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Die Goebbels-Tagebücher

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 19 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsübersicht:

1.0 Einleitung, Problemstellung und Ziel der Arbeit

2.0 Die Edition
2.1 Joseph Goebbels und sein Tagebuch
2.2 Die Tagebücher - Entdeckung, Veröffentlichung
2.3 Probleme der Edition

3.0 Die Tagebücher als Quelle
3.1 Zur historisch-biographischen Bedeutsamkeit
3.2 Erkenntnisse über das Dritte Reich

4.0 Zusammenfassung

II Literaturverzeichnis

III Ergänzende Literatur

IV Abkürzungsverzeichnis

1.0 Einleitung

Nur drei der führenden Männer des Dritten Reiches haben mehr oder weniger regelmäßig ein Tagebuch geführt: Zum einen Franz Halder, von 1938 bis 1942 Chef des Generalstabes des Heeres, dann Hans Frank, der Generalgouverneur vom besetzten Polen, und Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, auch Gauleiter von Berlin. Halders und Franks Tagebücher sind bereits zur Zeit der Nürnberger Prozesse zugänglich gewesen, bei den Tagebüchern von Goebbels verhielt es sich anders. Sie sind zum großen Teil 1945 von der Roten Armee in Berlin entdeckt und in das Staatliche Geheimarchiv der Sowjetunion geschafft worden, wo letzte Fragmente erst 1992 entdeckt wurden. Während der Jahrzehnte der Suche und Aufarbeitung der Goebbels- Tagebücher stießen die Historiker immer wieder auf unwissenschaftliche Haltungen und Geheimhaltung, welche die Arbeit ungeheuer erschwerten.

Der Verfasser versucht in dieser Arbeit, die Geschichte um den Verbleib und die Veröffentlichung mit all ihren Problemen aufzuzeigen, bis letztendlich eine Gesamtedition der Goebbels- Tagebücher möglich wurde. In einem zweiten Schritt soll auf die historische Bedeutsamkeit der Tagebücher als Quelle eingegangen werden.

Abschließend wird ein Ergebnis formuliert.

2.0 Die Edition

Die Edition, welche den gesamten Umfang von Joseph Goebbels abdeckt, wird von Elke Fröhlich seit 1987 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Bundesarchiv herausgegeben. Sie umfaßt mit den letzten, 1998 herausgegeben Werken, insgesamt 15 Bände.

Ferner wurde vom Piper-Verlag eine Kurzausgabe der Tagebücher in 5 Bänden herausgegeben, welche sich mittlerweile in der zweiten Auflage befindet1.

Mit dem Begriff „Edition“ ist die Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte gemeint.

2.1 Joseph Goebbels und sein Tagebuch

Nach Elke Fröhlich war das Tagebuchschreiben anfangs für Goebbels ein „Beichtstuhlersatz“2. Dafür sprechen Stellen aus seinem Tagebuch wie auch seine religiöse Anhänglichkeit. Später erhielt das Tagebuch die Funktion einer „Selbstabsolution“, um sich von den Ereignisse des vergangenen Tages zu lösen und um Kraft zu schöpfen für den kommenden3.

Ferner sah sich Goebbels als „der“ Chronist des Dritten Reiches und die Absicht, die Tagebücher für die Nachwelt zu führen, stand immer mehr im Vordergrund4.

Joseph Goebbels führte Tagebuch in den Jahren 1923 bis 1945. Die erste Kladde, beginnend im Herbst des Jahres 1923, endend Ende Juni 1924, hat wenig von einem Tagebuch. Er hält hier im Telegrammstil seine vergangenen Jahre fest. Die zweite Kladde endet am 9. Juni 1925. Darauf folgt das sogenannte Elberfelder Tagebuch, welches den Zeitraum vom 12. August 1925 bis zum 30. Oktober 1926 abdeckt, und Goebbels Zeit als Redakteur und Gaugeschäftsführer der wiedergegründeten NSDAP in Elberfeld beschreibt5. Mit Ausnahme der direkt folgenden (8. November 1926 bis zum 1. Juli 1928) umfassen die weiteren drei Kladden jeweils ein Jahr.

Ab 1932 führt Goebbels neben dem „Tagebuch für zu Hause“ das Tagebuch für Ferien und Reise an, am 6. April 1935 ein „Tagebuch Schwanenwerder“ und im Oktober desselben Jahres das Tagebuch „Haus am Bogensee“. Diese systematische Trennung geriet jedoch durcheinander.

Die Frequenz, mit der Goebbels seine Tagebucheintragungen vornahm, steigerte sich im Laufe der Jahre. Während sich vor dem Krieg lediglich zehn bis fünfzehn Eintragungen je Monat finden, sind es seit Kriegsbeginn tägliche Eintragungen. In den handschriftlichen Kladden, die bis Juli 1941 geführt werden, umfaßt der Umfang einer Tagebucheintragung eines Tages ein bis zwei Seiten DIN A5, oft nur eine dreiviertel oder halbe Seite, erst ab 1939 mehrere Seiten6.

Vom Juli 1941 an änderte sich der Charakter seiner Eintragungen, welche von da an mit dem militärischen Lagebericht begannen. Anschließend folgte der eigentliche Tagebucheintrag, den Goebbels diktierte, und maschinenschriftlich (in zwei Ausfertigungen) festgehalten wurden7.

Zum Jahreswechsel 1944/45 existierte das Tagebuch in drei Fassungen: Zunächst die 22 Kladden (Wachstuch)8 des handgeschriebenen Tagebuchs, mit je 6.000 bis 7.000 Seiten im Format DIN A5, welche bis zu diesem Zeitpunkt in der Reichsbank eingelagert waren, sowie die Erst- und Zweitschrift des maschinengeschriebenen Tagebuchs, welche in 100 Leitz-Ordnern mit je 500 Blatt im Ministerium aufbewahrt wurden9.

Ende 1944 erkannte Goebbels die Gefahr, die sich durch die herannahende Front ergab, und entschloß sich, Maßnahmen zur Sicherung seiner Tagebücher zu ergreifen.

Im November wandte sich Goebbels an einen Spezialisten des neuen Verfahren der Mikrofichierung, Dr. Joseph Goebel. Mit Hilfe einer Goebel-Planfilm-Kamera wurden sämtliche Tagebücher (auch die handschriftlichen)10 auf 1.600 Glasplatten kopiert11, welche nach dem Krieg als verschollen galten und die im Mai 1992 von Elke Fröhlich im Staatlichen Geheimarchiv der Russischen Föderation entdeckt wurden12.

Große Teile der im Ministerium verbliebenen Zweitschriften wie auch große Teile der Erstschriften im „Führerbunker“ sind 1945 der Roten Armee in die Hände gefallen. Diese erkannte die Parallelisierung der Aufzeichnungen nicht im vollem Ausmaße und ließ Teile der Tagebücher, da sie sie für Kopien hielt, in Berlin zurück. Der Rest wurde auf Mikrofilmbänder schlechter Qualität überspielt13.

2.2 Die Tagebücher - Entdeckung und Veröffentlichung

Erste Fragmente der Tagebücher von Joseph Goebbels tauchten bereits im November 1945 auf: Ein amerikanischer Offizier (W. Montenegro) entdeckte in der Nähe des ehemaligen Führerbunker das sogenannte Elberfelder Tagebuch Joseph Goebbels aus den Jahren 1925/2614, welches 1947 das Hoover-Institut in Stanford erhielt15. Der Umfang des Fundes betrug 7000 Seiten.

Ein weiterer Fund aus dieser Zeit bilden die 591 maschinengeschriebenen Seiten, die der US-Offizier Eric C. Mohr fand, welche dieser der amerikanischen Regierung überließ16. Dieses Fragment wurden 1948 von dem amerikanischen Deutschlandkorrespondent Louis P. Lochner im Doubleday-Verlag17 veröffentlicht18.

Eine Berlinerin namens Else Goldschwamm hatte nach Kriegsende während Aufräumarbeiten in einer Aluminiumkiste 500 Blatt (maschinengeschrieben) der Tagebücher aus den Jahren 1942 bis 1944 (23.9.-30.9.1942, 15.2.-23.2.1943, 23.6.1943)19 entdeckt, welche sie 1961 dem IfZ übergab20.

1963 gab das IfZ das Elberfelder Tagebuch aus den Jahren 1925/26 heraus.

Im Jahre 1969 erhielt die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein Geschenk aus der Sowjetunion: Es handelte sich hierbei um Mikrofilmrollen, die 4.000 hand- und 16.000 maschinengeschriebene Seiten der Tagebücher enthielten, was einem Drittel des Gesamtbestandes entsprach. Die Regierung der DDR hielt den Fund geheim. Sie veranlaßte eine Durchsuchung der Trümmer der Reichskanzlei und fand neun Aluminiumkisten mit Goebbels-Werken, wovon eine handgeschriebene Kladde und die anderen 20.000 maschinengeschriebenen Seiten mit Tagebucheintragungen von 1941 bis 1945 enthielten. Dieser Fund, der ebenfalls geheimgehalten wurde, wies erhebliche Zerstörungen auf21.

Anstatt den Fund wissenschaftlich auszuwerten und der historischen Forschung zugänglich zu machen, entschloß sich die DDR-Führung, aus diesem Kapital zu erwirtschaften. Sie beauftragte 1972 den bayerischen Journalisten Erwin Fischer (lebt heute in Hamburg)22 als Mittelsmann, Kopien der im DDR-Besitz befindlichen Fragmente des Tagebuchs im Westen zu verkaufen. Auch entsprach es dem Selbstverständnis der DDR, den nationalsozialistischen Teil deutscher Geschichte dem „imperialistischen und faschistischen“ Westen zur Aufarbeitung zu überlassen23. Fischer bot unter Vorspiegelung falscher Tatsachen diese Kopien mehreren westdeutschen Verlagen an.24. Der Hamburger Verlag Hoffman und Campe kaufte25 und stellte seinen „Fund“ 1973 auf der Frankfurt Buchmesse aus26. Da sich Fischer als verfügungsberechtigter Herausgeber darstellte27, mußte dies rechtliche Verwicklungen vorprogrammieren.

Es meldete sich der Nachlaßverwalter von Goebbels (durch Beschluß des Oberlandesgerichts Köln), der Schweizer Privatbankier Francois Genoud28 aus Lausanne, welcher bereits 1960 Veröffentlichungen von Goebbels-Schriften nur gegen finanzielle Leistungen und anderer Auflagen gestattete29. Genoud erhielt vom Hoffmann und Campe Verlag erhebliche Zahlungen sowie das Nachwort in der 1977 herausgegeben Teiledition des Jahres 194530. Diese Edition gestaltete sich äußerst schwierig, da neben den rechtlichen der Verlag andere Schwierigkeiten bekam31, wie die Transkription der schwer leserlichen Handschrift Goebbels. Die Hoffnung auf einen finanziellen Gewinn durch diese Edition erfüllte sich nicht.

1982 brachte der Londoner Verlag Hamish Hamilton ein Raubdruck der Tagebücher heraus, der sich aus Teilen der Jahre 1939 bis 1941 zusammensetzte. Der Verlag besaß lediglich die Hälfte des Materials aus besagtem Zeitraum und kaschierte seine Lücken durch unwissenschaftliche Mittel. Ferner weißt diese Publikation falsche Daten und Entzifferungsfehler auf32.

Der Verlag Hoffmann und Campe überließ 1980 das Material gegen Refinanzierung der für Transkriptionen geleisteten Aufwendungen (72.997 DM)33 und der Maßgabe wissenschaftlicher Zugänglichkeit34 dem Bundesarchiv und dem Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ), letzteres erhielt eine vollständige Kopie35. Erheblichen Anteil an der Überlassung hatte der Leiter des IfZ, Martin Broszat36.

Beide Einrichtungen verständigten sich auf eine gleiche Aufstellung und Signierung aller Fragmente dieses Materials. Ferner sollte eine wissenschaftliche Gesamtedition unter möglicher Einbeziehung weiteren Materials erstellt werden37, da man von der Existenz weiterer Fragmente in Ost-Berlin erfuhr.

Nach der Überlassung klagte Herr Genoud vor dem Landgericht München gegen das Bundesarchiv als auch gegen das IfZ wegen angeblicher Verletzung seiner Nutzungsrechte der Goebbels- Hinterlassenschaft. Obwohl beide Institutionen von der Rechtmäßigkeit des Erwerbs des Materials vom Verlag Hoffmann und Campe überzeugt waren, scheuten diese doch einen andauernden und belastenden Prozeß, der die Edition verzögern könnte. Beide schlossen mit Herrn Genoud am 10. September 1985 einen Vergleich, der diesen nicht ausdrücklich begünstigte38.

Die Aussicht auf einen rechtlichen Erfolg Genoud ist dadurch fraglich, als daß Joseph Goebbels zu Lebzeiten das Verwertungsrecht dem Zentralverlag der NSDAP (Eher-Verlag) überlassen hatte39.

Im Herbst 1987 schloß das IfZ mit der Staatlichen Archivverwaltung der DDR einen Vertrag, Im Mai 1988 sperrte das Innenministerium der DDR dem IfZ den weiteren Zugang zu dem Material (maschinengeschriebene Tagebücher vom Juli 1941 bis April 1945) in Ost-Berlin zu verwehren. Diese verordnete Zugangssperre blieb offiziell unbegründet, es läßt sich vermutet, daß sie auf Äußerungen Erwin Fischers zurückgeht, der dem IfZ vorwarf, mit dem „Faschisten“ Genoud gemeinsame Sache gemacht zu haben40. Politiker befaßten sich nun mit dem Vergleich zwischen dem IfZ/Bundesarchiv und Francois Genoud.

Fischer, der sich seinen Anteil nach jahrelangen Prozessen vom Hoffmann und Campe Verlag erstritten hatte, tat sich mit einem der vier Leiter des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften an der Freien Universität (FU) Berlin zusammen, um eine Gegenedition zu veröffentlichen41. Es folgte ein starkes öffentliches Gefecht zwischen der FU und dem IfZ und Bundesarchiv, wobei Pressestimmen auftauchten, die eine Beteiligung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vermuten ließen42.

Nach dem Fall der Mauer wurden im Archiv des MfS Goebbels- Tagebücher des Jahres 1944 wie auch Teile aus anderen Jahren gefunden. Dadurch wird deutlich, daß die geplante Gegenedition Sösemanns und Fischers vom MfS unterstützt wurde, um die westdeutschen Institutionen IfZ und Bundesarchiv zu diskreditieren43.

Im Jahre 1992 veröffentlichten die Sunday Times und Der Spiegel bislang unbekannte Goebbels-Tagebücher, welche ihnen der englische Historiker David Irving zukommen ließ, wie auch dem Bundesarchiv. Dabei handelte es sich um Auszüge der verlorenen geglaubten 1.600 Glasplatten-Mikrofiches (ca. 75.000 maschinengeschriebene Seiten), welche Elke Fröhlich zuvor im Mai 1992 im Staatlichen Geheimarchiv der Russischen Föderation entdeckt hatte44. Irving war der erste Mensch, der die Versiegelungen an den seit 1945 verschlossenen Kisten öffnete. Die Sowjets wußten mit dem Fund nicht viel anzufangen, auch war das Archiv lediglich für Einlagerung, nicht aber für Sichtung des Materials ausgestattet45. Irving entdeckte dabei Goebbels erstes, bisher unbekanntes Tagebuch aus dem Jahre 1923, ferner die Aufzeichnungen vom Röhmputsch 1934, von der „Reichskristallnacht“ 1938, zu den Monaten vor Kriegsausbruch 1939 und anderen wichtigen Ereignissen46. Anzumerken ist, daß beide Zeitungen den Namen Irvings, dem Mann, dem sie die „Story“ zu verdanken hatten, nicht nannten.

Es gelang dem IfZ mit der russischen Regierung einen Vertrag über die wissenschaftliche Nutzung des russischen Archivs abzuschließen, der zudem die Gegenedition Sösemanns verhinderte, da Moskau zusicherte, niemandem sonst Kopien in vollem Umfang zur Verfügung zu stellen. Damit war der Weg zu einer einzigartigen Gesamtedition endgültig geebnet und das Werk konnte bis 1998 vollendet werden.

2.3 Probleme der Edition

Die Bearbeitung der Edition erwies sich für die Herausgeber als ausgesprochen schwierig.

Die Überprüfung der inhaltlichen Authentizität erfolgte durch das Befragen von Personen aus dem Lebensumfeld von Joseph Goebbels in bezug auf Informationen, die nur wenigen Personen bekannt sein konnten. Diese deckten sich mit den Ausführungen in den Tagebüchern, besonders im Falle der Befragung einer ehemaligen Geliebten Goebbels, Lida Baarova47.

Die Prüfung der äußeren Authentizität48 bereitete keine Probleme. Die großen Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt, waren zum einen die Transkription der handschriftlichen Tagebuchaufzeichnungen.

Joseph Goebbels verfügte über eine kaum leserliche Handschrift49, und die Ähnlichkeit vieler Buchstaben warf erhebliche Probleme auf. Ferner bestand die Gefahr eine sujektiven Transkription, d.h. auf einer historischen Befangenheit beruhenden Interpretation unleserlicher Stellen50.

Als weiteres Problem erwies sich die Chronologisierung. Die vielen Fragmente waren von den Russen durcheinandergebracht worden und mußten erst durch inhaltliche Aneinanderreihung wieder geordnet werden51. Dazu kamen erhebliche Zerstörungen des Materials wie auch bereits erwähnte mindere Qualität der Mikrofilme.

3.0 Die Tagebücher als Quelle

Nachfolgend wird nun der historische Wert der Goebbels- Tagebücher untersucht, einmal in Hinsicht auf die biographische Bedeutsamkeit die Person Joseph Goebbels betreffend, wie auch auf weitere Erkenntnisse über das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg. Auch unter dem Forschungsaspekt der Partei- und Staatspolitik bieten die Tagebücher viel Material, welcher jedoch aufgrund der Länge in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden kann.

Dabei sollen nur einige wichtige Ergebnisse festgehalten werden.

3.1 Zur historisch-biographischen Bedeutsamkeit

Die biographische Forschung zieht am meisten aus den Tagebüchern. Hier werden die wenigen neuen Punkte erkennbar. Ein Beispiel hierfür ist Goebbels Sympathie für Rußland und seinen Bolschewismus 192452. Goebbels bekennt sich ausdrücklich zum „staatlichen Sozialismus“53.

Auch die Frage nach dem Ursprung von Goebbels Judenhaß wird neu beleuchtet: Einige Forscher gingen bisher von dem Schlüsselerlebnis aus, daß zwischen dem jüdischen Professor Gundolf und Goebbels Probleme mit dessen Dissertation bestanden54, aus welchem sich der Judenhaß entwickelte. Durch die Auswertung der Tagebücher kommt der Historiker Oven zu einem anderen Ergebnis, da Goebbels seine Begegnung mit Gundolf nicht beurteilt55.

Auch das Rätseln um die Frage der Angeborenheit von Goebbels Klumpfuß wird in den Tagebüchern etwas entwirrt: Er spricht von ein „alten Fußleiden“ während seiner Kindheit56.

In den Tagebüchern der frühen Jahre läßt sich eine gewisse Selbstkritik erkennen, was zum Beispiel seine Werke nach dem 1. Weltkrieg betrifft57. Diese Selbstkritik verliert sich mit der Zeit58, besonders nach Kriegsbeginn, als Goebbels sich als „Chronisten“ erkennt.

Als wichtigstes Ergebnis der Auswertung der Tagebücher ist die Art von Goebbels Verhältnis zu Hitler. Hier wird eine geistige Abhängigkeit mehr als deutlich. Die blinde Vertrautheit auf den „Führer“ kann auch nicht durch gelegentlich versuchte Einmischung in die Politik im späteren Verlauf des Krieges ausgeräumt werden. Diese Hörigkeit, die bis in das Intimleben reicht, wird durch die Tatsache deutlich, daß Goebbels erst durch Zureden Hitlers bereits war, seine Ehe normal weiterzuführen.

3.2 Erkenntnisse über das Dritte Reich

Unter diesem Gesichtspunkt kommen nicht sehr viele neue Ergebnisse zu Tage. Vielmehr bestätigen die Ausführungen Goebbels die Forschungen einiger Wissenschaftler in bezug auf bestimmte Fragen.

Zum einen ist der Reichstagsbrand vom 27. Februar 193359 zu nennen:

In seinem Tagebuch hält Goebbels am 9. April 1941 eine Unterredung mit Hitler fest. Der Inhalt handelt von Verschwörungen. Beide fragen sich nach den Hintermännern des Reichstagsbrandes. Dadurch wird aufgezeigt, daß die Nationalsozialisten nicht hinter dem Brand gesteckt haben.

Weiter zu nennen ist der Flug von Rudolf Heß am 10. Mai 194160 nach England. Goebbels drückt Hitlers Unwissenheit über die Absicht von Heß aus61.

Interessant ist es auch herauszustellen, daß Goebbels offenbar nicht von Hitler über dessen Pläne zum Angriff auf die Sowjetunion informiert worden war, oder dieses in seinen Tagebüchern verschweigt. Auf das Thema kommt Goebbels erst am 23.4.1941 zu sprechen62.

Goebbels sieht in der Sowjetunion eine strategische Gefahr für Deutschland und Europa und erachtet einen präventiven Angriff für notwendig.

4.0 Zusammenfassung

Die Geschichte der Edition ist für viele Historiker ebenso interessant wie der Inhalt. Zuletzt sind alle Fragmente gefunden worden, und eine auf ihnen basierende Goebbels-Biographie wurde zuletzt von David Irving herausgebracht.

Eberhard Jäckel bedauert die Verspätung der Veröffentlichung, deren Schuld er eindeutig der Sowjetunion wie auch der DDRFührung anlastet63.

Einige Forscher kommen unter Verwendung der Edition zu vorerst endgültigen Schlüssen über die Person Goebbels. Elke Fröhlich kommt zu dem Schluß, daß Joseph Goebbels Charakter als Propagandist auch als Tagebuchautor bestehen bleibt64.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß durch die Edition viele biographische Fragen gelöst und neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten.

Eine Inkompetenz Goebbels, wie sie Heiber darstellt, ist nicht zu erkennen.

Riess und Reuth stellen Goebbels mit missionarischem und fanatischem Charakter dar, und erkennen auch die Hörigkeit, die Goebbels in seinem Verhältnis zu Hitler anlastet. Jäckel spricht von „hitlerzentrisch“65.

Eine ähnliches Merkmal Goebbels ist sein religiöser Wahn, der sich in politischen Überzeugungen ausdrückt.

Goebbels erweist sich als Kämpfer mit „Ellenbogen“, der keine Konkurrenz duldet. Sein Narzißmus, welcher auch sein Sendungsbewußtsein in bezug auf die Tagebücher nährt, ist kennzeichnend.

Abschließend ist festzuhalten, daß die Goebbels-Tagebücher in ihrer Gesamtedition, trotz ihrer Verspätung, eine der wichtigsten deutschen Quellen des Dritten Reiches darstellen.

II. Literaturverzeichnis:

Broszat, Martin: Zur Edition der Goebbels-Tagebücher, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 37. Jahrgang, München 1989, S. 156 bis 162.

Fröhlich, Elke (Hrsg.): Tagebücher von Joseph Goebbels, Sämtliche Fragmente, Band 1 bis 15, London, München, New York, Paris, 1987-1998. (zietiert als: Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels)

Fröhlich, Elke: Joseph Goebbels und sein Tagebuch, Zu den handschriftlichen Aufzeichnungen von 1924 bis 1941, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 35. Jahrgang, München 1987, S. 489 bis 522. (zitiert als: Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch)

Heiber, Helmut: Joseph Goebbels, Berlin 1962.

Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich (=> Bleicken, Jochen; Gall, Lothar; Jakobs, Hermann (Hrsg.): Oldenbourg - Grundriß der Geschichte, Band 17), 5. Aufl. München 1995.

Irving, David: Goebbels, Macht und Magie, Kiel 1997.

Jäckel, Eberhard: Die Tagebücher von Jospeh Goebbels, in: Historische Zeitschrift, Band 248, Jahrgang 1989, S. 637 bis 648.

Oven, Wilfried von: Wer war Goebbels ? Biographie aus der Nähe, München 1987.

Reuth, Ralf Georg: Joseph Goebbels Tagebücher, Band 1 bis 5, 2. Aufl. München, Zürich, 1999.

III. Ergänzende Literatur:

Fröhlich, Elke: Hitler und Goebbels im Krisenjahr 1944, Aus den Tagebüchern des Reichspropagandaministers, in: Bracher, Karl Dietrich; Schwarz, Hans-Peter: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 38. Jahrgang, München 1990, S. 195 bis 224.

Nolte, Ernst: Streitpunkte: Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus, Berlin, Frankfurt/M. 1993.

Riess, Curt: Goebbels, Dämon der Macht, München 1989.

Sösemann, Ernst: „Ein tiefer geschichtlicher Sinn aus dem Wahnsinn“, Die Goebbels-Tagebuchaufzeichnungen als Quelle für das Verständnis des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und seiner Propaganda, in: Nipperdey, Thomas; Döring-Manteuffel, Anselm, Thamer, Hans-Ulrich (Hrsg.): Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte, Festschrift zum 70. Geburtstag, Berlin, Frankfurt/M. 1993.

IV. Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Reuth, Ralf Georg: Jospeh Goebbels Tagebücher, Band 1 bis 5, 2. Aufl. München, Zürich 1999.

2 Fröhlich, Elke: Joseph Goebbels und sein Tagebuch, Zu den handschriftlichen Aufzeichnungen von 1924 bis 1941, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 35. Jahrgang, München 1987, S. 489 bis 522, S. 494.

3 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, Zu den handschriftlichen Aufzeichnungen von 1924 bis 1941, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 35. Jahrgang, München 1987, S. 489 bis 522, S. 495.

4 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 495f.

5 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XI.

6 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. VII.

7 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LIX.

8 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. VII.

9 Jäckel, Eberhard: Die Tagebücher von Jospeh Goebbels, in: Historische Zeitschrift, Band 248, Jahrgang 1989, S. 637 bis 648, S. 638.

10 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 499.

11 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LIXff.

12 Irving, David: Goebbels, Macht und Magie, Kiel 1997, S. 5.

13 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXXXIV.

14 Reuth, Ralf Georg: Joseph Goebbels Tagebücher, Band 1 bis 5, 2. Aufl. München, Zürich, 1999. Band 1, S. 9.

15 Jäckel, S. 639.

16 Reuth, Band 1, S. 9.

17 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXIV.

18 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. Xf.

19 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXIII.

20 Jäckel, S. 639 und Reuth, Band 1, S. 9.

21 Jäckel, S. 640.

22 Broszat, Martin: Zur Edition der Goebbels-Tagebücher, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 37. Jahrgang, München 1989, S. 156 bis 162, S. 156.

23 Reuth, Band 1, S. 11.

24 Jäckel, S. 640f.

25 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXI.

26 Broszat, S. 156.

27 Broszat, S. 157.

28 Genoud verwaltet ebenfalls die Nachlässe von Martin Bormann und anderer NS-Führer, Broszat S. 157.

29 Jäckel, S. 641.

30 Broszat, S. 157.

31 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXXI.

32 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 489 und Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XIII.

33 Reuth, Band 1, S. 13.

34 Broszat, S. 156.

35 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXXI.

36 Jäckel, S. 641.

37 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXXI.

38 Broszat, S. 159.

39 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XV.

40 Broszat, S. 158.

41 Reuth, Band 1, S. 16.

42 Reuth, Band 1, S. 17.

43 Reuth, Band 1, S. 18.

44 Reuth, Band 1, S. 18.

45 Irving, S. 5.

46 Irving, S. 5.

47 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XXV.

48 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XXIVf.

49 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XXX.

50 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XV

51 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. LXXX.

52 Jäckel, S. 644.

53 Reuth, Band 1, S. 95ff.

54 Heiber, Helmut: Joseph Goebbels, Berlin 1962, S. 31.

55 Oven, Wilfried von: Wer war Joseph Goebbels ? Biographie aus der Nähe, München 1987, S. 53.

56 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 491.

57 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 492.

58 Fröhlich, Tagebücher von Joseph Goebbels, S. XCV.

59 Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich (=> Oldenbourg - Grundriß der Geschichte, Band 17), 5. Aufl. München 1995, S. 300.

60 Hildebrand, S. 305.

61 Jäckel, S. 644.

62 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. 520.

63 Jäckel, S. 644.

64 Fröhlich, Joseph Goebbels und sein Tagebuch, S. XVII.

65 Jäckel, S. 647.

Details

Seiten
19
Jahr
1999
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v100217
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2
Schlagworte
Goebbels-Tagebücher

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Titel: Die Goebbels-Tagebücher