsversuche und Sturmangriffe sowie Dauerbeschuss gelang es den Alliierten erst im November die Kapitulation zu erzwingen, da den deutschen Truppen die Munition ausgegangen war. 4.800 Deutsche hatten die Stadt gegen die Übermacht von 65.000 Mann tapfer verteidigt.

Im Versailler Vertrag wurde das Deutsche Pachtgebiet zunächst Japan zugesprochen, was den Protest Chinas auslöste. Daraufhin wurde das Gebiet 1922 an China zurückgegeben.

Im Pazifik fielen die deutschen Schutzgebiete Deutsch-Neuguinea und Samoa in die Hände der Alliierten.

Samoa kam unter die Verwaltung des britischen Neuseelands und Deutsch-Neuguinea wurde zwischen Japan und dem britischen Australien aufgeteilt.

Doch der japanische Expansionsdrang war noch lange nicht gestillt. Man nutzte den Kriegszustand und errichtete faktisch ein Protektorat über China, das seit 1912/13 zur Republik geworden war. Aufgrund von britischen Protesten zog Japan jedoch die Kontrolle über Chinas Regierung zurück, die besetzen Gebiete, allen voran die Provinz Shantung, behielt man.

Nun müssen wir noch auf das bereits angesprochene Engagement der Briten im Nahen Osten zu sprechen kommen. Den Verträgen mit England entsprechend begannen 1916 in den arabischen Teilen des osmani- schen Reiches die Araberaufstände. Maßgeblichen Anteil daran hatte der legendäre britische Geheimagent „Lawrence von Arabien“, der das taktische Konzept für die Aufstände, die von britischen Truppen unter- stützt wurden, ausarbeitete.

Im geheimen Sykes-Picot-Abkommen grenzten Frankreich und Großbritannien bereits ihre Interessenssphären im Nahen Osten ab. Man strebte also die Errichtung von Kolonien auch im Nahen Osten an. Ganz besonders hinterhältig war, dass man den einheimischen Machthabern die Unabhängigkeit in Aussicht stellte. So proklamierte der Hedschas-König Husain Ibn Ali im Dezember 1916 das unabhängige Königreich Hedschas mit der Hauptstadt Mekka (später Saudi-Arabien).

Lange Rede kurzer Sinn: Bis 1918 gelang es den arabisch-britischen Truppen zahlreiche osmanische Gebiete und Städte zu erobern. Die türkischen Truppen wurden bei ihren oft erfolgreichen Abwehrversuchen auch von deutschen Beratern und Truppen unterstützt. Nachdem im September 1918 auch Palästina in die Hände der Briten fiel, schied das Osmanische Reich mit dem Waffenstillstand von Mudros aus dem Krieg aus. Kurz darauf erneuerten die Briten und Franzosen ihre Versprechungen, in Syrien und Mesopotamien (Irak) der Errichtung unabhängiger Regierungen zuzustimmen.

Damit soll die Betrachtung des Themas Imperialismus und Erster Weltkrieg abgeschlossen sein. Es hatte sich gezeigt, dass der Erste Weltkrieg gleichzeitig auch den Endpunkt des klassischen Imperialismus des späten 19. Jahrhunderts markierte. In den Pariser Vorortverträgen fand er seinen letzten Triumph. Die Forderungen der Siegermächte an die Verlierer waren äußerst ungerecht und meistens auch ungerechtfertigt. Der neuge- schaffene Völkerbund sollte bald zum Instrument der imperialen Politik der Großmächte werden, indem sie sich von ihm Mandate für bestimmte Gebiete, wie z.B. die deutschen Kolonien, verschafften. In den totalen Kriegsanstrengungen waren auch Bewohner der Kolonien zum Einsatz gekommen, wie z.B. Senegalesen oder Inder, was deren Selbstständigkeitsstreben gefördert hatte. Die Großmächte hatten durch ihren Bruderkrieg ihr Prestige bei den Bewohnern ihrer Kolonien gemindert. Auch die Kritiker des Imperia- lismus wurden selbstbewusster und in der neuen Sowjetunion fanden sie einen Förderer ihrer Tendenzen.

2.1.13. Die Kolonialreiche zwischen den Weltkriegen

Ich möchte in diesem Teil noch keineswegs auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker eingehen.

Vielmehr möchte ich hierbei nur auf die geringfügigen territorialen Veränderungen der Kolonialreiche zwischen den Weltkriegen eingehen, aber auch auf den faschistischen Imperialismus Italiens und Deutschlands. Im Nahen Osten bedienten sich Frankreich und Großbritannien erneut dem Mittel des Völkerbundsmandats um dort ihre Vormacht zu festigen.

Frankreich erhielt 1920 ein Mandat über Syrien und den Libanon, Großbritannien das Mandat über den Irak, Transjordanien und Palästina. Das Vereinigte Königreich von Syrien unter König Faisal wurde von Frank- reich aufgelöst. Faisal, ein alter Parteigänger der Briten, ging daraufhin in den Irak, um dort König zu wer- den. Die Franzosen und Briten wandten nun ein geschicktes System an. Soweit ihre wirtschaftlichen Interes- sen nicht gefährdet waren ließen sie die neuen einheimischen Machthaber gewähren. Dabei schlossen sie mit ihnen Schutz- und Wirtschaftsverträge wie z.B. im Irak. In Palästina übernahmen die Briten jedoch alle legislative und administrative Gewalt und ignorierten die Wünsche der Palästinenser nach Selbstbestim- mung. Ein weiteres Ziel der Briten war die Errichtung einer Heimstätte für die Juden. In Persien zog man zwar die britischen Truppen ab, dennoch besaßen die Briten Zugriff auf die dortigenölquellen. Alles in allem besaßen also die Briten und Franzosen die Gewalt über den Nahen Osten und die dortigenölvorkommen. Diese Herrschaft geschah unter dem Deckmantel des Völkerbundes und basierte auf größtmöglicher Toleranz die einheimischen Machthaber betreffend. Auch Ägypten wurde 1922 unabhängiges Königreich, stand jedoch weiterhin unter maßgeblichem britischem Einfluss.

Ansonsten veränderten sich die Kolonialreiche kaum. Auf die imperialistischen Bestrebungen der USA in Südamerika bin ich bereits eingegangen.

Einen Aufschwung erlebte der Imperialismus mit dem Aufstieg der Faschisten in Italien und in Deutschland. Auch in Japan konnte man ab etwa 1930 wieder eine verstärkte imperialistische Aktivität verzeichnen. Die deutsche Außenpolitik Hitlers kann ganz klar als Imperialismus in Reinkultur gesehen werden und ins- besondere seine Ziele von der Schaffung von Lebensraum im Osten, doch soll uns diese Politik hier weniger interessieren.

1931 errichtete Japan ein Protektorat über die Mandschurei, womit man eine weitere Schwächung Chinas verfolgte, in welchem eine Machtübernahme der Kommunisten unmittelbar bevor zu stehen schien. 1935 kam es dann zur Abessinienkrise. Italiens Duce Mussolini ließ ungeachtet internationaler Proteste das Kaiserreich Äthiopien besetzen. Die Äthiopier hatten keine Chance gegen die Übermacht Italiens. Mussolini schlachtete den Sieg zu Propagandazwecken aus und verkündete das Wiederstehen des Römischen Imperiums. Der Duce verfolgte mit seiner imperialistischen Politik die Herrschaft über das adriatische Meer („Mare Nostro“) und die Vergrößerung des italienischen Kolonialreiches in Afrika. Zur Machtergreifung Mussolinis hatte im Wesentlichen auch das Schlagwort vom verlorenen Sieg beigetragen. Das bedeutete, dass sich viele Italiener von den ehemaligen Verbündeten im Ersten Weltkrieg betrogen fühlten, da Italien entgegen britisch-französischer Versprechungen nur kleine Gebietsgewinne verzeichnen konnte. Die italienischen Kolonien sollten dem Autarkiestreben Italiens dienlich sein. Man wollte die Wirtschaft Italiens von der anderer Mächte unabhängig machen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den italienischen Kolonien waren alles andere als gut. Einzig und allein die vielen italienischen Siedler, die Mussolini nach Afrika bringen ließ genossen weitreichende Privilegien. Bald schon zeigte sich wieder, dass die Kolonien keinen großen wirtschaftlichen Nutzen mit sich brachten.

Kurz vor Kriegsausbruch 1939 ließ man zudem Albanien besetzen. Die Mächte Großbritannien, USA und Frankreich schauten der Ausbreitung und Expansion der faschistischen Staaten Deutschland und Italien bis 1939 tatenlos zu. Erst der deutsche Griff nach Polen führt zum bewaffneten Konflikt. Der Zweite Weltkrieg war entbrannt.

2.2. Zweiter Themenkomplex: Dekolonisation

2.2.1. Die Fehler der Kolonialmächte

Ich denke, dass ich hierzu nicht mehr viel sagen brauche. Meine Ausführungen über die Stellung der Urbevölkerung in den Gebieten und deren Verwaltungssystemen in den Punkten 2.1.7., 2.1.10. und 2.1.11. dürften die Schwächen der Kolonialsysteme deutlich gemacht haben.

Die Kolonialmächte verwehrten den Einheimischen ein Mindestmaß an Autonomie und politischer Mitbestimmung. In vielen Kolonien herrschte eine Zweiklassenjustiz oder gar keine Gerechtigkeit für die „niederen Rassen“. Zwangsarbeit, Folterung und Ausbeutung sind weitere wichtige Schlagworte. Zudem erkannten die Einheimischen immer stärker die Unfähigkeit der Kolonialherren die Wirtschaft ihrer Staaten, wie wir heute sagen würden, „nachhaltig“ anzukurbeln.

Den Einheimischen wurde zudem bewusst, dass die Kolonialherren sie ihrer Kultur und immeröfter ihrer Lebensbedingungen beraubt hatten. Die positiven Dinge wie z.B. die Schulbildung, standen in keinerlei Re- lation zu den Repressalien und anderen negativen Folgen der Kolonialherrschaft unter denen die Menschen zu leiden hatten.

So kam es dann schließlich zu Aufständen und dann zu Unabhängigkeitsbestrebungen, auf die ich im folgenden Themenkomplex genauer eingehen möchte.

2.2.2. Vorboten der Unabhängigkeitsbewegungen

Der Weg aus der kolonialen Abhängigkeit war im Zeitalter des Imperialismus noch nicht abzusehen, da Ansätze zu einer antikolonialen Solidarität sowohl in den Kolonien und auch von außerhalb her nicht vorhanden waren. Das hatte natürlich seinen Hauptgrund in der Tatsache, dass sich die Menschen in den kolonialen Räumen ihres politischen, wirtschaftlichen und natürlich gesellschaftlichen Zustandes nicht bewusst waren. Die Leute mussten zunächst aus ihrer Isolierung herauskommen und den Dialog mit der Welt und mit Gleichgesinnten suchen. Doch im Zeitalter des Imperialismus fehlten die dazu notwendigen Foren wie z.B. der Völkerbund. Die ersten panafrikanischen, panasiatischen und panarabischen Bewegungen verfehlten ihre Wirkung aufgrund ihrer Schwäche gegenüber den Kolonialmächten.

Erst der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart 1907 und der Weltrassenkongress in London 1911 brachten die Probleme des Kolonialsystems teilweise an dieöffentlichkeit. Bei letzterem waren neben 22 Regierungen auch Vertreter aus den Kolonien vertreten. Obwohl beide Kongresse keine konkreten Maßnahmen zur Folge hatten, so waren sie doch ein erster Impuls für eine antikoloniale Solidarität. Ich hatte eben festgestellt, dass sich viele Bewohner der Kolonien ihrer Lage nicht richtig bewusst waren. Wieso kam es dann zu zahlreichen Aufständen? Natürlich waren die Menschen nicht so dumm, dass sie z.B. nicht merkten, dass man sie ausbeutete oder folterte. Ich meine vielmehr, dass sie ihre Lage nicht tiefgründig genug sahen, so dass sie auch nicht darüber nachdachten, dass sie in der Welt viele Leidensgenossen besaßen. Die vielen Aufstände waren schließlich nur Verzweiflungstaten und bis auf wenige Ausnahmen keine durchorganisierten Widerstandsbewegungen. Zudem waren es gewaltsame Lösungen und somit nicht die intelligenteste Lösung. Rebellionen und Aufstände gab es in der Kolonialgeschichte unzählige. Waren schließlich weite Bevölke- rungskreise daran beteiligt so wurden aus den Aufständen Kolonialkriege, wie z.B. in Algerien 1830 wo Abd-al-Kader den heiligen Krieg gegen Frankreich ausrief, genauso wie im Krieg des Mahdi im Sudan ge- gen Großbritannien.

Als prägnante Beispiele sollen noch einmal die deutschen Kolonie n herhalten.

Bekanntestes Beispiel ist hier der Hereroaufstand von 1904, der im Deutschen Reich den Stellenwert eines Krieges erhielt. Die beiden verfeindeten Stämme der Herero und Hottentotten hatten 1892 Frieden miteinander geschlossen, womit die Rolle Deutschlands als der des lachenden Dritten vorüber war.

An der Spitze der Aufständischen Herero standen Samuel Maharero, Sohn des Hererooberhäuptlings und Hendrik Witbooi, ein Häuptling der Hottentotten. Eine Kontaktaufnahme zwischen beiden scheiterte kurz vor den Aufständen, so dass beide unabhängig voneinander losschlugen.

Anlass für den Aufstand war vor allem die Enteignung der afrikanischen Viehzüchter durch deutsche Kolonisten gewesen, die den Afrikanern so ihre Lebensgrundlage weggenommen hatten. Maharero wandte sich in einem Aufruf nur gegen die Deutschen und nicht gegen Buren und Briten, womit man also nicht von einem Rassenkrieg sprechen kann. Innerhalb weniger Wochen weitete sich der Aufstand aus, so dass die Herero ihr Vieh und ihr Land zurückerobern konnten. 120 weiße Siedler und deutsche Soldaten fanden den Tod. Doch anstatt weiterzukämpfen begnügten sich die Herero mit dem Erreichten, was den Deutschen die Gelegenheit gab ihre Kräfte zu sammeln und zu verstärken.

Unter dem neuen deutschen Befehlshaber Generalleutnant von Trotha setzte man im August 1904 zum Ge- genschlag an. Man wollte den Stamm der Herero ausrotten und hatte dazu eine Vernichtungsstrategie erar- beitet. In der Schlacht bei Waterberg konnte man zahlreiche Hererokrieger schlagen. Die restlichen Krieger wurden planmäßig in die Omaheke- und Kalahariwüste getrieben, wo viele von ihnen umkamen. Doch es stellte sich heraus, dass die Vernichtungsstrategie gescheitert war, weswegen man sich auf Initiative des Reichskanzlers und des Kaisers für ein Ende des Vernichtungsfeldzuges entschied. Die verbliebenen Herero steckte man nun in Konzentrationslager, wo wieder viele aufgrund von schwerster Zwangsarbeit und schlechten Lebensbedingungen umkamen. Im August 1906 wurden die Lager aufgelöst und die Hereros als „Sklaven“ an die Siedler verteilt. Bei einer Volkszählung von 1911 offenbarte sich, dass von vormals 80.000 Herero noch ca. 15.000 lebten.

Ein zweites prägnantes Beispiel, diesmal aus dem Raum Asien, genauer aus China, soll der Boxeraufstand von 1900 sein.

Bereits in früherer Zeit hatte sich in China der Geheimbund der Faustkämpfer für Rechtlichkeit und Eintracht gebildet, die man bei den Kolonialmächten spöttisch als Boxer bezeichnete. Die Boxer richteten sich mit ihren Forderungen zunächst gegen das chinesische Herrscherhaus, in dem Kaiserin Tz’u-hsi sich gegen in- nenpolitische Reformen im chinesischen Reich wehrte. Des Weiteren verlor die Zentralgewalt in China im- mer weitere Kompetenzen an die Provinzgouverneure. Die nördlichen Regionen Chinas tendierten zu Russ- land, die südlichen eher zu den westlichen Kolonialmächten. Durch die Opiumkriege und durch den chine- sisch-japanischen Krieg kam es, dass sich der Unmut der Boxer immer stärker gegen die ausländischen Fremdherrscher und christliche Missionare richtete. Als der Aufstand Peking erreichte, wurden in China stationierte westliche Truppen zum Schutz westlicher Staatsbürger entsendet, die von der chinesischen Ar- mee bekämpft wurden. Seinen Höhepunkt fand der Aufstand im Juni/Juli als die Rebellen das Pekinger Ge- sandtschaftsviertel belagerten, wobei am 5.7. der deutsche Geschäftsträger ermordet wurde. Die Westmächte entschlossen sich ein riesiges Expeditionskorps unter der Führung des preußischen Generalfeldmarschalls Waldersee zu bilden. An ihm waren Truppen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Japan, Russland,österreich - Ungarn und den USA beteiligt.

Anlässlich der Verabschiedung der deutschen Truppen verlas der deutsche Kaiser seine berühmte Hunnenre- de. Darin ließ er verlautbaren, dass es die deutschen Truppen dem Hunnenkönig Etzel gleichmachen und sich so einen Namen machen sollten. „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht!“, waren klare Worte, genauso wie „...möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur Scheel anzusehen!“ Das Problem dieser Rede war, dass dabei unzählige Journalisten zugegen waren, die diesen neuerlichen Fehltritt des Kaisers überall in der Welt verbreiteten. Zwei völlig falsche Vorstellungen wurden durch diese Rede geschaffen. Erstens, dass die Deutschen mit den Hunnen verwandt seien und zweitens, dass Wilhelm II. ein herzloser Aggressor war und nicht nur ein Säbelrassler, dessen Lieblingskind die Armee war. Die restliche Geschichte des Aufstandes ist schnell erzählt. Das Expeditionskorps besetzte im August Pe- king, so dass die chinesische Kaiserin fliehen musste. China hatte Unsummen von Entschädigungen zu zah- len. Ausländische Truppen verblieben zum Schutz der Gesandtschaften in China.

Nicht zuletzt trugen bei allem Respekt gegenüber den unterdrückten Völkern auch Einheimische zur Etablierung der Kolonialherren bei. In der Hoffnung, sich die neuen Herrscher zunutze machen zu können, scheuten viele nicht vor einer Zusammenarbeit mit den Kolonialherren zurück. Besonders die einheimischen Machthaber, wie z.B. afrikanische Stammeshäuptlinge, waren leicht mit Alkohol, Stoffen und anderen Luxusgütern zu beeindrucken. Die meisten Eingeborenen kapitulierten vor den Kolonialmächten jedoch hauptsächlich, da sie erkannten, wie sinnlos die Wiederstandskämpfe meist waren.

2.2.3. Die Unabhängigkeitsbewegungen in der Zeit von 1914 bis 1945

Der Erste Weltkrieg stellte keinen folgenschweren Einschnitt in die Entwicklung der Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen dar. Die Ansicht des chinesischen Politikers Sun Yat-Sen, dass ein Kriegseintritt Japans auf Seiten der Mittelmächte bereits damals zum Aufstand Asiens gegen die Kolonialmächte geführt hätte muss als eine interessante Spekulation abgetan werden.

Die Kolonien wurden im Ersten Weltkrieg vom Kriegsgeschehen kaum berührt. Der Einsatz farbiger Trup- pen zeigte den Menschen in den Kolonialgebieten zwar die Zerrissenheit der weißen Welt, hatte aber sonst keine konkreten Auswirkungen. Die Kolonien mussten im Weltkrieg noch mehr als sonst als Rohstoffliefe- rant herhalten.

2.2.3.1. Fortdauer der Kolonialherrschaft nach dem Weltkrieg

Unter Punkt 2.1.13. hatte ich bereits gezeigt, dass die Friedensschlüsse von 1919 den Entkolonisierungsprozess nicht voran getrieben hatten. Vielmehr hatten sie noch eine Stärkung der britischen und französischen Kolonialmacht bewirkt, indem den beiden Kolonialmächten Völkerbundsmandate über die ehemaligen deutschen Kolonien und ehemalige Teile des Osmanischen Reiches auferlegt wurden. Diese Mandate gaben den beiden Staaten den Auftrag, die Mandatsgebiete in die Selbstständigkeit zu führen, doch bewirkten sie nur eine Stärkung der Kolonialmächte.

Im Nahen Osten entstand nur Saudi-Arabien als autonomer Staat und Ägypten wurde 1922 unabhängig. Die unumschränkte Anwesenheit der Briten in der Suezkanalzone schränkte diese jedoch erheblich ein. Neben der Kap-Kairo-Linie war es Großbritannien nun auch gelungen eine Kairo-Kalkutta-Linie zu schaf- fen.

Über die spätimperialistischen Bestrebungen Italiens und Japans hatte ich ebenfalls berichtet.

Die innere Entwicklung der Kolonialgebiete wurde durch ihre enge wirtschaftliche Bindung an ihre Mutterländer von dem damaligen Auf und Ab in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den beiden Weltkriegen bestimmt. Oftmals herrschten in ihnen einseitige Strukturen vor, weswegen z.B. die Weltwirtschaftskrise 1929 für viele Gebiete besonders schwere Folgen hatte.

Man kann aber auch nicht verschweigen, dass es auch Fortschritte gab, wie z.B. in der Landwirtschaft, der Industrie, im Verkehrs- sowie Bildungs- und Gesundheitswesen.

2.2.3.2. Aufgreifen der Probleme der abhängigen Gebiete

Obwohl der Entkolonialisierungsprozess stagnierte und die Entwicklung der wirtschaftlichen Strukturen nur langsam voranschritt, gab es erste Fortschritte in dem Prozess, die Probleme der abhängigen Gebiete zu erkennen und zu artikulieren.

Von den internationalen Organisationen hatte sich der Völkerbund als unfähig erwiesen, die koloniale Frage zu lösen. Das lag daran, dass in ihm nur die autonomen Staaten der damaligen Welt vertreten waren und diese wurden dominiert von den Großmächten. Aus dem afrikanischen oder asiatischen Raum waren nur wenige autonome Staaten vertreten, wie z.B. Liberia oder Siam.

Die beste damalige Möglichkeit, den Problemen Gehör zu verschaffen, bot die kommunistische und sozialistische Internationale sowie andere Sozialisten-/Kommunistenkongresse.

1927 wurde auf dem kommunistischen Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus eine Liga gegen Imperialismus gegründet, die die weiteren Kongressbeschlüsse durchsetzen sollte.

So anrüchig heute diese Kommunistenkongresse auch erscheinen mögen, für die noch in den Kinderschuhen steckende Unabhängigkeitsbewegung und ihre Parteien und Vereinigungen boten sie oft die einzige Möglichkeit sich international zu profilieren. Vor allem die propagandistische Wirkung dieser Kongresse auf die abhängigen Gebiete war groß.

Die sowjetische Unterstützung dieser Kongresse und Ligen war in sich widersprüchlich, da auch die Sowjetmacht insbesondere unter Stalin imperialistische Politik betrieb, wie z.B. durch die Schaffung zahlreicher Vasallenstaaten, genannt Sowjetrepubliken.

1935 führte die veränderte Weltlage zur Auflösung der Liga, da die Sowjetunion von einer antiimperialistischen zu einer antifaschistischen Politik übergegangen war. Zudem verweigerten immer mehr afrikanische und asiatische Politiker der Liga aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung die Unterstützung.

Als weitere Organisation, die der Weltöffentlichkeit die Probleme der abhängigen Gebiete näherbrachte, sind die Kirchen zu nennen. Die katholische Kirche übertrug die Missionsarbeit immer mehr an Einheimische. So setzte die erste Weihung farbiger Bischöfe 1926 ein Zeichen.

Die evangelische Kirche wendete sich den Problemen hauptsächlich über die weltweite Arbeit derökumene zu. Unbestreitbar sind die Leistungen der Kirchen in der Bildungsarbeit. Zahlreiche Träger der Unabhängigkeitsbewegungen hatten ihre Bildung durch Missionsschulen erlangt.

2.2.3.3. Großräumige antikoloniale Bewegungen Krise der Kolonialreiche

Die in Punkt 2.2.3.2. aufgezeigten Bewegungen hatten die Bevölkerung in den Kolonien so weit wie möglich über ihre Lage informiert und zudem einen gebietsübergreifenden Gedankenaustausch ermöglicht. In Asien kam es zuerst zur Bildung einer panasiatischen Bewegung. Da diese unter der Führung Japans stand verlor sie mit der spätimperialistischen japanischen Politik wieder an Schwung. Auf den beiden panasiati- schen Kongressen herrschte vornehmlich eine antieuropäische anstatt antikoloniale Tendenz. In Arabien ergriff Ägypten die Initiative zur Gründung eines panarabischen Forums, das jedoch aufgrund der unterschiedlichen Strukturen und politischen Ansichten in den einzelnen Gebieten nicht zustande kam. Einzig und allein in der Palästinafrage herrschte in den arabischen Staaten Einigkeit. So hatte Großbritannien als Mandatsmacht im Nahen Osten den Juden die Schaffung eines eigenen Staates versprochen, wozu man eine Trennung zwischen Palästina und Transjordanien, dem heutigen Kgr. Jordanien, eine Grenze zog. Die in Palästina ansässigen Araber, die Palästinenser, waren nicht damit einverstanden, dass ihr Land zur Schaffung eines Judenstaates herhalten sollte, was von den anderen arabischen Ländern anerkannt und unter- stützt wurde. Neben Ägypten wurde auch der Irak 1932 in die formelle Unabhängigkeit entlassen. In Wahr- heit hatten die Briten auf den Staat noch entscheidenden Einfluss.

In Afrika tat sich die neue panafrikanische Bewegung aufgrund der kolonialen Zerstückelung des Kontinents und fehlender Kommunikationsmöglichkeiten schwer mit ihrer Arbeit. Bestes Beispiel dafür ist die Tatsache, dass alle panafrikanischen Kongresse bis 1945 außerhalb Afrikas stattfanden.

Zu guter letzt müssen wir noch einen Blick auf die antikolonialen Parteien werfen, die sich besonders im arabischen und asiatischen Bereich gebildet hatten.

Die wichtigste dieser Parteien war unbestritten die heute staatstragende Indische Kongresspartei, die bereits 1885 in Indien entstand. Diese hatte nicht nur Auswirkungen auf den Werdegang Indiens sondern stand ständig im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, weswegen sie sich auch positiv auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der anderen Staaten auswirkte.

Ich werde auf die indische Kongresspartei und ihren bis heute unvergessenen Führer Mahatma Gandhi noch zurückkommen.

2.2.3.4. Der Zweite Weltkrieg in den Kolonien und seine Auswirkungen auf die Unabhängigkeitsbestrebungen

Ich möchte unter diesem Punkt nicht das gesamte Kriegsgeschehen in den Kolonien nachvollziehen, sondern vielmehr zeigen, dass für die weitere Entwicklung hauptsächlich die Tatsache von Bedeutung war, dass große Gebiete der Welt unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffen waren.

Hatten die Kämpfe auf afrikanischem Boden in Nordafrika, Somalia und Äthiopien außer der Wiedererric h- tung des Staates Äthiopien sonst keine politischen Konsequenzen so setzten im Nahen Osten bedeutende politische Veränderungen ein.

Die Tatsache der französischen Niederlage gegen Deutschland 1940 und die daraufhin einsetzende antifranzösische Stimmung in Syrien und im Libanon brachte beiden Staaten 1943 die Unabhängigkeit. Die zuvor einmarschierten britischen Truppen und die restlichen französischen Truppen in beiden Staaten verließen die Länder in den Folgejahren.

Dagegen komplizierte sich das Palästinaproblem durch eine verstärkte jüdische Einwanderung nach Palästi- na.

Weitaus größere Veränderungen brachte der Krieg in Südostasien mit sich. Japan hatte nach seinem Kriegseintritt auf Seiten der Achsenmächte weite Teile Südostasiens besetzt, darunter Niederländisch-Indien (Indonesien), die französische Indochinesische Union, weite Teile Chinas und das britische Birma. Nachdem Japan 1943 schwere militärische Rückschläge hinnehmen musste, änderte es seinen politischen Kurs in Sachen Imperialismus. Da man der Unterstützung der besetzten Gebiete bedurfte, förderte Japan die dortigen Unabhängigkeitsbestrebungen. So erklärte Japan den Krieg als einen Befreiungskrieg von der euro päischen Herrschaft und sprach im Folgenden die Unabhängigkeitserklärungen für Birma 1943, für Indonesien 1945 und Vietnam 1945, aus.

Die drei europäischen Kolonialmächte versuchten nach Kriegsende mehrmals mit Gewalt die Gebiete erneut zu annektieren.

Die Briten gaben ihre Bemühungen in Birma 1947 auf und die Niederlande ihre Anstrengungen in Indonesien 1949. Einzig und allein Frankreich widersetzte sich den vietnamesischen Unabhängigkeitsbestrebungen, worauf ich später noch zurückkommen möchte.

2.2.4. Der Anfang vom Ende des britischen Kolonialreiches: Indien

Die Verfahren der Entlassung der Staaten in die Unabhängigkeit spiegelte auch die grundsätzlichen Haltun- gen der Mutterländer wieder. So strebte Großbritannien den Weg der indirekten Beherrschung der Kolonien an. Man wollte zwar letztlich die Herrschaft über die Kolonien ausüben und dennoch ein hohes Maß an Selbstverwaltung durch einheimische Institutionen gewährleisten, wozu die Briten in ihren Kolonien aus der jeweiligen einheimischen Oberschicht eine Gruppe von hochqualifizierten Führungskräften heranbildeten. Im Gegensatz zu Frankreich war Großbritannien auch bereit sein Empire umzubauen wenn es denn notwen- dig wurde. Davon zeugt die Schaffung des Domnion-Status für die britischen Siedlungskolonien, was aus den Dominions gleichberechtigte Mitglieder des British Commonwealth of Nations machte. Typisch für Großbritannien ist auch der weitestgehend gewaltlos verlaufende Entkolonisierungsprozess. Nach den USA im 18. Jahrhundert musste sich keine britische Kolonie ihre Unabhängigkeit mit Waffenge- walt erkämpfen.

Indien galt aufgrund seiner reichhaltigen Ressourcen und seiner großen Bevölkerung (Absatzmarkt) als Juwel des britischen Weltreiches. Indien war ein entschiedener Pfeiler der britischen Weltmachtstellung, weswegen die britische Krone auf Indien nicht verzichten konnte. Die indische Bevölkerung stand unter der Herrschaft eines Vizekönigs, der der Stellvertreter der britischen Krone war. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte das Volk praktisch keine Mitspracherechte. Innerhalb Indiens gab es eine Vielzahl von Fürstentümern die sich untereinander oft selbst nicht einig waren.

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich Freiheitsparteien, die, im Rahmen der ab der Jahrhundert- wende bestehenden Volksvertretungen, bei derörtlichen Selbstverwaltung mitmischten und sich Gehör ver- schafften. Die bedeutendtsten Parteien waren zum Einen der bereits erwähnte hinduistische Indische Nationalkongress und zum Anderen die Moslem-Liga. Beide Parteien bildeten zunächst keine einheitliche Sc hon bald forderten die Parteien eine selbstverantwortliche indische Regierung. Ferner hatte sich eine west- lich gebildete Schicht indischer Intellektueller gebildet, die verlangten, die Macht über die Ressourcen im Land in die Hände der Inder zu legen.

Auch diejenigen Inder, die im Ersten Weltkrieg für Großbritannien in Europa, Afrika und im Nahen Osten gekämpft hatten verlangten eine Selbstverwaltung für Indien im Stile eines britischen Dominions. Die indische Befreiungsbewegung entwickelte ihre gewaltige Schlagkraft jedoch erst durch Mahatma Gandhi. Der 1869 geborene Gandhi studierte zunächst in England, lebte dann als Rechtsanwalt in Südafrika, wo er sich gegen die Apartheid wandte und entwickelte dort sein Konzept vom gewaltlosen Widerstand. Gandhi wurde, gestützt vom Apparat der Kongresspartei auf die er hohen Einfluss hatte, zum Symbol und Lenker des indischen Unabhängigkeitskampfes.

Gandhi startete offensive Aktionen gegen die britische Kolonialherrschaft die immer unter der Wahrung des Prinzips der Gewaltlosigkeit standen. Gandhi wollte die Briten mit zivilem Ungehorsam in die Knie zwin- gen, wozu man das Mittel des Boykotts anwendete. Alles was die britische Wirtschaft und Kultur aufrecht erhielt wurde boykottiert, egal ob das britische Pseudowahlen oder britische Waren und Textilien sowie Schulen und Gerichte waren.

Zu einigen Rückschlägen kam es Anfang der Zwanziger, als einige Inder doch Gewalt angewendet hatten und Gandhi für einige Zeit ins Gefängnis musste.

Nach seiner Entlassung 1924 startete Gandhi seinen zweiten „Feldzug.“ 1930 erregte er mit seinem Salz marsch gegen das britische Salzmonopol das Interesse der ganzen Welt. Nachdem die Briten versucht hatten mit Zugeständnissen die Lage zu beruhigen, arbeitete Gandhi jedoch weiterhin beharrlich an seinem Ziel. 1935 wurde es dann möglich, dass Inder in den Provinzialregierungen und Parlamenten mitarbeiten konnten. Der Zweite Weltkrieg stellte für Indien eine Unterbrechung des Entkolonialisierungsprozesses dar, als japa- nische Truppen an der Grenze zu Birma aufmarschierten und auch in Britisch-Indien zum Aufstand gegen die Briten aufriefen. Doch die Inder lehnten diesen Schritt aus Furcht vor einem zu starken Japan ab. Nach 1945 setzte Gandhi seine Arbeit fort, die dann 1947 in der Unabhängigkeit Indiens gipfelte.

Dennoch existierte weiterhin das Problem der verfeindeten Hindus und Moslems, weswegen zwei Staaten, nämlich Indien und Pakistan, geschaffen wurden. Dazu nahm man auch die räumliche Trennung in West- und Ostpakistan in Kauf. Ostpakistan erklärte sich 1971 als Bangladesh für unabhängig. Die beiden Staaten Pakistan und Indien sind bis heute aufgrund des Kaschmirgebietes in der Grenzregion verfeindet. Gandhi, der unter der Trennung der beiden Staaten litt, wurde 1948 von einem fanatischen Hindu ermordet.

2.2.5. Der Zusammenbruch des Kolonialsystems aller Kolonial- mächte und der Aufbau neuer Staaten

2.2.5.1. Süd- und Südostasien

Nachdem Birma, Indien und Pakistan 1947 ihre Unabhängigkeit erlangt hatten gesellte sich ab 1948 auch der kleine Inselstaat Ceylon, heute Sri Lanka, zu den 4 neuen Staaten.

Im Unterschied zu den anderen Staaten hatte Birma seine Loslösung von Großbritannien bekräftigt, indem es nicht dem britischen Commonwealth beitrat, das nun als ein loser Zusammenschluss der Staaten fungieren sollte, die die britische Krone symbolisch oder tatsächlich als ihr Oberhaupt anerkennen oder anerkannt ha- ben.

Nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1949 folgten auch die anderen Staaten im Umkreis der malaiischen Halbinsel (Malaysia und Singapur). Auf die zahlreichen Inselstaaten in der Region aber auch auf die zahlreichen Inselstaaten in Ozeanien möchte hier nicht genauer eingehen.

Am schwierigsten erwiesen sich die Unabhängigkeitsbestrebungen in Indochina. Die Staaten Laos und Kambodscha wurden 1949 bzw. 1953 von Frankreich unabhängig. In beiden Staaten war die Dekolonisierung weniger unblutig verlaufen als dies nun in Vietnam geschah.

Im Gegensatz zu Großbritannien betrachtete Frankreic h seine Kolonien als Teil des Mutterlandes. Mit ihrer Kolonialpolitik verfolgten die Franzosen die Schaffung vieler Frankreichs in der Welt. Deswegen wurde ihre Herrschaft genau wie in Frankreich selbst direkt ausgeübt. Eine französische Oberschicht übernahm die Verwaltung der Kolonien.

Nach der Niederlage der Japaner wollte Frankreich auf keinen Fall seine Kolonie Indochina aufgeben. Dort hatte nach dem Rückzug der Japaner die kommunistische bewaffnete Freiheitsbewegung Vie tminh unter Ho Chi Minh die unabhängige Republik Vietnam ausgerufen. Das französische Militär wollte den Vietnamesen eine Lehre erteilen und ließ die Hafenstadt Haiphong beschießen wobei 6.000 Vietnamesen starben. Die Vietminh zogen sich daraufhin in die Berge und Wälder des Landes zurück, von wo aus sie einen äußerst erfolgreichen Guerillakrieg gegen die sich wieder einnistenden Franzosen starteten. Ab 1950 konnte der Vietminh zunehmend die Oberhand gewinnen und man eroberte zahlreiche frazösische Forts. 1954 kam dann mit der Eroberung der äußerst wichtigen französischen Festung Dien Bien Phu die Wende. Für viele ist Dien Bien Phu auch heute noch der Inbegriff der Hölle und es bezeugt die Tatsache, dass die Dekolonisation nicht immer eine freudige Angelegenheit war.

Frankreich sah ein, dass man die Kolonie nicht mehr halten konnte. Auch in Laos waren Vietminhkämpfer eingefallen nachdem sie sich mit dortigen Dissidenten, die unter dem Namen Pathet Lao fungierten, vereinigt hatten um die dortige frankreichfreundliche Regierung zu stürzen, da diese Frankreich in seinem Indochina- krieg unterstützte.

Im Juni 1954 schloss man schließlich einen Waffenstillstand in dem man die Teilung Vietnams am 17. Breitengrad besiegelte. Der Vietminh und seine Verbündeten zogen sich in den Norden zurück, während die Franzosen sich mit ihren Verbündeten in den Süden zurückzogen. Die in der Genfer Indochinakonferenz beschlossene Wiedervereinigung zwei Jahre später kam nicht zustande.

Auch in Laos schwelte der Konflikt zwischen Linken Guerillas und den dem Westen treuen Gruppen weiter. Mit der Teilung Vietnams in einen kommunistischen Norden und einen westlich orientierten Süden hatte man die Saat für einen der schwersten Kriege der Nachkriegszeit gelegt: Den Vietnamkrieg. Auch in Korea hatte die Niederlage der Japaner zu einer paradoxen Situation geführt. Die UdSSR und die USA hatten nach ihrem Sieg beschlossen, Korea am 38. Breitengrad zu teilen. Ganz im Sinne der Entfrem- dung der beiden Machtblöcke und dem Beginn des Kalten Krieges förderten beide Staaten jeweils ihnen wohlgesonnene Regierungen. So kam es dann auch hier zur Teilung des Landes in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden. Diese Trennung gipfelte zunächst im Koreakrieg 1950-53 der mit einem Unentschieden endete. Seitdem stehen sich die beiden koreanischen Staaten wie einst DDR und BRD gegenüber.

2.2.5.2. Arabische Welt

Ohne großartige Probleme wurde Jordanien 1946 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen. Jordanien schloss sich der 1945 gegründeten Arabischen Liga an. Nach Ablauf des britischen Mandats über Palästina verlängerten die Briten dieses 1947 nicht mehr und übergaben das Palästinaproblem der UNO. Die UNO gestattete daraufhin die Gründung des Staates Israel, was die Konflikte zwischen den von der arabischen Liga unterstützten Palästinensern und den jüdischen Einwanderern wieder aufflammen ließ. Entgegen der von der UNO vorgesehenen Teilung des Landes Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Teil er- klärte der jüdische Nationalrat 1948 die Gründung des Staates Israel in ganz Palästina, woraufhin ein Krieg

zwischen Israel und der arabischen Liga sowie den Palästinensern entbrannte. Die Araber konnten die Gründung des Staates jedoch nicht mehr aufhalten und hatten den Krieg verloren. Die Grenzen von 1948 blieben bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967, einem weiteren arabisch-israelischen Krieg, bestehen. Bis heute sind die Probleme in Palästina nicht gelöst und das Thema ist immer noch aktuell. Neben Indochina war der Nahe Osten nun der zweite wichtige weltpolitische Krisenherd.

Auf nordafrikanischem Boden erlangte die ehemalige italienische Kolonie Lybien 1951 ebenfalls unblutig die Unabhängigkeit.

In Ägypten kam es in dieser Zeit zu sozialrevolutionären Ereignissen, die in der Gestalt des neuen ägypti schen Präsidenten Nasser Symbolkraft annahmen. Ägypten baute seine Vormachtstellung unter ihm im Nahen Osten erheblich aus. Mehrere Staatenbünde unter den arabischen Staaten, z.B. VAR (Vereinigte Arabische Republik) scheiterten, so dass die Grenzen im Nahen Osten bis heute weitestgehend gleich blieben. Ägypten erlangte eine führende Position im Kampf gegen die Reste der europäischen Kolonialherrschaft in Nordafrika. In einem bewaffneten Konflikt um den Suezkanal 1956 konnte Ägypten endlich seine Souveränität auch in der Kanalzone herstellen.

Zudem wirkte sich die französische Niederlage in Dien Bien Phu wie ein Signal auf die restlichen französi- schen Kolonien aus, sich von der Kolonialherrschaft zu befreien. So griffen nordafrikanische Rebellen 1955 französische Einrichtungen in Marokko und Algerien an, wobei 120 Franzosen starben. Frankreich führte daraufhin mehrere Strafexpeditionen durch, denen 12.000 Algerier zum Opfer fielen. 1956 wurde Marokko von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassen und ebenso die spanische Kolonie im Rifgebiet in Nordmarokko. Ebenfalls 1956 entließ Frankreich Tunesien in die Unabhängigkeit. Anders verlief die Dekolonisierung Algeriens. Algerien war bereits seit 1830 französische Kolonie und hatte, aufgrund seiner Funktion als Siedlungskolonie und seiner staatsrechtlichen Bindung an Frankreich, eine an- dere Beziehung zu seinem Mutterland als die anderen französischen Kolonien. Die französischen Kolonisten, genannt Colons, sahen die reguläre algerische Bevölkerung nicht als gleichberechtigt an, was bereits früh den algerischen Nationalismus förderte. 1954 gründeten Algerier die Untergrundarmee FLN, die durch Ter- roranschläge und einen wirksamen Guerillakrieg die französische Herrschaft schädigte. Zeitweise kämpften nun bis zu 500.000 französische Soldaten in Algerien, doch es gelang ihnen nicht die Unabhängigkeitsbewe- gung zu schlagen. 1958 putschten in Algier die französischen Generäle gegen die französische Regierung, woraufhin General Charles de Gaulle als Ministerpräsident und später als Präsident der neuen V. Republik in Frankreich eingesetzt wurde. De Gaulle erkannte bald, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war und kün- digte ein Referendum für Algerien an, welches über den Verbleib bei Frankreich oder über die Unabhängig- keit entscheiden sollte. Die Colons konnten diesen Schritt nicht fassen. Nach mehreren gescheiterten Versu- chen De Gaulle aus seinem Amt zu vertreiben, gründeten radikale und militante Kolonisten die OAS, eine Terrororganisation die sowohl gegen die französische Regierung als auch gegen die FLN vorging, doch auch sie konnte die Unabhängigkeit nicht mehr verhindern. 1962 wurde nach dem Waffenstillstand und dem Refe- rendum Algerien in die Unabhängigkeit entlassen. Die Colons und andere Franzosen in Algerien verließen das Land fast vollständig womit Algerien zahlreiche Fachkräfte verlor. Die Unabhängigkeit gestaltete sich nun nach dem verlorenen und extrem teuren Krieg als doch nicht so leicht wie angenommen, zumal es nun zu Differenzen innerhalb der FLN kam. Es kam schließlich zu einem fast 40 Jahre andauernden Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Gruppen im Land, um die Macht im Staat.

2.2.5.3. Schwarzafrika

Die Unabhängigkeitsbewegungen im Schwarzen Erdteil erreichten ihr Ziel alle verhältnismäßig spät. 1957 wurde mit Ghana das erste Land in Schwarzafrika unabhängig. Der Entkolonisierungsprozess nahm daraufhin einen recht stürmischen Verlauf. 1960 feierte man das Afrikanische Jahr mit der Unabhängigkeit von 16 Staaten, u.a. Kamerun, Kongo-Brazzaville, Gabun, Tschad, Togo, Elfenbeinküste, Nigeria usw.

In den sechziger Jahren wurden viele weitere ehemals englische und französische Gebiete in die Unabhängigkeit entlassen. Einzig und allein Portugal und Spanien widersetzten sich diesem Trend bis in die 70er Jahre hinein, doch entließen sie auch diese Gebiete schließlich und endlich, meist nach Zusammenstößen zwischen der Kolonialmacht und Guerillakämpfern, in die Unabhängigkeit.

Einen Grenzfall stellte das heutige Zimbabwe (damals Rhodesien) und das ehemalige Deutsch-Südwestafrika dar. In Rhodesien herrschte seit langem eine Minderheit aus weißen Siedlern, die versuchten, dort ein dem südafrikanischen System der Apartheid gleiches System aufzubauen, was Großbritannien jedoch nicht gestattete. So erklärte die weiße Minderheit in den 60er Jahren einseitig die Unabhängigkeit, doch der neue Staat wurde von der Weltöffentlichkeit nicht anerkannt. Nach dem Zusammenbruch der portugiesischen Herrschaft in Mosambik geriet Rhodesien in eine Lage der Isolierung weswegen sich die weiße Regierung entschloss Kontakte zu den führenden Köpfen der schwarzen Freiheitsbewegung aufzunehmen. Konsequenz daraus war die Schaffung der unabhängigen Republik Zimbabwe unter ihrem Präsident Robert Mugabe im Jahre 1980. Mugabe geriet in letzter Zeit in die Schlagzeilen als er ein gewaltsames Vorgehen der schwarzen Bevölkerung gegen weiße Großgrundbesitzer forderte.

Robert Mugabe reihte sich 1980 in die Reihe jener großen Helden und Freiheitskämpfer ein, die in den meisten afrikanischen Staaten bis heute verehrt werden. So waren dies z.B. Yomo Kenyatta für Kenia, Kwame Nkrumah für Ghana, Léopold Senghor für Senegal und Sêkou Touré für Guinea. Viele dieser Leute bestimmten als Präsident oder als Staatschef die Geschicke ihrer Länder.

1990 endete auch die Herrschaft Südafrikas über das ehemalige Deutsch-Südwestafrika, das nun als Namibia unabhängig wurde. Südafrikas Apartheidspolitik wurde von der Weltöffentlichkeit oft als Kolonialpolitik angesehen, was mit dem Ende der Apartheid in Südafrika 1994 ebenfalls vorbei ist.

2.2.6. Exkurs: Dekolonisation bis heute und die restlichen noch heute bestehenden Kolonien

Ich möchte mit diesem Teil noch aufzeigen, dass es auch heute noch Kolonien und Schutzgebiete in der Welt gibt. Der Name Kolonie ist heute nicht mehr sehr Zeitgemäß. Vielmehr sollte man wirklich von Schutzgebie- ten sprechen. Die heute noch bestehenden Schutzgebiete sind größtenteils kleine Inselstaaten und stellen die letzten Überreste der einst mächtigen Kolonialreiche dar. Die Schutzgebiete verfügen heute über eine weit- reichende Autonomie und dürfen von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen. Das Mutterland übernimmt meistens die außenpolitische Repräsentation des Landes, die Landesverteidigung und finanziert die Schutzgebiete, investiert aber auch in sie. Die meisten kleineren Schutzgebiete sind mit ihrer jetzigen Situation zufrieden, da sie genau wissen, dass es ihnen in der Unabhängigkeit nicht besser gehen würde. Viele kleine Inselstaaten wären zwar lebensfähig, doch müssten sie ohne die großzügige finanzielle Unter- stützung des Mutterlandes auskommen.

Oftmals lässt sich in den Schutzgebieten auch ein gewisser Stolz heraushören. So leben die Menschen in den Schutzgebieten in der Gewissheit etwas Besonderes zu sein, quasi einer aussterbenden Rasse anzugehören. Hätten sich die Kolonialmächte einst ihren Kolonien gegenüber so verhalten, wie es heute die Staaten gegenüber ihren Schutzgebieten tun, wer weiß wie die Welt heute aussehen würde. Ich möchte nun noch ein paar Schutzgebiete nennen. So sind dies:

... im Raum Kanada das dänische Grönland und das französische St. Pierre und Miquelon. So wäre z.B. ein unabhängiges St. Pierre und Miquelon ohne Frankreich kaum lebensfähig.

... in der Karibik die britischen Turks und Caicosinseln, Bermuda, die Kaimaninseln, die britischen Jungferninseln, Anguilla, Montserrat, das amerikanische Puerto Rico, die amerikanischen Jungferninseln, die niederländischen Antillen, das niederländische Aruba und das französische Guadeloupe sowie das französische Matinique. Alle hier aufgeführten Staaten genießen die jeweiligen Vorteile des Mutterlandes wie z.B. das Gesundheits- und Bildungswesen und die Einwohner sind bei allen Wahlen stimmberechtigt. ... in Südamerika Französisch-Guyana, die größte noch verbliebene Kolonie auf dem Festland, die heute als französische Raketenbasis eine gewisse Bekanntheit erlangt hat und die britischen Falklandinseln, die auch von Argentinien beansprucht werden (Falklandkrieg 1983)

-in den Gewässern um Südafrika die französischen Inseln Mayotte und Réunion sowie das britische St. Helena
-in Europa der britische Stützpunkt Gibraltar an der Südspitze Spaniens. Eine mögliche Rückgabe des Stützpunktes an Spanien scheint noch in weiter Ferne zu sein
-im Raum Indien nur noch das militärstrategisch wichtige britische Territorium im Indischen Ozean
-in China wurden die beiden letzten europäischen Stützpunkte, zum Einen das britische Hongkong und zum Anderen das portugiesische Macao, an China zurückgegeben
- in Ozeanien die amerikanischen Territorien Guam, Wakeinsel, Midwayinseln, Johnston-Atoll, Nördliche Marianen, amerikanisch-Samoa und die französischen Territorien Neukaledonien, Wallis und Futuna sowie Französisch-Polynesien
- die Antarktis stellt ein internationales Gebiet dar

Mit dieser Auflistung möchte ich meine Betrachtung des Themas Dekolonisation abschließen , um endlich zum letzten Themenkomplex koloniales Erbe übergehen zu können.

2.3. Dritter Themenkomplex: KOLONIALES ERBE

2.3.1. Sofortige Probleme der neuen Staaten nach der Unabhängigkeit

Die Unabhängigkeit der vielen Staaten stellte sich bald nachdem sich der Freudentaumel gelegt hatte nicht als die Lösung der vielen Probleme des Entkolonialisierungsprozesses dar. Vielmehr gesellten sich nun neue Probleme zu den altbekannten Problemen.

So war die vielgepriesene Schaffung einer Gesellschaft, in der die in den ehemaligen Kolonien verbliebenen Weißen mit den Einheimischen zusammenleben sollten, eine Illusion. In vielen neuen Staaten kam es unmit- telbar nach der Unabhängigkeit zu einem wahren Exodus der ehemaligen Kolonialisten. Unter ihnen waren viele, die den Einheimischen gar nichts getan hatten. Die Leute flohen meistens auch aus gutem Grund. Ent- gegen aller Appelle der gemäßigten Politiker entlud sich der Hass gegen die ehemalige Kolonialmacht und deren Staatsbürger in Gewaltakten und Terror. Dabei hatten viele radikale Gruppen ihre Hände im Spiel.

So hatte diese Auswanderungsbewegung zur Folge, dass viele neue Staaten oft ohne ihre ehemaligen Fachkräfte und Experten auskommen mussten, die ihnen auch nach der Unabhängigkeit noch hätten behilflich sein können, wie z.B. in Algerien. Viele ehemalige Kolonialisten hatten bei ihrer Flucht auch ihr Eigentum zerstört, damit es den neuen Machthabern nicht in die Hände fiel. So wurden viele Produktionsstätten, landwirtschaftliche Einrichtungen und anderes Kapital sinnlos zerstört.

Die Teilnahme der radikalen Gruppen an den Vertreibungsaktionen offenbarte auch wie zerrissen die vormals einheitlich auftretenden Unabhängigkeitsgruppen eigentlich waren. Diese Differenzen ergaben sich aus ethnischen und religiösen Gegensätzen, aus wirtschaftlichen und sozialen Spannungen und schließlich aus der Frage nach der Staats- und Gesellschaftsform, die den Entwicklungsprozess am ehesten vorantreiben konnte. Der gefeierten Unabhängigkeit folgte so bald Ernüchterung. Die Menschen erkannten plötzlich, dass die Unabhängigkeit nicht mit einem besseren Leben gleichbedeutend war.

Die Unabhängigkeitsbewegungen waren zwar von einem gewissen Nationalismus getragen worden, doch zum Aufbau eines Nationalstaats fehlten nun vielfach die historischen, ethnischen und kulturellen Vorraussetzungen. Für viele neue Staaten ergab sich das Problem der Zusammenfassung vieler Bevölkerungsteile. Plötzlich wurde eine Minderheit von einer staatstragenden Mehrheit beherrscht. So kam es bereits wenige Jahre nach den Unabhängigkeitsbewegungen zu Auseinandersetzungen, die die Existenz ganzer Staaten in Fragen stellte. Das ist ein Aspekt, auf den ich später noch zurückkommen werde.

Die meisten Staaten waren auch keine Demokratien im westlichen Sinn. Zwar übernahmen viele neue Staaten das System des Verfassungsstaats in Verbindung mit einer parlamentarischen Demokratie, doch entsprachen sich Regierungsform und die Verfassung in den wenigsten Fällen. Oft wurden autokratische Regime auf Basis der Verfassungen gebildet, die Verfassungen mehrmals umgeformt.

Das hatte seine Ursache auch darin, dass die Vorraussetzungen für die Demokratie in den ehemaligen Kolonien kaum vorhanden waren. Die Bevölkerung war sich ihrer staatstragenden Funktion nicht bewusst was z.T. auf den Informationsmangel und die lokalen Strukturen in den neuen Staaten zurückzuführen war und ist. Auch der Analphabetismus muss hier genannt werden. Es bildete sich zwar relativ schnell ein Parteie n- system, doch stehen diese oftmals bis heute auf wackligen Füßen.

Oft richteten sich die Parteien nur auf eine beherrschende Figur aus, die zu ihrem Symbol wurde. Daraus entwickelten sich viele Einparteiensysteme, die viele unterstützen, da man sich von ihnen stabile Verhältnisse versprach. Nicht selten waren solche Diktaturen „Erziehungsdiktaturen“ an deren Ende der Übergang zu demokratischen Verhältnissen stand. Solche Beispiele sind jedoch selten.

Die ehemaligen Kolonien waren und sind es oft heute noch, weit von einer Konsolidierung ihrer Verhältnisse entfernt, was auch die vielen Staatsstreiche und Militärputsche beweisen.

Die Unabhängigkeit brach in den 50er und 60er Jahren oftmals überraschend auf die nicht vorbereiteten Staaten und deren neuen Führungsschichten ein. Man wollte plötzlich ein modernes demokratisches System in Ländern mit oftmals veralteten Gesellschaftsstrukturen und unterentwickelten wirtschaftlichen Verhältnissen einführen, was zwangsläufig jedoch scheitern musste.

2.3.2. Die ehemaligen Kolonien als Spielball der Supermächte und Politik der Blockfreiheit

Die ehemaligen Kolonialreiche in Ostasien und Afrika wurden bald zu einem Spielball der Supermächte USA und UdSSR und den dazugehörigen Machtblöcken.

Dagegen versuchten sich viele afroasiatische Staaten zu wehren. So traten 1955 im indonesischen Bandung 29 afroasiatische Staaten zusammen, um ihre gemeinsamen Interessen zu formulieren. Bald bezeichneten sich die Staaten als blockfrei, da sie keinem der beiden Machtblöcke angehörten. 1961 kam es zum ersten Gipfeltreffen der Blockfreien. Die Blockfreien wollten nun versuchen, unabhängig zwischen den beiden Machtblöcken zu koexistieren. Der Weg der Staaten, zwischen den Blöcken hindurch wurde bald als der dritte Weg bezeichnet, woraus der Name „Dritte Welt“ entstand, der fortan als Name für die Blockfreien Verwendung fand. Da jedoch auch die Staaten der Dritten Welt in ihrer Wirtschaftskraft immer hinter den Staaten des Nordens zurückblieben, wurde der Begriff „Dritte Welt“ bald auf alle Entwicklungsländer der Welt ausgedehnt.

Dass die Drittstaaten und unter ihnen auch die blockfreien Länder bald zum Spielball der Supermächte wurden zeigen insbesondere die Kriege, die in den ehemaligen Kolonien ausgetragen wurden. In diesen Konflikten rangen die Großmächte meist im Hintergrund um größeren Einfluss in Asien, Afrika und auch in Lateinamerika. Deswegen bezeichnet man diese Kriege auch als Stellvertreterkriege. Insgesamt kam es in den Drittstaaten zwischen 1945 und 1991 zu 168 Kriegen.

Als Beispiele für Stellvertreterkriege kann man den Krieg um die Suezkanalzone 1956 sowie die Bürgerkrie- ge in Angola und Mosambik nennen. Beide Machtblöcke unterstützen die ihnen nahestehenden Gruppen meist durch Waffenlieferungen. Besonders der afrikanische Kontinent wurde mit Waffen geradezu über- schwemmt. Statt wirtschaftlicher Entwicklung bekamen die afrikanischen Völker nun Krieg, Elend und Ver- treibung zu spüren.

Doch nicht nur in Kriegen konnte man den Einfluss der Supermächte sehen, sondern es kam auch zu einem Kampf um die wirtschaftlichen Beziehungen. So war es für die Sowjetunion ein moralischer Sieg, wenn man in afrikanischen Staaten z.B. in der Landwirtschaft Traktoren aus sowjetischer Produktion verwendete. Genauso freuten sich die Amerikaner, wenn der American Way of Life und das westliche Lebensbild in den Entwicklungsländern Anhänger fand, so z.B. in Südvietnam oder im Iran.

2.3.3. Künstliche Grenzen - Neue Konflikte

Eine wesentliche Folge des Kolonialismus ist das Problem der künstlichen Grenzen. Auf dem afrikanischen Kontinent gab es und gibt es noch heute ca. 1.000 historisch gewachsene ethnische Gruppen und 750 Sprachgruppen. Die Kolonialmächte zogen nun willkürlich ihre Grenzlinien, womit man gesellschaftliche und politische Gruppen auseinander riss, aber auch zahlreiche Völker und Gruppierungen in einem Territorium zusammengepfercht wurden.

Das Problem war nun, dass man die Staaten allesamt in jenen, im 19. und frühen 20. Jahrhundert gezogenen Grenzen in die Unabhängigkeit entließ. Ich hatte eben schon erklärt, dass wegen der Völker- und Sprachenvielfalt in einigen Staaten kein einheitliches Nationalbewusstsein entstehen kann. Plötzlich wurden Mehrheiten staatstragend, die die Minderheiten, anstatt sie zu integrieren, ausgrenzten, woraus wiederum separatistische Bestrebungen in vielen Ländern entstanden.

Das hatte und hat seine Ursachen oft in dem fehlenden Verständnis der afrikanischen Völker für Toleranz und eine demokratische Gesellschaft. Doch kann man den Völkern diesen Mangel nicht übel nehmen, da sie ja nie etwas anderes gelernt hatten.

Aus diesen Problemen resultierten Gewalttaten, Terrorakte und Bürgerkriege, die vielerorts den wirtschaftlichen Aufbau verhinderten und wichtige Ressourcen zerstörten und verschwendeten. Leider sind diese Probleme bis heute oft noch nicht gelöst.

Ein weiteres Problem sind die durch willkürliche Grenzziehungen entstandenen Kleinstaaten, die aus eigner Kraft kaum lebensfähig sind, wie z.B. Gambia.

2.3.4. Wirtschaftliche undökologische Probleme infolge der Kolonialherrschaft

Ökologische Probleme und wirtschaftliche Probleme müssen hier gemeinsam betrachtet werden. Dort wo man in den Kolonien Ressourcen fand, versuchte man gut entwickelte Zentralräume zu bilden. Das heißt, wenn man z.B. in einer Region Kupfer fand, so konzentrierte man sich hauptsächlich auf einen möglichst ergiebigen Kupferabbau, ohne Rücksicht auf eine nachhaltige Entwicklung und dasökologische Gleichgewicht. Dabei gerieten andere wirtschaftliche Sektoren, die vielleicht früher einmal in dieser Region heimisch waren ins Abseits. Es entstanden also ungleiche Strukturen. Die Gefahr besteht nun bis heute, dass in solchen Regionen für die Menschen keine alternativen Wirtschaftssektoren herrschen. Stirbt wie in unserem Beispiel der Kupferabbau, so „stirbt“ auch die Region.

Diese unheilvolle Entwicklung kann man nicht nur im Rohstoffsektor beobachten, sondern auch im landwirt- schaftlichen Sektor. Die Kolonialherren zwangen die Bevölkerung devisenbringende „Cash Crops“ anzubau- en. Das waren z.B. Kakao, Kaffee oder Baumwolle. Man le gte riesige Plantagen an, was oft zur Entstehung von Monokulturen führte. Des Weiteren mussten die Anbauflächen zur Selbstversorgung den sich auswei- tenden Plantagen weichen. Die Menschen wurden so ihrer Wirtschaft der Selbstversorgung beraubt und wa- ren gezwungen in den neuen Betrieben zu arbeiten. Durch die Monokulturen geriet dasökologische Gleic h- gewicht in Gefahr, die Flora und Fauna der jeweiligen Gebiete wurde zerstört oder schwer geschädigt.

Auch nach dem Abzug der Kolonialherren blieben jene Monokulturen bestehen und den neuen Staaten fehlten die Mittel, die Strukturen wieder zum Positiven hin zu verändern.

In allen Staaten, in denen solche einseitigen Strukturen herrschen, herrscht auch eine gewisse Abhängigkeit der Staaten von einem internationalen System, das schon im Zeitalter des Imperialismus in seinen Grundzü- gen existierte. Damit ist auch gemeint, dass z.B. ein Land, in dem hauptsächlich Kakao produziert wird, ab- hängig ist vom Weltmarkt, egal ob vom Preis oder von der Nachfrage. Nicht selten sind die Haupthandels- partner vieler Staaten die ehemaligen Kolonialmächte, was nicht verwunderlich ist. In diesen Fällen von Neokolonialismus zu sprechen, wie es einige Wissenschaftler tun, ist meiner Meinung nach jedoch übertrie- ben.

Eine weitere Hinterlassenschaft der Kolonialmächte ist die in vielen Ländern herrschende Ungleichartigkeit zwischen Stadt und Land. Die Städte wurden schon zu Zeiten der Kolonialmächte auf einem möglichst mo- dernen Stand gehalten. Es entstanden vereinzelt Industrien, die nicht in die Strukturen der Länder passen. Die Städte stellen oft einen krassen Gegensatz zum Land dar und mancher Landbewohner der zum Ersten Mal in eine Stadt kommt erleidet einen Kulturschock. Ein weiteres Problem sind die Machteliten der Länder, die meist aus solchen Städten kommen und so durch ihre Ausbildung und Lebensführung dem Volk entfrem- det werden. Natürlich sind dies alles nur Einzelfälle. Ein pauschales Urteil über die Machthaber der Staaten kann man nicht fällen.

2.3.5. Belgisch - Kongo: Prägnantes Beispiel für den Kreislauf der Armut: Unabhängigkeit - Diktatur - Krieg

Ein besonders prägnantes Beispiel für den Kreislauf der Armut ist die heutige Demokratische Republik Kon- go. Dieses Land ist besonders im Zusammenhang mit der Kongokonferenz 1884/85 in diesem Referat ge- nannt worden. Damals hieß es noch Kongo-Freistaat und unterstand ab 1885 direkt dem belgischen König Leopold. Dieser sorgte zwar mit seinen Truppen dafür, dass der im Kongogebiet weit verbreitete Sklaven- handel aufhörte, doch wurden die Lebensumstände der dortigen Bewohner unter der Herrschaft des Königs kaum verbessert. Die schwarzen Arbeiter auf den Plantagen im Kongo mussten unter noch schlimmeren Arbeitsbedingungen leben als z.B. in den englischen und deutschen Kolonien.

Die königliche Kolonialverwaltung übte ein grausames Regiment aus. Wer Elfenbein und Kautschuk nicht an die Krone auslieferte, dem wurden beispielsweise die Hände abgehackt. Vor allem britische Diplomaten waren es, die diese Missstände aufdeckten und so internationale Proteste gegen den belgischen König her- vorriefen. 1908 war Leopold gezwungen seine absolute Herrschaft aufzugeben und die Kolonie dem Staat Belgien zu überschreiben. Leopolds Kommentar dazu: „Belgien - kleines Land, kleine Leute, hoffentlich werden sie es nicht versauen.“

Insbesondere während des Zweiten Weltkrieges wurde in Belgisch-Kongo die Industrialisierung vorangetrieben - ein typisches Beispiel für damaliges Fehlverhalten. Zudem errichtete man moderne Städte - aus heutiger Sicht ebenfalls ein Fehler. Zugleich wurden jedoch kaum schwarze Eliten herangebildet. 1957 wurde es den schwarzen Bewohnern von Belgisch-Kongo gestattet an den Wahlen in den Verwaltungsbezirken teilzunehmen, wo sie prompt die Mehrheit erlangten.

Nach geringfügigen Unruhen 1959 verlor die belgische Regierung den Kopf und beschloss das Land im Frühjahr 1960 in die Unabhängigkeit zu entlassen. Bereits damals warnten Experten vor diesem Schritt, da sie die dortige Bevölkerung als unreif ansahen, was stimmte. Daran hatten die Kolonialherren auch Schuld. Doch konnte man der damaligen Bevölkerung des Kongos schlecht sagen, dass sie noch ein paar Jahrzehnte warten solle.

Bei den Wahlen zur Nationalversammlung, die vor der Unabhängigkeit stattfanden, nahmen 40 Parteien teil. Die beiden wichtigsten Parteien waren die MNC (Kongolesische Nationalbewegung) unter Patrice Lumumba, ein von seinen engsten Freunden als geisteskrank eingestufter Postbeamter, der der Sowjetunion nahestand, sowie die Abako-Partei unter Joseph Kasavubu, ein Stammespolitiker aus dem Stamm der Bakongo. Beide Parteien einigten sich schließlich darauf, Kasavubu den Posten des Staatspräsidenten zu übertragen und Lumumba als Regierungschef einzusetzen.

Bereits eine Woche nach der Unabhängigkeit am 06.07.1960 kam es zur Meuterei der Armee und zu Unruhen unter den zahlreichen ethnischen Gruppen im Land. Zu allem Überfluss erklärte der Premierminister der Provinz Katanga Moise Tschombé seine Provinz für unabhängig und bat um belgische Militärhilfe. Die restlichen belgischen Truppen im Kongo wurden gegen den Willen Lumumbas durch neue verstärkt und man besetzte die wichtigsten Punkte des Landes.

Überall im Land, außer in Katanga, wurde nun gegen die Weißen vorgegangen. Weiße Offiziere in der neuen Kongoarmee wurden gefangengenommen, ihre Frauen vergewaltigt. Die belgischen Truppen im Land mach- ten sich nun daran die restlichen Europäer im Land zu evakuieren. Chaotische Szenen spielten sich im Land ab.

Das war nun der Zeitpunkt als die UNO eingriff und sich zur Entsendung von Friedenstruppen entschloss. Die belgischen Truppen mussten abziehen. Die UN-Truppen wurden im Kongo stationiert. Am 05.09. kam es zur Amtsenthebung Lumumbas durch Kasavubu. Lumumba weigerte sich sein Amt auf- zugeben und wurde so verhaftet. Der neue Oberbefehlshaber der Armee General Mobutu ließ am 14.09. ei- nen Militärputsch durchführen und übernahm in einer provisorischen Regierung die Macht. Es erfolgte die Gründung einer Gegenregierung unter dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Gizenga, die den Einmarsch Lumumbatreuer Truppen im Norden Katangas befahl, was die UN-Truppen zu verhindern suchten.

Präsident Kasavubu entließ im Dezember die provisorische Regierung Mobutu und ließ eine neue Regierung bilden. Lumumba wurde nach Katanga ausgeliefert, wo er im Februar 1961 unter ungeklärten Umständen starb. Im März entschlossen sich 18 Führer kongolesischer Gruppierungen zusammenzuarbeiten, unter ihnen auch Kasavubu, Mobutu und Tschombé, der seine Mitarbeit jedoch wenig später aufkündigte. Seine Zusage alle ausländischen Militärkräfte aus Katanga auszuweisen hielt er nicht ein, weswegen auch die UNO gegen die Provinz Katanga militärisch vorging. Man sieht wie unübersichtlich die Verhältnisse im Kongo in jener Zeit waren.

Die neue kongolesische Regierung Adoula versuchte ab 1962 gestützt von den USA und der UNO mit Tschombé zu einer Übereinkunft zu gelangen, doch alle Versuche scheiterten.

Tschombé warb weiße Söldner an, darunter Belgier, Franzosen und Südafrikaner. Im Dezember 1962 begann der Kampf um Katanga, das im Januar 1963 kapitulierte.

Vertreter Katangas wurden ab sofort in das Kabinett der Zentralregierung mit einbezogen, doch erschütterte eine Krise nach der anderen das Land, so dass Adoula zurücktrat. Nun rief man den geschlagenen Tschombé zurück in den Kongo und beauftragte ihn mit der Bildung einer neuen Regierung. Währenddessen konnten die lumumbistischen Rebellen die wichtige Stadt Stanleyville einnehmen. Im November 1964 konnten kongolesische und belgische Truppen die Stadt wieder zurückerobern. Der Bürgerkrieg hatte im Kongo begonnen. War die Bedrohung des Staates durch die Abspaltung Katangas weggefallen, so wurde der Frieden nun durch prokommunistische Rebellen des getöteten Lumumba gestört.

1965 begann dann die Diktatur Mobutus, die bis 1997 dauern sollte. Mobutu stürzte Präsident Kasavubu und die zerbrechliche Regierung Tschombés und gestaltete 1967 die Verfassung neu. Mobutu errichtete eine Einparteiendiktatur unter seiner Führung, was dem Land erstmals politische Stabilität brachte. Alle ethni- schen und separatistischen Gruppen wurden aufgelöst und das Land konsequent in einen Zentralstaat umge- baut. Mobutu führte ein Afrikanisierungsprogramm durch, so dass das Land 1971 in Zaire umbenannt wurde. Die Hauptstadt Leopoldville wurde in Kinshasa umbenannt. Zahlreiche Betriebe wurden verstaatlicht und ausländische Unternehmen enteignet. Die Hauptstütze Zaires bildete nun der Kupferexport. Als Mitte der 70er der Weltmarktpreis für Kupfer verfiel wurde die ohnehin schon schwache wirtschaftliche Situation Zaires noch schlechter.

Zwischen 1977 und 78 brachen angolanische Guerilleros in Katanga ein, um das Regime Mobutus zu stür- zen, doch wurden diese Aufstände mit internationaler Unterstützung niedergeschlagen. Trotz gewaltiger Zahlungen des IWF in den 80er Jahren kam es zu keiner Konsolidierung der Wirtschaft. Das Geld verschwand wie so oft in dunklen Kanälen. 1990 musste Mobutu die Oppositionsparteien wieder zulassen. Die Lage verschlechterte sich zunehmend und 1994 einigte man sich auf einen Übergang zur De- mokratie. Nachdem man einen Oppositionspolitiker zum Regierungschef gemacht hatte, kam es zu weiteren innenpolitischen Problemen im Land. Als Folge des Bürgerkrieges im benachbarten Ruanda befanden sich etwa 730.000 Flüchtlinge des Stammes der Hutus im Land, die für Unruhe sorgten. Mobutus Amtszeit wurde 1995 deswegen um zwei Jahre verlängert und die UNO entsandte Truppen zu den Flüchtlingslagern. Die Hutuflüchtlinge bedrohten die kongolesische Tutsiminderheit, die sich nun gegen das Regime Mobutus auf- lehnte. Bald schlossen sich auch andere unterdrückte Gruppen an und man bildete eine Befreiungsfront. Als Reaktion auf Mobutus Festhalten an der Macht ging der Bürgerkrieg zwischen den oppositionellen Re- bellen und der Regierung in eine entscheidende Phase. Im Mai 1997 nahmen die Rebellen Kinshasa ein und Laurent Desiré Kabila ernannte sich zum Präsidenten der neuen Demokratischen Republik Kongo. Doch auch Kabila ist bis heute umstritten. Unmittelbar nach seiner Selbsternennung stattete er sich ebenfalls mit weitreichenden Machtbefugnissen aus so dass der Bürgerkrieg im Kongo immer noch nicht vorbei ist. Immer noch versuchen verschiedene Rebellengruppen auch Kabila zu stürzen. Sowohl Kabilas Truppen als auch die Rebellentruppen werden von verschiedenen Staaten durch Truppen und Waffenlieferungen unter- stützt.

Meiner Meinung nach ist die Demokratische Republik Kongo das beste Beispiel für einen typischen afrika- nischen Staat, dessen Entwicklung durch Krieg und Korruption, durch ethnische Konflikte verhindert wird. In der kurzen Geschichte dieses Staates findet man die ganze Palette an Leid, die einen solchen Staat heim- suchen kann. Sie reicht von der überraschenden Unabhängigkeit, der Unfähigkeit auf demokratischem Wege eine stabile Regierung zu bilden, der Sezession einer abtrünnigen Provinz über die Einmischung des Ausla n- des aus ideologischen Gründen, die verzweifelten Versuche der UNO den Frieden zu sichern, die daraus folgende Einparteiendiktatur bis hin zu Flüchtlingselend und dem Sturz der korrupten Regierung und einem darauffolgenden neuerlichen Bürgerkrieg. Ich denke treffender als in diesem Beispiel kann man die Proble- me nicht zeigen. Man sieht auch, dass die Kolonialmacht eine große Schuld an dieser Misere trägt, indem sie den Staat unvorbereitet in die Unabhängigkeit entließ. Die Einmischung der Kolonialmacht in die inneren Angelegenheiten des Staates wird ebenso deutlich, wie auch der verzweifelte Ruf nach der ehemaligen Ko- lonialmacht in Notsituationen.

2.3.6. Das Engagement der ehemaligen Kolonialmächte zur Lösung der Probleme in den ehemaligen Kolonien

Angesichts der Tatsache, dass dieser Punkt den Rahmen dieses Referats sprengen würde, habe ich mich entschlossen ihn zu streichen. Ich möchte ersatzweise in meiner Schlussbetrachtung auf die gegenwärtigen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu den Nachfolgestaaten ihre ehemaligen Kolonien eingehen. Diese geraten insbesondere was Namibia betrifft in letzter Zeit wieder in die Schlagzeilen, was seinen Grund in den Hereroaufständen hat, doch dazu gleich mehr.

3. Schlussteil

3.1. Ergebniszusammenfassung

Nach 40 Seiten komme ich nun endlich zum Schlussteil, in welchem ich nach einer Ergebniszusammenfassung auch meine Meinung zum Thema kundtun möchte.

Zunächst möchte ich die Länge dieses Referates kommentieren. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Einen wollte ich anfangs nur den Themenkomplex Imperialismus ausführlich betrachten, musste dann jedoch auf Anraten unseres Kursleiters die beiden anderen Themenkomplexe Dekolonisation und Koloniales Erbe mit in meine Ausarbeitungen einbeziehen. Dass diese beiden Themenkomplexe im Vergleich zum Ersten ver- hältnismäßig kurz sind, liegt jedoch nicht an der Tatsache, dass ich sie als ein lästiges Anhängsel betrachte. Es liegt vielmehr daran, dass ich mich trotz meines Interesses für beide Themenkomplexe nicht annähernd so viel Informationsmaterial gefunden habe, wie zum Thema Imperialismus. Zum Thema Dekolonisation habe ich zwar jede Menge Schilderungen des Entkolonialisierungsprozesses in den verschiedensten Staaten ge- funden, doch war es nicht meine Absicht diesen ausführlich darzustellen, weswegen ich mehr auf die theore- tischen Aspekte geschaut habe, die sich hinter dem Dekolonialisierungsprozess verbergen.

Auch das Thema koloniales Erbe kann mit Sicherheit ausführlicher dargestellt werden, doch hätte dies meiner Meinung nach den Rahmen dieses Referats gesprengt.

Zur Länge des Referats ist schließlich noch zu sagen, dass wir dazu mehrere Wochen Zeit hatten. Ich weiß allerdings auch nicht wie viele Seiten die anderen Kursteilnehmer abliefern werden - vielleicht sind 40 Seiten ja gar nicht zu lang.

Damit möchte ich meinen Kommentar zum Umfang dieses Referats abschließen und einen Blick darauf wer- fen, was ich in den vergangenen Wochen formuliert habe. Ich hoffe schließlich und endlich das mir dies gelungen ist.

Im ersten Themenkomplex IMPERIALISMUS habe ich zunächst das 19. Jahrhundert bis etwa 1870 Revue passieren lassen, um dem Leser quasi eine Ausgangsposition zu verschaffen. Danach habe die konkreten Gründe für den Imperialismus versucht ausführlich darzustellen. Erst habe ich die geistigen, weltanschauli- chen und stimmungsmäßigen Triebkräfte des Imperialismus aufgeführt, um dann im nächsten Punkt auf die wirtschaftlichen Hintergründe im Zusammenhang mit der Sozialen Frage genauer einzugehen. Hierauf erfolgte dann eine Analyse des imperialistischen Zeitalters mit all seinen wichtigen Ereignissen. Angefangen bei den 1870 bestehenden Kolonialreichen, über die wichtige Kongokonferenz, kam ich endlich zum Erwerb von Schutzgebieten durch das Deutsche Reich. Hierbei bin ich ein wenig ins Detail gegangen und habe sowohl die Positionen Bismarcks zur Kolonialpolitik als auch eine Darstellung der Schutzgebiete selber mit einbezogen. Dabei dürfte auch klar geworden sein, dass der deutsche Staat nur seinen Kolonialfor- schern und -händlern gefolgt ist.

Nach einer kurzen Darstellung der imperialistischen Aktivitäten in Asien, wurde das imperialistische Engagement der Staaten Italien, USA und Japan beschrieben, um damit die drei Mächte aufzuzeigen, die einst, neben dem Deutschen Reich, begannen, aus Prestigegründen Kolonialpolitik zu betreiben. Hierauf erfolgte eine Darstellung der wilhelminischen Weltpolitik im Deutschen Reich in zwei Teilen. Dabei bin ich im Ersten Teil auch auf die Person des Kaisers sowie die gesellschaftlichen Aspekte von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus im Reich eingegangen.

Auch die beginnende Zerstörung des bismarckschen Bündnissystems gehörte genauso dazu wie die Frage, was das Deutsche Reich eigentlich mit seinen Schutzgebieten anfing.

Neben einer genaueren Darstellung der einzelnen Kolonien und ihrem „Tauglichkeitsgrad“, habe ich die Position der Missionen und der einheimischen Bevölkerung in den Kolonien analysiert.

Nach der Faschodakrise, die die vom Imperialismus ausgehende Kriegsgefahr symbolisiert, kam ich zu dem wichtigen Punkt Kritik am Imperialismus. Nach den Kritikpunkten der deutschen Parteien bin ich kurz auf die erste Imperialismustheorie Hobsons eingegangen, die ebenfalls Kritik und Lösungsvorschläge enthielt. Die anderen Imperialismustheorien, allen voran die Lenins, habe ich in dieser Hausarbeit ausgeklammert, ohne sie jedoch nicht genannt zu haben.

Im zweiten Teil meiner Darstellung der wilhelminischen Weltpolitik wurde zunächst der Bankrott der deutschen Außenpolitik und die Mitschuld des Imperialismus beispielsweise in Form der Marokkokrisen gezeigt. Im Punkt imperialer Anspruch und koloniale Wirklichkeit wurde die Sinnlosigkeit des deutschen Imperialismus deutlich, was jedoch auch stellvertretend für andere Staaten stehen kann.

Die nächste Etappe befasste sich dann mit den Typen von Kolonien und der Verwaltung der Kolonien. Hie r- bei kam sowohl das britische Commonwealth als auch die deutschen Verwaltungsmethoden am Beispiel DSWA zum tragen. Auch die Stellung der farbigen Bewohner der Kolonien wurde genauer betrachtet. Der Erste Weltkrieg bedeutete nun das Ende der Deutschen Schutzgebiete, worauf ich genauer eingegangen bin, insbesondere auch auf die Folgen des Krieges für die anderen Kolonien und das Ende des osmanischen Reiches. Hieraus resultierte dann das imperialistische Engagement der Franzosen und Briten im Nahen Osten zwischen den Weltkriegen. Ansonsten hielten sich die territorialen Veränderungen zwischen den Kriegen ja in Grenzen.

Nun konnte ich endlich zum zweiten Themenkomplex DEKOLONISATION übergehen, wobei ich die Ursa- chen hierfür kaum zu nennen brauchte und auf die vorhergegangenen Punkte verwiesen habe. Stellvertretend für die Aufstände in allen Kolonien habe ich den Hereroaufstand und den Boxeraufstand nä- her geschildert. Doch nicht nur diese Vorboten der Unabhängigkeitsbewegungen kamen in meinen Ausfüh- rungen zum Tragen sondern auch die ersten antikolonialen Kongresse und Bewegungen. In der Zeit von 1914 bis 1945 wurde die Krise der Kolonialreiche deutlich. Die Lösungsversuche der Kolo- nialmächte waren unfähig alle Probleme in den Kolonien zu beseitigen, weswegen es zu großräumigen anti- kolonialen Bewegungen kam. Insbesondere die Rolle Japans im Zweiten Weltkrie g hatte nun in Ostasien weitreichende Veränderungen mit sich gebracht.

Indien wurde dann von mir als Symbol für den Zusammenbruch des British Empire gewählt und sein Weg in die Unabhängigkeit genauer dargestellt.

Nun, da die Welle der Entkolonialisierung richtig in Gang gekommen war, endete auch die Kolonialherrschaft in den restlichen Teilen der Welt. Einzig und allein die verbliebenen Schutzgebiete, die noch heute existieren zeugen von den damaligen Weltreichen.

Damit war ich beim dritten Themenkomplex KOLONIALES ERBE angelangt, der von mir verhältnismäßig kurz abgehandelt wurde. Dennoch, so meine ich habe ich alle Probleme genannt, die aus dem imperialisti schen Zeitalter resultierten. Erst sollte klar werden, dass in vielen Staaten bald nach der Unabhängigkeit Ernüchterung eintrat, die oftmals in neuen Konflikten und Kriegen gipfelte. Das Problem, dass die ehemaligen Kolonien in Zeiten des Kalten Krieges oft als Spielball der Supermächte missbraucht wurden, habe ich genauso berücksichtigt wie die willkürliche Grenzziehung der Kolonialmächte und die hieraus resultierenden Konflikte. Auchökologische und wirtschaftliche Probleme durch die Kolonialherrschaft habe ich angesprochen, wobei beide Aspekte eng miteinander verknüpft sind.

Zum Abschluss dieses Themenkomplexes habe ich die ehemalige Kolonien Belgisch-Kongo als das meiner Meinung nach prägnanteste Beispiel für eine typische afrikanische „Karriere“ eines Staates nach der Unabhängigkeit gewählt.

Mein ursprüngliches Vorhaben an dieser Stelle noch eine genaue Darstellung des Engagements der ehemaligen Kolonialmächte in den Kolonien einzubringen habe ich fallen gelassen. In meiner jetzt folgenden Schlussbetrachtung möchte ich aber das deutsche Engagement in den Kolonien einbringen. Des Weiteren möchte ich der Frage nachgehen, ob man alleinig dem Kolonialismus die Schuld an den Problemen der Entwicklungsländer in die Schuhe schieben kann.

3.2. Schlussbetrachtung

In dieser Schlussbetrachtung möchte ich zunächst einmal sagen, dass ich beim Schreiben und vor allem bei den Recherchen zu dieser Hausarbeit wieder auf interessante Dinge gestoßen bin und dass ich meinen Horizont wieder um einiges erweitert habe. Vielen würde es schwer fallen einen Text zu dem von mir gewählten Thema zu schreiben, da Geschichte nicht jedermanns Sache ist. Doch ist dieses Referat nicht nur Geschichte und insbesondere der letzte Themenkomplex genießt eine gewisse Aktualität.

Es war schlichtweg unmöglich alles in diese Hausarbeit zu packen, was ich an Informationen, insbesondere zum Thema Imperialismus, gefunden habe, so dass ich eine Auswahl treffen und michöfters auch mal kurz fassen musste, so dass kein Platz blieb für die eine oder andere Anekdote, die man insbesondere auf den In- ternetseiten zu den deutschen Schutzgebieten finden kann. Militärhistorisch Interessierte kommen hier ge- nauso auf ihre Kosten, wie politisch und gesellschaftlich Interessierte. Dass man im Internet auch viele Sei- ten über das Thema findet, die von Leuten gestaltet wurden, die immer noch Preußens Gloria nachtrauern ist klar, doch darf man diese gar nicht beachten. Wer sich also für die Themen interessiert sollte die von mir im Literaturverzeichnis angegebenen Adressen einfach mal anklicken. Doch nicht nur das Internet bietet Infor- mationen, die über die des Schulgeschichtsbuches hinausgehen, sondern auch die Geschichtsbücher, die man seit Jahren im Wohnzimmerschrank hat. So habe ich z.B. interessante Berichte zum Indochinakrieg der Franzosen gefunden. Oft erweisen sich auch die Großeltern als Informationsquelle. Ganz besonders interessant war jedoch der Fund zweier Bücher im Keller der Neustädter Bücherei. Zum Einen das Volksbuch unserer Kolonien, dass einen von den Nazis bearbeiteten Nachdruck des Originals darstellt und zum Anderen ein Buch aus dem Jahre 1907 über den Hereroaufstand in Deutsch-Südwestafrika. Da diese beiden Bücher nicht unparteiisch sind, waren sie als Material für diese Hausarbeit ungeeignet und dennoch vermitteln sie etwas vom damaligen Zeitgeist und der damaligen Stimmung in der Gesellschaft.

Teil der Schlussbetrachtung soll es auch sein eine persönliche Stellungnahme zum Thema abzugeben. Zum damaligen Imperialismus selber kann man ganz klar sagen, dass die Kolonialmächte einst den falschen Weg einschlugen. Ich habe es bereits einmal im Zusammenhang mit den noch heute bestehenden Schutzgebieten gesagt. Hätte man die Völker und Länder damals nicht unterdrückt und ausgebeutet, sondern Entwicklungs- hilfe im modernen Sinne betrieben, wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde. Wahrscheinlich hätten wir dann ein ganz anderes Bild vom Imperialismus. Vielleicht gäbe es dann diese auf einem föderalistischen System basierenden Weltreiche, die sich durch Toleranz und Verbundenheit, durch gegenseitige Hilfe aus- zeichnen würden. Doch will ich hier nicht länger in irgendwelchen Illusionen schwelgen. Die Kolonialmäch- te haben mit ihrer damaligen Kolonialpolitik einen Fehler begangen, der nicht wieder gut zu machen ist und dessen Folgen ich im Kapitel Koloniales Erbe aufgezeigt habe. Deswegen kann man heute eigentlic h nur noch der Frage nachgehen: Kann man die heutigen Probleme der Entwicklungsländer einzig und allein dem Kolonialismus zuschreiben?

Meiner Meinung nach muss man solche Behauptungen mit Vorsicht genießen. Die ehemaligen Kolonien haben sich alle sehr verschieden entwickelt. Da gibt es zum Einen diejenigen, die sich prächtig bis mittelprächtig entwickelten, wie z.B. die Tigerstaaten, aber auch Staaten der islamischen Welt und einige wenige in Schwarzafrika. Auf der anderen Seite stehen dann jene Extrembeispiele Kongo, Angola, Sudan, Zentrala f- rikanische Republik und auch Vietnam.

Wie kommt es zu solchen Gefällen? Ich denke man muss dort von Fall zu Fall unterscheiden. So ist es z.B. in Vietnam in der Tat der Kolonialmacht zu verdanken, dass es dort zur Gründung von zwei konkurrierenden Staaten kam, woraus schließlich der Vietnamkrieg resultierte. Doch wenn man genauer hinsieht kann man die Schuld daran nicht nur Frankreich in die Schuhe schieben, da auch die zwei Machtblöcke in Vietnam gehörig mitmischten.

Wenn man nun auf die schwarzafrikanischen Staaten schaut und wir nehmen wieder stellvertretend das Bei- spiel Kongo, so ist es falsch zu sagen, dass dessen Probleme einzig und allein aus der willkürlichen Grenz- ziehung der Kolonialmacht resultierten. Es stimmt, dass durch die Grenzziehung in dem Staat ein Völkerge- misch entstand, dass sich untereinander nicht verträgt. Doch trägt Belgien wirklich die Schuld daran. Ja, sagen viele, denn sie hätten es versäumt die Intoleranz der verschiedenen Völker untereinander durch ausrei- chende Bildungsmaßnahmen zu beseitigen. Meiner Meinung nach kann man dies jedoch nicht sagen. Was wäre, wenn man die Grenzen einst nicht gezogen hätte. Es wäre ebenfalls zu Konflikten gekommen, da die dortigen Stämme seit Jahrhunderten miteinander rivalisieren. Die Mentalität jener Afrikaner ist eine ganz andere als die der Asiaten oder der Europäer. Früher oder später wären die Völker mit der modernen Welt in Berührung gekommen, mit oder ohne Kolonialismus. Die Machtkämpfe hätten auch ohne Imperialismus stattgefunden. Zur Toleranz kann man Menschen nicht nur erziehen, dazu gehört auch viel Selbsterkenntnis , doch fehlte sie den Menschen damals oft noch. Nun nach so vielen Jahren Bürgerkrieg setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Viele Menschen ergaben und ergeben sich auch heute noch irgendwelchen Diktatoren oder Separatistenführern, die ihnen das Denken abnehmen. Die Schuld an Bürgerkriegen hat ihre Ursache also nicht nur in den Grenzziehungen der Kolonialmächte, son- dern vielmehr in den dortigen Machthabern und Menschen. Der Fehler der Kolonialmächte war allerdings, diese Sorte Menschen, die eigentlich die selben waren, die man bei der Einnahme des Landes im 19. Jahr- hundert angetroffen hatte, in ein neues System hineinzuzwängen, nämlich in das System eines Nationalstaa- tes und sie sich selbst zu überlassen. Die dortigen Menschen sind sich oftmals bis heute nicht bewusst, was es heißt in einer modernen demokratischen Gesellschaft zu leben. Moderne Symbolfiguren der dortigen De- mokratien, wie z.B. Robert Mugabe in Zimbawe, wurden selbst zu Machthabern ohne Skrupel. Nicht überall bringen die Staaten weitere Nelson Mandelas hervor, denen es gelingt die Menschen zu einen und zur Tole- ranz zu erziehen. In den letzten Jahren ist es allerdings in vielen Staaten endlich gelungen Verfassungen zu schaffen und Regierungen zu bilden, die Mehrheiten und Minderheiten gleichermaßen zufrieden stellen. Was den Menschen also vor der Unabhängigkeit gefehlt hätte, wäre ein Kurs in moderner Demokratie gewesen, der zwar ein paar Jahre in Anspruch genommen, sich aber gelohnt hätte, insbesondere für den Frieden in der Welt. Doch waren die damaligen Unabhängigkeitsbestrebungen einfach nicht mehr aufzuhalten - es war schlichtweg der Lauf der Zeit.

Man sieht also wie schwierig es ist, zu sagen, ob man dem Kolonialismus die Schuld an allem in die Schuhe schieben kann. Ich bleibe einfach dabei, dass man dem Imperialismus vieles zuschreiben kann, aber nicht alles. Vieles läuft auf das Konto der Nachfolgeregierungen und auch auf das Konto der Menschen in den ehemaligen Kolonien selber. Es gibt sogar Autoren, die behaupten, die Entwicklungsländer seien durch die ehemaligen Kolonialmächte unterentwickelt worden. Die Industrieländer hätten sich durch ihre Politik der Ausbeutung auf Kosten der Kolonien weiterentwickelt. Das dies zweifelhafte Thesen sind sieht man an der Tatsache, dass der Außenhandel der Kolonien mit den Mutterländern oft verschwindend gering war, wie z.B. im Deutschen Reich. Die meisten Kolonien waren keine Goldgruben, wie das ewige Musterbeispiel Indien, das als Perle im britischen Empire wirklich zum Reichtum Großbritanniens beitrug. Ich denke dass eine solche Diskussion über Schuld und Unschuld des Kolonialismus auch sinnlos ist, da auch hier gilt: Was passiert ist, ist nun mal passiert. Vielmehr sollte man sich Gedanken darum machen, wie sich die ehemaligen Mutterländer in ihren ehemaligen Kolonien engagieren könnten. Dazu gibt es wieder unterschiedliche Positionen. So sind viele Staaten bei der Vergabe ihrer Entwicklungs- hilfe so eingestellt, dass es keine Bevorzugung von Staaten geben soll und somit auch keine Bevorzugung der ehemaligen Kolonien.

Das sich die Bundesrepublik besonders unter der Unionsgeführten Regierung nicht immer an diesen Grund- satz hielt, zeigt das Beispiel Namibia. Das ehemalige DSWA erhielt von der BRD seit seiner Unabhängigkeit 1990 so viel Entwicklungshilfe wie von keinem Staat zuvor. Bei mehreren gegenseitigen Besuchen der Re- gierungen untereinander, wurde immer die enge deutsch-namibische Beziehung gelobt, die vor allem durch die deutsche Minderheit in Namibia resultiert, jene Nachfahren der deutschen Siedler vom Beginn dieses Jahrhunderts.

In letzter Zeit wird diese freundschaftliche Beziehung jedoch belastet. Die Nachfahren jener Herero, die einst durch die deutschen Schutztruppen ermordet wurden, und dies waren immerhin 65.000, fordern zunächst einmal das die BRD den Völkermord offiziell anerkennt. Daneben soll über eine Wiedergutmachung ver- handelt werden. Ich war geradezu erschreckt, dass unsere Bundesrepublik, die immerhin seit 1949 besteht, sich seit dieser Zeit in dieser Frage nicht gerührt hat. Die BRD, die seit Jahrzehnten Millionen an die Überle benden des Holocaust und deren Nachkommen zahlt, die es zwar verdient haben, nun aber wahrlich keine armen Menschen sind. Die BRD, in der im Moment eine meiner Meinung nach groteske und alberne Debatte über die Finanzierung der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern geführt wird. Genau diese Bundesrepu- blik ist seit Jahrzehnten unfähig einen erwiesenen Völkermord anzuerkennen, was zunächst ja keine Kosten verursacht. Es ist einfach nicht zu glauben. Es ist bemerkenswert, dass in einem Land wie Namibia, das von den Deutschen in der Kolonialzeit nun wirklich nicht zuvorkommend behandelt wurde, das deutsche Anden- ken mit einer solchen Freude und Hingabe immer noch gepflegt wird. Dass dies mit einem Zuschlag in der Entwicklungshilfe vergolten wird, ist, so denke ich, angebracht. Das man jedoch in Deutschland nicht in der Lage ist diesen Völkermord anzuerkennen und die vergleichsweise moderaten finanziellen Forderungen der Hereronachkommen nicht zu bezahlen, ist ein erschreckender Missstand, der schnellstens beseitigt werden muss. Ich bin wahrlich kein großer Freund von großen Entschädigungskampagnen und ewigem Gerede von Schuld und Vergessen, doch sollte ein Mindestmaß an Wiedergutmachung sein. Wenn man den Juden Milli- onen zahlt, so sollte man den vergleichsweise moderaten Forderungen der Herero, die oft unter ärmlic hen Verhältnissen leben, nachkommen. Mir ist es schleierhaft, warum die Bundesregierung trotz der guten Be- ziehungen zu Namibia keinerlei Anstalten macht diese „offene Rechnung“ noch zu begleichen. Blicken wir nun einmal auf die Verhältnisse Deutschlands zu seinen restlichen ehemaligen Kolonien. Das Verhältnis zu Togo ist seit 1993 getrübt, da der dortige Demokratisierungsprozess durch das Festhalten des togoischen Präsidenten an der Macht gefährdet ist. Deswegen wurde die deutsche Entwicklungshilfe an Togo drastisch gekürzt, was ich für gutheiße. In der Zeit vor 1993 erhielt Togo ebenfalls überdurchschnitt- lich hohe Summen an Entwicklungshilfe. Offiziell wird die gemeinsame Vergangenheit der beiden Staaten jedoch kaum betont. Doch in Togo besitzt Deutschland ein sehr hohes Ansehen, wie eine kürzlich von mir gesehene Fernsehdokumentation beweist. Viele Togolesen befürworten sogar eine Rückkehr der Deutschen als Kolonialmacht. Ich denke, dass solche Äußerungen auch unseres Dankes bedürfen, der nicht nur in Form von höheren Entwicklungshilfezuschüssen ankommen darf, sondern vielmehr sollte man die gemeinsame Vergangenheit beider Staaten nicht länger verschweigen, sich wieder darauf besinnen und diese als Aus- gangspunkt für einen verstärkten Dialog zwischen beiden Staaten nehmen.

Ähnlich sieht es in Kamerun aus, wo das Andenken an die deutsche Herrschaft ebenfalls mit großer Hingabe gepflegt wird. Auch hier haben innenpolitische Probleme des Landes zur weitestgehenden Einstellung deutscher Zahlungen seit 1990 beigetragen. In den Jahren zuvor war Deutschland jedoch nicht das Hauptgeberland Kameruns und die Entwicklungshilfebeträge hielten sich in Grenzen.

Auch Tansania, das auf dem Gebiet des ehemaligen Deutsch-Ostafrikas liegt, gehört mittlerweile wieder zu einem Hauptempfängerland deutscher Entwicklungshilfe. Hier ist die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit allerdings lange nicht so ausgeprägt wie in den anderen ehemaligen deutschen Kolonien. Seit den 90er Jahren verzichtet man bei offiziellen Anlässen möglichst auf eine Besinnung auf die Vergangenheit Tansanias als Deutsche Kolonie.

Auf dem Gebiet DOAs entstanden neben Tansania auch die Staaten Ruanda und Burundi. In beiden Staaten ist eine Verbundenheit zu Deutschland kaum ausgeprägt. Die deutsche Entwicklungshilfe steht ganz im Zeichen der in beiden Staaten herrschenden Unruhen und Bürgerkriegen. In Ruanda kam es 1994 zu einem grausamen Völkermord der Volksgruppe der Hutus an der Volksgruppe der Tutsis. Nach dem Ende des Krieges in Ruanda begann Deutschland als einer der ersten Staaten mit der Zahlung von Entwicklungshilfe an die neue Regierung Ruandas.

Die Beispiele zeigen bis auf das Namibias alle, dass die Bundesrepublik die koloniale Vergangenheit kaum beachtet und dass sich keine einheitliche Politik gegenüber den Nachfolgestaaten ihrer Kolonien feststellen lässt. Die BRD vergibt die Entwicklungshilfe nach den allgemein üblichen Richtlinien, d.h. sie beachtet z.B. ob in den Staaten die Menschenrechte geachtet werden.

Ich stimme der bundesdeutschen Politik insofern zu, dass sie die ehemaligen Kolonien in der Entwicklungs- hilfe nicht bevorzugt, aber die Tatsache, dass man die gemeinsame Vergangenheit totschweigt sehe ich als etwas sehr negatives an. Dadurch werden die Bemühungen der dortigen Bevölkerung, das Andenken an die Deutschen zu wahren, mit Füßen getreten. Dass sie trotz der oft ungerechten Behandlung durch die deut- schen Kolonialherren, heute beispielsweise immer noch die Flaggen zu Paraden schwenken, die zu Ehren der Deutschen stattfinden, ist, so finde ich, enorm. Ich denke, dass eine Besinnung auf die gemeinsame Vergan- genheit eine ganz andere Bindung zu den Staaten herstellt. Gerade im Zeitalter des Ausländerhasses, hat es, so denke ich, eine große symbolische Wirkung, wenn man die Bindung Deutschla nds an seine Kolonien effektvoll in Szene setzen würde. Man würde neue Akzente in der Völkerverständigung setzen und könnte diese z.B. durch Austauschprogramme noch weiter ausbauen. Dabei spiele ich nicht nur auf Schüler an, son- dern auch auf Vereine und Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, ja sogar unsere Bundeswehr. Man könnte gemeinsame Militärübungen abhalten. Eine mögliche Truppenübung in Afrika wäre sehr vorteilhaft, um die Bundeswehr auf ihre zukünftigen internationalen Aufgaben vorzubereiten. Daneben könnte man Bundes- wehrsoldaten und Zivildienstleistende zur Entwicklungshilfe einsetzen, aber auch die Insassen deutscher Gefängnisse, denen eine Tätigkeit im Sinne der Entwicklungshilfe mit Sicherheit nicht schaden würde. So würden die Beziehungen Deutschlands zu seinen Kolonien wieder aufgefrischt. Die heutige Entwic k- lungshilfe ist in gewisser Weise „herzlos“. Der Staat und seine Entwicklungshelfer erfahren eine Bindung zu den anderen Völkern, nicht aber die einfache deutsche Bevölkerung. Durch eine stärkere Bindung Deutsch- lands an seine ehemaligen Kolonien könnte man eine andere Art der Entwicklungshilfe betreiben, nämlich die, sich gegenseitig Vertrauen zu schaffen. Die Deutschen könnten beispielsweise durch Austauschpro- gramme dafür sorgen, dass die Demokratie und Toleranz sowohl hier als auch dort gestärkt würden. Gleic h- zeitig würde man die Positionen der Afrikaner besser verstehen. In solche Überlegungen müssen auch die ehemaligen deutschen Kolonien im Pazifik miteinbezogen werden, die wahre Ferienparadiese sind. Alles in allem ist eine verstärkte, nicht nur finanzielle Bindung des ehemaligen Mutterlandes Deutschland an seine ehemaligen Kolonien, eine gute Sache, die nichts schaden würde.

4. Literaturverzeichnis

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Christian Zentner: „Deutschland 1870 bis heute“ München 1970

Tyler Whittle: „Kaiser Wilhelm II. - Biographie“ München 1979

Verlag C.C. Buchner (Hrsg.): „Von der französischen Revolution bis zum Nationalsozialismus“ (aus

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Verlag C.C. Buchner (Hrsg.): „Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart“ (aus der Reihe „Buch-

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F. Bahr, A. Banzhaf, V. Gölz, L. Rumpf (Hrsg.): „Grundkurse Geschichte“ Darmstadt 1984

Claus D. Grupp: „Welt im Wandel - Brauchen Entwicklungsländer unsere Hilfe?“ Köln 1992

Uwe K. Paschke (Hrsg.): „Enzyklopädie der Weltgeschichte - Von der Entdeckung der Welt bis zur

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Bodo Harenberg (Hrsg.): „Chronik der Menschheit“ Dortmund 1984

Graham Bateman und Victoria Egan (Hrsg.): „Illustriertes Länderlexikon“ Augsburg 1997

Oberhessische Presse vom 05.10.00

Manfred Pawla k (Hrsg.): „Illustrierte Weltgeschichte von 1945 bis heute“ Hamburg 1979

Verwendete Webseiten (alle Angaben beziehen sich auf den 15.08.2000/bei den ersten beiden Links

habe ich zu späteren Zeitpunkten noch mal nachgeschlagen):

www.traditionsverband.de

www.deutsche_schutzgebiete.de

www.geocities.com/Broadway/Stage/4598/bismarck.htm

www.hausarbeiten.de/cgi-bin/superDBinters.pl/archiv/politologie/pol-kolonienafrika.shtml

www.dhm.de/lemo/objekte/statistik/kolonie2/

www.krref.krefeld.schulen.net/referate/geschichte/r0464t00.htm

www.hausarbeiten.de/cgi-bin/superDBinters.pl/geschichte/gesch-imperialismus1.shtml

www.dhm.de/lemo/html/weimar/wegbereiter/alldeutsch/index.html

www.hausarbeiten.de/cgi-bin/superDBinters.pl/archiv/geschichte/gesch-1880-1914.shtml

Details

Seiten
47
Jahr
2000
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100280
Institution / Hochschule
Real Centro Universitario Maria Cristina
Note
12 Pkte
Schlagworte
Imperialismus Dekolonisation Erbe

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Titel: Imperialismus, Dekolonisation und koloniales Erbe